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Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns

Gisela von Arnim: Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns - Kapitel 7
Quellenangabe
typefairy
booktitleDas Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns
authorGisela und Bettine von Arnim
year1986
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14318-1
titleDas Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns
pages3-15
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Gritta erwachte zuerst am andere Morgen; sie sah das Kind neben sich liegen, da fiel ihr gleich wieder alles von gestern ein. Sie wollte das Kind ermuntern, aber wie? – Sie kniff es erst ins Ärmchen, – es erwachte nicht; sie zog's an seinem langen Zopf, aber es schlief fort; endlich fiel ihr ein, ihm ins Ohrläppchen zu beißen. »Au!« schrie die Kleine auf und sah sie halb schlafend und fragend an. – »Wo bin ich denn eigentlich?« fragte Gritta. – »Wo du bist weiß ich nicht«, erwiderte die andere, »aber ich bin im Kloster.« – »Ach!« rief Gritta, »so bin ich doch ohne Müffert glücklich angekommen. Wie heißt du denn?« – »Margareta, und du?« – »Gritta«. Ein Glöckchen fing an zu läuten; die Kinder erwachten, alle streckten die Köpfe verwundert aus den Betten, als sie Gritta sahen. »Ein kleines Mädchen wieder?« fragten sie. »O, sie hat bei mir geschlafen«, rief die Weise, »heute Nacht habe ich sie ausgebrütet; ich will's euch nur heimlich sagen, ich habe gestern das Ei im Garten gefunden. – Die andern lachten, aber die Jüngste, ein Mädchen mit lichtblauen Augen und blondem Haar, reckte ganz ernsthaft den Kopf empor und fragte: »Hat sie denn auch Federn?« »Ja, ja,« sagte die Weise, »nun, du kleines fremdes Ding, steh auf!« Sie war mit einem Satze aus dem Bette. Die Glocken läuteten stärker; es begann ein eiliges Treiben, die Kinder liefen alle zu der Weisen. Diese hatte den Kran über einem Steinbecken geöffnet. Da standen sie zu vielen in den weißen Hemdchen und spülten sich die Arme und das Gesicht im Wasser, das in der Morgensonne hell blinkerte. Die Weise rief, wer zuerst kommen sollte, und erzählte dabei von der bösen Nonne Sequestra; die andern gaben ihre Meinung auch dazu. Gritta stand in Gedanken verloren auf einem Bein und lauschte voll Verwunderung, da überschüttete sie ein Regenschauer von hinten. »Nun bist du getauft«, rief Margareta, hielt aber erschrocken ein im Lachen, denn es schlurrten Schritte auf dem Gang. Alle schlüpften still und scheu in ihre Kleider. Die Tür ging auf, und die alte Nonne von gestern trat ein. Heute war ihr Gesicht noch abschreckender; sie faltete die langen, knöchernen Finger unter dem Gewand, sagte den Morgensegen und winkte zu folgen. Sie trippelten hinter ihr drein, Gritta hinter Margareta durch finstere dunkle Gänge, es wurde ihr Angst, wo es hinsollte; da kam eine Treppe, unten drang Lichtglanz aus einer offnen Tür, eine sanfte Musik ertönte. »Wo geht's hin?« fragte Gritta. »Still«, sagte Margareta, »es wird dir nichts geschehen.« Sie kamen herab in eine düstre, hohe Kapelle, auf dem Altar brannten die Kerzen vor dem Muttergottesbild. Junge und alte Nonnen in langen Chormänteln sangen. Gritta kam erst zu sich selber, als sie an einem Seitenaltärchen des heiligen Johannes Bild fand; ein Lichtchen brannte davor. Es war mit Goldflitter und Blumen, der Arbeit der jungen Nönnchen, geziert. Gritta kniete nieder und betete emsig, die Orgel tönte, Margareta lief mit dem Weihrauchkessel hin und her, aus dem die Wolken dampften, unter den Nasen der alten Nonnen hinweg. Als Gritta so in dem Duft saß, das Lichtchen immer mehr abbrannte unter den vielen Gedanken, die sie hatte, bat sie unter anderm auch, der heilige Johannes möge doch den Johannes an ihrem Fenster besuchen und ihm sagen, er solle doch für ihre Tierchen sorgen und ja den kleinen Peter grüßen, er solle sie nicht vergessen im Kloster; es störte sie eine lange, knöcherne Hand, die in ihre Gedanken hineingriff, schüttelte sie und zog sie in die Höhe, daß sie wieder auf zwei Beinen dem Menschenleben anvertraut war. Es war Sequestra, sie nahm sie mit; sie sah, wie die jungen Nonnen durch eine Pforte sich entfernten. Jede von den alten führte ein Kind. Sequestra führte sie in einen entfernten Teil des Klosters, sie öffnete die Tür in eine düstre Zelle. Oben ein kleines Fenster mit Eisenstäben verwahrt ließ etwas Licht herein; nicht weit von einem großen Nußbaumschrank saß in der Ecke eine alte Nonne im braunen Lehnstuhl, an ihrer Seite hing eine Rute, sie guckte über die lange Nase und Brille hinaus Gritta scharf an, rückte unter ihrem Stuhl ein Schemelchen hervor, nahm Gritta bei den Schultern; die wußte nicht wie, so saß sie. Die alte Sequestra ging, nachdem sie mit der Alten ein harmonisches Kopfnicken gewechselt. Als sie fort war, lachte diese pfiffig, und Gritta mußte lesen, während die Alte oft aufs zärtlichste einem langen Flaschenhals zusprach, der aus ihrem Ärmel ragte, sich räusperte, hustete und wieder einnickte. Gritta las nicht diesen Tag allein, nein viele, viele Tage, den ganzen Tag; – nur ein Schüsselchen mit Essen teilte die Zeit; nun begriff sie wohl, warum die andern Kinder oft so scheu und traurig waren, denn sie verbrachten die Zeit ja eben so bei solchen alten Nonnen. – Wenn sie mit ihren kleinen Fingern Blatt für Blatt umwendete, so las und buchstabierte, zuweilen nach dem Gitterfenster schaute und darüber nachdachte, ob die Sonne draußen scheine, so wurde ihr so wunderlich zu Mute, wenn der Tag so langsam an der grauen Wand der hohen Decke verging und die letzten Abendlichter auf dem nußbraunen Schrank spielten; ach, da ward ihr so angst, sie sehnte sich nach etwas, es war auch so eng und so hoch. – Sie wollte die Alte freundlich machen. – Warum schaute sie so böse vor sich hin und murmelte wie eine rostige Raspel? – Gritta legte den Kopf an ihre Schulter; die Alte sah sie verwundert an, fing gewaltig an zu husten und schüttelte ihren Kopf von sich ab, worauf sie tief in ihren schwarzen Ärmel kuckte und gestärkt wieder hervorsah. Jetzt wußte Gritta, wonach sie Sehnsucht habe! – Nach dem alten Schloß, mit den Bergen umher! – Wie war's so hoch und frei da oben! Was mochten Müffert, Peter und der Vater machen? Aber wie weit ist das? Hatte sie bis in die Nacht gelesen, so hielt die Alte ein Gebet; dann führte Sequestra sie in den Schlafsaal. Am Abend getrauten die Kinder sich nicht laut zu sprechen, weil sie fürchteten, die Alte lausche. Wenn die jungen Nonnen in der Kirche an ihr vorbeigingen, da lächelte eine unter ihnen oft ihr freundlich zu. Eines Abends im Vorübergehen sagte sie ihr leise ins Ohr, in welcher Zelle sie wohne. Gritta entschlüpfte später der alten Sequestra und fand sich glücklich zurecht. Das Nönnchen saß in seiner Zelle am offenen Fenster, ein Rosenzweiglein stand vor ihr, sie lächelte freundlich; aber kaum wollte Gritta die Türe schließen, so stand Sequestra davor und nahm sie mit sich fort.

Mermeta hieß die junge Novize, die sie so liebte; sie sah sie selten, nur wenn sie ihr half, die Kelchtücher waschen und auf den Sträuchern im Garten an die Sonne hängen. Bald wurde Gritta so schwermütig und still wie die andern Kinder; wenn sie die alte Sequestra ein paar Minuten fern wußten, so liefen sie in den langen Gängen hin und her und spielten hinter den großen Schränken Verstecken, aber vor der Seite, wo die alte Sequestra wohnte, hatten sie heimlich Furcht, keins getraute sich hin. »Ich möchte wohl wissen«, sagten sie untereinander, »warum die andern Nönnchen so einsam leben und nicht heraus dürfen. Ach, für sein ganzes Leben hier bleiben!« sagte das eine oder andre seufzend.

Obwohl es nun sehr einsam herging, so war es schön, wenn an schönen Sommertagen die Zellen ihre Bewohnerinnen herausließen, oder vielmehr die Priorin, die sonst immer durch die Nonne Sequestra vertreten wurde. Da öffneten sich die verschwiegnen Türen in den langen Gängen, und die Novizen kamen heraus mit ihren weißen Schleiern, sie wandelten zwischen den grünen Stauden, an den blühenden Mandelbäumen blieb hier und da ein Pärchen stehen, die Gesichter erfrischt von der Luft, die Augen voll Erquickung der rosenroten Blüten, die Gewächse selber aus dem weltenfrischen Boden in die trockne Einsamkeit versetzt. Die Wasser rauschten aus den Springbrunnen in die kleinen geschlossenen Bassins; daran saßen die Kinder, unter ihnen Gritta, und ließen Schiffe von Rosenblättern, beladen mit Fliederblüten, auf dem klaren Wasser schwimmen. Der Kinder Lieblingsnonne, Mermeta, war eben ins Gebüsch geschlüpft; sie schauten ihr nach, als die Mater Sequestra von der entgegengesetzten Seite heranschlich; sie war bisher im Garten herumgegangen, jede Vertraulichkeit hindernd. »Ach«, rief Gritta, »kommt, wenn sie nur nicht zankt!« – Sie wußten schon, was Mermeta dort machte; sie gingen den Weg, den Mermeta gegangen war; die junge Novize saß am Boden vor einer Eiche, der Schatten fiel sanft auf ihr blasses Gesicht; sie hatte den Zipfel ihres schwarzen Gewandes ausgebreitet voll Futterkörnchen und blickte in eine dunkle Ecke neben dem Baume. Zur Seite steckte die Alte ihr Gesicht durch das Gesträuch; ein Vögelchen mit einem gelähmten Flügel kam aus der Dunkelheit hervor und fraß die Körner aus ihrer Hand; sie sah sich schüchtern um, als sie im Gebüsch etwas rauschen hörte. »Du sollst keine Freude haben an irdischen Dingen!« sagte die alte Nonne und nahm den Vogel in die Hand. »Gehe fort von hier«, sie sah sie zürnend an, »gehe hin und nimm den Rosenkranz!« Darauf legte sie das Vögelchen auf die Erde; es war zu fest gedrückt und sein Flügelchen gebrochen; sie griff die Novize, die traurig hinsah, bei der Hand; die Kinder blieben zurück, eins sah das andere an. »Oh!« rief Gritta, »hier müssen wir fort!« »Wir wollen in die weite Welt ziehen«, meinten alle, »und Mermeta mitnehmen und sie zu ihrem Vater und ihrer Mutter bringen.« – Am Abend war alles versammelt in einem großen Saal, da wurde von den Heiligen gelesen und gebetet. »Die heilige Petrea«, fing die alte Nonne an herzuschnarren, wie sie sich gesetzt hatte, »war eine Heilige vom ersten heiligen Kaliber, sie wollte an nichts Anteil haben auf diesem Erdenrunde. Die heilige Unnütziata hielt sich ein Lämmlein, die heilige Selleria einen Piepmatz und noch mehrere Heilige hielten sich so Gott wohlgefällige Tierchen; das dürfen so Heilige wohl tun, aber nicht Menschen, die sich zum Geruch der Heiligung so wenig anlassen, wie ein Ziegenbock.« Sie warf einen drohenden Blick auf Mermeta. »Sie war sogar so fromm, daß sie ein vom Himmel Gesandtes Tier vor ihrer Tür hinweg wies und zu Gott. Vater sprach: ›Ich will an nichts auf dieser Welt Teil haben‹, worüber sich Gott-Vater selber wunderte und ihr großes Lob zusprach. Und sie schlug mit Geißelhieben um sich, wenn sie sah, daß einer Freude hatte an einem Sonnenstrahl, der durch die Fenster drang! Ja, ja, das war eine Frau; aber die Geschichte schreibt auch von ihr, daß Gott-Vater in großer Verlegenheit war, wo er mit dem heiligen Tier hin solle! Es war die jetzt so bekannte Eichkatze. Gott-Vater hatte ihm im Eifer den Weihwasserwedel zum Schwanz gemacht und auch den Instinkt gegeben, das Schwänzchen dazu zu benutzen; er setzte es daher auf einen grünen Baum und richtete seinen Magen zum Buchkernfressen ein; als es aber danach einer alten Dame den Ofenschirm beschmutzte, nahm er ihm alles Heilige. Doch jetzt fängt die Legende an.« Sie schlug ein dickes Buch auf, und bald lag alles auf den Stühlen im Schlaf. – Es war eine Stunde später, als sie in den Schlafsaal zu Bette mußten. Kaum war die alte Sequestra hinter der Türe verschwunden und alles still, so fingen die Kinder an unter einander zu sprechen. »Ach!« rief Gritta, »könnten wir sie befreien!« – »Könnten wir fort!« riefen die andern. »Unsere Eltern beschwätzt gewiß die Alte, daß sie uns hier lassen.« »Ach!« rief Wildebeere, »ich möchte so gern in den Wald und die gute Pflanze Klares, die für den Magen ist, endlich finden; ich blieb damals dabei stehen, als ich medizinische Pflanzen suchen lernen mußte.« – »Ein eingemauertes Nönnchen werden, das mag ich nicht«, sagte ein anderes Kind. Sie fingen jetzt an, aus den Betten zu springen und haschten einander in dem weiten Saale, doch es knisterte draußen vor der Tür. Alles flog in die Betten; die Nonne Sequestra trat herein mit einer Kerze in der Hand, sie beleuchtete die mit Herzklopfen sich schlafend Stellenden und ging; noch ein Weilchen flüsterten Gritta und Margareta, dann ward im Saale alles still. Der andere Morgen war Sonntag. Nach der Messe war die Mermeta hinausgeschickt, die reifen Beeren von den Johannissträuchern zu lesen. Gritta sah sie im Garten hin und wieder gehen, sagte der alten Sequestra, sie wolle auch Beeren lesen, und war in zwei Sätzen davon; bald war sie an ihrer Seite. Die Sonne beschien das Gesicht der jungen Nonne. »Ach!« sagte Gritta, indem sie zu ihr aufsah, »möchtest du denn ewig im Kloster bleiben?« Sie sah Gritta verwundert an. »Willst du nicht auch mit uns in die Freiheit kommen?« Sie schüttelte traurig den Kopf. »Komm, wir wollen fort.« – Es fingen die Glocken an, zum zweiten Gebet zu läuten. Sie ging. Gritta wollte noch einmal zurück in den Saal, da sah sie an der Klosterpforte die alte Sequestra bei dem Pater stehen, den Gritta nicht leiden konnte und der alle Tage kam. Die Alte meinte, alles sei beim Beten versammelt, und rief ihm lauter nach: »Nun gut, kommt heute Abend durch den Rauchfang! Ich habe Euch etwas über das Schloß von Rattenzuhausbeiuns zu sagen.« Gritta lief fort, der kleine Pater grinste, und die Klosterpforte schloß sich hinter ihm.

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