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Das Leben der Urwelt

Wilhelm Bölsche: Das Leben der Urwelt - Kapitel 2
Quellenangabe
typetractate
authorWilhelm Bölsche
titleDas Leben der Urwelt
publisherGeorg Dollheimer in Leipzig
printrun1. bis 10. Auflage (1. bis 100. Tausend)
illustratorHugo Wolff-Maage
year1931
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Tafel 1
Langhalsige Meersaurier (Plesiosauriden) im schwäbischen Meer der Jurazeit.

Der liebenswürdige Astronom Schröter im 18. Jahrhundert hat einmal gesagt, seine Wanderungen mit dem Fernrohr auf dem Mond hätten ihm Ersatz für so manche Erdenreise geboten, die das Schicksal ihm versagt.

Ich glaube, daß man das hübsche Wort mit noch mehr Recht auf die Urwelt anwenden darf, wie sie heute wieder vor uns aufgetaucht ist.

Auch sie führt in fremde Zonen und Meere, zu geheimnisvollen Wäldern und seltsamster Tierwelt, kaum daß wir unsere engste Heimat dafür zu verlassen brauchen – nur mit etwas Zeitvertauschung und etwas Zauberstab der Phantasie, der viele kleine graue Tatsachen der Forschung wieder zu wirklichem Licht, zu Farbe und Gestalt zu beleben weiß.

Ja, sie greift hinaus über die einfache Touristenfreude in das große Neuentdeckergebiet selbst.

Unsere gegenwärtige Erde ist heute bald ausentdeckt – ihre Pole sind erobert, ihre Kontinente und Ozeane überquert, schon sinkt das Lot in die Tiefsee und hebt sich das Luftfahrzeug zu den oberen Schichten der Atmosphäre. Nun tauchen in dieser Urwelt sozusagen unter unsern Füßen ständig neue und andere solche Erden aus dem Blau der Vergangenheit – nicht eine bloß, sondern eine ganze Reihe in sich folgender Perioden hintereinander, von denen jede wieder ihren eigenen Kolumbus zu verlangen scheint.

Die gewaltigste, die überwältigendste aber wieder dieser Vorerden, die alles weit überstrahlt, was Kolumbus selbst an seinem ersten Amerikamorgen erleben sollte, ist die der sogenannten großen Saurier.

Abb. 1.
Der Mittagsstein auf dem Kamm des Riesengebirges als Beispiel der fortschreitenden Wieder-Verwitterung aller Gebirge der Erde. Ursprünglich lagerten hier horizontale Schiefer. Als diese bei einer alten Gebirgsbildung gefaltet wurden, drang von unten glühende Masse ein, die in der Tiefe zu Granit erstarrte. Jetzt sind die Schiefer selbst schon abgewittert, der Granit liegt frei und kommt nun selbst zum Zerfall durch Verwitterung.

Sie ist nicht die erste, bis zu der unser so gestellter Entdeckerblick reicht. Ein noch älterer Wald, ein noch älteres Meer gehen ihr voraus, auch ohne daß wir schon an die letzten Sterngeheimnisse unseres Planeten oder die Rätsel des Lebens als solche zu rühren brauchten. Fremde, schon in ihr selbst wieder verschollene Gebirge spiegelten sich dort, noch ältere Tiere bewegten sich, selbst eine Eiszeit war schon einmal nahe vor ihr gekommen und wieder vorübergegangen. Aber zum erstenmal auch in diesem Urweltsinne ganz hell erscheint sie, und in dieser magischen Helle lebt sie zugleich jetzt eine dämonische Urkraft noch einmal aus, die an die wildesten Heldensagen und Titanenschlachten unserer alten Völker erinnert, ohne daß sie doch aufhörte, wahr zu sein – so wahr wie irgendein wirklicher Entdeckerfund unserer Cook oder Stanley.

Abb. 2.
Beispiel versteinerter Tierreste: eine Anzahl Rückenpanzer sogenannter Trilobiten auf gleichem Gesteinsstück noch sichtbar. Die Trilobiten waren eigentümliche Krebse in den ältesten uns noch bekannten urweltlichen Meeren aus einer heute vollkommen wieder ausgestorbenen Ordnung.

Ich stelle das Bild dieser Epoche voran, um den Blick gleich auf die allerabenteuerlichste Urwelt zu vereinigen.

*

Was ein »Saurier« sei, das glaubt in unserer heutigen Bildung schon ein braver Schulknabe zu wissen, wenn er's auch nicht wirklich genau weiß. Vom Ichthyosaurus singt der Student, und beim ungeheuren Brontosaurus mit dem kleinen Kopf knüpfen unsere Tageszeitungen an, um etwas scheußlich Ungeheures zu vergleichen, das riesendumm alles niedertrampelt.

Das zugrunde liegende griechische Wort ( sauros oder saure) bezeichnet aber zunächst selbst noch nichts Urweltliches, sondern nur unseren einfachen heutigen Begriff Eidechse. Also eigentlich etwas, das noch in der hellen Sonne vor uns herumschwänzelt und bei einer Italienfahrt lustig von jeder Bruchmauer äugt. Zoologisch aber sind die Eidechsen Reptile, und das ist in Wahrheit der umfassendere Begriff, der zuletzt auch bis in jene Urwelt hinübergreift.

Man kennt ungefähr das allgemeine Bild des tierischen Systems, wie es die neuzeitliche Entwicklungslehre zugleich gern von unten nach oben als eine Art verzweigten Stammbaums denkt.

Abb. 3. Versteinerte Seelilie.
Beispiel eines versteinerten (fossilen) Tieres: eine sogenannte Seelilie ( Encrinus lililiiformis) aus dem deutschen Muschelkalkmeer der Urwelt. Die Seelilien waren keine Pflanzen, sondern Tiere aus der Verwandtschaft unserer Seesterne und Seeigel, die meistens mit einem langen Stiel an ihrer Unterlage hafteten.

Abb. 4.
Beispiel der Wiederherstellung eines versteinert überlieferten Tieres aus den Meeren der Urwelt: eine Seelilie vom Typ der in Abb. 3 als solche Versteinerung gegebenen, wie sie nach Ansicht von Walther in ihrem Muschelkalkmeer wirklich aussah. Man vergleiche damit auch das Bild auf Tafel 14 (Seelilie), sowie auf Tafel 4 (Blick in das Tierleben unseres Muschelkalkmeers), wo links verschiedene solcher Seelilien ebenfalls in natürlicher Wiederherstellung zu sehen sind.

Ganz unten sind noch die einfachsten, ganz urtümlichen Stufen, sagen wir die Infusorien, die noch etwas gegen die Pflanzen verschwimmen. Dann folgt heraufsteigend eine Reihe mehr oder minder paralleler Äste oder Stämme: polypen- und quallenhafte Geschöpfe, echte Würmer, Typ Seestern oder Seeigel, Typ Muschel – Schnecke – Tintenfisch, ein solcher Ast oder Stamm zum Krebs und Insekt strebend und endlich ein sehr hoher, fast möchte man vom Endergebnis sagen, zentraler: die Wirbeltiere.

Abb. 5.
Beispiel des in dieser Gestalt versteinert erhaltenen Gehäuses eines den Tintenfischen verwandten Tieres, sog. Ammonshorn. Die schönen, meist eingerollten Schalen wurden entsprechend ihrer Art von den Bewohnern selbst gebildet und enthielten eine Reihe von Kammern, in deren vorderster und größter das erwachsene Tier saß. In dieser Form sind die Ammonstiere (Ammonoideen) heute ausgestorben. Die abgebildete Art ( Ceratites nodosus) lebte zahlreich im deutschen Muschelkalkmeer. (Ein Drittel der natürlichen Größe.) Siehe auch das Bild auf Tafel 37.

Auch sie heben noch fast wurmhaft unten an, werden dann im Wasser kiemenatmender Fisch, steigen als Amphibium oder deutsch gesagt, Lurch ans Land mit noch halb Kieme, halb schon Lunge (eben beidlebig, was das Fremdwort Amphibium ausdrücken soll), und kommen endlich im Reptil selbst (Kriechtier etwas mangelhaft zu übersetzen, denn das Kriechen ist nicht die Hauptsache) zur reinen Lungenatmung, die ihnen auch als entscheidend bleibt, selbst wenn sie nachträglich wieder gelegentlich ins Wasser zurückgehen. Jenseits gipfeln in ihnen noch die Vögel und Säugetiere, die wir aber hier beiseite lassen wollen, obgleich wenigstens die letzteren schließlich zu uns selbst steuern – wir wollen vorerst ankern im System beim Reptil.

Abb. 6.
Beispiel eines versteinerten Ammonshorns (Gehäuse eines tintenfischähnlichen Tieres, vgl. Abb. 5) von anderer Gestalt ( Cosmoceras jason aus dem Jurameer). Diese Schalen zeigten wundervolle Kunstformen der allerverschiedensten Art.

Heute gibt es auch in ihm nicht bloß jene Eidechsen, sondern selber noch vier verschiedene andere Eigentypen, von denen drei auch jeder kennt: die den Eidechsen sehr nahe Schlange, die sozusagen in sich selbst eingemauerte Schildkröte und (immerhin ein wirkliches fernes Abenteuer, zu dem man, um es in der Natur selbst zu erleben, heute eine Reise tun muß) das Krokodil. Als fünfter Typ kommt dazu als weniger bekannt noch die seltsame sogenannte Brückenechse von Neuseeland, die (wie noch zu besprechen) selber eigentlich einen noch in unsere Tage ragenden echten urweltlichen »Saurier« darstellt.

Abb. 7.
Versteinertes Ammonshorn (Gehäuse eines tintenfischähnlichen Geschöpfes, vgl. Abb. 5) von vorne gesehen. ( Macrocephalites macrocephalus aus dem schwäbischen Jurameer.)

Im ganzen immer noch eine recht zahlreiche Gesellschaft mit über viertausend lebenden Arten und manche dabei auch jetzt respektabel groß – Riesenschlangen und solche Krokodile bis immerhin 10 und 12 m – also sechs- oder siebenmal in der Länge ein großer Mensch und auch diesem Menschen so nicht immer ungefährlich. Wegen des wenigstens normal sogenannten »wechselwarmen «, das heißt nach der Außentemperatur jeweilig gestimmten Blutes pflegt das ganze Volk und gerade auch in diesen größten und bösesten Arten heute stark nach den wärmeren, für sein Temperament anregenderen Zonen orientiert zu sein.

Und allgemein an diese Reptilien schließen nun auch die urweltlichen »Saurier« – sie waren ebenfalls im Sinne, wie ich sie hier fasse, sämtlich echte Reptile, obwohl keineswegs darum alle nur Eidechsen, wie der Name glauben machen könnte. Einige gingen selber noch in die andern genannten Reptiltypen von heute ein – noch andere aber, ja die meisten und merkwürdigsten, reichten weit auch noch über diese hinaus in eine schier unerschöpfliche Welt reptilischer Sondergestaltung, die jener ihrer großen Urweltepoche als solcher ausschließlich angehörte und heute wieder gänzlich ausgeschieden und uns nur noch in mehr oder minder gut erhaltenen »versteinerten« Resten, wie man das nennt, erhalten ist.

Der geschichtliche Sachverhalt war jedenfalls der, daß auch zu jener langen und wunderbaren Urweltepoche die tierische Entwicklung schon bis zum Reptil überhaupt angestiegen war.

Bereits in den ältesten uns bekannten Urweltmeeren war das Tier als Polyp, als Qualle, als Seestern, als Schnecke und Krebs aufgetaucht – sehr früh auch schon im Wirbeltier als Fisch.

Im ersten alten Walde war dann dieses zunächst fischhafte Wirbeltier selbst zum Amphibium auf der Grenze von Sumpf und Land geschritten, ähnlich wie parallel jenseits des Krebses damals das Gliedertier zum Insekt. Eine Weile und auch noch in den Anfang unserer Saurierepoche selbst hinein hatte auch dieser amphibische, molchhafte Typ eine Anzahl größerer urweltlicher Scheusale, die entfernt an unsere Krokodile erinnerten, erzeugt, und öfter wendet man auch auf sie in der Fachsprache schon das Wort Saurier an – doch wollen wir hier als verwirrend lieber davon absehen und den Ausdruck auch damals rein den Reptilen aufsparen.

So trat eben alsbald und in unser engeres urweltliches Großzeitalter hinein jetzt auch diese Stufe des mittleren Wirbeltieres in ihnen vollgültig hervor und zwar sofort in einer so ungeheuerlichen Entfaltung, daß eine Weile sozusagen die ganze Erde, Meer, Land und Luft davon als ihrer sichtbarsten Kreatur erfüllt und beherrscht schien – Anlaß, von einer Erde oder Zeit der Saurier wirklich allgemein damals zu sprechen. Vogel und Säugetier spielten neben dieser extremen Reptilblüte noch gar keine oder doch eine völlig verschwindende Rolle, dafür aber äußerte diese urweltliche Saurierschöpfung selbst zunächst jene Eigenkraft, die gar nicht zu überbieten schien.

Abb. 8.
Beispiel eines versteinerten Ammonshorns (vgl. Abb. 5) mit loser gerolltem Gehäuse. ( Crioceras Duvalii aus dem Meer der Kreidezeit.)

Habe ich gesagt, diese Urwelt-Erden glichen geographisch neu zu entdeckenden Kontinenten für uns, so müßten wir uns hier einen Kolumbus oder Cook denken, die solchen Erdteil, statt mit Elefanten, Nashörnern, Nilpferden, Giraffen und Straußen, mehr oder minder ganz mit bizarrsten Reptilgestalten erfüllt gefunden hätten – manche davon selber Nashörnern, Nilpferden oder Giraffen nicht unähnlich, manche wie Känguruhs oder Strauße aufrecht auf den Hinterbeinen trabend und noch andere gar wie Vögel in der Luft fliegend, aber doch alle dabei echte Reptile.

Abb. 9.
Weiteres Beispiel eines versteinerten Ammonshorns (vgl. Abb. 5) der Kreidezeit mit noch stärkerer Änderung der einfachen Spirale des Gehäuses ( Macroscaphites Ivanii).

Dem Entdecker möchte ja zunächst zumute geworden sein, er sei auf einen ganz andern Planeten verschlagen – so wie Cortez einst aus Mexiko an seinen Kaiser Karl V. schrieb, er schiene sich auf den Mond versetzt.

Abb. 10.
Beispiel eines versteinerten Ammonshorns (vgl. Abb. 5) mit fast ganz aufgerollter und gestreckter Spirale des Gehäuses ( Ancyloceras Renauxianus aus dem Kreidemeer).

Es war aber schon ein reichlich merkwürdiges Land selber, dieses Saurierland.

Vergegenwärtigen wir uns kurz seine Staffage, so war es als Bühne kaum weniger fremdartig als die Tierentfaltung, die es trug.

Tafel 2
Altes Phantasiebild von Sauriern

Kontinente und Meere waren damals noch wesentlich anders verteilt auf unserm Globus – fast alles, was wir heute auf der Schule gelernt haben von unsern fünf Erdteilen, unsern großen Ozeanen, müssen wir dazu über Bord werfen.

Als die auch in Urweltmaßen ungeheuer lange Epoche begann, bestand von den heutigen Meeren aller Vermutung nach hauptsächlich nur der Stille Ozean. Er bildete auch damals schon eine Art blauer Wasserseite des Planeten, sogar größer als heute.

Von ihm ging dann ein breiter Wasserring ungefähr in der Richtung des Äquators um die übrige Wölbung herum – über das heutige Mittelamerika, das Mittelstück des Atlantischen Ozeans, unser gegenwärtiges Mittelländisches Meer und quer durch unser Asien wieder zu ihm zurück.

Die Festlandmassen aber bildeten nördlich und südlich von diesem Ring je einen einheitlichen, lang gestreckten Riesenkontinent. In dem obern, nördlichen, dem großen »Nordland«, steckten unser Nordamerika, Grönland, Europa und das abgeschnittene Nordstück von Asien, alles landfest verbunden, daß man trockenen Fußes ostwärts von Kalifornien bis nach Japan hätte gehen können.

Während der entsprechende Südblock Südamerika, den Hauptteil von Afrika, Madagaskar, das abgeschnittene Arabien, Indien und das Festland von Australien umschloß, ebenso ohne innere Wassertrennung in eines aneinander geschweißt, daß der Wanderer hier ostwärts von Brasilien bis Neuseeland trocken passiert hätte.

Wenn man sich die Meere von damals bläulich und die Landringe (wozu mancher Anlaß) rötlich dächte, so müßte die Erde von fern gesehen beinah erschienen sein wie der Planet Mars auf manchen neueren Karten.

Tafel 3
Fund eines urweltlichen Baumstamms

Man hat, um der Fremdartigkeit Rechnung zu tragen, einige neue Namen für diese sonderbare Lage der Dinge von damals erfunden. So hat man das große, mehr als die Hälfte der Kugel umspannende ringförmige Mittelmeer zwischen den zwei Riesenerdteilen die Tethys genannt – nicht nach der bekannten Achillesmutter bei Homer (dann müßte es Thetis geschrieben werden), sondern der Gattin des Okeanos und Urmutter aller Dinge im Griechenglauben.

Das Südland selbst aber pflegt man als Gondwanaland zu bezeichnen nach der Heimat des Volksstammes der Gonds in Vorderindien, wo man zuerst Gesteinsschichten der Zeit fand, die auf die Lostrennung Indiens vom übrigen Asien in jenen Tagen und seine Zugehörigkeit zu der Südmasse jenseits der Tethys deuteten.

Die großen Gebirgsketten, die heute dieser Tethys überall den Weg sperren würden, existierten dabei selber noch nicht – erst viel später sollten sie durch gigantische Faltungen der Erdrinde aufgetürmt werden. So konnten die Wasser des großen Ring-Mittelmeers in Mittelamerika glatt über den Fleck gehen, wo jetzt die Kordillere trennt, in unserm heutigen kleinen Mittelmeer, das sie viel breiter nahmen, konnten sie die Gegend der Alpen selbst überspülen und in Asien gar die Stätte des gegenwärtigen himmelhohen Himalaja.

Es hatten zwar, wie erwähnt, schon einmal ältere solche Gebirge bestanden, die durchweg ganz anders lagen (z.B. eine hohe Alpenkette vom Riesengebirge westwärts quer durch ganz Deutschland), aber sie waren bei Anbruch der Saurierperiode selber schon wieder fast ganz heruntergewittert und zu rotem Schutt geworden, der in unendlicher Ausdehnung sowohl den Nord-, wie den Südkontinent bedeckte und ihnen vielfach den Charakter etwa der heutigen innerasiatischen Taklamakan-Wüste mit wandernden, oft ganz austrocknenden Seen und abflußlosen Flüssen verlieh.

Abb. 11.
Beispiel eines versteinerten Ammonshorns (Gehäuse eines tintenfischähnlichen Tieres, vgl. Abb. 5), bei dem die Schale in vollkommen schraubenförmiger Schneckenspiele gerollt ist – Beweis des unerschöpflichen Reichtums der Gestaltung in dieser gleichen Tiergruppe der Urwelt. ( Turrilites Catenatus aus dem Meer der Kreidezeit.)

Mit solchem geographischen Allgemeinbilde als Bühne setzte unsere Reptilzeit ein.

Da ihr Spiel aber dann wirklich außerordentlich, nach heutigem Geschichtsmaß geradezu unfaßbar lang sich dehnte, wurde in ihr auch diese Landkarte noch wieder Ereignis vieler eigener Wandlungen, ohne daß doch auch sie bis zum Schluß das seltsame, von heute so weit abweichende Eigenwesen verloren hätte.

Abb. 12.
Beispiel der Wiederherstellung eines urweltlichen Tieres in mutmaßlicher Lebensgestalt: in diesem Falle eines unseren Tintenfischen verwandten Geschöpfe ( Orthoceras nodulosum aus den alten Meeren der sog. Devonzeit), das ähnlich wie die Ammonstiere (vgl. Abb. 5) in einem gekammerten Kalkgehäuse von diesmal gestreckter, nicht eingerollter Form saß und auf Fische räuberte.

In jenem Beginn scheinen die beiden einzig vorhandenen Großkontinente oberhalb und unterhalb der Tethys tatsächlich ganz geschlossen einheitlich gewesen zu sein – man hat wenigstens für die Landseite der Erde gelegentlich das hübsche Wort von einer »geokratischen« (landherrschenden) Staffage darauf geprägt, bei der die Tethys wirklich bloß eine Art in der Mitte durchquerender Rinne bildete.

Das Hauptspiel der Folge in der Saurierzeit selbst sollte aber dann ein zeitweises Immermehr-Anwachsen gerade dieser Tethyswasser selbst sein (bei mehr oder minder Ruhe des Hauptbeckens im Stillen Ozean, von dem sie nach wie vor kamen und zu dem sie gingen), indem sie sich in vielfältigen Überflutungen doch auch in die zwei Kontinente ergossen, während diese selbst eine gewisse eigene Tendenz zeigten, in großen Längsspalten auseinander zu brechen oder zu rücken – wobei dann das Meer auch diese Spalten zu eigenen Durchgängen dauernd oder vorübergehend benutzte.

Abb. 13.
Beispiel einer schönen Versteinerung aus der Tierklasse der Seeigel (Cidaris coronata), gefunden im obern Juragestein von Württemberg. Links von oben gesehen, rechts mit teilweiser Ergänzung der abgebrochenen Stacheln.

Im zweiten und letzten Drittel der Epoche kam es so mehrfach offenbar zu wahren Sintfluten, in denen weite Teile der beiden Festländer zeitweise ganz unterzugehen drohten, so daß man jetzt eher von einem thalassokratischen (wasserherrschenden) Zeitalter sprechen konnte.

Vieles Extremste auch davon ist dann allerdings wieder zurückgegangen, während andererseits gegen Ende der Epoche sich besonders im Sinne jener großen Spalteneinbrüche eine Dauertendenz geltend gemacht hat, die auf die späteren und heutigen geographischen Verhältnisse der Land- und Meerverteilung sichtbar stärker zuschritt.

Abb. 14.
Beispiel einer versteinerten Muschel (Diceras arietinum) aus dem Jurameer. Zweidrittel der natürlichen Größe.

So zerbrach bereits eine ganze Weile vor Torschluß das Gondwanaland zwischen Indien, Südafrika und Australien so andauernd (lange nur durch eine Art Halbinsel vom Kap der Guten Hoffnung nach Indien sich halbwegs noch markierend), daß man empfindet: es wollte sich der heute weithin mit blauer Wasserfläche dort trennende Indische Ozean endgültig bilden – wie sich dann nach der Zeit in einer folgenden geologischen Ära auch der Atlantische Ozean nach Norden zwischen Amerika und Europa und südlich zwischen Südamerika und Afrika eingekeilt hat, was aber nicht mehr in unsere Erzählung hier fällt.

Abb. 15.
Merkwürdige versteinerte Muschel des Kreidemeeres mit sehr ungleichklappigen dicken Schalen, von denen die kegelförmige rechte mit der Spitze aufgewachsen war, während die linke eine Art Deckel dazu bildete. Diese Muscheln traten als sog. Rudisten damals in ungeheuren Mengen riffbildend auf und wurden bis 1 m groß. Man stritt sich lange, ob es nicht Korallen wären. Die dargestellte Art ist Hippurites Gosaviensis.

Wobei ich einflechten will, daß man über die eigentlichen Ursachen dieses Wechselspiels der Karte heute noch sehr verschiedener Meinung sein kann. Die meisten Gelehrten nehmen an, daß es sich dabei um wirkliche Hebungen und Senkungen des Bodens gehandelt habe, die bald zu größerer Verlandung und dann wieder stärkeren Überflutungen und Einbrüchen führten. Während andere die Kontinente von jeher selber für beweglich halten, sich auflösen, voneinander oder näher zueinander gleichsam schwimmen lassen, wobei auch für Spalten und Zwischenmeere Raum geworden wäre; man müßte dazu annehmen, daß die Sockel dieser Erdteile in einer veränderlichen Tiefenmasse nicht ganz fest wurzelten. Doch sind das einstweilen bei allem Verführerischen der Theorie noch unentschiedene Fragen.

Abb. 16.
Beispiel eines versteinerten Schwamms (Kieselschwamm) aus dem Kreidemeer. (Siphonia tulipa), links natürliche Größe im Durchschnitt, rechts mit Stiel und Wurzel halb naturgroß. Die Schwämme waren keine Pflanzen, sondern sehr niedrig organisierte Tiere.

Tatsache ist jedenfalls, daß sich auch heute vor unsern Augen noch gewisse Küsten langsam heraufheben (z.B. in Schweden), andere ebenso deutlich sich senken (z.B. an der Nordsee; fast ganz Frankreich sinkt im Jahrhundert um 3 m) und die Alpen sich noch jetzt nach Norden vorschieben. Gewisse Bruchspalten inmitten der Kontinente machen sich durch Erdbeben auch jetzt geltend, durch Ostafrika geht z.B. ein ungeheurer, offenbar noch nicht ganz durchgesetzter Bruch, der im äquatorialen Seengebiet anfängt und bis über den Jordan in Kleinasien heraufreicht. Und so wird es auch in jenen Tagen, wenn wir geologische Maße an Zeit hinzunehmen, nicht anders gewesen sein im großen Stil einerlei was nun zuletzt der Grund war.

In ungezählten erhaltenen Meeresablagerungen erkennen wir noch, wie das Meer auch in ihnen in oder zwischen die anfänglichen roten Wüsten eindrang, um sich wieder zurückzuziehen und nochmals zu kommen – ein unaufhaltsamer Kulissenwechsel, der den Wandel im Spiel des Lebens begleitete und erklärt, während über dem Ganzen doch jener Zug des Märchenhaft-Fremdartigen bleibt, der auch dieses Leben von damals für uns nie verläßt.

In diese große Bühne können wir dann eine Menge einzelner charakteristischer Züge noch hinein verlegen, an denen im engern wieder deutlich wird, einerseits wie lang und andererseits wie unerschöpflich reich eben durch die Abwechslung des Milieus diese Epoche gewesen sein muß.

Fixieren wir einen Augenblick noch näher die Karte von Saurier-Europa, wie es damals war.

*

Heute ist Europa eine Halbinsel von Asien, im Süden noch von einem durch die Aufrichtung der Alpen winzig eingeengten Restteil der alten Tethys bespült, gegen Westen durch einen unabsehbaren Wasserspiegel von Amerika getrennt. In der Ouvertüre jener Großzeit steckte es dagegen fast ganz mit in dem ungeheuren Einheitsblock des Nordkontinents, hatte Teil an seinen rotbunten Schuttwüsten, die sich nach Nordamerika wie Nordasien hinein ausdehnten. Noch ist ein prachtvoller roter Stein in unserm Deutschland davon erhalten geblieben, aus dem das Mittelalter hohe Dome gebaut hat in Kulturtagen, die von all diesen Naturwundern selbst doch noch nichts ahnten.

Abb. 17.
Lebendes Radiolarien-Tierchen (Heliosphaera actinota). Die Radiolarien sind winzige einzellige Urtierchen, die berühmt geworden sind durch die Tausende von wundervollen »Kunstformen der Natur«, die ihre zahlreichen Arten meist aus Kieselsäure als Skelett herstellen. Diese Skelette finden sich in unendlichen Mengen an gewissen Stellen im Schlamme der Tiefsee gehaust. Es ist eine überaus merkwürdige Tatsache, daß diese Radiolarien schon zu den ältesten bis jetzt bekannten Organismen der Urwelt gehörten (vgl. Abb. 18).

Früh machte dann die Tethys schon einmal einen Ausfall, warf über Oberschlesien ein kleines Binnenmeer auch bis zu uns ins Herz hinein, das hellen Kalk auf den bunten Wüstenplan absetzte, das sogenannte Muschelkalkmeer, das aber selber zunächst wieder verging, um brackischen Urkrokodilsümpfen Platz zu machen.

Nach der hier so hübsch erkennbaren Dreiteilung der Ablage hat man diesen ersten Akt des Spiels im braven Schwaben, wo allzeit die Versteinerungskunde blühte, vor jetzt rund hundert Jahren die Trias oder die Dreiteil-Periode genannt – ein Wort, das später auch allgemein übernommen worden ist, obwohl es eigentlich nur einen lokalen Sinn hatte.

Abb. 18
Kieselskelette urweltlicher Radiolarien (vgl. Abb. 17) aus der weit zurückliegenden Silur- und Devonzeit – 100- bis 120mal vergrößert. Die regelmäßige Schönheit dieser Skelette war bereits damals und noch früher zu voller Höhe entwickelt.

Inzwischen ging aber die Verlandungsperiode im ganzen zu Ende und die stärkere Wasserweltherrschaft machte sich auch hier geltend.

Die Tethys fraß sich jetzt das gesamte Haupteuropa als Bucht aus jenem Block des großen Nordkontinents heraus, wobei das Meer diesmal von Südwesten einbrach, über die Stätte des heutigen Schweizer Juragebirges hinweg. Jura ist ein altes keltisches Wort und sagt so viel wie Wald. Daraus sollte der große Alexander von Humboldt seiner Zeit auch wieder ein Wort bilden für dieses zweite Drittel der Sauriertage, das schließlich ebenso zu einer Generalbezeichnung geworden ist: Jura-Zeit.

Eine Weile schnitt das Meer, wenn wir es so nennen sollen, das jetzt aufbegehrende Jurameer, mit großen stagnierenden Buchten erneut bis Schwaben hinein, all sein Getier mitreißend. Bis es endlich alles überschwemmte bis Skandinavien hinauf, daß in der blauen Wasserweite nur einzelne Inselschwärme noch stehen blieben wie in den Archipelen der heutigen Südsee – eine Ähnlichkeit, die sich noch verstärkte durch zahlreiche Riffbauten korallenhafter Tiere (Randriffe und sogenannte Atolle) auch in diesem »Meer-Europa«.

Abb. 19.
Ringförmiges Korallenriff, sogenanntes Atoll. Die riffbauenden Korallen sind kleine Tiere der warmen Meere, die ungeheure Kalkmauern herstellen können. Bei diesen Atollen nimmt eine gangbare Erklärung an, daß ursprünglich in dem Ring eine Insel lag, um die jene Korallen ein Uferriff gezogen hatten. Indem die Insel dann durch Senkung des Bodens verschwand, die Tiere aber ihr Riff beständig aus der Höhe hielten, entstand der frei aus dem Meer ragende Ring. Im Zeitalter der großen Saurier gab es solche Korallenatolle auch in deutschen Meeren.

Man ahnt, daß in solchen extremen Wassertagen auch die Landtierwelt vielfach wieder einen verstärkten Zug zum Fisch angenommen haben müßte, wovon wir gleich die Beispiele sehen werden.

Nur Skandinavien als solches blieb stehen, wurde aber bald durch Spaltenbrüche rechts und links ebenfalls zu einer großen Insel, die nun etwa wie Neuseeland zu den mitteleuropäischen Südsee-Sporaden ragte.

Im Grunde hat man das Gefühl, daß dieses Europa, das in späten Menschentagen eine so ungeheure weltgeschichtliche Rolle spielen sollte, schon damals ein besonderer Angriffspunkt weltverwandelnder Mächte war, was dann geologisch immer wieder gekommen ist, bis endlich das Geistige überwog. Man möchte sich manchmal solchen Erdteil wie einen eigenen Organismus denken, der durch hundert Schicksale und Prüfungen ging und dabei seinen Schöpfungsgedanken bewährte – wie später mit Kulturmenschen, so damals mit Sauriern.

Auch der Jura-Akt schwand aber noch einmal innerhalb der großen Epoche. Ehe eine zweite noch größere Meeresinvasion folgte, schob sich auch diesmal wieder ein Intermezzo mehr oder minder schwankenden Halb-Landes für große Strecken ein – mit flachen Süßwasserseen, unheimlichen Morästen, tiefen Dschungeln, hohlen Flußgründen und riesigen Delten nach Art des heutigen Amazonas oder Orinoko – recht eine Staffage, sie, auch wenn man gar nichts von einer Saurier-Zeit wüßte, in der Phantasie mit sagenhaften Lindwürmern und stapfenden Unholden des verwunschenen Holzes oder trügerischen Moors zu bevölkern.

Neue fast reine Wassertage brachte dann der dritte und letzte Akt, in dem fast ganz Europa abermals bis an den Rand seines letzten Nordstücks von der Tethys übermannt wurde. Wer heute an den lieblichen Gestaden der deutschen Ostsee auf Rügen oder den Steilküsten Dänemarks oder Englands das leuchtend weiße Gestein der Schreibkreide vorbrechen sieht, der ahnt wohl meist nicht, daß er selbst hier noch auf dem alten Rande des Mittelmeers von damals wandelt, das diese heute hoch aufgebäumte Kreide aus den Kalkschälchen ungezählter mikroskopisch kleiner Urtierchen in einer letzten Flachsee niederschlug. Man hat abermals den ganzen letzten Teil der Epoche danach die Kreideperiode benannt, obwohl auch sie in ihrem langen Lauf anderorts noch ganz anderen Flutabhub in Masse hinterließ, z. B. die heute keineswegs schreibkreidehaften versteinten Sanddünen der Sächsischen Schweiz.

Ganz aufs Ende ist doch auch diese Kreide-Sintflut noch einmal, wie überall, so auch in Europa weithin abgeebbt, womit dann die große Saurierzeit selber ebbte und endete.

*

An dieses bewegte Europabild mag aber wieder die eine oder andere noch gigantischere Vision schließen auch über den sonstigen weiten Erdenraum fort.

Als bei uns jene Dreiteil-Epoche (Trias) sich abspielte, wuchsen am wirklichen Tethysrande wahrhaft ungeheure Saumriffe in der blauen See als Werk ungezählter Generationen von Korallen und Kalkalgen empor, die heute hochgebracht und zu tollen Nadeln verwittert noch das Staunen unserer Touristen als die Dolomitalpen Tirols wecken.

In jener unheimlichen Waldepoche zwischen Jura- und Kreidemeer mündeten noch viel gewaltigere Ströme, deren Namen uns kein Lied, kein Heldenbuch nennt, in Nordamerika und am Tendaguru in Ostafrika in ebenso namenlose Meeresbuchten aus. Die Kreidesintfluten schwemmten auch tief nach Nordamerika hinein, noch im Abend der Epoche schnitten hier solche Buchten in die heutige Prärie – wieder geeignet, von der reinen Phantasie mit Flugdrachen und Seeschlangen belebt zu werden, was wir dann erfüllt sehen werden.

Abb. 20.
Beispiel einer Pflanzenversteinerung: ein Stück Stammoberfläche eines unserm Bärlapp verwandten sog. Schuppenbaums (Lepidodendron) aus den Wäldern der Steinkohlenzeit, mit den Narben abgefallener Blätter in regelmäßiger Anordnung (vgl. Abb. 22).

Nur blitzhaft taucht hier und da noch solches Bild einzeln heraus, je nachdem gerade der betreffende Grund sich besser erhalten und uns wieder zugänglich gemacht hat. Nachdem man anfangs das »Saurierland« nur in Europa gesucht hatte, wurde später auch Nordamerika immer wichtiger, dann Afrika, jetzt eben scheint China überraschende Aufschlüsse zu geben, aber schon verfolgt man die Spuren selbst nach Spitzbergen und bis ans südliche (antarktische) Polargebiet.

Abb. 21.
Eine heute lebende kleine Bärlapp-Pflanze (Lycopodium annotinum) aus unseren Wäldern – als Vergleich zu den Abb. 20 und 22, die in die Welt riesiger baumförmiger Bärlapp-Gewächse (Lepidodendron) des urweltlichen Steinkohlenwaldes führen.

Im ganzen und großen scheint unser Saurierzeitalter trotz allen Land- und Wasserwechsels doch kein eigentlich katastrophales Zeitalter gewesen zu sein.

In der ganzen Epoche, bis nahe zu ihrem Ende, fanden keinerlei große Gebirgsbildungen statt. Der Vulkanismus machte sich nur hier und da einmal sehr lokal geltend. Auch jenes Kommen und Gehen der Wasser selbst scheint auf den von der Verwitterung sehr flach gehobelten Festländern wenigstens innerhalb der Epoche durchweg ein ganz langsames, nur selten ein plötzlich, revolutionär erschütterndes gewesen zu sein.

Tafel 4
Tierleben im deutschen Muschelkalkmeer

Man hat den Eindruck, daß auch äußerlich alles dazu angetan war, eine bestimmte einmal gegebene zähstarke Tiergruppe sich zunächst unendlich ausleben, unendlich in die Breite anpassen zu lassen ohne Gefahr der Gesamtbedrohung – bis zu einem Maximum der Erderfüllung und des ihr möglichen Glücks in ungefährer Harmonie – ein Zustand, der offenbar erst nach ungeheurer Dauer ganz zuletzt wieder umschlug; denn dann sind ja die Saurier in dieser herrschenden Gestalt wieder verschwunden auf Grund eines »großen Sterbens«, das wir bisher vergebens zu deuten versucht haben.

Das Klima ist damals wohl ein sehr einheitlich warmes über die ganze Erde gewesen. Keine Eiszeit (solche Eiszeiten sind offenbar periodische Erscheinungen der Erdgeschichte gewesen, die seltsam genug und unerklärt, wie sie waren, doch mit allgemeinen Abkühlungssymptomen nichts zu tun hatten) schnitt in die ganze eigentliche Saurierzeit, wie wir sie oben ungefähr abgegrenzt haben, ein. Aber auch was man von stärkeren Zonengegensätzen in ihr schon angedeutet glaubte, hat sich nicht bewährt. Es scheint ein sehr ähnliches Klima und zwar ein durchweg warmes bis in hohe Breiten hinauf geherrscht zu haben, worauf schon die Korallenriffe bei uns deuten können, die an unmittelbar tropische Verhältnisse gemahnen.

Tafel 5
Urweltreste in den Dolomiten: Landschaft aus den Dolomitalpen (Türme von Vajolett in der Rosengartenkette) – verwitterte Korallen- und Kalkalgenriffe aus dem Tethysmeer, dem großen Mittelmeer der älteren Saurierzeit (Triasperiode).

Es ist ja wieder eine durchaus ungelöste Frage unserer Weisen und Sachkundigen, was solche gleichmäßige Wärme bis hoch zu den Polen in langen urweltlichen Perioden bedingt haben mag. Vielleicht wirkte zu ihr eine zeitweise andersartige Sonnenstrahlung mit. Vielleicht war sie überhaupt der Normalzustand der Erde, der bloß gelegentlich mit dem Nahen von solchen Eiszeiten herunterging und der in unserer Kulturgegenwart zufällig noch nicht wieder erreicht ist, weil wir selber noch in den Nachwehen, vielleicht einer letzten Phase solcher Eiszeit (jener der Mammute und Altsteinzeit-Menschen) stehen. (Es würde sich der sympathische Gedanke ergeben, daß unsere Erde wieder auf allgemein wärmere Tage zuginge.) Jedenfalls war aber diese etwas gleichmäßige Treibhaustemperatur auch die denkbar günstigste für die riesenhafte Entfaltung und weltweite Ausbreitung gerade eines im Prinzip noch wechselwarmen, also stark wärmeabhängigen Typs wie den der Reptile.

Und zu diesem mutmaßlichen Gesamtbilde stimmt durchaus auch, was wir über die Pflanzenwelt als Kulisse von damals wissen.

Vornweg ist hier zu sagen, daß die reptilischen Unholde wenigstens in ihrer ganz fertigen Eigenart nicht mehr in der Flora der sogenannten Steinkohlenperiode lebten.

Diese ältere Urweltperiode, sattsam bekannt durch das große Geschenk aus ihrer eigenen heute versteinten, aber noch brennbaren Vegetation an unsere Industrie in Gestalt unserer brauchbarsten Kohle, war wenigstens in der Hauptzeit der Saurier endgültig wieder verklungen, und wenn in Wort und Bild noch manchmal Ichthyosaurier oder Brontosaurier neben reinem Farnwalde und eitel himmelhohen Urschachtelhalmen vorgeführt werden (»es rauscht in den Schachtelhalmen« bei Scheffel), so entspricht das nicht mehr der schlichten Wirklichkeit.

Im Grunde hatte die älteste Pflanzenwelt ja den gleichen Weg genommen wie die Tierwelt. Auch sie war erst zu gewisser Wende aus dem Meer aufs Festland gestiegen, um dort von sich aus einen ersten Wald zu bilden.

Da auch sie dabei unter dem Entwicklungsgesetz stand, das von einfacheren erst zu höheren Formen vorschritt, hatte sie sich in ihm zunächst noch in sogenannten kryptogamischen Gewächsen entfaltet, wie der Botaniker das nennt – mit noch sehr unvollkommener Blüten- und Samenbildung – also dem äußern Habitus nach in Farnen und deren nächsten Verwandten: sogenannten Bärlappen und Schachtelhalmen. Alle drei hatten dabei hohe Waldbäume gestellt, besonders bei den beiden letzteren von vielfach ungewöhnlichem und uns heute nicht mehr vergleichbarem Bau. (Siehe die beigegebenen Bilder.)

Abb. 22.
Schuppenbaum der Steinkohlenzeit. Ein Bild aus dem Steinkohlenwalde, der dem eigentlichen Zeitalter der großen Saurier noch voraufging: ein sog. Schuppenbaum ( Lepidodendron), zu den baumförmigen Bärlapp-Gewächsen von damals gehörig, in ganzer Wiederherstellung nach Hirmer. (Vgl. das Bild eines Rindenstücks, Abb. 20.) Die Blätter ähnelten fleischigen Nadeln, die Blüten bildeten bis fußgroße Zapfen, die starke Mengen von Sporen erzeugten.

Das war der echte »Steinkohlenwald« in seiner ursprünglichen typischen Gestalt gewesen, ziemlich einförmig noch, aber äußerst charakteristisch in diesem urtümlichsten Landbilde mit seinen großen wirklichen Schachtelhalmen, Schuppen- und Siegelbäumen.

Noch in ihm selber hatte sich aber relativ früh doch schon ein weiterer Entwicklungsruck des aufsteigenden Pflanzenwesens vollzogen: zwischen die reinen Farne hatten sich auch echte Samenpflanzen bereits gemischt.

Zunächst noch sogenannte Nacktsamer, was einer immerhin selber noch tieferen Rangstufe dort entspricht und darauf hinausläuft, daß die Samenanlagen hier zwar schon im oberen Pflanzensinne korrekt hergestellt, aber noch nicht in einem ganz geschlossenen Fruchtknoten entwickelt werden. Gymnos heißt griechisch nackt, also Gymnospermen, Nacktsamige. Die entschiedenen Vertreter dieser Nackten sind bis heute unsere Nadelhölzer – jede Tanne, Fichte oder Kiefer ist noch immer im Bilde.

Und solche Nadelhölzer und engste Nadelholzverwandte waren es denn auch, die damals in den ersten jungfräulichen Paradieswald der Steinkohlenzeit eintraten und sehr bald den reinen Farnen und Konsorten stärkste Konkurrenz zu machen begannen.

Abb. 23
Siegelbaum der Steinkohlenzeit. Ein zweites Bild aus dem Steinkohlenwalde (vgl. Abb. 22): ein sog. Siegelbaum ( Sigillaria elegans) in ganzer Wiederherstellung nach Hirmer. Auch diese Siegelbäume gehörten zu den baumförmigen Bärlapp-Gewächsen jener Tage, führten ihren Namen nach den charakteristischen hier mehr siegelähnlichen Blattnarben ihrer Stammesoberfläche, trugen merkwürdige Blattschöpfe aus längeren nadelförmigen Blättern und zapfenförmige Blüten, die unterhalb der Blattkronen aus dem Stamm oder den Ästen selber heraustraten.

Es gehörte dabei anfangs zu ihrer Eigenart, daß sie zwar schon die Nacktsamenbildung besaßen, aber in der äußeren Beschaffenheit vielfach noch gar nicht wie richtige Nadelhölzer aussahen, sondern selber wie Farne – als schmuggelten sie sich zunächst mit einer Art Mimikry unter den alten Stamm. Diese sonderbare Ähnlichkeit hat den Forschern viel Leid gemacht, die lange den abgedrückten Blättern im Gestein nicht glauben wollten, daß das schon echte Samenpflanzen wären.

Einerlei aber, jedenfalls hatte schon mit Ausgang der Steinkohlenzeit selbst dieses höhere Volk das niedere so überwuchert und ersetzt, daß die später nachkommende Saurierblüte von der tierischen Seite sich längst nicht mehr im reinen Farnwald, sondern wesentlich bereits in diesem neuen Nadelholzforst fand. Und er ist ihr durch mehr als Zweidrittel ihrer Bahn dann treu geblieben, wieder in seiner Weise und seiner neuen Station etwas einförmig, da ja immer noch die höchste Stufe unserer echten Laubbäume darin fehlte, aber auf alle Fälle schon anders als der alte Steinkohlenwald des ersten Schritts.

Will man unmittelbar vergleichen, so könnte man sagen, dieser alte reine Farnwald, der ja immer noch etwas auf der Grenze des feuchten und festen Elements stand, entsprach etwa bei den Wirbeltieren der Stufe des Amphibiums, während der neue Nadelholzforst in seiner Vollendung selber das Reptil der Pflanze gewesen wäre.

Abb. 24.
Calamit aus dem Steinkohlenwald. Ein drittes Bild aus dem Walde der Steinkohlenzeit (vgl. Abb. 22 und 23). Zu den häufigsten und charakteristischsten Pflanzen jenes Waldes gehörten baumförmige urtümliche Verwandte unserer Schachtelhalme, sog. Calamiten, von deren mutmaßlichem Aussehen das Bild eine Probe gibt. Sie haben bei der Bildung der Steinkohle selbst eine starke Rolle gespielt.

Natürlich fehlte es auch in diesem Hauptbilde lange nicht an gewissen noch vermittelnden Übergängen.

Abb. 25.
Ein farnähnliches Pflanzenblatt aus dem großen Südkontinent der Urwelt, dem sog. Gondwanaland: Glossopteris Browniana, gefunden im heutigen Australien. Auf der Wende von der Steinkohlen- zur Permperiode ging über dieses Gondwanaland in den heutigen Gebieten von Südafrika, Indien, Australien, Südamerika eine Eiszeit (die sog. permische Eiszeit), und in ihrem Gefolge trat eine charakteristische Vegetation dort auf, die man als Glossopterisflora bezeichnet.

In den ältesten Krokodilsümpfen standen wirklich noch recht ansehnliche Schachtelhalme, wenn auch schon mehr heutiger Gattung zugehörig. In die bunten Wüsten des Anfangs hat sich lange noch ein echter Bärlappbaum vom Typ des Siegelbaums (vgl. das Bild) verirrt, der als 2 bis 3 m hohe sogenannte Pleuromeia sehr sinnreich zugleich den Bau eines wasserhaltigen Kaktus gegen die Dürre angenommen – er war aber der letzte seinesgleichen.

Abb. 26.
Eine bis in das Zeitalter der großen Saurier noch fortlebende Pflanze aus dem echten Steinkohlenwalde, die Pleuromeia, die vermutlich ein letzter Nachkomme der Siegelbäume dort war (vgl. Abb. 23). Sie wuchs noch in der deutschen Buntsandsteinwüste der Triaszeit als 2 m hoher dicker Stamm mit endständiger Blüte.

Fern in dem südlichen Gondwanaland, wo ums Ende der Steinkohlenperiode Eiszeit gewesen war, hielten sich durch das ganze erste Drittel auch der neuen Ära noch gewisse merkwürdige Wälder äußerlich farnhafter Gewächse (sogenannte Glossopterisflora) mit zungenförmigen Blättern, die wahrscheinlich dort eine besondere wetterharte Anpassung gebildet hatten, wie sie der warme Steinkohlenwald sonst nicht kannte.

Ganz aus dem echten Saurier-Landschaftsbilde verschwunden sind ja die Farne überhaupt nie, dauern sie doch heute, wenn auch etwas degeneriert, noch immer fort und in unseren Tropen selbst noch mit gelegentlicher starker Baumform. Immer in der Naturbildung haben wir ja diesen Weg: daß auch das Ältere, Niedrigere nicht völlig ausstirbt, sondern nur umgriffen, beiseite gedrückt wird gleichsam von dem neuen, wie auf ein bescheidenes Altenteil gesetzt.

Daneben aber machte sich in der Nadelhölzerstaffage selbst etwas geltend, was man wenigstens äußerlich auch noch als eine Art Übergang bezeichnen könnte.

Ich sagte, die ältesten Nacktsamer sahen selber meist noch wie Farne aus statt wie richtige Fichten oder Kiefern. Und so bestanden auch im Saurierlande recht krause Gesellen fort, in die man sich erst ziemlich mühsam hinein hätte denken müssen, daß das schon waschechte Nadelholzvertreter sein sollten.

Abb. 27.
Eine Zykadee. Typische Form der lebenden Zykadeen, wie sie heute noch in Südafrika, Indien und Australien palmenähnliche Stämme mit sehr großen lederartigen Blättern bilden. Wegen ihrer äußeren Ähnlichkeit werden die Zykadeen auch Palmfarne genannt, sind aber weder das eine noch das andere, sondern Verwandte der Nadelhölzer. Im Zeitalter der Saurier spielten sie auch bei uns eine große Rolle im Landschaftsbilde und bildeten neben echten Nadelhölzern selbst recht eigentlich die Staffage zu den Sauriergestalten.

Da wuchsen ungeheure Wälder auf der Höhe der Zeit von sogenannten Zykadeen. Wir wissen heute noch, wie sie aussahen, denn einige Typen leben auch jetzt noch fort, allerdings heute wesentlich nur in oder nahe den Tropen – Beweis wohl wieder, daß damals auch bis zu uns in den höheren Norden herauf ein heißeres Klima herrschte. Man pflegt diese Zykadeen noch jetzt Palmfarne oder Farnpalmen zu nennen, denn sie haben mit ihren kahlen hohen Stämmen und grünen Fiederrosetten auf der Spitze von beiden etwas; von importierten Exemplaren werden die Wedel vielfach geradezu als Palmzweige bei Begräbnissen verwandt. Dabei war aber solche Zykadee von Beginn an doch auch im Wesen ein Nadelholztyp, der aber noch etwas teils vom alten Farnbaum rückdeutend zu spiegeln, teils von der zunächst noch nicht vorhandenen nachmals höheren Palme vorauszunehmen schien.

Abb. 28.
Ginkgobaum. Eine der markantesten Charakterpflanzen im Zeitalter der großen Saurier, besonders der Juraperiode: der Ginkgobaum. Er ist trotz seiner grünen Laubblätter ein unmittelbarer Verwandter der Nadelhölzer und hat sich heute nur noch in einer einzigen (hier dargestellten) Art ( Ginkgo biloba) in China und Japan erhalten, wo er aber auch nicht mehr wild, sondern nur als heiliger Tempelbaum kultiviert vorkommt. Der Name stammt aus dem Chinesischen. Im ganzen Mittelalter der Erdgeschichte spielte er dagegen eine gewaltige Rolle und wuchs auch in unseren Breiten in weiten Beständen. Der Urvogel Archäopteryx ist in solchem Walde zu denken. (Vgl. auch Abb. 29.) Der Ginkgo bildet heute noch bis 40 m hohe Stämme.

Kaum minder große Bestände muß als Staffage der Saurier allerorten der sogenannte Ginkgobaum gebildet haben. Auch er ist in einem letzten Mohikaner recht seltsam noch auf unsere Gegenwart gelangt. Der deutsche Reisende und Arzt Engelbert Kämpf entdeckte ihn Ende des 17. Jahrhunderts in heiligen Tempelhainen Japans als eine der seltsamsten Pflanzengestalten aller Zonen. Mit lichtgrünen, doppelt geteilten scheinbaren Laubblättern von Gestalt eines vergrößerten Adiantum-Farnblatts, die Goethe poetisch als das Sinnbild treu verwachsener Liebe in seinen Versen auf Marianne von Willmer gefeiert hat. Als wilde Pflanze scheint er heute völlig ausgestorben zu sein und nur in einigen Schutzbezirken Japans und Chinas noch künstlich fortzubestehen, von wo er dann oft seither auch zu uns verpflanzt worden ist, z. B. steht im Botanischen Garten zu Jena ein prachtvolles Exemplar. Heute weiß man, daß dieser Ginkgo trotz seines schönen Laubes ein verkapptes Nadelholz ohne Nadeln ist und daß seine höchste Glanzzeit eben mit der Blute der Saurier in der Jurazeit zusammenfiel.

Abb. 29.
Ein einzelner Zweig des in Abb. 28 dargestellten Ginkgobaums, der größte Bedeutung im Weltalter der Großsaurier besaß. Die Blätter haben bei schön grüner Farbe eine an die Farne erinnernde Nervatur. Sie zeigen eine eigentümliche Doppellappung, die Goethe in einem berühmten Gedicht als Sinnbild der Liebenden, die eines und beides zugleich seien, gefeiert hat. Dabei ist Ginkgo laubwechselnd, mit Abwerfen der Blätter im Herbst, und bringt große, fast kugelige gelbe Früchte, die eßbar sind.

In dieser Jura-Periode war aber das Nadelholz in seiner eigentlichen uns geläufigeren Gestalt längst zur Stelle und beherrschte als Grundton die Landschaft.

Früh hatte es sich so bereits als Araukarie (bei uns im Topf Zimmertanne genannt) manifestiert mit schöner rhythmischer Stellung der benadelten Arme, die immer noch einen kleinen Bärlapp- oder Schachtelhalmtyp zu wahren schienen. Dazu traten dann, uns immer vertrauter, bald Zypressen und Eiben, in den Kreidetagen auch schon echte Tannen und die herrlichen Mammutbäume, von denen Kalifornien heute noch einen kleinen lebenden Restbestand domturmhafter Größe bewahrt. (Vgl. das Bild.)

Allerdings in dieser Kreidezeit selbst, wo die Saurierschaft etwas senil schon gerade zu ihren allerbizarrsten Altersgestalten ausholte, sollte sich in der Pflanzenwelt ihres Landes nochmals etwas höchst Wunderbares vollziehen. Sie verjüngte sich nämlich abermals zu einem höheren Typ wie einst im Farnwalde selbst – zwischen die Nadelhölzer trat plötzlich der endgültig oberste Pflanzentyp, die letzte und höchste Stufe jetzt auch der vollendeten Samenpflanzen selbst.

Hieß die ältere die nackte nach der noch nicht ganz geschlossenen Samenanlage, so leiht jetzt das Griechenwort aggeion für eine ganz schließende Kapsel die Bezeichnung als Angiospermen, also die Bedeckt- oder Bekleidetsamigen. Im einzelnen geht auch das auf gewisse Geheimnisse des pflanzlichen Liebeslebens, in die wir uns hier nicht zu vertiefen brauchen – genug, daß zu diesem höchsten Typ jetzt alle unsere echten Laubbäume von der Weide bis zur deutschen Eiche zählen, daß Palme und Orchidee bis zu den Gräsern und bunten Blumenkindern unserer Matten dazu gehören – kurz gesagt alles, was nicht Farnstufe im weitesten Sinne oder Nadelholzstufe bis heute ist.

Tafel 6
Sumpfwald der Steinkohlenzeit

Über die Art, wie diese nochmals neue Entwicklungsoffenbarung in die Zeit trat, haben wir kaum eine Vermutung. Wie einst die des Nadelholzes als solche, so war auch sie mit der unteren Kreide einfach und plötzlich da, an verschiedensten Stellen zugleich als Ausgangspunkt. An einige Orte, z. B. zu uns nach Deutschland, scheint sie erst wirklich zugewandert zu sein, von einer wahren Umbildungsheimat aber wissen wir nichts.

Nur daß auch sie, plötzlich vorhanden, sogleich mächtig wuchernd um sich griff und das ganze Pflanzenbild nochmals umgestaltete, allerdings ohne die Nadelhölzer doch so stark zu beengen, wie diese einst die Farne.

Sogleich taucht auch in ihr eine Fülle der Einzelgestalten auf, jäh schmücken Magnolien, Lorbeeren, Tulpenbäume, Pappeln jetzt auch das Saurierland. Ob von den beiden Hauptzweigen dieses obersten Entwicklungsastes die Gruppe mit nur einem Keimblatt (Monokotyledonen, zu denen aus der Fülle u. a. die Palmen, Orchideen, Gräser selbst zählen) oder die mit zwei solchen Keimblättern (Dikotyledonen), z. B. alle unsere bekanntesten Laubbäume, zuerst damals hervorgetreten sei, ist ebenfalls mit nichts zu belegen, so daß auch der nochmals engste Entwicklungsrang dieser beiden Gruppen hier nicht entschieden werden kann.

Ziemlich sicher dagegen erkennen wir auch hier noch immer den Bezug auf merkbar wärmere Temperaturverhältnisse, als sie heute bestehen: im Saurierlande der Kreidezeit wuchsen Magnolien und Feigenbäume, ja die Brotfruchtbäume der heutigen heißesten Südsee nicht nur bei uns, sondern noch unterm 70. Grad nördlicher Breite im heute fast völlig vereisten Grönland, wie die erhaltenen Blattabdrücke ausweisen.

Wenn ich die Nadelhölzer während ihrer Alleinherrschaft den Reptilen selbst verglich, so könnte man fragen, auf welche Entwicklung im obern Tierreich dieser neue Ruck der Pflanzenwelt damals zu deuten gewesen wäre. Nicht mehr auf die Saurier in sich, denn die hatten damals die Höhe ihrer Ära bereits überschritten und neigten sich in der Folge zum Ende ihres eigenen Glanzes, während der neue Pflanzentyp mit ganzer Kraft in die nächstfolgende Erdperiode, die sogenannte Tertiärzeit (drittes Weltalter der Erdgeschichte) weiterging, ja dort erst vollends groß und erdbeherrschend wurde. Diese nächste Ära war aber nicht mehr die der Saurier, sondern der auch tierisch nächsthöheren Säugetiere. Man wird also unsere neue Pflanzenwelt auch schon von Beginn an mit diesen in Parallele bringen und möchte sagen, daß sie sich in die echten Sauriertage eigentlich nur etwas verfrüht schon hineingemischt habe, ähnlich wie einige kleine Säugetiere selbst dort auch schon etwas unvermittelt auftauchen.

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