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Das Leben der Urwelt

Wilhelm Bölsche: Das Leben der Urwelt - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
authorWilhelm Bölsche
titleDas Leben der Urwelt
publisherGeorg Dollheimer in Leipzig
printrun1. bis 10. Auflage (1. bis 100. Tausend)
illustratorHugo Wolff-Maage
year1931
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Begeben wir uns aber erneut wieder auf die geologische Wanderschaft.

Von der schönen Schwäbischen Alb dem Jurameer selber nach, wie es damals allmählich immer tiefer und tiefer ins Herz des deutschen Landes hinein blaute.

Bis es endlich irgendwie in einer Wende wieder der Zeit, nahe zum Ende seiner Epoche, sich im heutigen Mittelfrankenlande, wo jetzt die Altmühl gegen die Donau in romantischem Burgentale biegt – einer Landschaft, die jedem Naturfreunde lieb – abermals wie einst in den Tagen von Holzmaden vor weiter flacher Küste aufstaute.

Seltsamste Weltenlage.

Wir sind an einer Korallenküste wie heute am australischen Festlandstrand. Auch hier schließt gegen den Ozean ein Randriff, hinter dem sich bis zum wirklichen Lande ungeheure blendend weiße Flächen eines vom Meer schon verlassenen Lagunengebiets wattartig dehnen. Warme Tropenluft zittert über allem – da drüben auf der Küste stehen auch hier Araukarie und Farnpalme – es ist schon immer noch ein ferner, ferner Schöpfungstag.

Ganz besondere Verhältnisse aber herrschen in dieser Lagune, keine märchenhaften, sondern auch nur ganz natürliche, aber doch sehr merkwürdige, selbst in der Urwelt wohl einzigartige.

Feiner trockener Kalkstaub bedeckt für gewöhnlich die Lagunenweite mit seinem einheitlichen Weiß, durch die niedrige Barriere des Riffs gesondert vom Meeresblau, das draußen seine Wellen im Licht der gleichen Sonne blitzen läßt.

Aber ab und zu, wenn dieses Meer als bewegliches, unruhiges Element aus irgendeinem Grunde etwas stärker aufbegehrt, überschreitet es die Trennungsmarke, treibt seine Wasser flach und flüchtig auch noch einmal in die trockene Lagune selbst hinein zu einer vorübergehenden dünnen, fast unmittelbar wieder abtrocknenden Überschwemmung. Mit der einschwappenden Welle aber kommt allerlei schwimmendes Hochseegetier zugleich mit, und das findet auf der bloß lose durchnäßten Fläche jetzt ein ungemütliches Los.

Keine Giftfalle wie in Holzmaden ist hier in diesem Glast von buntem Korallenzauber und Tropenlicht. Doch in der Berührung mit dem Meerwasser ist eine oberste Schicht des dürren Korallenkalkstaubes mit eingeweicht, aufgelöst, in gipsartigen Brei verwandelt worden. Und die mitgegangenen Tiere kleben ein in diesem Brei – darüber verschwindet das Wasser selbst schon wieder im Sonnenbrande, und sie liegen offen als noch nicht verweste Leichen, von der prallen Glut selber noch ein Weilchen geradezu gedörrt, gehärtet und so gehalten. Über diesem Nochgehaltenwerden aber tritt abermals ein kleines, feines, unaufhaltsam mahlendes Schicksalswerk in Kraft. Sei es, daß noch einmal sehr rasch Feuchte mit abgewaschenem und sich ausfällendem Korallenkalk darüber geht. Oder – wohl der normalere Lauf: über die Lagune weht von nahen Kalkdünen mit dem heißen Hauch immerfort weißer, weicher, unendlich dünner Staub. Er hatte bereits die Fläche selbst immer wieder trocken eingepudert, ehe die schwappende Welle kam – jetzt, da sie fort ist, legt er selbst sich Häutchen zu Häutchen über die wieder eingedickte Neufläche und pulvert sie abermals ein – pulvert alles mit ein, was auf ihr jetzt klebt – pulvert auch die Leichen der Verschwemmten, Verschmachteten vollends ein in seinen unablässig fallenden Staubschnee – bis auch sie eingesargt sind in die erneute Schicht trockenen Plans.

Kaum daß noch ein Tonhäutchen, das vielleicht auch mit dem Wasser kam, die neue kleine Lage von der früheren trennt. Aber es kommt vielleicht über kürzer oder länger ein neuer Wassereinschlag, und das wird eine nochmals neue Lage darauf geben – wie viele vielleicht im Lauf schon einer gewissen Jahresfolge! Zwischen den Lagen, den Häutchen, die so zu Blättern, zu Bogen, zu Heften wurden, werden sich die mitbegrabenen, miteingelegten Tierreste aber immer auf diese Dauer auch einordnen, mit erhalten wie der Brei, der Staubkitt sie umgossen, abgegossen, aufgemalt hatte im zierlichsten naturgetreuesten Präparat, ehe die Vergänglichkeit sie vertilgen konnte.

Und wenn eine späte, noch so späte Hand die harten klingenden Seiten des großen Steinbruchs wieder auseinanderspaltet, gleichsam mit dem Falzbein wieder aufschneidet – so werden diese uralten Tiere selber noch darin liegen wie die eingesetzten Holzschnitte einer kostbaren alten Bilderchronik, die uns die Natur illustriert hat. Es ist die Geschichte der berühmten Fundstätte Solnhofen, die ich hier im schlichtesten Umriß gebe – unbestritten jetzt der köstlichsten Stelle, die uns zur ganzen Vorwesenkunde in der Welt erhalten geblieben ist.

Tafel 16
Vegetationsbild aus der ersten Hälfte des Zeitalters der großen Saurier

Der heutige Ortsname im Altmühltal südlich Nürnberg bezeichnet dabei selbst nur einen idealen Punkt – das alte Lagunengebiet spannt sich in Wahrheit über mehr als ein Dutzend bekannter Orte außerdem, wie Pappenheim, Langenaltheim, Pfalzpaint, Eichstätt bis gegen Kelheim zu. Durch diesen ganzen Kreis aber gehen immer noch die geschichteten schönen Plattenlagen des alten weißen Korallenkalksteins – zeitgeschichtlich zum obersten, sogenannten weißen Jura gehörig.

In der Wunderzartheit seiner feinen Buchblätter beim Anschnitt war er als reiner Stein schon den Römern im Lande aufgefallen, sie hatten ihn zu ihren Kastellen am Pfahlgraben benutzt, ihrer Reichsgrenze, die damals bekanntlich tief durch Süddeutschland schnitt. Viel später war daraus dann eine großartige bayrische Bodenplatten- und Dachbelag-Industrie erwachsen, zu der als Gipfel aber der technischen Verwertung seit Aloys Senefelder auf der Wende zum 19. Jahrhundert noch die Entdeckung der Lithographie, also einer ersten menschlichen Steindruckbilderkunst, trat, die gerade in auserwählten Feinplatten dieses vorweltlichen Korallenkalks ihr unschätzbar köstliches Material fand. Man konnte aber nicht zu solchem Zweck das alte Buch neu aufblättern, wie es mehr und mehr in riesigen Steinbrüchen und Abfallstätten geschah, ohne auch auf das Bilderbuch des Urweltlebens selbst zu stoßen, mit dem die Naturkunst hier schon vor so viel Jahrmillionen eigene Jura-Lithographie getrieben.

Obgleich die Einschlüsse keineswegs alle auf dem Präsentierbrett nebeneinander lagen, ist es doch bei der enormen Ausdehnung der Brüche kaum zu glauben, was dieser eine geologische Druckbogenstoß allmählich an Bilderbuch ergeben hat – und vor allem, in was für einer Erhaltung bis ins allerfeinste Detail auch der für »Versteinerung« schier unmöglichsten Objekte – bis zu vergänglichsten Gallerthäutchen, Muskeln, Flugsegeln, Federn und Haarspuren eines »Zoologischen Gartens« von an 600 verschiedenen Tierarten allein dieses engeren Ausschnitts Jurazeit. Wie schon in Holzmaden, so nur noch unvergleichlich großartiger wächst auch hier das gesamte Lebensbild dieser alles wie mit zähen Polypenarmen in ihrem Kalkkitt festhaltenden halbtrockenen Lagune wieder greifbar vor uns empor.

Zunächst das Einschwemmaterial des Meeres selbst.

Da liegen zu ganzen Schwärmen gestrandet an bestimmtem Fleck noch die Quallen, nach ihrer Systemzugehörigkeit, wie natürlichen Kunstform vollkommen deutlich; man muß an der Nordsee gelegentlich gesehen haben, wie solche angeworfene Qualle wie ein Seifenblasenschaum vor der Sonne auftrocknet, um die Wunder dieser Erhaltung zu messen.

Liegen zu Millionen die entzückenden kleinen Seelilien, diesmal in einer reinen Hochseeschwimmart, die ihr Tierköpfchen vom pflanzenhaften Stengel gelöst.

Liegen die nackten Tintenfische noch mit Muskelfleisch, Augen, Saugnäpfen – man glaubt sie noch schnarchend ihre Tinte im Schreck der Strandung ausstoßen zu hören wie bei einem nächtlichen neapolitanischen Fischzug; einer hat einen andern, den er eben gefressen, in der Not wieder ausgespien.

Ammons- und Donnerkeiltiere fehlen im Rahmen der Zeit nicht. Zahllos das Volk der Krebse, dabei der Zehnfüßer Eryon, den man heute erst wieder als inzwischen blindgewordenen Gast mit Staunen aus unserer schwarzen Tiefsee gezogen. Auch der groteske »Molukkenkrebs« unserer Aquarien mit seinem schildkrötenhaften Deckschild, aus dem die Augen glotzen, und hinten dem Umdrehstachel – der aber eigentlich kein Krebs, sondern eher ein riesiger Wasserskorpion ist.

Natürlich Fische, große und kleine in jeder Gestalt. Auch jetzt noch die winzigen Ursprotten wie in Holzmaden, auch sie schwarmweise aufs Trockne gesetzt, wobei noch Männlein und Weiblein, wie sie sich gerade im Liebesspiel zur Laichstunde jagten, im Tode vereint; anziehend über alle Maßen, wie mau so wirklich noch in das pulsende Leben selber schaut.

Neben prachtvollen großen störhaften Schmelzschuppern mit Nußknackergebissen riesige gefährliche Haifische und haifischnahe sogenannte Seekatzen.

Gelegentlich sogar die Leiche eines Ichthyosaurus, eines solchen nackten Hochseekrokodils oder einer stattlichen Meerschildkröte selbst.

Aber wie der Wind den Kalkstaub anfächelte (von Abel stammt die sinnreiche Theorie, daß er wohl hauptsächlich die obere Decke bei der Einbalsamierung schuf), so trug er auch Landleben nicht selten in die kritischen Klebezeiten, und anderes schwemmten kleine Flüsse, die am eigentlichen Ufer Schilfsümpfe bildeten, zu.

Da erkennt man noch aus den vielen eingewehten Zweigen und Blättern, wie reich sich der Nadelholzwald landeinwärts gezogen haben muß, wie auch hier der Ginkgo sein smaragdgrünes Doppellaub wiegte. In den brackischen Sümpfen lebten Vertreter jener Miniaturkrokodile, Brückenechsen führten wohl damals schon ein Strandleben, wie in unsern Tagen auf Neuseeland, ab und zu kamen auch hüpfende kleine reptilische Tiere zunächst etwas dunkler Art freiwillig zur Jagd in die Lagune und prägten ihre Fährten in den schon tragenden Kalkbrei ein.

Unendlich reich aber muß drüben auf der wahren Feste bereits das Insektenleben gewesen sein. Diese Insekten (Kerbtiere, wie das Wort deutsch lautet, nach den regelmäßigen Einschnitten ihres ledernen Hautpanzers) bilden den obern Hauptzweig des Stammes der Gliederfüßer, der unten jene Krebse umfaßt. Neben dem dominierenden Stamm der Wirbeltiere ist das die glänzendste parallele Höhenentfaltung der ganzen Tierweit gewesen. Bereits im alten Walde der Steinkohlenzeit hatten diese Insekten sich auch zum Lande erhoben und mit der reinen Luftatmung sogleich den Flug in dieser freien Luft durchgeführt, indem sie sich von schraubenhaft rasch an der Brust bewegten großen Rückenplatten dahin tragen ließen.

In dieser Gestalt hakten sie dort bereits in den heißfeuchten Schachtelhalm- und Bärlappdickichten verhältnismäßig riesige bunte Ur-Netzflügler (Paläodiktyopteren), bald auch schon uns bis heute vertraute Schaben und erste Libellen gezeitigt – bei den Anfangsformen der letzteren ebenfalls wahre Kolosse mit der fast erschreckenden Flügelspannweite eines größern echten Vogels (bis dreiviertel Meter, was etwa einer kleinen Gans entspricht).

Jetzt im obern Jura waren aber fast alle ihre spätern Typen bereits vollzählig zur Stelle, und von fast allen haben sich auch Einzelexemplare ebenso schön wie Fisch und Krebs verewigt, indem auch sie gelegentlich von ihrem Walde verflattert auf den verräterischen Gipsbrei einfielen und anklebten zum Nichtwiederloszappeln. Einige wenige Arten mögen auch in den Lagunen selbst gelebt und die Überschwemmungen nicht gefürchtet haben, so ein paar Wasserwanzen und eine mit langen Spreizbeinen wassertretende Gespenstheuschrecke.

Aus dem Bilderbuch der Korallenlagunen von Solnhofen.

(Abbildungen 64 bis 76.)

Abb. 64., Abb. 65.
Diese beiden Figuren wie die nächstfolgenden geben Proben von der beispiellosen Erhaltungskraft selbst für allerfeinste tierische Gebilde, die bei Solnhofen in Franken zur oberen Jurazeit der weiße Kalkschlamm und Kalkstaub weiter Korallenriff-Lagunen einmal bewährt hatte. Man sieht auf dem so entstandenen, heute hauptsächlich zur Lithographie verwerteten weißen Kalkschiefer in unseren Bildern hier sogar noch den völlig naturgetreuen Abdruck von Quallentieren (Medusen), die, hilflos mit ihrer Gallertmasse auf den Strand geworfen, sonst zu den vergänglichsten Dingen zu gehören pflegen. In Abb. 64 eine ganze Qualle in 1/5 der natürlichen Größe, in Abb. 65 Teile vom Schirmrande eines großen Exemplars in 3/8 natürlicher Größe.

Abb. 66.
Der den Garneelen nahe stehende Krebs Eryon des damaligen deutschen Jurameers, wiederhergestellt nach tadellosen Abdrücken im seinen Kalkschlamm des lithographischen Schiefers. Diese Krebse bewohnten damals seichte Oberflächengründe, während sie sich heute ausschließlich in die dunkle Tiefsee zurückgezogen haben, wo sie ihre Augen verkümmern ließen. Ihre Entdeckung dort durch die englische Challengerexpedition bedeutete die überraschende Auferstehung eines Tieres, das man bis dahin nur in fossilen Resten aus der Jura- und Kreideperiode gekannt hatte. (Halbe natürliche Größe.)

Abb. 67.
Nach den wundervollen Abdrücken im lithographischen Schiefer erscheinen hier zwei Exemplare eines sog. Pfeilschwanz- oder Molukkenkrebses ( Limulus), links von oben, rechts von unten. Die Gattung lebt noch an schlammigen Küsten von Nord- und Zentralamerika, sowie Ostasien als höchst sonderbare Ungestalt mit einem deckelartigen Kopfbrustschild und spitzem Schwanzstachel, auf der Unterseite die Beinpaare. Man hält das Tier aber heute nicht mehr für einen echten Krebs, sondern einen Verwandten der Skorpione und Spinnen. Die dargestellte Art aus dem Jurameer war klein (halbe natürliche Größe), während das lebende Geschöpf über halbmeterlang werden kann. Man sieht den Typ öfter in unsern Aquarien.

Abb. 68.
Dieser feine Kalkschlamm und Kalkstaub hat uns öfter nicht nur die schönsten Umrißabdrücke dort gelegentlich verunglückter Tiere der Jurazeit erhalten, sondern sogar die noch deutlichen Spuren ihres Todeskampfs. Hier sieht man so einen skorpionähnlichen sog. Pfeilschwanzkrebs (vgl. Abb. 67), der in die Lagune eingeschwemmt worden war und auf dem eintrocknend immer zäher werdenden Korallenschlamm noch ein Stück dahin gekrochen war, bis er ganz fest einklebte und sterbend nur noch mit dem Schwanzstachel schlug.

Abb. 69.
Zum Vergleich mit den hochstehenden Insekten der Kalklagunen von Solnhofen aus der obern Jurazeit erscheint hier ein noch ganz altertümliches Ur-Insekt aus den Sumpfwäldern der Steinkohlenzeit, zur heute verschwundenen Ordnung der sog. Paläodiktyopteren gehörig. Man beachte die gleichartigen horizontal ausgebreiteten Flügel mit sehr einfachem Geäder, die Andeutung noch eines dritten Flügelpaares auch am vordersten Brustring und die Seitenlappen des Hinterleibes. Von diesem Urtyp stammten wohl alle höheren Insekten ab. Die Tiere klafterten zum Teil fast einen halben Meter. (Nach Handlirsch.)

Abb. 70.
Nach erhaltenem Abdruck von Handlirsch (Wien) wiederhergestellte Libelle (Tarsophlebia), wie sie sich im Bereich dieser Lagunen zur Jurazeit herumtrieb. Merkwürdig die langen nach vorne gerichteten Beine. Die Arbeiter in den Steinbrüchen finden oft solche Libellen dort und nennen sie »Stangenreiter« oder »Schladenvögel«. In der viel entlegeneren Steinkohlenzeit hat es Ur-Libellen gegeben, die 0,70 m klafterten.

Abb. 71.
Am Strande dieses einzigartigen Flecks lebten bereits in der Juraperiode auch erste echte Schmetterlinge, allerdings noch von etwas urtümlicher Art. Ab und zu klebten auch sie in den feuchten Kalkschlick ein, und wurden so aufs schönste erhalten. Nach solchem Abdruck ist hier der Schmetterling Eocicada Lameerei von Handlirsch (Wien) wiederhergestellt (2/3 natürlicher Größe). Der dicke pelzige Leib mit kleinem Kopf. Nächste Verwandte sind gewisse australische Schildmotten von heute. Die Farbe der Flügel ist unbekannt.

Abb. 72.
Das großartigste Prachtstück, das je von einem urweltlichen Insekt gefunden wurde. Es handelt sich um einen riesigen Verwandten unserer lebenden Florfliegen und Ameisenlöwen, der auch damals die Lagunen besucht haben und dort verunglückt sein muß ( Kalligramma Haeckeli, von Walther nach Haeckel benannt). Aus allen vier Flügeln saßen große Augenflecken wie bei unsern Pfauenaugen. Die Figur ist nach dem vorzüglichen Original im Münchener Museum von Handlirsch (Wien) wiederhergestellt in zwei Dritteln der Naturgröße. Jeder Flügel 0,12 m, das ganze Tier 25,2 cm.

Abb. 73.
Hier hat der feine Kalk tadellos auch den Weichkörper eines unseren Kalmaren nahe stehenden Tintenfisches bewahrt (Plesioteuthis prisca). Man sieht die Fangarme und die Schwanzflosse (2/5 natürlicher Größe). Bei diesen Tintenfischen ist häufig auch noch der Tintenbeutel (hier etwas unterhalb der Mitte) erhalten und liefert einen als Tusche noch heute brauchbaren Inhalt.

Abb. 74.
Der so prachtvoll konservierende Kalkstein (lithographische Schiefer) hat uns hier das Umrißbild eines kleinen Krebses vom Geschlecht der Langusten bewahrt, des Mecochirus longimanus, der durch die außerordentliche Länge seines ersten Beinpaares ausgezeichnet war. (Halbe natürliche Größe.) Diese sonderbaren Gesellen müssen das nahe Meer dort in großen Mengen bevölkert haben.

Abb. 75.
Auf dem bald feuchten, bald trockenen oder klebrigen Kalkschlamm dieser Lagunen lebten selbst nur wenige Tiere, die meisten wurden nur hineingeschwemmt oder verunglückten zufällig darauf. Dieses Insekt, eine nach Art unserer Wasserwanzen schreitende spreizbeinige Gespenstheuschrecke ( Chresmoda obscura) War dagegen wohl ständiger Bewohner dort.

Abb. 76
Das Abenteuer einer Brückenechse (vgl. Abb. 51) auf dem klebrigen Kalkschlick dort. Das kleine Geschöpf (zu der mit unserer Hatteria fast identischen Gattung Homaeosaurus gehörig) hatte sich in die Lagune hinausgewagt und konnte sich nicht mehr aus dem zähen Schlamm frei machen. An einem Exemplar erkennt man noch alle Spuren der Befreiungsversuche und des endlichen Todeskampfes. Größe bis 0,20 m, also kleiner als unsere neuseeländische Echse.

Unter den nur verschlagenen Typen gewahren mir zahlreich ebenfalls jene Schaben (Kakerlaken) mit großen Nachtaugen, mächtige echte Heuschrecken, in Formenfülle bereits das heute so vielgestaltige Heer der Käfer, von den Hautflüglern, aus denen später Biene und Ameise glänzen sollten, wenigstens urtümliche Holzwespen. Drei Gestalten aber müssen sich in dem Landschaftsbilde ganz besonders bemerkbar gemacht haben.

Zunächst auch recht stattliche echte Libellen – sie kommen Jahr um Jahr zu hundert und mehr noch aus dem technisch abgebauten Gestein, mit ihren 10 cm langen Leibern als »Stangenreiter« von den Arbeitern bezeichnet und auch für Laienbesucher ein beliebtes Solnhofener Andenken. Des weitern kurze dickbepelzte mottenhafte Schmetterlinge, die in Ermangelung honigspendender höherer Blütenpflanzen auch noch keine feinen Saugrüssel, sondern viel rohere Freßkiefern führten.

Endlich ein in jedem Betracht wundervolles isoliertes Rieseninsekt mit über 25 cm Flügelspannweite, das also dem größten noch lebenden Schmetterling entsprochen haben würde. Johannes Walther, der große Geschichtsschreiber der Solnhofener Zauberwelt, hat es beschrieben und nach Haeckel benannt als Kalligramma Haeckeli. Auf den fast gleichgroßen vier Riesenflügeln prangte je ein rundes, im Leben wohl lebhaft farbenbuntes »Schönheitsauge« ( kallos griechisch schön), was für den raschen Anblick das Bild eines gewaltigen Schmetterlings erhöht haben wird – in Wahrheit handelte es sich um einen nächsten Verwandten unserer kleinen goldäugigen Florfliegen und des libellenhaften Tiers, das als räuberische Larve in seinen Sandgruben lauernd Ameisenlöwe genannt wird.

Landtiere aber, wie Wassertiere treten uns in ihrem Schicksal besonders nah, wenn wir die unmittelbare Spur ihres letzten leidvollen Todeskampfes noch deutlich an ihnen im Stein verfolgen können.

Jener nackte Tintenfisch hat noch die ganze Umgebung mit den Striemen seiner verzweifelten Fangarmschläge durchsetzt, ein solches geflügeltes Insekt konzentrische Kreise in den Leim gewirbelt, der Molukkenkrebs ist gelegentlich noch eine ganze Strecke dahingekrochen und hat, ehe auch ihn das Verderben festnagelte, achtmal mit dem Schwanzstachel gestoßen. Und eine kleine Brückenechse hatte sich mit letzter Kraft noch wirklich freigeschnellt, um auffallend nur desto tiefer in die Suppe zu geraten. Nie wieder an anderm Fleck sieht man noch so ins Intimleben der Urwelt hinein – in Glück und Leid, Liebe, Kraft, Ohnmacht und Tod. Als wäre es ein abgelassener Dorfteich von heute, wo aus dem Schlammgrunde sich noch die Krebse, Aale und Molche wühlen, während oben in der Sonne die Libelle auf ihren harten glitzernden Flügelchen Aeroplan fährt. Und doch sind wir im Jura...

Es war aber nicht das Insekt allein, das damals so fuhr. Noch zwei größte Entdeckungen hat uns Solnhofen machen lassen zu all dem andern, und die erste führt gleich wieder mitten in unser Saurierbild, indem sie auch seinen Lebensraum noch einmal um eine ganze Stufe erhöht.

Tafel 17. Nothosaurus am Muschelkalkmeer
Seinen Lebensumriß gibt das Bild auf Tafel 17. Das nebenan dargestellte Skelett (in Rückenlage) gehört zu den Schätzen des geologischen Landesmuseums zu Berlin und ist interessanterweise auch bei Berlin gefunden, nämlich in Rüdersdorf, wo mitten in der norddeutschen Sandebene Muschelkalk durchbricht.

Tafel 18
Mosasaurus im Kreidemeer

Wir sind diesen Sauriern gefolgt auf ihrer Meereroberung. In Solnhofen hat man zum erstenmal gelernt, daß sie auch die freie Luft bezwungen hatten – schon vor bald hundertfünfzig Jahren, noch vor Senefelgers Kunst, hat es den ersten Flugsaurier geliefert. Mochte ihn schon als Leiche die Welle gelegentlich miteingeschwemmt haben oder war er über der Lagune selbst erst aus seiner Höhe herab verunglückt – jedenfalls hatte auch ihn der feine Kalk umhüllt und in seiner unvergleichlichen Weise bewahrt.

Es war zunächst nur ein kleines Geschöpf, wie eine Dohle etwa groß – doch wir haben ja gehört, daß Riesenmaß nicht unbedingt Erfordernis jener Saurier gewesen sein muß.

Sinnreiche Verknüpfung der Dinge aber wollte, daß die Entdeckung gerade ein Jahr nach dem Pariser Aufstieg des ersten Luftballons der Gebrüder Montgolfier (1783) geschah, mit dem alle menschliche Luftbeherrschung bis heute begann. Jetzt trat dazu die erste Flugtechnik auch solchen Sauriers bereits vor Jahrmillionen.

Der früheste Urteiler, Collini, der den Abdruck auf zierlicher Platte aus einem Eichstätter Steinbruch erhielt, fast ebenso schön gerettet wie jene Libellen selbst, wollte allerdings noch nicht an das ganze neue Wunder glauben – er riet auf ein Wassertier, und Goethes Freund Sömmering sogar auf eine Fledermaus.

Dem unbestechlichen Auge des großen Cuvier jedoch konnte auch diesmal der wahre Sachverhalt nicht entgehen: er sah, daß es ein Saurier wie die andern war trotz seiner Kleinheit, aber zugleich einer im Besitz von Flügeln, die immerhin einer gewissen Ähnlichkeit mit denen der Fledermäuse unter den Säugetieren nicht entbehrten. Wobei gerade dieser Bezug noch einen alten Reiz für sich wahrte. Mit Liebe hatte die Sage ja auch ihre Drachen von je mit einer Art häufiger und außen bekrallten Fledermausflügel durch die Lüfte fliegen lassen. Die phantastischen Bilder bei Konrad Gesner und Athanasius Kircher im 15. und 16. Jahrhundert zeigen sie fast alle so. Als sich dann zoologisch zunächst kein richtiger Drache finden wollte, hatte Linné bei seiner bekannten Latinisierung aller Tiernamen das Wort draco für Drache mit dem Zusatz volans, der fliegende, einer harmlosen bunten Eidechsenart des heutigen indisch-australischen Gebiets zuerkannt, die sich ziemlich schlecht und recht auf einem kleinen geblähten Hautschirm über ihren vorstehenden freien Rippen von Ast zu Ast senkt. Jetzt aber schien auch in diesem Sinne der echte Drache, wenn schon auch noch in Miniaturgestalt und für ferne Urwelt, erstanden: ein Reptil mit Fledermausflug auf ebenfalls bekrallter Haut.

Im engern erkannte Cuvier aber, wie eigenartig dieser Saurierflug in seiner charakteristischen Sonderart doch auch vom echten Fledermausfluge abgewichen sein müsse. Er schlug als lateinischen Namen für das wunderbare neue Tier aus dem Frankenkalk, da draco vergeben, vor: der Pterodaktylus. Zu deutsch aus griechisch pteron für Flügel und daktylos der Finger: der Flugfinger oder Fingerflieger, eine Bezeichnung, die sich wenigstens bedingt bis heute erhalten hat, da sie geradezu schlagwortartig die Methode bezeichnet, deren sich diese Flugsaurier bei ihrer Lufteroberung ausnahmslos bedient hatten.

Tafel 20
Meerkrokodil, präpariert von Dr. Hauff

Der Saurier (ob er nun klein oder groß war, und es sollten sich später wirklich auch noch größere hinzufinden) breitete für seinen Flugzweck zunächst die Arme mit den Händen daran aus ungefähr auch wie solche flatternde Fledermaus. An jeder Hand aber hatte sich ihm zum Zweck ein einzelner Finger bis ins schier Unermeßliche noch einmal hinaus verlängert – der äußerste. Und indem dieser Riesenfinger sich wie ein krummer Säbel jetzt abbog, hatte er gleichzeitig sozusagen ein Stück Haut von der Flanke und Achsel unter dem Arm mitgezerrt, das nun, selber von dem Säbel als Außenfirst in Spannung gehalten, beiderseitig ein Flugsegel ergab, auf dem das im ganzen federleichte Tier je nachdem fledermaushaft flatternd sich durch die Luft dahinbewegen oder schwebend im Segelfluge gleiten konnte.

Im Prinzip auch das immer noch mit einiger Ähnlichkeit zur Fledermaus, bloß daß diese Fledermaus selbst mehrere ihrer Finger vergrößert und durch eine solche Haut verbunden hat, in der sie dann stecken wie die Fischbeinstäbe in einem aufgespannten Regenschirm. Wogegen der fliegende Saurier diese Haut als einheitliches dreieckiges oder halbmondförmiges Segel mit dem Arm, dem Handanfang und dem einzelnen ungeheuren Säbelfinger allein spannt eben als ein wahrer Pterodaktylus oder Einfingerflieger.

Die drei andern nicht verlängerten Finger (er scheint im ganzen stets nur vier besessen zu haben) bleiben ihm dabei als kleines bekralltes Greifanhängsel unabhängig über dem Flügelbogen stehen, was wieder die Ähnlichkeit mit dem Sagendrachen erhöht – während noch ein separates Stückchen Haut von einer Knochensehne gestützt auch oberhalb des Arms sich zum Halse spannt.

Abb. 77.
Heute gibt es nur einige wenige Reptile, die ziemlich unvollkommen zu fliegen verstehen, so einige tropische Geckos und bei den Schlangen die indische Goldschlange, die auf einer Hohlkehle ihres Bauchs Gleitflüge ausführt – am bekanntesten sind aber die sog. Flugdrachen, kleine bunte Eidechsen des tropischen Südasien und Australien, deren Hauptart von Linné seinerzeit den pompösen Namen Draco volans erhielt. Sie schweben auf einem Fallschirm, den die freien Rippen stützen, gewisse Strecken weit durch die Luft. In der Urwelt gab es dagegen eine ganze Reptilordnung, die ausschließlich und schon höchst vorzüglich flog (vgl. Abb. 78 ff.).

Seit jenem ersten bestaunten Glücksfunde sind viele weitere, zum Teil sogar noch viel bessere aus dem Solnhofener Umkreise gemacht worden. Und wir haben daraus im engern erfahren, daß auch diese saurierischen Flattergeister dort gleich den Insekten keineswegs sehr selten gewesen sein können. Haben erfahren, daß sie an diesem Fleck auch schon in andern Arten etwas stattlicher wurden – von Sperlings- und Lerchenmaß der allerkleinsten zu solchem von Schnepfen, Krähen und stärkeren Raubvögeln – ein einzelner Flügelfinger, den man bewahrt, ist über halbmeterlang. Und haben vor allem Gewißheit erlangt, daß an diesen Flugfingern wirklich und unzweideutig tragende Flughäute saßen, denn die Naturlithographie des Korallenkalks hat sie gelegentlich in schönster Silhouette mit bewahrt – so gut, daß man noch allerlei Innendetail sogar daran studieren konnte.

Des weiteren hat sich ergeben (was dann auch von andern zeitnahen Fundorten bestätigt wurde), daß diese Jura-Flieger wesentlich damals in zwei Typen auftraten, die sich in Einzelheiten des engeren Baues wieder ziemlich voneinander unterschieden. Obwohl beide Fingerflieger waren, hat man doch etwas inkonsequent nur für die eine Sorte das alte Wort Pterodaktylus später beibehalten, die andere dagegen mit einem ziemlich halsbrecherischen Namen wegen ihres Kopfbaues als den Rhamphorhynchus, zu deutsch die Schnabelschnauze, bezeichnet, von rhamphos, griechisch Schnabel und rhynchos, Schnauze. Die zweite scheint dabei die ursprünglichere zu sein, denn sie hatte schon im Triaskapitel einen urtümlichen Vorgänger, der wahrscheinlich noch nicht so gut flog.

Sehen wir uns aber solche Schnabelschnauze etwas auch auf den übrigen Bau an, so ist eigentlich nur der große Kopf, der auf wahrhaft eisernem Halse rechtwinklig verankert saß, in seinem Gebiß aus langen schiefen Nadelzähnen, die erst ganz vorne dem Schnauzenschnabel wichen, wirklich recht saurierhaft – im übrigen erscheint auch der ganze Leib »verfliegert«.

Die mächtigen Augen mit Knochenbrillen diesmal wohl gegen den Luftdruck, das Rippen- und Bauchkörbchen winzig, alle Knochen auf möglichste Leichtigkeit hohl, die Hinterbeine schwach, kaum noch recht fähig zum Laufen. Neuerlich glaubt man an den Füßen Schwimmhäute nachgewiesen zu haben, so daß sie wenigstens beim gelegentlichen Aufsetzen auch auf dem Wasser benutzt werden konnten.

Eine herrschende altlebenskundliche Auffassung nimmt dabei die Vertreter dieses Typs überhaupt als rege Meerbesucher. Sie sollen wesentlich Fischjäger gewesen sein, die wie unsere lebenden Scherenschnäbel unter den Vögeln dicht am Spiegel flogen, mit dem hängenden Unterkiefer solche Fische heraufschnellten und dann auch wie mit der Schere packten und schluckten.

Eine Gattung scheint sogar die 360 fast haarförmigen Zahnstifte ihrer langen Schnauze in einen richtigen Seihapparat verwandelt zu haben, der wohl auch nur beim Abstreifen der Wasserfläche auf winziges Weichgetier dienen konnte gleich den Barten unseres Walfischs.

Geruht hätten sie meist wie solche Vögel flach auf Sandbänken, nicht mit den Hinterkrallen aufgehängt wie unsere Fledermäuse – dabei wäre bei ihnen, die in der Tat schon wunderbar graziöse schmale Sichelflughäute führen, auch der Flug selbst nicht fledermaushaft flatternd, sondern eine Art bereits vervollkommneten echten Fluges nach Mauerschwalbenart gewesen, wozu der Schwanz eine besondere Hilfsrolle spielte. Denn er war bei diesen Schnabelschnauzen fast stets sehr lang, von Sehnen gestrafft und an der Spitze noch mit einem besondern kleinen Flugsegel versehen, das uns auch die Naturlithographie erhalten hat (vgl. das Bild). Es ist durchaus denkbar, daß dieses Schwanzsegelchen gleichsam als Luftflosse beim Fluge eine technische Rolle wie ein Höhensteuer gespielt und zugleich beim Auffliegen von flachem Strande den Abstoß erleichtert hat. Geistvolle Deutungen, die sich natürlich im einzelnen erst mit fortgesetzten Funden zu klären haben werden.

Die Ähnlichkeit mit wirklichen Vögeln braucht dabei an sich nicht zu schrecken, denn in der oft stark in den Nähten verwachsenen Schädelkapsel, wie dem aus dem Ausguß noch erkennbaren Gehirn war schon eine nicht unbedeutende Ähnlichkeit mit Vögeln da, wenn sie auch wohl sicher nicht auf direkter Stammverwandtschaft beruhte. Die Idee, daß die Vögel sich aus den Flugsauriern entwickelt hätten, hat wohl kaum noch Anhänger heute, ich rede gleich noch davon. Aber der Flug selbst mag auch hier sich unabhängig gesteigert, die relativ kleinen gewandten Tiere gehirnklug gemacht haben im Gegensatz zu den schwerfällig-riesenhaften Landdrachen ihrer Zeit. Und in diesem Zusammenhang sei gleich noch etwas erzählt, was vor kurzem zur Kunde gerade dieser Flugsaurier das größte Aufsehen in wissenschaftlichen Kreisen gemacht hat.

Abb. 78.
Das Flugproblem bei den Sauriern. Prachtexemplar eines Skeletts des Flugsauriers Pterodaktylus, gefunden im lithographischen Schiefer von Solnhofen, jetzt als Geschenk von Geheimrat von Weinberg in der großartigen Schausammlung des Senckenberg-Museums zu Frankfurt a.M. Der in diesem Falle nur kleine, etwa taubengroße Saurier flog mit Hilfe dünner Flughäute, die hauptsächlich von dem sehr verlängerten äußersten Finger jeder Hand gespannt wurden. Man steht in dem schönen Fundstück sehr deutlich diesen Riesenfinger, der von der einen Hand zum Körper biegt.

Scharfsinnige Gelehrtenarbeit glaubt nämlich beweisen zu können, daß diese Aeronauten, die man mangels aller Schuppen- und Panzerreste fast stets auch für nackt gehalten hatte (was ja dem Fluge selbst aus Leichtigkeitsgründen nur entsprechen würde), tatsächlich eine säugetierhafte Behaarung geführt hätten. Man will auf den Kalkplatten, die das non plus ultra aller Konservierung sind, nadelstichartige Grübchen als Marke noch solcher Haare festgestellt haben in einer Lage, die solchem Pelz genau entspräche. Auf einem Hautkamm des Kopfs, an Hals, Armen und Rumpf sollen diese Haare evident sein. Die äußere Ähnlichkeit nicht gerade mit dem Vogel, aber doch wieder der Fledermaus, würde damit aufs nachhaltigste vermehrt, aber die interessante Sache hat gewissermaßen noch ein besonderes Nachspiel in ihrer Idee, das ihr erst die ganze Bedeutung gäbe.

Es wurde nämlich dieser Haarpelz sehr stark für etwas sprechen, das auch sonst gelegentlich leise vermutet worden ist: ob diese Flugsaurier sich nicht darin schon einmal über ihre ganze Sauriergenossenschaft erhoben hätten, daß sie auch als Reptil sich innerlich warmblütig gemacht. Dauernd warmblütig, also nicht mehr mit wechselnder, von der Außentemperatur abhängiger Blutwärme, wie sie sonst zur Definition des Reptils gehört.

Abb. 79.
Das Flugproblem bei den Sauriern. Wiederhergestelltes Lebensbild eines Pterodaktylus in vollem Fluge (vgl. Abb. 78). Man sieht, wie der Flugsaurier auf seinen Flughäuten schwebt, die sich vom Arm und Flugfinger zur Körperflanke und dem Hinterbein spannen. Der Schwanz ist bei diesem Typ nur kurz. Über dem Arm geht zur Schulter noch ein kleines Hautstück. (Zum Teil in Anlehnung an Abel gezeichnet.)

Unmöglich ist auch diese Sache nicht. Säugetier wie Vogel sind heute warmblütig. Wenn man sie aber an zwei verschiedenen Stellen unabhängig aus dem Reptil hervorgehen läßt, so müßte doch zweimal dort die Warmblütigkeit selbständig erworben sein – warum nicht also hier in einem dritten Anlauf. Immerhin würde es unsern Saurierfliegern eine ganz besondere Stellung geben. Der Pelz aber entspräche nur dem Schutz dieser Innenwärme, wie wir ihn, gleich der Feder beim Vogel, heute beim Säugetier ebenso auftauchen und selbst Tropenformen begleiten sehen. Man darf gespannt sein, wie auch dieser Sachverhalt sich endgültig kläre, und wird dem Leben dieses Luftvolks jedenfalls mit verdoppelter Anteilnahme folgen.

Der Pterodaktylus im engern war gegen die Schnabelschnauzen wohl stets etwas robuster, im Sinne jener altbiologischen Auffassung auch als Flieger stärker fledermaus- als schon seglerhaft mit breiterer Flughaut, die er vielleicht mehr flatternd bewegte und in die er sich, wie vorzügliche Eichstätt-Solnhofener Exemplare wieder beweisen, jedenfalls ruhend einwickeln konnte, wobei er sich doch wohl auch nach Fledermausart, wenn schon umgekehrt wie dort, mit den freien Fingerkrallen und nicht den Füßen, angehängt hat.

Wenn man will, mag man ihn so auf Ginkgo- oder Araukarienbäumen der Zeit nach Weise unserer fliegenden Hunde tagsüber schlafend und nachts (mit den großen Dämmerungsaugen) ausschwärmend denken – wenn man nicht auch ihn mit seinem diesmal mehr hinten reduzierten Gebiß als Meerjäger faßt, der unter Klippen nach Seevogelart heimisch war und horstete.

Jedenfalls war bei ihm (wofür sich schon bei einer Sorte Schnabelschnauzen ein Übergang zeigt) nachträglich der Schwanz fast ganz wieder verlorengegangen, und in dieser Gestalt ist er dann selber wohl Ausgangspunkt eines dritten Geschlechts jetzt wahrhaft dämonischer Flugsaurier geworden, die allerdings nicht mehr in Jura-Solnhofen selbst lebten, sondern eine Ausgeburt erst des späteren Sauriertums sein sollten, wie es sich auch sonst in, man möchte sagen, immer verrückteren Formen noch vor Ende seiner Großzeit überbot.

Schon durch die ganze Kreide sieht man diese Entfaltung herankommen, fertig aber ist auch sie erst über dem Niobrarameer in Nordamerika gewesen, wo jene seeschlangenhaften Mosasaurier schwammen.

Wie die Krokodile zeitweise völlige Hochseetiere geworden waren, so tritt uns auch hier wohl unzweideutig der vollkommene Hochseeflieger entgegen. Zugleich in den Dimensionen eines Ungetüms, doch auch das wieder mit dem Trick, immer noch denkbar federleicht zu sein.

Der besagte Marsh hat drüben Anfang der siebziger Jahre auch die erste Spur dieser Flugkolosse entdeckt, bei denen jetzt keine Rede mehr nur von Krähen- oder selbst Adlermaßen war. Sie spannten mit ausgereckten Flügeln bis gegen 9 m, was weit über den Albatrosvogel, den größten lebenden Flügelspanner, geht.

Den Namen hat man danach gebildet, daß die schon beim Pterodaktylus abnehmenden Zähne hier ganz gefallen sind – Pteranodon, der fliegende Ohnzahn. Die Zähne fehlten aber auch nur im Sinne des konsequenten Prinzips, bei dieser größten Flugmaschine unterhalb menschlicher Kunst geradezu allen und jeden noch halbwegs entbehrlichen Ballast über Bord zu werfen. Also zahnlose Kiefern mit vogelhaften Hornscheiden. Alles papierdünn. Der in sich so fest wie möglich verwachsene Leib nur noch ein Anhängselchen an dem Kopf, dem ein riesiger nach hinten abgehender Knochenkamm das Aussehen einer grotesken Kasperlemaske gab, die verkümmerten Hinterbeinchen wieder nur schwanzhaftes Anhängsel dieses Leibchens und fast gar kein wirklicher Schwanz. Dafür aber alles auf die enormen beiden Flügelsicheln verwandt.

Jene Altlebensdeutung nimmt diesmal an, daß der Flug so gut wie ganz passiver Gleitflug ohne Muskelbewegung geworden war, wobei jetzt nicht der Schwanz, sondern jener tolle Schädelauswuchs das Höhensteuer ergab. Ganz hineindenken kann man sich aber kaum noch in dieses äußerste Fliegerwunder der Natur. Man begreift schwer, wie dieser lebendige Winddrache sich überhaupt noch irgendwo zum Boden senken und allein wieder hochkommen konnte, was er doch schließlich mindestens zum Eierlegen mußte, da ein Austragen im Leibe diesmal ebenfalls Ballast gewesen wäre. (Vgl. Bild auf Tafel 21.)

Nimmt man ihn im übrigen wirklich als wesentlichen Hochseeflieger wie unsern majestätischen Albatros selbst, so müßte auch er sich vom Fischfang ernährt haben, wobei er zur Heizung dieser Riesenmaschine entsprechend kolossale Mahlzeiten gebraucht haben müßte – was aber wieder dem winzigen Leibesraum zu widersprechen scheint; man hat an einen Kehlsack gedacht, wo er auf Reserve speicherte, womit das Umrißbild, mit dem der »Drache« dahergeschattet kam, nur immer phantastischer wird.

Man wird verstehen, daß jedenfalls hier ein Extrem lag, das bei allem Raffinement des Aufbaues doch nur wieder »zerbrechen«, von einem irgendwie böseren Daseinskampf weggefegt werden mußte wie eine Art übersteigerter Künstelform der Naturphantasie. Über die späte Kreide ist auch kein solcher Riesenflieger mehr hinausgekommen, nachdem die kleinen Typen, wie sie die Solnhofener Lagune umschwärmten, schon viel früher aus den alten Meer- und Landböden verschwunden waren.

Abb. 80.
Das Flugproblem bei den Sauriern. Wiederhergestelltes Lebensbild eines Pterodaktylus (vgl. Abb. 78 und 79), wie er mit dem Kopf nach unten sich vermutlich beim Klettern an einem Baumast bewegte. (Umgezeichnet nach Abel.)

Woher aber das ganze wilde, titanenhaft auch den Himmel stürmende Volk ursprünglich entstanden war? Vom Sagendrachen hat man manchmal gesagt, er sehe aus wie ein fliegendes Krokodil. Beim Flugsaurier könnte das doch ein kühnes Bild sein, wenn man nicht jene kleinen Lügenkrokodile der Triaszeit hätte, die bei spitzen Vogelköpfen auch schon anscheinend Bäume bestiegen und sich vielleicht bereits mit Fallschirmen wie jene heutige kleine Dracheneidechse Linnes von Zweig zu Zweig trieben. Es wäre immerhin denkbar, daß von dieser Ecke des Vorkrokodilischen irgendwie auch die Flieger ausgegangen wären, wenn auch im engern Sinne darüber noch vollkommenes Dunkel liegt.

Tafel 21
Riesenflugsaurier (Pteranodon) über dem Kreidemeer.

Tafel 22
Hautmumie eines Dinosauriers

Tafel 23
Iguanodonten flüchten vor Megalosaurus

Die zweite, größte Entdeckung, zu der uns dann die Solnhofener Rifflagune verholfen hat, betrifft das vielbesagte Geschöpf Archäopteryx, das wir einzig und allein von hier kennen, und zwar bisher nur in zwei Abdrücken.

Im weiten Kreise pflegt man es als den ersten und ältesten Vogel zu bezeichnen, und so erfreut es sich gewisser Popularität auch dort, wo man nie von Solnhofen gehört hat.

Ich will zunächst den Namen etwas klären, er ist strenggenommen weiblich im Artikel, also »die Archäopteryx«, obwohl wir ihn im Sprachgebrauch gern und nicht ganz unberechtigt mit »der« übersetzen, weil wir den Sinn »der Urvogel« zugrunde legen. (Im großen Duden sollte er allerdings nicht ausdrücklich als Maskulinum stehen.) Das griechische Wort selbst besteht aber aus archaios, uranfänglich, und pteryx (weiblich) die Feder oder der Flügel, also eigentlich wörtlich und dann auch für uns weiblich die Urfeder oder Erstfeder. Und jedenfalls gibt der Name so auch hier das meistcharakteristische Bild, daß es sich um ein Tier handelt, das bereits vollkommen wohlentwickelte vogelhafte Federn und Federschwingen am Leibe führte, zugleich aber als Gast des Solnhofener Gebiets ebenfalls schon in der Jurazeit gelebt haben muß. Daß uns gerade auch diese Federn noch so deutlich erhalten sind, verdanken wir wieder dem prächtigen Material dort, das sie so treu in seiner lithographischen Chronik abgebildet hat gleich jenen Quallen, Libellen und Flugsauriern. Wozu ich in aller Kürze wenigstens die an sich nicht uninteressante Entdeckungsgeschichte der beiden, wie gesagt, bisher einzigen Exemplare gebe.

Abb. 81.
Das Flugproblem bei den Sauriern. Das vollständige Skelett eines langschwänzigen Flugsauriers vom Typ Rhamphorhynchus mit den Flughäuten und dem Schwanzsteuer wieder zusammengesetzt aus den sicheren Funden im lithographischen Schiefer der Korallenlagunen von Solnhofen durch Stromer von Reichenbach. Man sieht auch hier den kolossalen Flugfinger. Dieser Typ flog viel besser als der des Pterodaktylus (vgl. Abb. 79).

1860 zeigte sich im Solnhofener Gemeindesteinbruch eine erste, zunächst einzelne solche Vogelfeder. Bereits das folgende Jahr lieferte dann aus 20 m Tiefe nahe dabei die erste Platte mit einem nicht ganz vollständigen (kopflosen) Tier, immerhin auch die Federverteilung jetzt unzweideutig zeigend. Ein Solnhofener Sammler Häberlein erwirbt das seltene Chronikblatt, läßt sachkundige Forscher aber nur unter albernen Bedingungen heran und verkauft es schließlich für sechshundert Pfund nach London, wo es Owen beschreibt. Ein berühmter, aber etwas bornierter deutscher Gelehrter der Zeit, der alte Giebel, erklärt den ganzen Fund noch einmal für eine grobe Fälschung, bei der man das entscheidende Federwerk erst in den echten Stein gestichelt habe. Hermann von Meyer aber schafft – die Echtheit durchgesetzt – den gangbaren Namen.

Inzwischen vergehen diesmal sechzehn Jahre, bis der zweite Fund sich meldet, 1877 durch den Steinbruchbesitzer Dürr auf dem Blumenberge bei Eichstätt, und jetzt ein leidlich vollständiges Exemplar in sehr glücklicher Lage, wie es wohl auch schon tot in die Kalklagune eingeschwemmt und im Naturselbstdruck verewigt worden war – die Flügel ausgebreitet, Beine, Kopf, Schwanz auch hier in einer wahren Lebensstellung des eben vollendeten letzten Fluges, fast alle Federn wesentlich noch an der natürlichen Ansatzstelle.

Die kostbare Tafel kommt erneut in jenes Häberlein Hand, der sie immerhin mit Geschick auf beste Ganzsicht spaltet – das gleiche Spiel wiederholt sich im übrigen, Verbot des Photographierens vor einem lukrativen Museumsverkauf, ein noch viel ansehnlicherer Preis, aufschiebende Verhandlungen des trefflichen Deutschen Hochstifts zu Frankfurt, um den Fund für Deutschland zu retten, Eintreten von Werner Siemens durch Garantieren der Summe und endlich Ankauf durch die preußische Staatsregierung für 20 000 Mark – das corpus delicti steht jetzt im Berliner Museum für Naturkunde.

Tafel 24
Blick in die Schieferbrüche von Solnhofen in Franken. Die feinen weißen Kalksteine dieser Brüche werden Korallenrifflagunen des oberen Jura verdankt und sind berühmt als Material für die Kunst der Lithographie, zugleich aber auch Fundstelle der herrlichsten Versteinerungen in ungewöhnlich guter Erhaltung. Selbst zarteste, sonst vergängliche Bestandteile, wie Schmetterlingsflügel, Quallenumrisse, Federn und Flughäute haben sich hier im deutlichsten Abdruck bewahrt. Man verdankt dem Ort u. a. die beiden einzigen Exemplare des Urvogels Archäopteryx, sowie zahlreiche Proben der merkwürdigen fledermaushaften Flugsaurier.

Seitdem schweigt leider das Naturarchiv, und nur die wissenschaftlichen Diskussionen gehen weiter. Da sich herausgestellt, daß das Berliner und Londoner Exemplar nicht nur in der Erhaltung und Größe, sondern auch der zoologischen Spezies verschieden sind, hat man die jetzt englische Urfeder als die »lithographische« ( lithographica) beim engern Artnamen von der deutschen, die mit Recht des großen Siemens gedenkt, als fortan Siemenssche ( Siemensi) getrennt. Im Größenmaß, um das gleich vorwegzunehmen, entspricht die lithographische ungefähr einem Huhn, die Siemenssche einer Taube. Neuerlich will ein Forscher sogar zwei Gattungen oder gar Familien daraus machen, es fragt sich indessen, ob das nicht viel zu weit geht.

Nach dem spärlichen Befunde möchte man annehmen, daß dieses Tier wohl sicher nicht im Bereich der meernahen Lagune selbst gelebt habe, eher wird man es in den landeinwärts ziehenden Araukarienwäldern suchen, von wo Bäche die beiden Leichen hinausgeschwemmt haben mögen – dort immerhin in größeren Beständen, wenn schon zwei Exemplare zwei getrennte Arten ergeben haben. Fährten in der Lagune, die man auf den Vogelfuß gedeutet, werden von anderer Seite anders erklärt. Was aber ist nun dieses umstrittenste und noch immer problematischste Wesen der ganzen mittleren Urwelt wirklich gewesen?

Die Federn weisen aufs unzweideutigste auf ein tatsächlich diesmal vogelhaftes Tier, das mit jenen Flugsauriern gar nichts zu tun hatte.

Nehmen wir an, es war bereits ein echter Vogel, so müßten wir uns abfinden, daß solche eben auch im Saurieralter existierten, wenn sie auch nicht stark hervortraten. Für die Kreidezeit steht es, gleich gesagt, ohnehin fest, warum also nicht schon im Jura. In Wahrheit geht unsere Teilnahme an Archäopteryx aber weiter.

Der plastische Kalk hat uns nämlich nicht nur die Federn und Vogelschwingen selbst bewahrt, sondern auch das Skelett, und da sehen wir nun doch noch mancherlei sehr Befremdliches an diesem »ersten Vogel«.

Abb. 82.
Das Flugproblem bei den Sauriern. Der seine Kalkschlamm und Kalkstaub der Korallenlagunen von Solnhofen hat uns in einzelnen Fällen sogar die Flughäute der urweltlichen Flugsaurier mit vollkommener Deutlichkeit im Abdruck erhalten. Man sieht sie hier noch bei einem Exemplar von Rhamphorhynchus gemmingi trotz starker Zerstörung des Skeletts. (Nach von Ammon auf Grund einer photographischen Aufnahme.)

Der Vogelkopf führte bei ihm noch deutliche spitze Zähne in den Kiefern.

Die Vogelschwinge hatte auch noch eine Art kleiner Greifhand an ihrem Bug aus drei bekrallten Fingern, von denen (nach Heinroths Deutung) mindestens zwei frei waren.

Der lange Vogelschwanz bestand nicht aus langen Federn an kurzem, von verwachsenen Wirbeln gebildetem Knochen, sondern umgekehrt aus einem ungeheuer langen Knochengrat selber mit etwa 20 freien Wirbeln darin, an denen die einzelnen Federn wie Fiedern eines Palmenblattes angereiht saßen.

Zu Vogelbrust und Vogelfuß kamen im Rippenansatz und Rückgrat noch gar nicht vogelhafte Züge. An den Unterschenkeln lief die Befiederung so breit hinab wie zu kleinen Hinterflügeln. Um nur die Hauptpunkte zu nennen.

Einzelne dieser Züge (mehr Schwanzwirbel, Schenkelfedern, Flügelfinger) klingen ja auch heute noch gelegentlich beim Embryo im Ei oder Jungtier unserer Vögel an – Archäopteryx aber war hier offenbar überall noch im vollen Besitz und Gebrauch gewesen.

Zugleich aber haben gerade diese Sonderheiten mehr oder minder alle noch selber etwas Saurierhaftes – die Zähne wie ein kleiner Krokodilrest, der Schwanz auch unter der Federschleppe eigentlich noch ein Eidechsenschwanz, das Fingerpfötchen an der Vogelschwinge ein Stück alten Kletterfußes.

Und daran lassen sich dann leicht auch hier Entwicklungsgedanken knüpfen und sind, seit wir Archäopteryx haben, nicht abreißend geknüpft worden. Das erste Exemplar traf seinerzeit etwa mit Darwins Auftreten zusammen, das zweite in die Hochgedanken seiner Schule.

Ungefähr so ist argumentiert worden:

Daß der Vogel hier zwar schon da, aber doch noch nicht ganz fertig war – damals in der Jurazeit. Daß er noch die eigenen Eierschalen seiner Vergangenheit gleichsam an sich trug. Daß auch der Vogeltyp, heute dem Reptil so fern und so viel höher in unserer Wertung, eigentlich einmal aus dem alten Sauriertyp im ganzen hervorgegangen sei. Und daß sich das in diesem Juravogel noch sehr merklich, sozusagen noch handgreiflich abspiegle.

Abb. 83.
Das Flugproblem bei den Sauriern. Die Flugsaurier vom Typ Rhamphorhynchus führten am Ende ihrer langen und starken Schwänze ein besonderes Hautsegel, das begründeter Vermutung nach beim Fluge als Höhensteuer funktionierte. Man sieht es hier in einem wunderbaren Abdruck, den der Solnhofener Lagunenkalk uns selbst von dieser Einzelheit bewahrt hat. Daneben die ebenso erhaltene eine Flügelspitze. (Nach Dacqué.)

Da der Gegensatz des spätem Vogels tatsächlich so stark zum Reptil ist, hat die Entwicklungslehre von früh an diesen »Fall Archäopteryx« als einen ganz evidenten Beweis für die Möglichkeit auch sehr großer Übergänge von ganzen Tierklassen ineinander in Anspruch genommen.

Leider wissen wir ja auch hier nicht (da Archäopteryx wirklich bisher unser ältester bekannter Vogel ist), wie die Abzweigung und Umwandlung angefangen haben könnte. Unsere Freundin sieht offensichtlich nicht mehr selber in diesem Anfang, nicht einmal genau auf der Höhe des Knicks im Stammbaum – sie ist im Prinzip schon durchaus Vogel, wenn auch noch mit den besagten saurierischen »Eierschalen«. Viele andere Übergangsgeschlechter müßten auch ihr wohl schon voraufgegangen sein, die wir einstweilen nur mit der Phantasie ergänzen können.

Zuerst müßte sich etwa die Feder selbst gebildet haben, die mit jenem vermuteten Haarpelz der Flugsaurier an sich offenbar gar nichts zu tun hatte. Immerhin läßt sich aus ihrem Bau verstehen, daß diese Feder selber auch nur eine umgebildete ursprüngliche Schuppe war. Sie könnte also entstanden sein bei laufenden, springenden, kletternden saurierhaften Tieren. Man denkt unwillkürlich an die gleiche Ausgangsstelle bei jenen baumbewohnenden und vielleicht schon fallschirmhaft gelegentlich von Ast zu Ast schwebenden Vorkrokodilen der Aetosaurusecke, von der, obwohl ganz unabhängig, auch die Flugfingersaurier vielleicht zuerst gekommen waren.

Diese immer doch noch im Saurierrahmen verbliebenen Flugfinger hätten die reine Flughaut bei sich begünstigt, die vielleicht dann bepelzt wurde. Mit Pelzhaaren selbst kann man aber nicht fliegen. Während die Feder heute beim Vogel und auch schon bei Archäopteryx in den Hauptdienst gerade auch dieses Fliegens getreten ist. Ob diese Feder, einmal da, also auch solchen laufenden und springenden Tieren an den Armen zu solchem weiteren Schwung verholfen hätte und darauf weiter vervollkommnet, vergrößert worden wäre? Bis sie ihnen einen eigenen Armfallschirm gebildet hätte, der zuletzt Schwinge, Federflügel wurde mit all den Einzeltechniken, die heute diesen Vogelflügel auszeichnen?

Andere haben aus der bei Archäopteryx entwickelten Hinterbeinbefiederung auch den Schluß gezogen, die Vorfahren seien erst eine Weile noch mit Hinter- und Vorderbeinen zugleich geflogen, also sozusagen vierflügelig, wobei der gewaltige Palmblattschwanz noch mittrug und steuerte. Bis endlich doch die Armschwingen den endgültigen Sieg davongetragen hätten und jenseits von Archäopteryx auch dieser knöcherne Schwanzstock abgeschafft worden wäre zugunsten des leichteren Fächeransatzes von heute.

Wobei auf gewisser Stufe auch diesen Verlaufs aber die Warmblütigkeit sich einstellen konnte, die dann ihrerseits in der gleichen Feder einen prachtvollen Schutz fand unabhängig noch von der Flugverwertung. Daß die Zähne ebenfalls später verschwanden, ist vielleicht, wie bei dem Weltmeerflieger Pteranodon, nur eine Ballastfrage gewesen – übrigens haben sie noch über Archäopteryx hinaus bei alten Vögeln fortbestanden.

Ich deute alle diese Ideen hier nur schlicht referierend an, jedenfalls kann man die Dinge vom hergebrachten entwicklungsgeschichtlichen Standpunkt so oder doch ähnlich denken. Daß, wie erwähnt, gerade bei dem Vögelchen im Ei noch immer einige von den alten Merkmalen angelegt werden und bei einem merkwürdigen lebenden Vogel Südamerikas, dem Hoazin oder Schopfhuhn, sogar noch die Jungen mit einer Art Hand am Flügel aus zwei bekrallten Fingern geradezu archäopteryxhaft zu klettern vermögen, fiele nur unter das darwinistisch ja so geläufige sogenannte biogenetische Grundgesetz, nach dem die Enkel oft noch in ihrer frühen Jugend Ahnenmerkmale wiederholen.

Andererseits will ich nicht verschweigen, daß solche Umformung eines ganzen Klassentyps in einen andern und höheren (wie hier von Saurier zu Vogel geschehen wäre) doch noch ein sehr viel gewichtigerer und tiefer greifender Vorgang gewesen sein müßte, als bloß die Einzelzerspaltung des Sauriertyps in sich zu Wasser-, Land- oder Lufttieren. Gerade was Archäopteryx hier so ungemein interessant machen würde als solchen Klassenübergang, gibt auch eine gewisse Schwierigkeit in die Sache.

Es könnte sich fragen, ob solche elementare Typenverwandlung, die eine ganz neue Wirbeltierklasse schuf, bloß mit einfacher Anpassung etwa im Sinne jener Flugtechnik schon zu erklären wäre und nicht vielleicht noch einen elementareren Entwicklungsnerv in sich selbst gehabt haben müßte, dessen eigenes Gesetz uns vielleicht noch unbekannt ist.

Man könnte an das denken, was der große Botaniker De Vries gelegentlich »Mutationen« genannt hat – plötzliche ruckweise Änderungen ganz von innen heraus und zunächst ohne jeden Bezug zur Außenanpassung, die er schon bei jeder einzelnen Umänderung einer Tier- oder Pflanzenart in eine andere als notwendige letzte Ursache annimmt. Ob es auch solche Typen- und Klassenmutationen größten Stils gelegentlich gegeben haben könnte, die ebenfalls gleichsam die Dinge ruckweise auf eine ganz neue Basis umstellten – etwa den Sauriertyp fortan auf einen Vogeltyp, der sich nun nur noch auf Vogel weiter entwickeln konnte?

Abb. 84.
Die berühmte Berliner Platte mit dem Abdruck der Archaeopteryx Siemensi, gefunden bei Eichstätt im Gebiet der Solnhofener Korallenlagunen der Jurazeit. Archäopteryx (das Wort ist weiblich) ist der älteste bekannte Vogel und zeigt noch eine Anzahl altertümlicher, an Saurier jener Tage erinnernder Züge. Man besitzt nur zwei Exemplare, das andere ist in London. Der feine Kalkstein hat Skelett wie Federn bewundernswürdig bewahrt. Man beachte die Hand mit zum Teil freien bekrallten Fingern am Flügel, den aus 20 bis 21 Wirbeln bestehenden langen, wie ein Palmblatt befiederten Schwanz, die Zähne in den Kiefern und die zweizeilige Befiederung des Unterschenkels. Die Größe war die einer Taube.

Auch daran könnte man denken, was man in der Medizin heute Hormonorgane nennt. Gewisse dirigierende Drüsen im Körper, die manchmal bei einer eigenen Veränderung auch diesen Körper fortan zentral umdirigieren – z.B., wenn man eine männliche Geschlechtsdrüse künstlich durch eine weibliche ersetzt, den ganzen Organismus von innen heraus bis in den Knochenbau und die Gehirntriebe auf weiblich umstellen. Ob auch solche Hormonwandlungen erblicher Art im Banne eines eigenen Entwicklungsgesetzes bei solchen großen Typenumsetzungen mitgespielt haben könnten – gleichsam ein neues Zentrum auch dort schaffend, an das sich dann wieder auch eigene Anpassungen anschließen konnten, aber doch alle im Banne jetzt des neuen Typs? Vielleicht wären so die Wirbeltiere selbst einmal entstanden im Gegensatz etwa zum Gliedertier und bei ihnen später wieder Saurier, Vogel und Säugetier.

Ich will noch einen Gedanken streifen, den man heute manchmal findet. Ob gleich zu Anfang bei Entstehung der Saurier selbst auch diese höheren Typen zu Vogel und Säugetier schon als solche gleich mit entstanden wären? Nicht eigentlich aus dem Sauriertyp also erst selbst sich entwickelt hätten, sondern auch in ihrer Sonderart gegeben gewesen wären. Aber neben ihm lange Zeit auch gewissen Einflüssen unterlegen wären, die sie unbeschadet ihres Grundwesens etwas saurierischer im Saurieralter hielten (so Archäopteryx zum Beispiel noch als im Kern doch schon gegebenen Vogel auch mit einigen Sauriermerkmalen) – bis sie dann später in einer eigenen neuen und freien Zeit sich erst frei und voll entfalteten. Gedanken, Träume – wer weiß es.

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