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Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns

Gisela von Arnim: Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns - Kapitel 8
Quellenangabe
typefairy
booktitleDas Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns
authorGisela und Bettine von Arnim
year1986
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14318-1
titleDas Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns
pages3-15
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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»Die Kinder wären ewig im Kloster geblieben und hätten ihr eingemauertes Leben fortgeführt«, sagte Gritta später oft, »hätte ich dies nicht gehört.« – Der Sturm tobte am Abend selbigen Tages, der Regen strömte aus den Drachenmäulern, am Dach rauschte das Wasser herab und die kleinen Springbrunnen hüpften, gedrückt vom Regen wie die weißen Kobolde in der Nacht. Es war die zwölfte Stunde. Der Wind zog durch das Kloster, die Steintreppen herab durch die Gänge; es knisterten dort, wo das Holz zum Brennen stand, leise Tritte. Es war Gritta, die allein den Gang entlang schlich; der Wind spielte mit ihrem weißen Hemdchen, und ihre bloßen Füße zitterten auf den kalten Steinen. Sie schlich sich der Seite zu, wo die alte Nonne wohnte; als sie vor den Kamin kam, öffnete sie das vom Winde klagende Türchen; hier hatte sie früher, als die dienende Nonne krank war, eingeheizt und ein Loch bemerkt von einem herausgefallenen Steinchen, wodurch man in die Zelle der Alten sehen konnte; damals hatte sie es nicht gewagt. Der Regen drückte den Rauch herab in den Schornstein; ein Lichtstrahl drang durch das Loch; sie kuckte hinein. Ein hochgewölbter Raum von grauer Farbe, mit vielen Schränken und einem großmächtigen Kamin. Auf den Schränken standen Kessel und allerlei wunderlich Zeug, in der Mitte ein viereckiger Tisch; vor dem saß im hohen Lehnstuhl die Alte, die Augenbrauen fürchterlich drohend zusammengezogen. Die Lampe warf einen hellen Schein auf ihr Gesicht und ließ all die Runzeln fast eines Säkulums sehen; sie rieb die mageren Hände, daß es knackte. Vor ihr lag ein Buch mit wunderlichen Buchstaben und Zeichen, von bunter Farbe durcheinandergeschlungen; sie bog zuweilen sich vor, guckte nach dem Kamin und fiel wieder in den Stuhl zurück, aus dem dann große Staubwolken herausflogen. Plötzlich drückte sich im Kamin, in dem nur ein sparsames Feuer brannte, der Rauch nieder; es erschienen ein Paar Füße, glitten über die rauchende Glut hinab, und der Mönch stand im Zimmer. Er schüttelte den Regen von der braunen Kutte. Gritta standen vor Schrecken die Haare zu Berge. Die Alte richtete sich auf und rief. »Guten Abend, Herr Pater!« Er schlurrte mit den Sandalen über den Boden zu ihr hin, setzte sich an ihre Seite und stützte sich auf. Während der Regen gegen die Fenster stürmte, begann ein Gespräch: – »War die Ratte schon da? Sie hat es bestimmt auf heut Abend versprochen!« – Sequestra schüttelte den Kopf. – Sie schwiegen; nach einer Weile hob er an: »Ob sie wohl schon das Pergament zerfressen hat? – Ich bin mit dem Vormund zusammen gekommen; er behauptet steif und fest, er könne nichts dafür, daß die Gräfin den alten Grafen geheiratet habe; ihr Vermögen und sie hätte er sonst sicher ins Kloster geschafft. Wir würden es noch bekommen; das Testament läge bei ihr, sagte er mir noch einmal, die Abschrift wolle er vernichten. Hat nun die Ratte das Testament zerfressen, so haben wir gewonnen Spiel, dann wäre bloß noch das Letzte der Mutter da, als Witwe, wonach das Vermögen uns zufällt, wenn sie nicht ins Kloster geht.« In diesem Augenblick raschelte es; etwas Dunkles entwickelte sich aus einem Loche unter dem Kamine, in dem die Kohlen nur noch Funken sprühten, und heraus kam eine Ratte. Sie stellte sich aufrecht und putzte sich mit der Pfote den langen Bart, ganz gräulich, räusperte sich und fing zu reden an, wobei sie gemütlich brummte, so daß die Alte aufguckte. »Ich habe der Gräfin die Vermachung gefressen; es schmeckte nicht übel, denn das Pergament war fett aus Rache, daß sie das kleine Ding, die Gritta, in die weite Welt geschickt hat. Der alte Müffert sagte zwar, unterwegs sei ihm das Kind entlaufen; aber Leute von unserm Verstande glauben das nicht, obwohl er sich jämmerlich anstellte. Der alte Graf hat ihn davon gejagt und ist, o Wunder! schwermütig geworden und bedauert, oft nicht zuckersüß gegen das Kind gewesen zu sein.« Hier endigte die Ratte, wartete ein Weilchen, aber da die Alte schwieg, sprach sie: »Jetzt verlang' ich meinen Lohn.« – Sequestra öffnete ein altes schnörkeliges Schränkchen, in dem Töpfe und Phiolen standen, und holte ein lieblich duftendes Schmalztöpfchen heraus. Der Pater sah neidisch die Ratte an.

»Du allerliebster Schrank,
Mit deinem Inhalt süß!
Knappert sich's Rätzlein ein Löchlein drein,
So wird's bald so fett wie's Paterlein sein.«

So sang die Ratte und verschwand. Jetzt begannen die beiden ein tolles Wesen: die Alte holte einen Kessel, mit kuriosen Zeichen eingegraben, holte Kräuter aus allen Ecken; der Kessel brauste, die Kohlen leuchteten. »Niemand weiß«, hob die Alte an, »daß das Kind Gritta hier ist; lebt nun der alte Graf nicht mehr, dann wird sie wohl Nonne sein, und wir treten mit ihren Ansprüchen auf die alte Burg hervor. – »Und dort«, sagte der Pater, seine Augen glühten und kugelten vergnügt in seinem Kopf herum, indem er schnell über seine Brust strich und, an den Bauch kommend, diesen sanft klopfte, »dort werde ich mir eine Klause bauen, mich einnisten und auf das schlechte Menschengeschlecht herabblicken, es regieren. Was wird dann aus den übrigen Schäfchen?« »Oh, ich habe die Väter und Mütter schon alle beredet, sie hier zu lassen. – Der Pater lächelte befriedigt. Gritta schlich schnell zurück durch die Gänge. Alles schlief, nur Margareta, die es wußte, wartete ängstlich. Nachdem sie zu ihr ins Bett geschlüpft war, erzählte sie, was sie gehört und gesehen hatte, und die beiden Kinder berieten sich, wie sie alle entfliehen könnten. Gritta hatte seit einiger Zeit, als sie an der Klostermauer auf- und abspazierte und an die Freiheit dachte, ein paar lose Steine in der Mauer gesehen; wie sie nun so dastand und bedachte, wie man sie loslösen könne, daß es ein Loch würde um zu entwischen, bemerkte sie, daß kleine Steine über die Mauer und vor ihr in den Sand flogen. Neugierig hob sie eins auf, das ihr zu Füßen gefallen, und sieh, es war deutlich der Name Ingurd auf das Steinchen geschrieben. Sogleich erinnerte sie sich, daß oft, wenn sie mit der jungen Nonne allein gewesen war, diese ihr von ihrem Bruder Ingurd erzählte; er hätte gesagt, da er noch nicht erwachsen und sie im Kloster besuchte, wo sie schon als Kind war, er wolle sie aus dem Kloster holen, und wenn er hundert Jahre um das alte Gemäuer streichen müsse. Sie schwieg dann jedesmal traurig still. Schnell holte Gritta eine Kohle und schrieb, so gut sie konnte, »Mermeta« auf ein Steinchen; sie zielte, und es flog über die Mauer. Sie wartete nicht lange, so flog ein Stein vor ihr nieder; ein kleiner Brief war darangebunden, hastig machte sie ihn ab; oben drauf stand »Mermeta«. Nach den Metten, als sie entwischen konnte, lief sie in Mermetas Zelle, wo diese eifrig spann. Gritta hockte nieder und schaute ihr unter die Augen, dann fing sie an: »Mermeta! Mermeta, willst du mit uns fort? – Willst du? – Wir können fort.« Diese sah erstaunt auf. – »Komm, du kannst!« – »Das geht nicht«, sagte Mermeta. – »Wie soll man je aus diesen Mauern heraus kommen? Und wenn ihr auch es könntet, ich gehe nicht.« »Da! – sagte Gritta und schob ihr das Briefchen in die Hand und lief davon, weil sie die Schritte der alten Sequestra in der Ferne hörte. Am andere Morgen kam Mermeta an ihr vorbei gegangen. »Ich gehe«, sagte sie leise, indem sie auf das Briefchen in der Hand zeigte.

Es war eine milde Nacht, ein schöner Nachthimmel mit glänzenden Sternen übersäet. Die Gebüsche des Klostergartens malten stille ihren Schatten auf den weißen Sand der Gänge, die Nachtigall erhob zuweilen ihre Stimme, die an der Klostermauer widerhallte. Muttergottesgläschen, Herrgottschuhen, Kressida, die rote Frauentreu, Treuherzleinkraut schlummerten still in der Ecke an der Mauer mit einigen sehr werten Gästen besetzt; Marienkäferlein, Johanniswürmchen und andere, die nächtlich etwas benebelt von der Schenke zurückkamen und bei ihnen eingekehrt waren. Die Ruhe unterbrach ein niedriges Fenster, das sich am Turm des Seitenflügels öffnete; eine weiße Gestalt erschien auf dem Sims, nahm einen Ansatz und sprang auf den grünen Rasen nieder. Frau Nachtigall schwieg erstaunt und hüpfte von Zweig zu Zweig, dem Ereignis neugierig näher. Hop, hop, hop, hop, hop, hop, hop, hop, hop, hop folgten zehn andere; sie erhoben sich, angekommen auf dem tauigen Gras, und schüttelten von den weißen Hemdchen den Tau. »Habt ihr«, fragte Gritta, »nun Herz und Mut?« »Ach ja, ach ja!« flüsterten alle durcheinander. »So kommt fix, wir wollen die losen Steine, die ich in der Mauer gesehen, herausnehmen. Margareta, Kamilla, Wildebeere, Veronika, Maieli, Petrina, Reseda, Lieschen, Elfried, Anna: folgt mir!« Die andern tappten leise hintendrein, und so gelangten sie an den Ort mit dem eingefallenen Stein. Sie fingen an der dicken Mauer an zu arbeiten. Frau Nachtigall schlug dazu aus voller Kehle, als wolle sie den Lärm decken. Kalk und Mörtel fielen, bald war das Loch gemacht. Petrina steckte den Kopf durch, draußen war der finstere Wald. Sie kroch weiter, es ging, das Loch war groß genug. »Jetzt kommt!« rief die Hochgräfin. Sie kletterten zurück in das Fenster, wo sie herausgekommen waren, schlupften durch die langen Gänge in den mondhellen Schlafsaal, jedes setzte sich emsig und packte sein Bündelchen, indem sie leise flüsterten. – Es schien, als schaute der alte Ritter, der an der Wand in Stein gehauen Wache hielt, mit lachendem Gesicht zu, und ließ sie vergnügt laufen; sein Steinschwert blieb in Ruhe an seiner Seite. Denn die kleine Hochgräfin, deren Bettchen unter seinem Schutze stand, hatte ihm alle Woche einmal sein Gesicht und sein Wams gewaschen und den Schwalben, die in seinem Helmhut Wohnung hatten und durch eine ausgebrochene Fensterscheibe Aus- und Eingang fanden, immer Futter gestreut. Ob er nun froh war, daß sie ihn nicht mehr waschen werde, denn alte Ritter lieben die Reinlichkeit nicht sehr, oder ob er sich freute, daß seine waschende Wohltäterin aus dem alten Neste hinweg käme, in dem er sich schon gewiß viele Jahre langweilt, immer den Appetit des Gähnens unterdrückend, weil das unnatürlich gewesen wäre für ein Steinbild? Das Letzte wird's gewesen sein, denn er machte ein freundliches Gesicht, in das sich hie und da eine kleine Wehmut einschlich über das Verlieren seiner lieben Gesellschaft. Bis zu einem gewissen Grad des Mienenspiels dürfen es selbst Steinbilder bringen. Ein träumerisches Piepen ließ sich in seinem Helmhut vernehmen. »Ach«, sagte die Hochgräfin, »jetzt sind die Kleinen schon heraus; streut ihnen noch Futter, derweile geh' ich und hole Mermeta. Sind die Vögel gefüttert, so schlüpft wieder durchs Fenster in den Garten und wartet auf mich.« Gritta ging und fand Mermeta noch schlafend in ihrer mondbeschienenen Zelle; sie schlüpfte schnell in ihr Gewand. »Hast du denn ganz vergessen, daß wir fort müssen?« fragte Gritta. »Ach nein, mir träumte, wir wären schon fort. Wenn uns die alte Nonne nur nicht in den Gängen hört, denn sie macht manchmal des Nachts die Runde.« – Beide sahen ängstlich in die Finsternis der Gänge; es blieb ruhig. Die Nonne steckte in der Eile dem Marienbild im Kreuzgang noch ein Sträußchen an den Busen, mit der Bitte, sie auf ihrer Flucht zu schützen. Sie kletterten dann durchs Fenster in den Garten, der öde ruhig da lag. Die andern standen schon am Loch; sie winkten den alten Mauern noch Ade zu, und Gritta kroch voran, die andern folgten. Aber das Loch war etwas zu klein für Mermeta, die in Angst davor stand; sie warfen ihre Bündel ab und arbeiteten aus allen Kräften an den Steinen, die bald fielen. Mermeta kam hindurch, sie schauten sich verwundert um. Durch die Baumstämme wehte die Waldluft, die Blätter flüsterten über ihnen, die Grashalme beugten sich knisternd mit den gefallenen Blättern unter ihren Füßen, und die wilden Sträucher faßten vertraulich ihre Kleider. So gingen sie schnell fort. Es wollte bald Tag werden; das Nönnchen schaute sich nach allen Seiten um; wenn ein Vogel aufflog, schrak sie zusammen. Aus der Dämmerung ward Tag; die Sonnenstrahlen brachen gleich goldnen Fäden durch das Waldlaub, die Vögel fingen an zu singen. »Werden sie uns nicht verfolgen?« fragte Margareta an Grittas Seite kommend. »Nun, die alten Nonnen werden uns doch nicht selber nachlaufen, am Abend kommt erst der Pater«, sagte diese. Sie kamen auf einen freien Platz, in der Ferne lag wieder ein Wald. »Hier«, sagte Gritta, »muß dein Bruder sein, wie er dir schrieb.« Sie schaute in die Weite. »Ach, dort seh' ich einen Jägerrock glänzen!« – Das Nönnchen lief auf ihn zu, er ihr entgegen. Sie gingen im Gespräch nach dem Walde, ihr weißer Schleier wehte noch lange durch die Bäume; die Kinder sahen nach, sie war verschwunden in der Waldeinsamkeit. »Nur zu, mir nach!« rief Gritta und wischte sich ein Tränchen ab. »Wir wandern in die Stadt, wo meiner Mutter Amme wohnt; sie strickte mir einmal, als sie mich besuchte, ein Band um meinen Leib, und bei jeder neuen Blume, die hinein kam, mußte ich eine neue Stadt auswendig lernen, nach der Reihe alle, durch die der Weg zu ihr führt, damit ich's wisse, wenn ich sie einst besuchen wolle. Sehen wir Leute, so fragen wir nach der ersten Stadt, und so fragen wir uns weiter. Kommen wir dann bei ihr an, so gibt sie uns Rat, wie ich ein jedes von euch zu seinen Eltern führe.«

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