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Das Leben der Urwelt

Wilhelm Bölsche: Das Leben der Urwelt - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
authorWilhelm Bölsche
titleDas Leben der Urwelt
publisherGeorg Dollheimer in Leipzig
printrun1. bis 10. Auflage (1. bis 100. Tausend)
illustratorHugo Wolff-Maage
year1931
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201311
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Verweilen wir aber noch einen Augenblick bei jener blauen Niobrarasee selbst, so kann sie uns gleich noch einen dritten Typ damals meerbeherrschender Großsaurier zeigen, der nun wieder vom Ichthyosaurus wie Plesiosaurus gleichmäßig weit entfernt war. Er trat im ganzen erst spät im Saurieralter hervor und sollte im Gegensatz zu jenen beiden, obwohl auch noch echtes Urweltsgebild, doch schon einen höchst merkwürdigen Bezug zu unserer Gegenwart bewähren.

Es handelt sich diesmal um den sogenannten Maassaurier oder Mosasaurus und sein Geschlecht.

Der Name hat allerdings mit Amerika zunächst nichts zu tun, er knüpft bei unserm allbekannten belgisch-niederländischen Fluß, der Maas, an, und zwar auf Grund einer niedlichen ersten Entdeckernovelle.

Es geschah 1780, also eben in den Tagen, da man sich intensiver mit der Möglichkeit von »Versteinerungen« zu beschäftigen begann, daß ein lebhaft schon interessierter Garnisonchirurgus Hofmann aus den unterirdischen Steinbrüchen des Petersberges bei Maastricht einen gewaltigen, über meterlangen Schädel mit wieder einmal furchtbarem, krokodilähnlichem Gebiß barg, den das einst auch bis hierher flutende europäische Kreidemeer zurückgelassen. Das Fundstück, das größtes Aufsehen machte, wurde ihm aber durch Gerichtsbeschluß wieder abgenommen und dem Besitzer des darüberliegenden Grundstücks, einem ebenfalls sammelerpichten Kanonikus Godin zugesprochen. Auch dieser sieghafte geistliche Herr hatte indessen nicht mit den entstehenden Kriegswirren der Zeit gerechnet, 1795 wurde die Stadt von den Franzosen belagert, und auch deren Wünsche unter einem gebildeten General gingen neben anderm auf die kostbare Urweltreliquie. Es wurde sogar besonderer Befehl gegeben, sie bei der Beschießung möglichst zu schonen – dann aber, als bei der Kapitulation der Kanonikus seinen Schatz unauffindbar versteckt glaubte, erschien eine öffentliche Prämie von 600 Flaschen Wein für den, der das Ungeheuer erneut entdecke – eine Lockung, der selbst ein Saurierschicksal in so arger Zeit nicht zu entgehen vermochte. Zwölf Grenadiere schleppten alsbald die schwere Platte an, die nun nach Paris in die Hände von Georg Cuvier kam. Damit beginnt die wissenschaftliche Auferstehung auch dieses Unholds, die im Namen immer noch an das »große Tier von der Maas« – also Mosasaurus – anklingt.

Abb. 49.
Der Schädel eines Maassauriers (Mosasaurus) aus dem Petersberg bei Maastricht. Man erkennt das furchtbare Gebiß. Diese Saurier waren durchweg kolossale, beschuppte, seeschlangenähnliche Räuber in den Meeren der Kreidezeit, die 12 m und mehr lang wurden, und den Waranen unter unsern lebenden Eidechsen nahe standen. (Vgl. Bild auf Tafel 15 und 18 sowie die Abb. 50.)

Daß es sich gleichfalls um einen großen Saurier jener Kreidezeit handelte, konnte dabei nicht zweifelhaft sein. Und als man in der Folge zu dem Schädel und Gebiß auch die andern Skelettteile allmählich kennen lernte, mußte sich ergeben, daß man vor dem Vertreter eines neuen dritten Geschlechts durchweg kolossaler Wassersaurier stand.

Zu dieser Vervollständigung des Bildes sollten aber besonders auch nordamerikanische Funde beitragen, die nun wirklich in das Gebiet des Niobrarameeres drüben führten. Der erste Ausbeuter großen Stils der, wie gesagt, unendlichen Vorweltlager dort, der berühmte Marsh, geriet gelegentlich auf ein Feld, wo er mit einem Blick nicht weniger als sieben offen auf dem Naturwege wieder aus dem Gestein gewitterte Skelette erfaßte, und in sein Museum zu New Haven hat er nach und nach fast anderthalbtausend Reste solcher Mosasauriden verschiedenster Art bringen dürfen. Immerhin haben auch die alte Entdeckergegend und ihr Umkreis sich nie ganz in den Schatten bringen lassen, wie denn in der herrlichen Halle zur Vorwesenkunde in Brüssel neben andern Prachtstücken jener Tage auch eine Maassaurierkollektion von nicht leicht zu überbietender Großartigkeit heute zu sehen ist.

Bekleidet man aber in der Phantasie auch hier das vollständige Gerippe wieder mit Haut und Fleisch, so zeigt sich in der Tat weder der Torpedobau des Ichthyosaurus, noch der plesiosaurische Riesenschwan, sondern ganz unverkennbar zunächst das äußere Bild einer ungeheuren Seeschlange von soundso viel Metern Länge, die mit den Windungen einer solchen durch die Wasser rauschte.

Unmerklich scheint ein böser spitzer Natterkopf in einen endlosen Leib und entsprechenden solchen Schwanz überzugehen. Den Körper umschließt diesmal auch durchaus schlangenhaft ein Schuppenkleid, und wenn man nach gewissen Anzeichen einen hohen Rückenkamm und vielleicht eine aalhafte Saumflosse um die Schwanzspitze hinzufügt, so wirkt auch das nur echt bei solchem Riesenwurm des freien wilden Ozeans.

Nähere Betrachtung (die wohl bei dem lebenden Tier in seinem bewegten Element eine sehr genaue hätte sein müssen) gewahrt allerdings an dem gestreckten Schlangenleibe vier nicht allzugroße Paddeln, in deren gespreizter Haut noch vollkommen deutliche, im Stamm gedrungene und gegen die Schwimmseite besonders verdickte Eidechsenfüße fast normalen Umrisses saßen – das vordere Paar dicht am Kopf, das hintere so weit in die Länge nach hinten verrutscht, daß man es in der Windung wirklich nicht gleich ausfindet.

Zu der hauptsächlichen Schlängelbewegung können diese sehr kurzen Seitenruder, die sich beim raschen Vorwärtsschießen mehr oder minder fest anlegen mußten, nur noch eine gewisse Nachhilfe und Steuerung gewährt haben, wobei die weitgetrennte Lage voneinander immerhin die beste an dem langen Wurmleibe gewesen sein mag.

Alle weiteren Züge malen sich, soweit man sie noch entnehmen kann, bequem wieder in dieses Hauptschema ein.

In der Wirbelsäule zählt man bis 130 diesmal nicht fischhafte Einzelwirbel, von denen nicht ganz hundert allein auf den enormen Ruderschwanz kamen. Der ebenfalls rein eidechsenhafte Schädel, der einst die braven Maastrichter Bürger erschreckte, stets mit starken Schutzbrillen um die Augen, im Scheitel manchmal besonders groß auch das dritte Sehloch. Das Gebiß wenigstens als Regel des eines wüst packenden und schlingenden Räubers, jeder Zahn spitz mit mehrfach geschärfter Schmelzkrone, im Kiefer selbst wieder eisenfest angewachsen und doch immer schon mit einem darunter greifenden Ersatzgebiß, sobald sich einer abnutzte. Nur im Einzelfalle einer Art traten an die Stelle halbkugelige Knacker für harte Muschelschalen, oder es wurde auch hier die ganze Wehr einmal reduziert wegen gewohnheitsmäßig weicher Nahrung.

Tafel 12
Ichthyosaurus mit Hautumriß erhalten

Wie die erhaltenen Magenreste ausweisen, wurden doch hauptsächlich Fische gejagt und eingewürgt, vielleicht auch manchmal kleinere andere Saurier. Damit das Würgen aber ohne rechtes Zerbeißen auch bei starken Bissen möglichst glatt einging, funktionierte dabei ein besonderer Dehnungsapparat des Rachens, der als solcher nun wieder durchaus an unsere Schlangen erinnert: der Unterkiefer konnte jederseits noch einmal in einem besondern Gelenk der Mitte ausbiegen, wenn solcher ungeheure Happen durch sollte.

Abb. 50.
Wiederhergestelltes Lebensbild des gewaltigen Tylosaurus, eines Maassauriers (Mosasauriden) aus dem nordamerikanischen späteren Kreidemeer (vgl. Abb. 49). Das Ungetüm wurde gegen 9 m lang. Einen andern Versuch der Rekonstruktion solchen amerikanischen Typs gibt das Bild auf Tafel 18, das ihn in jenem sog. Niobrarameer neben einer sehr großen Schildkröte und dem Weltmeerflieger Pteranodon darstellt.

Mancherlei Gewaltbrüche an den erhaltenen Skeletten zeugen übrigens auch hier von ernsten Kämpfen, wobei man wieder an Liebeszwiste der Männchen denken wird, bei denen sich wohl die Schlangenmäuler und -leiber verkrampften wie Elche mit dem Geweih.

Seltsamerweise hat man von diesem Seedrachengeschlecht bisher nie junge Exemplare in den urweltlichen Meeresböden, weder drüben noch bei uns, entdeckt – vielleicht stiegen sie wie unsere Lachse zum Austragen und Laichen in die Riesenflüsse ihrer Zeit auf, deren Niederschlag sich nicht erhalten hat. Denn wirkliches Anlandgehen wird man auch ihnen kaum zutrauen, wenigstens nicht in der Blüte ihrer Ozeanexistenz.

Tafel 13
Dr. Bernhard Hauff zu Holzmaden

Weit jedenfalls wußten auch sie diese Existenz zu treiben: nicht nur von der Maas zum Niobrarameer, sondern abermals bis Neuseeland und Südafrika. Wo immer sie aber auftauchten oder, wie an unsern beiden Hauptfundorten, in engerer See zu Massen sich gesellten, müssen sie eine Art Meerherrschaft ausgeübt haben, so spät auch erst ihr Aufkommen (alle vollendeten Formen in der obersten Kreide) gewesen ist.

Der typische Mosasaurus wurde zu entsprechendem Gebiß über 12 m lang, was keine mächtigste Riesenschlange von heute erreicht, und eine der amerikanischen Arten hatte allein einen Anderthalbmeterkopf. Wo diese Lindwürmer durch den Wogenwald brachen, wird nicht allzuviel sonst standgehalten haben. Inzwischen webt sich auch um sie noch ein engeres Geheimnis, wie um den Ichthyosaurus, und zwar diesmal das ihrer Herkunft im Saurierlande selbst.

Wie man sieht, sind im Mosasaurus Eidechsen- und Schlangenzüge gemischt, was an sich doch kein großer Gegensatz ist, da noch heute die Schlange immer nur ein mit mancherlei Übergängen verknüpfter Zweig der Eidechse bleibt. Erwägt man die Füße, so überwiegt sogar die Eidechse auch bei ihm, die Schuppen passen schließlich auf beide. Man hat aber gefragt, ob damals innerhalb des Saurieralters überhaupt bereits Eidechsen oder auch Schlangen sein konnten, und hier beginnt zweifellos noch ein interessantes Kapitel.

Wie erwähnt, leben heute noch fünf Reptiltypen, dabei auch eben solche Eidechse und Schlange. Wenn man sie nicht für seither völlig neu entstanden halten will, wird man aber alle fünf irgendwie in der Saurierwelt selbst ursprünglich verwurzelt denken. Warum gerade sie sich allein erhalten, wissen wir nicht, aber wir sehen das Faktum. Dabei find sie doch zueinander noch wieder sehr verschieden. Zwar Eidechse und Schlange sind wirklich fast eins, dagegen steht das Krokodil beiden sehr fern und noch ferner die Schildkröte. Hier wird man also auch an sehr gesonderte alte Wurzeln denken müssen. Von der der Krokodile habe ich gleich zu reden und später auch von der dunkeln der Schildkröten. Wie aber steht es in dem Punkte mit den Eidechsen und Schlangen?

Und hier ist zu sagen, daß wir gerade über ihr Auftreten schon im Saurierlande merkwürdig gut unterrichtet sind. Ein eigenartiger, ja einzigartiger Glücksfall hat uns nämlich mit ihnen zugleich bis an unsere wissenschaftlichen Tage auch die vermutlich ursprüngliche Stammform lebendig erhalten, mit der sie einst im Saurierzeitalter aufgetreten waren.

Es handelt sich um die schon einmal flüchtig erwähnte sogenannte Brückenechse Neuseelands. Man hat sie gelegentlich als ein »noch lebendes Fossil« bezeichnet mit wirklich recht treffendem Wort. Der Name kommt allerdings nicht daher, weil sie noch eine Art Brücke im System bildete oder Jahrmillionen bis zur fernen Urwelt für uns überbrückte, sondern von zwei kleinen Knochenbrückchen über der Schläfengegend ihres Schädels. Lateinisch heißt sie Hatteria oder auch Sphenodon. Alles aber an ihr ist äußerst merkwürdig, wo man's auch packt.

Cook, der berühmte erste Umsegler von Neuseeland im 18. Jahrhundert, hat zuerst auch von ihr berichtet. Er gab ihr damals dort noch riesenhafte Vertreter, die selbst Menschen fressen sollten, doch hat sich davon später nichts mehr gefunden. Die neueren Sachkenner am Ort trafen nur ein häßliches, aber harmloses Reptil von olivengrüner Farbe mit weißer Sprenkelung, auf dem Rücken mit einem Stachelkamm und im ganzen kaum dreiviertel Meter lang.

Der einzige Ort, wo das kleine Scheusal noch vorkam, waren ein paar von Sturmvögeln als Nistplatz benutzte Inselchen in der Plenty Bai der neuseeländischen Nordinsel. Dort lebte es vielfach mit den Vögeln zusammen in ihren unterirdischen Bruthöhlen, scharrte sich aber auch bei Bedarf solche eigenen Gruben aus. Neuerdings soll es, was sehr zu beklagen wäre, durch von den Engländern eingeschleppte tierische Verfolger völlig ausgerottet sein – wieder eine Mene Tekel für zu spät kommenden Naturschutz. Wer, wie der Verfasser dieser Zeilen, noch ein gutpräpariertes Exemplar in seiner Sammlung besitzt, wird es um so sorgsamer fortan als unersetzlichen Schatz bewahren. Gelegentlich berühmt wurde die Brückenechse noch im engern durch jenes dritte Auge auf dem Scheitel, das man hier zum erstenmal bei einem lebenden Tier in Funktion fand – mit richtigem Sehnerv zum Gehirn. Im Grunde doch auch das nur ein noch verbliebenes urweltliches Merkmal, das in ihre allgemeine Vorweltsbedeutung einging.

Denn aus mancherlei feinen Indizien ihres Körperbaues hat man, wie gesagt, entnehmen dürfen, daß sie wohl noch heute die Ur- und Stammform aller Eidechsen und Schlangen darstellt, aus der diese sich erst geschichtlich entwickeln konnten. Daß die Stammform noch neben den Enkeln fortbesteht, wäre nur ein seltener, aber auch sonst in der Tierwelt gelegentlich beobachteter Fall, der uns noch weiter begegnen wird.

Wie uns die versteinerten Reste aber lehren, hat sie in eben dieser Gestalt bereits in der Jura-Zeit gelebt, hat die ganze Blüte der Ichthyosaurier noch selber mitgemacht, ja sie ist in sehr ähnlichem Typ schon in der alten Triasperiode zur Stelle gewesen. (Daher eben jene Bezeichnung bei dem überlebenden Tier als »lebendes Fossil«.) Wenn heute nur eine einzige Art noch an uns heranreicht, so bildete sie damals umgekehrt ein sehr vielseitiges Geschlecht, dessen Vertreter zum Teil noch viel bizarrer mit großen krummen Schnabelschnauzen wirkten, oft auch schon tatsächlich ganz ansehnliche Größe (bis 3 m) hatten und gelegentlich sogar schon früh einmal ichthyosaurushaft im Meer schwammen. Wenn sie als solche Urmutter aber so früh im großen Saurieralter mit dabei war, so kann nichts im Wege stehen, sich zu denken, daß sie auch damals schon die echten Eidechsen und Schlangen irgendwann aus sich entlassen habe, so daß auch diese schon Genossen des eigentlichen Sauriertages gewesen sein könnten. Und dafür haben wir nun wieder tatsächliche Belege.

Besonders in der untersten Kreide tauchen wiederholt schon einzelne Reste echt eidechsenhafter Tiere, einmal auch schon einer im Ozean lebenden Schlange (die Fundstelle ist in der Herzegowina), auf. Bei diesen ältesten Eidechsen noch des voll pulsierenden Saurierwesens aber wird zugleich noch etwas bedeutsam. Einerseits zeigen auch sie öfter eine gewisse Tendenz auf schlangenhafte Streckung des Körpers bei gleichzeitigem Leben am oder im Wasser. Andererseits aber nähern sie sich ganz ausgesprochen einem bestimmten engeren Eidechsentyp, den wir ebenfalls heute noch imponierend auf der Erde lebend besitzen: dem Typ nämlich der sogenannten Warn- oder Waraneidechsen.

Der Name geht zurück auf eine arabische Bezeichnung, die mit unserm Worte »warnen« nichts zu tun hat. Im heutigen Bilde sind diese Warane noch immer unsere gewaltigsten echten Eidechsen, sie finden sich weit verbreitet in Asien, Afrika und Australien, wo manche den reinen heißen Wüstensand bevorzugen, während andere auch jetzt noch gern wenigstens ins Süßwasser gehen.

Abb. 51.
Die neuseeländische Brückenechse (Sphenodon punctatus), eines der interessantesten noch lebend auf uns gekommenen Tiere, ist keine echte Eidechse, sondern Vertreter einer urweltlichen Reptilienordnung, die man als die der Rhynchocephalen (Schnabelköpfe) bezeichnet und in der wohl mit Recht die Stammgruppe aller Eidechsen und Schlangen, ja vielleicht noch anderer Reptilzweige gesehen wird. In diesem Sinne kann man auch sie ein »lebendes Fossil« nennen. Die Größe geht bis 0,75 m, die Farbe ist olivengrün mit hellen Flecken. Fast schon ganz gleiche Geschöpfe lebten bereits in der Jurazeit als Zeitgenossen des Ichthyosaurus. Dem Bilde liegt eine ausgezeichnete Skizze des berühmten Tierzeichners G. Mützel nach dem Leben zugrunde.

Auf der kleinen holländischen Sundainsel Komodo östlich Java hat man noch in den letzten Jahren als hohe zoologische Sensation einen lebenden Riesen des Geschlechts entdeckt, der mindestens 4 m, nach andern Angaben sogar noch weit mehr mißt, und vom Festlande von Australien kennt man Knochen einer nächstverwandten Form, die immerhin noch fast bis an die Grenze der historischen Zeit fortgelebt haben muß und vermutlich noch einmal annähernd doppelt so lang gewesen ist. Vielleicht war das noch der berühmte schwarze Koloß, von dem die Eingeborenen den ersten Ansiedlern nicht genug als Sagentier zu erzählen wußten.

Abb. 52.
Umrißskizze der berühmten » Großen Seeschlange«, wie sie 1587 in dem »Schlangenbuch« des Schweizer Naturforschers Gesner nach einem zeitgenössischen Bilde bei dem Schweden Olaus Magnus gegeben wurde. Sie sollte bei Norwegen im Meer leben, zweihundert bis dreihundert Fuß lang werden und Schiffe bedrohen. Die Sage davon besteht bekanntlich bis heute fort, und man hat gefragt, ob sie sich auf einen riesigen noch lebenden Meersaurier beziehen könnte.

Genug jedenfalls: gerade auch von solchen ersichtlichen Warangenossen finden wir bereits in der untern Kreide, also noch mitten im Sauriertage selbst, im Gestein des heutigen Dalmatien die Spuren eines Geschlechts mittelgroßer Küstenbewohner, die bei ein bis zweieinhalb Meter Größe im Bau ihrer Füße infolge offenbar häufigen Schwimmens auch schon einen Anlauf zu Flossen – oder Wasserpaddelform genommen hatten. Betrachtet man sie aber in dieser Gestalt genauer, so muß ein bestimmter Verdacht auftauchen. Sie sehen nämlich aus, als wenn sie zu ihrer Stunde bereits anfingen, vom echten Waran zum Mosasaurus selbst überzuleiten. Und hier muß wichtig wieder eine Beobachtung schon des alten Meisters Cuvier vor jener ersten Weinflaschen-Trophäe von Maastricht werden – daß nämlich der Schädel des Mosasaurus nicht bloß allgemein eidechsenähnlich sei, sondern unmittelbar die größte eigene Verwandtschaft gerade mit einem Waranschädel zeige.

Die gegenwärtige Forschung ist sich also ziemlich einig, daß auch diese Maassaurier ihrer Zeit nichts anderes waren, als ungeheure Meerwarane, die als solche schon einmal in die Reihe der Großsaurier eingetreten waren, indem sie ihre Gliedmaßen vollends in Wasserruder umformten und ihren Leib in der Weite ihres Elements nach einer gewissen frühen Tendenz ihres Geschlechts schlangenhaft dehnten. Da sie selbst erst mit der oberen Kreide auftauchten, steht nichts im Wege, sich auch ihre Entwicklung in der Zwischenzeit vollzogen zu denken. Am Ende der Kreide wäre allerdings auch dieses grandiose Experiment des Eidechsenstammes wieder mit zum Stillstand gelangt, während der ursprüngliche Waran als Ausgangspunkt fortbesteht.

Hat diese Ansicht recht, so würde auch dieses letzte Geheimnis des Mosasaurus gelöst sein. Wobei ich noch auf einen anziehenden Gedankengang immerhin nebenbei hinweisen will.

Nach dieser Deutung war der Maassaurier, wenn auch keine ganz echte Schlange im Sinne der Systematik, doch eine riesige Schuppeneidechse von größter äußerer Ähnlichkeit mit einer solchen. Nun besteht bei uns aber schon seit langem die vielerörterte, bald gefeierte, bald verspottete Schiffsführer- und Zeitungssage von der »Großen Seeschlange« – also einem gigantischen Ungetüm, das sich ab und zu im Ozean besonders bestimmter Gegenden noch heute sehen lasse, ohne bisher zoologisch zur Strecke gebracht zu sein. Sie wird durchweg wirklich als eine enorme Schlange beschrieben mit einem furchtbaren Gebiß und zackigen Kamm, die aber seltsamer- und eigentlich widersprechenderweise vier kleine Flossen führe. Und man hat gefragt, ob das, einmal die Treue der Berichte unterstellt, vielleicht eine doch noch fortlebende letzte Mosasaurusart sein könnte?

Prinzipiell unmöglich wäre es natürlich nicht – so wenig wie die Brückenechse selbst und jener noch recht respektable Komodo-Waran unmöglich waren. Es bedürfte nur des Beweises – leider aber ist der bisher nicht erbracht. Immerhin sollte man auch dieses Problem nicht rein lächerlich nehmen.

Es führt aber weiter auf die oben schon einmal gestreifte Denkbarkeit des Fortlebens auch einzelner Großtiere der Saurierzeit überhaupt bis mindestens an ältere Tage noch der Menschheit heran.

Und der Blick schweift hier unwillkürlich zu den zahlreichen ältern Drachenbildern und Lindwurmsagen im Völkerleben.

Vieles daran mag ja nur auf Riesenschlange und Krokodil zurückgehen. Aber in andern Fällen, ich erinnere besonders an die wunderbaren Drachenbilder des Istartors von Babylon im Berliner Museum, wird man doch stutzig und träumt auch hier von ernsteren Zusammenhängen – wobei ich, da wir gerade vom Waran in Urwelt und Gegenwart geredet haben, auf die Möglichkeit auch sehr großer Landwarane hinweisen möchte, die vielleicht noch lange fortexistiert und in die Drachensage hineingespielt haben könnten. Gerade der babylonische Drache gleicht auf jenen Bildern recht auffällig einem solchen Riesenwaran. Wenn jener australische Koloß aber unsern Vorvätern in der Kultur noch leibhaftig begegnet wäre wie den nackten Australiern, so wäre er sicherlich schon »Drache« genug für sie gewesen. Ein geistvoller neuerer Naturforscher hat sogar gedacht, ob die Menschheit, selber doch wohl, wenn auch in veränderter Gestalt, Ergebnis einer über lange Zeiträume zurückgehenden eigenen Entwicklung auf der Erde, nicht noch traumhafte Bilder der wirklichen Drachenzeit in Jura und Kreide in einer Art unzerstörten Unterbewußtseins bewahrt haben könnte, die sie in noch weniger vom Verstande angekränkelten naiven Zeiten in jene Sagen umgesetzt hätte. Vielleicht doch selber einstweilen nur ein schöner Traum, zu dem wir mehr von den geistigen Zusammenhängen aller Entwicklung wissen müßten, als heutiger strenger Wissenschaft verliehen ist.

Abb. 53.
Darstellung eines » Drachen« im Sinne des alten Sagentieres bei dem Jesuiten Athanasius Kircher in seinem Werke über die Wunder der unterirdischen Welt (Mundus subterraneus). Diese alten Drachenbilder erinnern manchmal an die wirklichen drachenhaften Urweltsaurier, z.B. hier an den Plesiosaurus.

Ich kehre zu unserer bescheideneren Urwelt selbst zurück, ohne den Ikarusflügen ihr eigenes freies Recht zu bestreiten.

*

Haben wir unsern dritten Schwimmsauriertyp mit etwas Mühe an eine noch lebende Form geknüpft, so scheint das um so leichter bei einem vierten.

Das lebende Krokodil, noch einmal gesagt, ist keine Eidechse. Es ist anders als sie und mehr als sie, stellt sogar in Herz und Hirn den geradezu höchsten Typ aller Reptile von heute dar.

Dabei hat es zugleich eine, ich möchte geradezu sagen, ungeheure Urwelt, war schon mit dabei, als Ichthyosaurus und Plesiosaurus schwammen und stellte neben ihnen in Person bereits jenen vierten Typ, für den wir also gar keinen neuen Namen zu erfinden brauchen. Wobei es freilich durch verschiedene Stufen ging, die sein Bild gegen heute auch höchst romantisch bereichern.

Abb. 54.
Das Bild eines kleinen geflügelten » Drachen« aus Gesners »Schlangenbuch« von 1587. Ähnlich, aber groß und mit vier Füßen wird bei Athanasius Kircher der berühmte Schillersche Drache, den der Ordensritter Deodatus de Gozo 1345 auf der Insel Rhodus erlegt haben soll, abgebildet. Es ist interessant, daß diese Sagendrachen, wenn sie geflügelt gedacht wurden, immer häutige, fledermaushafte Flügel besitzen, die einigermaßen an die wirklichen Flugsaurier der Urwelt erinnern können.

Zunächst schiebt sich hinter seine eigentliche urweltliche Existenz noch eine Vorstufe, von der wir bis jetzt nicht genau wissen, ob sie sein direkter Ahnenstamm oder nur eine mehr oder minder dunkle Altverwandtschaft selbständigen Nebenzweiges gewesen ist.

Sie tauchte jedenfalls schon einmal im sehr frühen Saurieralter auf und erfüllte die Erde bereits damals mit einer Invasion mehr oder minder krokodilischer Geschöpfe größten und kleinsten Kalibers.

Woher sie selbst stammte, wissen wir genauer auch nicht, vorsichtigerweise hat man sie wohl als die der Neben- oder Lügenkrokodile bezeichnet. Ihre Zeit aber war jene Triasperiode, für die ich oben schon einmal von »Krokodilsümpfen« gesprochen habe, und zum deutlichen Bilde verfügen wir uns am besten erneut nach Süddeutschland, wo sich nordwestlich der Schwäbischen Alb mit ihren gestapelten späteren Jurameerböden gegen Stuttgart zu auch durch Abwitterung wieder freigemachter solcher Triasboden noch sichtbar als Unterland ausdehnt.

Das Volk nennt eine im Anschnitt etwas buntscheckige obere Schicht darin mit Dialektwort »Keuper« nach dem sogenannten Köper-Gewebe in der Baumwollindustrie, was dann die stets stark schwäbisch orientierte Vorwesenwissenschaft übernommen hat. Eine ziemlich bunte Zeit muß es aber wirklich gewesen sein, die diese Bodenlage abgesetzt hatte.

Kein Meer, aber noch verdampfende Salzlaken eines solchen, abflußlose Flüsse, eben zu Sümpfen gestaut, dann wieder Wanderdünen, die ihren Sand gelegentlich verschüttend auf alles warfen – wo Gelegenheit, Schachtelhalm- und Palmfarndschungel: man sieht als Urwelt-Köper richtiges Krokodilmilieu jedenfalls, wo denn auch in respektabler Zahl jene Alt- oder Nebenkrokodile hausten, mehrere davon in äußerst charakteristischer Gestalt, die es mit den kühnsten Alt-Urweltlern aufnehmen durfte.

Abb. 55.
Der Schädel eines krokodilähnlichen Sauriers aus dem zur Triaszeit gehörigen Stubensandstein bei Stuttgart. Der Schädel war nicht ganz 1 m lang. Der Fleck rechts ganz oben ist das Auge, nahe davor auf dem Rande selbst das Nasenloch. Diese Saurier, zur Gattung Belodon oder Phytosaurus gehörig, vertraten eine Ordnung von Tieren, die noch keine echten Krokodile waren, aber eine Art älterer Vor- oder Nebengruppe zu solchen darstellten (sog. Parasuchier). In dem Bilde auf Tafel 19 sind sie in Wiederherstellung ihres Lebensbildes zur Anschauung gebracht.

Da ist zunächst als verhältnismäßig großer Typ ein Tier Belodon, deutsch der Pfeilzahn (von belon griechisch Pfeil und odous oder odon der Zahn) wegen der Einzelform seines höchst krokodilisch starken Gebisses. Seine Knochen liegen in Masse und prächtig erhalten meist noch in einer sehr seinen Sandschicht der Zeit, die man wegen ihrer heutigen reinlichen Verwertung als Streu in den Bauernhäusern der Gegend gern »Stubensandstein « nennt. Ein Vorgänger schon von Hauff, der Oberkriegsrat von Kapff, hat auch sie musterhaft für das Stuttgarter Museum herauspräpariert, wobei besonders die phantastischen Schädel, die bisweilen an den Sagenvogel Greif erinnern können, imponieren.

Die Nasenlöcher saßen ihnen im Gegensatz zu allen echten Krokodilen noch hoch gegen die Stirn statt an der gebogenen Schnauze, und auf dem Schnauzenfirst selbst erhoben sich sonderbare regellose Knochenwucherungen, die fast wie jedesmal neu persönlich erworben erscheinen könnten. Dazu auf dem Leibe, der 4 m lang wurde, zwei Ketten Panzerplatten und hinten ein seitlich schon zusammengedrückter Alligatorschwanz, wie überhaupt der Gesamthabitus entschieden schon auf Krokodil gegangen sein muß.

Aber Gestalt und Größe der ganzen Sippschaft und zum Teil wohl auch die Lebensweise brauchten deshalb durchaus nicht überall schon krokodilhaft zu sein. Das hat uns ein Fund gelehrt, der wieder in seiner Weise zu den hübschsten aller Urweltüberlieferung zählt.

Dicht bei der heutigen Intelligenzstadt Stuttgart selbst müssen in jenen Keupertagen des gleichen Stubensandsteins auch einmal ein Viertelhundert ganz kleiner solcher Pseudokrokodilchen einträchtig beieinandergesessen haben, nichts ahnend auf ihrem Sand, als plötzlich ein Wüstensturm oder auch eine jener Wanderdünen sie mit eins alle zusammen verschüttete und damit allerdings der fernsten Nachwelt konservierte. Auf einer Zweiquadratmeterplatte des jetzt verhärteten Steins sieht man diese ganze Gesellschaft heute noch ebenso beisammen im gleichen Stuttgarter Museum wieder aufgebaut und ebenfalls kunstvoll auspräpariert – auf der moderneren Unterlage eines kostbaren Renaissancetischs aus einem der verflossenen herzoglichen Lustschlösser. Die kleinen Käuze wirken aber noch immer wie eben im frischen Schreck erstarrt, man meint sie noch ängstlich herumwimmeln zu sehen, übereinander wegkriechend, die Beinchen und Schwänze krampfhaft wie zur hoffnungslosen Flucht bewegend.

Abb. 56.
Stark verkleinerte Wiedergabe der berühmten Aetosaurus-Platte im Stuttgarter Museum. In Heslach bei Stuttgart im Stubensandstein der Triaszeit (oberer Keuper) gefunden, hat sie uns eine ganze Gruppe von 24 Individuen eines kleinen Neben- oder, wie man hier wohl auch sagt, Lügenkrokodils (Pseudosuchiers) erhalten (vgl. Abb. 57). Es ist der Miniatursaurier Aetosaurus ferratus (der Adlersaurier), im größten Exemplar nur 0,80 m lang (vgl. Abb. 57 und 58).

Wobei sie zu jener Konservierung für die Nachwelt doch schon das denkbar beste »Material« boten. Denn jeder auch dieser lügenkrokodilischen Miniaturritter führte schon zu Lebzeiten eine entsprechende Zwergenrüstung, die diesmal an Solidität wie Kunst noch weit über alles echtkrokodilische hinausging – breitviereckige und ganzquadratische Knochenplatten, die das gesamte Leibchen förmlich hermetisch ohne kleinste Lücke abschlossen – jede als Zierornament noch mit einer entzückendsten kleinen Sonne geschmückt – man hat gesagt: als wenn die uralte Triassonne sich noch leibhaftig in ihnen widerspiegle. Übrigens ist der Gesamtanblick sonst eigentlich gar nicht sehr Krokodil. Die dreieckig spitzen Köpfchen mit großen runden Augen bei schwachem Gebiß eher mit einem entfernten Vogelzug, worauf wohl auch der Name, den man gegeben hat, Aetosaurus (eigentlich der Adlersaurier), deuten soll. Das Ganze trotz des strammen Panzers von förmlicher Sporteleganz, zierlich wie eine Lazerte – so daß das schwäbische Kunstgewerbe gelegentlich sogar einen entzückenden Briefbeschwerer nach dem Modell anfertigen konnte. Im größten Exemplar noch nicht 90 cm Länge, also mindestens ein Liliputaner für ein hergebrachtes Krokodil.

Vielleicht weist aber auch die Art der Verschüttung im reinen Wüstengebiet auf eine ebenfalls nichtkrokodilische Lebensweise. Und diese Vermutung muß sich für diese ganze engere Sippe verstärken durch einige andere Funde, die man hier und sonst im Anschluß an unsere famose Stuttgarter Kollektivplatte von solchen Aetosauriden in der Folge gemacht hat.

Tafel 14. Seelilie, präpariert von Dr. Hauff
Seelilie: Tier aus der Verwandtschaft der Seesterne und Seeigel, wie es als Zeitgenosse des Ichthyosaurus im schwäbischen Jurameer lebte. Präparat von Dr. Hauff in Holzmaden. (Nach einer Photographie.)

Da zeigte sich (mit noch kleinerem Maß) ein solcher Typ, der allem Knochenbau nach auf den langen Hinterbeinen gehüpft ist, wie eine heutige Springmaus. Und ein anderer war, scheint es, gar wohl ein Klettertier, das wie ein Eichhörnchen auf den Dschungelbäumen der Zeit lebte und von Zweig zu Zweig turnte, am Ende schon wie ein solches fliegendes Eichhorn auf einem Fallschirm von Ast zu Ast querte. In diesen Bildern verliert man das »Krokodil« allerdings aus dem Gesichtsfeld und fühlt sich weltweit verschiedenen andern Entwicklungswegen der Urwelt nah.

Tafel 15
Lebender Riesen-Waran von Komodo

Doch wie das wieder gewesen sei – jedenfalls müssen auch diese Alt-Krokodile schon einmal zu ihrer Zeit eine ungeheure Verbreitung – weit über den Schwabenkeuper in die halbe Welt hinaus – gehabt haben. Dafür besitzen wir nämlich ein für sich wieder interessantes Zeugnis.

*

Ich sprach von den Koprolithen (Exkrementresten) als gelegentlichem Auch-Urweltdokument immerhin etwas ausgefallener Art. Und da kann es nicht wundern, daß wir in anderm Falle aus bloß zufällig in den Urweltboden geprägten Fährten, wo sie sich noch auf den alten Steinböden erhalten haben, lehrreiche Aufschlüsse entnehmen.

Tiere sind vor so viel Jahrmillionen über den irgendwie damals weichen Boden gehopst, haben ihre Tatzen oder Zehen in dem Morast abgedrückt, und solche Spur ist durch rasche Austrocknung der Fläche und Sandausfüllung der Höhlung auch sozusagen als Versteinerung verewigt worden. Wenn man die Platten nachher wieder richtig spaltet, kann man oft noch auf der einen die Vertiefung selbst und auf der andern den natürlichen Reliefabguß erhalten. Von solcher Fährte, ob sie auch noch soviel Millionen von Jahren alt ist, liest aber der Forscher ab wie ein heutiger Jäger von seiner Hirsch- oder Fuchsspur.

Tatsächlich sind gerade solche Fährten, so seltsam es klingen mag, an bestimmten günstigen Stellen noch in geradezu ungeheuerlicher Masse auf uns gekommen. Im Conecticuttal drüben in Nordamerika sind sie in die dortigen Obertrias-Schichten (also unserm Keuper entsprechend) einfach noch zu Millionen die Kreuz und Quer eingezeichnet – kleine, aber nicht selten auch riesengroße.

Abb. 57.
Zur Ergänzung der Abb. 56 hier noch einmal Kopf und Brustteil eines solchen kleinen Lügenkrokodils Aetosaurus aus der berühmten Stuttgarter Platte in halber natürlicher Größe. Strahlig verzierte Knochenplatten gaben dem ganzen Tier eine einzigartig feste Verpanzerung.

Als man sie zuerst dort fand, schon vor vielen Jahren, meinte man gewisse Dreizeheneindrücke größter Dimension darunter und zwar nur von Hinterfüßen auf ungeheure urweltliche Vögel beziehen zu müssen – heute denkt man auch bei ihnen allen an echte Saurier der stolzen Ära. Bei uns in Deutschland (z.B. in Thüringen) machte dagegen auch schon früh eine hier ganz besonders häufige und sonderbare Fährte derart Kopfzerbrechen. Sie sah zunächst nämlich aus wie vier eingepatschte richtige Menschenhände, die vorderen beiden kleiner, die hinteren größer, mit einem anscheinend deutlichen Ballen und dem entgegenstellbaren dicken Daumen daran.

Abb. 58.
Das kleine schwäbische Lügenkrokodil Aetosaurus, ein Zwergsaurier von der berühmten Stuttgarter Massenplatte (vgl. Abb. 56), in ganzer Gestalt wiederhergestellt als Briefbeschwerer von Stotz in Stuttgart. Die hübsche sonnenhafte Verzierung der allseitig schließenden Panzerteile kommt dabei gut zum Ausdruck.

Da Knochen des zugehörigen Tieres sich nicht finden wollten, ersann man zunächst einen Namen bloß auf die handhafte Spur hin: also Chirotherium, von cheir, griechisch die Hand – das »Handtier«. Was ist aber nicht alles über dieses Rätselwesen selbst spintisiert worden, das uns wie die berühmten Geister der Spiritisten nur mit seinem Nacktsohlen-Abdruck auf der Schiefertafel der Urwelt äffte, ohne sich selbst zu zeigen. Bis zu der Idee eines bereits ernstlich menschenhaften Geschöpfs, das damals auch hinten Daumenhände gehabt hätte und noch auf allen vieren gelaufen wäre!

Heute scheint sich die Sache doch auch hier ungefähr dahin geklärt zu haben, daß es zunächst ebenfalls ein Saurier gewesen ist. Der vermeintliche Daumen scheint in Wahrheit der kleine Finger gewesen zu sein. Im engeren aber spricht viel dafür, daß es auch solches Alt-Krokodil aus der Aetosaurusnähe war. Drüben in Amerika muß es einen ziemlich ähnlichen Vetter gehabt haben, wie denn ein ganz Teil auch der zahllosen andern Fußabdrücke dort wohl auf Alt-Krokodiltyp gehen. Genialer Forschermut hat sogar gelegentlich nach der Fährte allein ein ganzes Modell des »Handtieres« aufgestellt – nach allerlei Indizien, daß es einen kleinen Kopf, längere Hinterbeine, den Schwerpunkt in der Beckengegend und so weiter gehabt haben müsse. Vielleicht war es eigentlich ein Wald- und Klettertier, das nur bisweilen rasch von Dschungel zu Dschungel über den uns allein erhaltenen Sumpfplan wechselte und so seine Spur dort verewigt hat, aber nicht sich selbst. Eben das würde aber gerade zu solchem Aetosaurusverwandten passen.

Auf jeden Fall zeugt die Fülle der Spuren (die Platten gehen durch alle Museen) von der Zahl und Ausbreitung jenes Altkrokodilgeschlechts weit noch über den Belodonsumpf bei Stuttgart hinaus und zeitlich über die ganze Triasperiode auch rückwärts hin, denn die Fährten reichen dort bis in den frühesten Anfang, wenn nicht gar noch weiter zurück.

Wie viele wunderbare andere Gestalten mögen uns da noch neben dem Handtier verloren sein! Es gibt wenige Stellen, wo die ganze Urwelt wirklich noch so märchenhaft, wie eine Zauberei selber, anmutet: aus dem Dämmerblau plötzlich diese Spuren auftauchend und allein über den Boden laufend – bloß zu einem Phantasietier zunächst – um ebenso wieder im Blau zu verschwinden. Man sieht bei den Chirotheriumplatten noch auf die Oberfläche eines nassen Salztümpels selbst, auf dem die Glutsonne jener Millionenferne, die der Aetosaurus zu verewigen schien, wirklich brannte, bis der Schlamm zu harter Rinde eintrocknete, wobei er zu einem Netz ebenfalls noch sichtbarer und plastisch ausgegossener Sprünge zerbarst, sieht noch die Salzkristalle angedeutet – meint den Schatten der Tiere an der roten Fläche hinschweben zu sehen – aber das Tier fehlt, vielleicht auf immer...

Abb. 59.
Für das Bild urweltlicher Tiere sind vielfach auch die von ihnen zu ihrer Zeit in den weichen Morastboden eingedrückten und dann mitversteinerten Fährten wertvoll geworden. Man sieht hier solche, die u. a. im bunten Sandstein der Triaszeit in Thüringen häufig noch gefunden werden. Das zugehörige Geschöpf ist bisher unbekannt, dürfte aber ein Neben- oder Lügenkrokodil (vgl. Abb. 56 bis 58) gewesen sein. Man hat es einstweilen Chirotherium oder Handtier genannt wegen der Ähnlichkeit seiner Tatzen mit Menschenhänden, die aber nicht so groß ist, da der vermeintliche Daumen in Wahrheit die äußere Zehe zu sein scheint.

Bei all dieser Entfaltung und Ausbreitung hat aber doch kein Altkrokodil die Keupertage überlebt – auf den Schlag ihrer Stunde traten mit der ganzen rätselvollen Plötzlichkeit wieder dieser Vorweltdinge an ihre Stelle die Echtkrokodilier.

Was denen aber dazu verhalf, Vertreter unseres vierten Typs Meersaurier zu werden, sollte noch wieder die folgende neue Arabeske des Krokodilschicksals sein. Kein lebendes Echtkrokodil innerhalb der ganzen noch existierenden zwanzig und einigen Arten ist dauernder Ozeanschwimmer, so sehr auch alle am Wasser selbst hängen und eigentlich nur in ihm Herr ihrer ganzen gefährlichen Kraft sind. Das große osttropische Leistenkrokodil wagt sich wohl einmal von einer Inselküste oder Flußmündung etwas kühner hinaus und wird dann gelegentlich auch von einer Strömung mit verschleppt – aber selbst das ist völlig Ausnahme. Das eigentliche Urweltabenteuer dieser Echtsippe dagegen war der Versuch wirklich einer entschiedensten Meereroberung – also ein Vorstoß ins Ichthyosauruselement selbst hinein, wie ihn wohl damals die starke allgemeine Meerinvasion begünstigte. Dabei bewegte sich aber dieses Experiment gleichsam in zwei Kapiteln, einem zunächst noch gemäßigten und dann einem ganz extremen.

Das gemäßigte können wir noch an der »Falle« von Holzmaden selbst studieren.

Abb. 60.
Der Schädel eines echten urweltlichen Krokodils von oben gesehen, mit seitlich überstehenden Zähnen. Er gehörte in diesem Falle solchem echten Krokodil der Jurazeit an, das sich einigermaßen dem Leben im Meer ähnlich wie der Ichthyosaurus angepaßt hatte: dem Mystriosaurus (Löffelsaurier) aus der Familie der Teleosaurier. Das Tier wird, obwohl seltener, auch in der berühmten Ichthyosaurusfundstelle von Holzmaden an der Schwäbischen Alb gefunden. Solcher Schädel wurde dort 0,83 m, das ganze Meerkrokodil 4,85 m lang, also fast nur so groß wie das in vielem ähnliche lebende indische Gavialkrokodil (vgl. Abb. 61, sowie das nach einer Photographie hergestellte Bild auf Tafel 20).

Lange ehe Meister Hauff das Heft dort dauernd in die Hand nahm, wußten die einfachen Steinarbeiter, die den dunklen Ölschiefer des Altjurabodens am Albfuß in kleinen Gruben zu Bodenbelagplatten abbauten, daß ihr Stein neben den so häufigen Ichthyosauriern noch ein zweites, selteneres »Tierle« liefere, das sie in ihrer Sprache von dem Schwimmsaurier unterschieden als das »Pratzentier«. Die naive Diagnose war aber schon eine durchaus richtige. Denn die »Pratzentiere« bildeten eben die damals auch vorhandenen Meerkrokodile, die neben den Ichthyosauriern sich herumgetrieben hatten und gelegentlich auch in die schaurige »Falle« gegangen waren, ohne doch in diesem ersten Kapitel ihres ozeanischen Vorstoßes bereits so glänzende Schwimmer wie diese Ichthyosaurier selbst zu sein. Die Eierschalen ihres Versuchs klebten ihnen gleichsam noch darin an, daß sie eben »Pratzen«, will sagen: noch einfache Krokodilfüße bloß mit Schwimmhäuten zwischen den Zehen hakten statt der richtigen vereinheitlichten Ruderpaddeln dort. Und auch sonst waren sie noch reichlich belastet für solche ganz landferne Schwimmerei.

Schöne skulptierte Panzerplatten aus Knochensubstanz machten sie zwar ebenfalls äußerlich zu eleganten Rittern, aber zugleich auch Ballastträgern. Am meisten glichen sie in diesem Anblick unserm lebenden, den Indern bekanntlich heiligen Gavialkrokodil im Ganges, zum Teil auch schon mit dessen löffelartig erweiterter Nasenspitze an der endlos langausgezogenen Schnauze, aus der die Zähne starrten. Wobei sie die Augen bald mehr oben, bald mehr seitlich führten, wohl je nachdem sie stärker Tiefen- oder Oberflächenschwimmer gewesen sind. Die Vorderpratzen hatten sie gegen die Hinteren etwas verkümmern lassen, worin man immerhin eine gewisse Ozeananpassung mit Tendenz auch zur Lokomotion mehr von hinten her sehen kann, doch erst eine versuchsweise schwache.

Abb. 61.
Meerkrokodile (Teleosaurier) der Jurazeit in ihrem natürlichen Lebensbilde wiederhergestellt. Es ist dabei angenommen, daß wenigstens dieser Typ nicht ausschließlich im Meere schwamm, sondern sich gelegentlich auch noch schwerfällig kriechend am Ufer bewegte. Zu der Darstellung sind zu vergleichen Abb. 60 und vor allem das Bild auf Tafel 20. Während heute alle Krokodile Bewohner der heißeren Zonen sind und dort wesentlich im Süßwasser leben, fanden sich diese Meer-Teleosaurier zur Jurazeit auch bei uns, wo es freilich damals tropisch warm war.

Man wird ihnen stets zutrauen, daß sie nebenher doch auch noch aufs Land kriechen konnten, wenn sie wollten, obwohl sie regulär wohl schon draußen Meerfische und Tintenfische jagten.

Und so treten sie uns in Holzmaden mit hauptsächlich zwei Arten entgegen, einer zierlicheren von zweieinhalb Metern neben einer großen bis beinah fünf. Ich fasse sie mit der ganzen Gruppe unter Weglassung von ein paar schwer zu sprechenden und fast unübersetzbaren Spezialnamen unter das Wort des Teleosaurus zusammen, das man nach telos griechisch das Ziel, etwa im Sinne deuten mag als das jetzt in sich »vollendete« Echtkrokodil der Saurierstufe.

Ganz abgeschlossen sollte es aber auf dieser Stufe auch noch nicht sein, vielmehr noch ein zweites Kapitel, wie gesagt, erleben. Und auch von dem finden wir an andern Stellen Süddeutschlands die Reste in den etwas späteren und mehr obern Jurameerböden. In der Zwischenzeit hatte das Krokodil offenbar doch noch ganz gewaltige Fortschritte nach Seiten der Ozeaneroberung gemacht, so daß es jetzt tatsächlich zu einer Art »krokodilischem Ichthyosaurus« geworden war.

Es ist das Extrem, das man den Typ der Thalattosuchier nennt, zu deutsch am besten den der ganz freien Hochseekrokodile – von thalatta (man denke an Xenephons tapfere Griechen und ihren Jubelruf) Meer und einem alten Herodot-Wort suchos für das Nilkrokodil.

Diese langen schmucken Gesellen mit einem haarsträubenden Gebiß, und alle mit richtigen Ichthyosaurusbrillen, hatten sich nunmehr auch nackt gemacht wie professionierte Sportschwimmer, und einmal so weit, auch die nackte Haut zum schönsten ichthyosaurischen Flossensystem ausgebaut – die Pratzen zu mehr oder minder echten Paddeln, auf dem Hinterrücken in einen Firstkamm, den alten Krokodilschwanz aber schließlich gar zur gleichen senkrechten Ichthyosauruschraube mit der Wirbelsäulenspitze im untern Flügel – ein Parallelismus der Anpassung, der etwas von einem Wunder hätte, wenn man nicht wüßte, wie der gleiche Sinn schließlich die gleiche Sache herauszaubert – im Tier- wie im Menschenleben.

Abb. 62
Nachdem die echten Krokodile vom Teleosauriertyp (vgl. Abb. 61) sich schon ausgiebig auch ins Meer gewagt hatten, ging eine verwandte Gruppe damals zu ganz reinen Hochseeschwimmern mit extremster Anpassung über. So erscheint hier der Geosaurus, ebenfalls noch aus der Jurazeit. Man beachte die teilweise schon ichthyosaurushaft zur Paddel gewordenen Füße und die Schwanzflosse von völligem Ichthyosaurusbau. Ein Panzer fehlte genau wie beim Ichthyosaurus. Der wunderbar feine Kalkstein von Eichstätt bei Solnhofen hat auch von solchem Tier ein noch mit dem Hautumriß erhaltenes Exemplar geliefert, das jetzt im Britischen Museum zu London ist. Die Größe dieser Hochseeschwimmer ging von wenig über 1 m bis 6 m, bei furchtbarem Gebiß.

Wobei wir auch diesmal von der Hautsilhouette, die lebend wie eine Mimikry auf Ichthyosaurusmodell ausgesehen haben muß, wissen, weil einmal in besonders feinem weißen Kalkstein unseres Frankenlandes ebenfalls ein ganzer Abdruck (er ist jetzt im Britischen Museum) sich erhalten hat.

Abb. 63.
Das Bild gibt das Skelettchen eines wahren Miniaturkrokodilchens von einem andern urweltlichen Typ: den Alligatorellus (Zwergalligator) aus oberen Juraschichten Frankreichs, der mit sehr großen Augen und langem Schwanz nur 0,22 m groß wurde. Verwandte Liliputaner (Alligatorium) mit 0,40 m bewohnten auch brackische Ufersümpfe der Korallenlagunen von Solnhofen.

Zu mosasaurischen Riesen ist es jedoch nicht gekommen, das größte Hochseekrokodil des Typs war seinerzeit nur 6 m lang – auch krokodilisch nicht allzuviel, wenn man bedenkt, daß ein ausgestorbener Süßwassergavial der späteren Elefantenurwelt Indiens es einmal bis zu vollen 15 m gebracht hat. Ein altes Brackwasseralligatorchen ist allerdings gelegentlich noch unter den Aetosaurus gesunken – bis auf 22 cm. Ein Krokodil für Zimmeraquarien!

Ob aber groß oder klein: zuletzt hat auch dieses Ozeanexperiment mit all seinen technischen Wundern noch im Urweltbilde selber wieder abgeflaut.

Schon in der Kreide zog das krokodilische Unwesen sein Meerkorps wieder auf der ganzen Linie zurück, ließ seinen Typ als Seesaurier fallen und ging (mit den heutigen immer näheren Formen) ins Süßwasser heim, wo es jetzt noch waltet. Warum? Ja, da darf man bei diesen Urweltwegen noch nicht allzu fürwitzig fragen.

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