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Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns

Gisela von Arnim: Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns - Kapitel 6
Quellenangabe
typefairy
booktitleDas Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns
authorGisela und Bettine von Arnim
year1986
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14318-1
titleDas Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns
pages3-15
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Alles war den andern Morgen auf den Beinen. Mit allem was von Messern im Schlosse war, bewaffneten sich die Pagen. Auch mußten die Stuhlbeine herhalten, die sie oben mit Nägeln spickten, so daß sie wie Streitkolben aussahen, die man Morgensterne nennt. – Kühn schwangen sie sie durch die Luft, rannten mit erhitzten Köpfen treppauf treppab, wider einander und vorbei, indem der Mut gewaltig in den Pagenherzen pochte. Die Türe zu verrammeln half nichts. Die Brücke konnte auch nicht abgebrochen werden, weil das hängende Gerüst fehlte. So hatte die Gräfin eine offene Verteidigung vor der Tür zu Stande gebracht. »Stellt euch hinten an, kleine Mannschaft!« rief und kommandierte die Gräfin, mit einer in der Eile geschärften Feuerzange bewaffnet, den kleinen Pagen zu, »laßt etwas Breite zwischen euch, daß Müffert das heiße Geschütz hindurch tragen kann.« Sie stellte sich dann vorn auf, an der Brücke und dem Abgrunde zunächst, Gritta zur Seite mit Kochtöpfen, die sie vor sich aufgereiht, um auf der Gräfin Befehl sie loszuschleudern. Die andern hatten auch solche Wurfgeschütze um sich stehen. Der Graf erschien mit dem alten Gerümpel und türmte ein Bollwerk davon in die Höhe, das zu letzter Not zum Werfen benutzt werden konnte: japanische Waffen, alte Uhren, künstliche Schnitzereien, Blechhandschuhe, Tapeten, rostige Rüstungsstücke, Porzellanaufsätze, Allongeperücken und andere Sachen der verschiedensten Art. – Alles war fertig. Die Gräfin Krautia kam vom Anordnen zurück und stellte sich an ihren Platz, indem sie noch einmal das Ganze nach hinten zu überschaute. – Man harrte in atemloser Stille mehrere Minuten; es waren nur noch 5 bis Schlag 10 Uhr, da bog der Zug langsam um die Ecke im Tal. Die Gräfin lauschte über das Gerümpel. Der Zug war sehr groß, sie rief die Heiligen in ihrem Herzen an; denn daß es so viele waren, das hatte sie durch die Türspalte gestern nicht gesehen. – Doch sie schwieg und alles um sie. Indem lief etwas blitzschnell zur Tür heraus, zwischen den Beinen der Pagen hindurch auf den Steg hinüber. Sie gaben nur auf den Zug acht, den man auf einer etwas hohen Felsplatte gehen sah. Aber Gritta hatte gesehen, daß es eine Ratte war, die unter das Ende der Brücke lief. So viel sie sehen konnte, nagte das Tier an alten Binsen und Gras, und Erde und kleine Steine rollten in die Tiefe. Doch nun blickte sie auch nach dem Zug, der schon ganz nah war. Der dicke Ratsherr und älteste Vormund mit Allongeperücke, scharlachner Weste mit über den Bauch herablaufenden zwei Reihen goldenen Knöpfen und schön besetztem Rock. Dann die beiden andern Vormünder folgend, auch bepudert und frisiert. Hierauf Gutsknechte und sogar Stadtmiliz hinterher. Sie langten auf dem Gipfel an und gingen dem kleinen Holzsteg zu. – Die Gräfin Krautia blickte sich um, die hintersten Reihen der kleineren Pagen waren gelichtet; eben lief noch einer mit zusammengehaltenen Höschen davon, die Angst usw. – Mit dem Mute der Verzweiflung drehte sich die Gräfin um. Jetzt stand der Zug vor der Brücke; da sah sie, daß der vorderste Ratsherr zusammenschauderte, seine Glieder zitterten vor Schrecken, die Knöpfe seiner Weste wackelten blinkend hin und her, sein Fuß weilte auf dem Brückenrand. »Kaaaanonen!- stotterte er mit matter Stimme hervor. »O Herr Ambrosius Zipperlein! Nein! Nein!« Doch stieß ihn der Hinterste an und flüsterte ihm etwas ins Ohr, was wie Kochtöpfe klang, worauf er die Tramontane ein weniges wiedergewann. Es waren die von Gritta auf das Bollwerk in Reihe gepflanzten Kochtöpfe, deren runder Schlund nach außen stand und die Henkel nach oben; es sah in der Tat sehr gefährlich aus. Gefaßt wollte der Herr Vormund weiter schreiten, da wankte vor ihm das Brett und stürzte sausend in die Tiefe. Es sprang etwas Schwarzes blitzschnell hinab. »Die Ratte!« schrie Gritta voll Freude, wurde aber gleich wieder blaß vor Angst über den schwankenden Herrn Ratsherrn. »Herr Kollege!« riefen die hinter ihm, »halten Sie sich und schwindeln Sie nicht! – Er wendete sich zu ihnen: »Fürchterliche Hinterlist! Gräßlich angelegter Plan!« Die drei flüsterten jetzt eine Weile zusammen. Zuletzt wies er auf einen Vorsprung unter der Burgtür, indem er rief. »Sie sehen! Sie sehen! Es geht!« und der Zug ging wieder ab. – Auf der andere Seite war alles in Verwunderung über das Wunder. Jeder schrieb's seinem Heiligen zu, und die kleine Gritta schwieg, weil niemand ihr geglaubt hätte. Sie hatte richtig erraten, daß die Belagerung von unten angehen werde. Alles harrte in Erwartung, die Gräfin über den Rand des Gerümpels gebogen. – Sie wußten, daß ein schmaler Felspfad, kaum zu erklettern, von unten heraufführe auf den Vorsprung unter ihr. Zwei, drei Stunden vergingen; da erschien um die Ecke biegend auf dem Vorsprung, sieben Ellen unter der Schloßtür, die Perücke des magersten und, wie es schien, ernstesten und eifrigsten Herrn Vormundes, in Schweiß gebadet. Müffert holte seinen ganzen Vorrat kochenden Hirsebreis herbei. Die Gräfin befahl dem Grafen, Gritta und Elior das Herabwerfen der Töpfe und heißer Grütze. Die Übrigen blieben in Ordnung stehen, für den Fall, daß der Block erstiegen werde. Die Soldaten hatten bloße Säbel, nur einer hatte ein Gewehr. Der dicke Herr gab den fürchterlichen Befehl, vor dem er selbst erschrak, zu feuern, aber ja nicht auf die Gräfin. Eine Kugel pfiff daher und dicht an der Gräfin Kopf vorbei; sie hob ihn stolz auf. Hatte sie vorher das Kanonenfieber gehabt, so hatte sie jetzt das Kriegsfeuer. Ungeschützt stellte sie sich auf den höchsten Aufsatz des Gerümpels. Gritta mit den kleinen, von der Arbeit feurigen Bäckchen, hatte nun auch Mut, schleuderte vereint mit dem Grafen, Peter und einem Pagen alle möglichen Dinge auf jeden Soldaten, der herauf zu klettern suchte, während Müffert von Zeit zu Zeit kam und heiße Grütze auf ihre Köpfe ausleerte. Mit einiger Wehmut, wenn er wieder einen zurückgetrieben hatte, schaute er jedesmal seinen schwarzen Kochtöpfen nach. Doch nun kamen sechse zu gleicher Zeit. Die Gräfin sprang von der Barrikade herab, befahl, der Graf solle mit Gritta, Elior, Peter und ihr Hand anlegen. In einem vereinten Stoße flog das Gerümpel in die Tiefe, die Soldaten bis auf den Absatz mitnehmend. Der kleine Peter hatte sich Venus und Amor, einen porzellanenen Kaminaufsatz, gerettet und schleuderte ihn auf den fern am Ende des Felsabsatzes sich gesichert haltenden ältesten Herrn Vormund, mit der halblauten Gedankenfolge: »Der läßt die andere für sich fechten und stellt sich selber ins Trockne«. Er zerbrach mit großem Geprassel an ihm. In demselben Augenblick streifte ein wohlgezielter heißer Kellenwurf seine Wange und ein Teil blieb an seiner Nase hängen. »Haltet ein!« ertönte seine Stimme. Die Soldaten mit Brandflecken und Blaumalen hörten auf, in die Höhe zu klettern, sämtlich mit der Idee, lieber ins Kriegsfeuer zu gehen als länger diese Kitzeleien auszuhalten. »So mag sie denn in ihr Unglück rennen! So heiraten Sie, heiraten Sie, kleiner Engel«, rief er ihr zu, während er heftig seinen getroffenen Backen rieb. »Die Zeit wird kommen, die Zeit wird kommen, wo die Reue folgt. – O, müssen sich nicht die steinernen Ureltern auf ihren Gräbern herumdrehen! – Soldaten, blast Trauerfanfaren! Wie wird das schöne rote Gold jetzt rinnen?« setzte er privatim für sich hinzu. – »Wär's nach mir gegangen, so hätte sie nie geheiratet!« »Ach, hätte ich sie nur und nicht der Graf gekriegt!« murmelte der Zweite für sich. »Wäre sie nur Nonne geworden, dann wäre es nach meinem Willen!« sagte heimlich der Dritte zu sich selber. – Die Soldaten hatten unterdessen die Reste der Grütze so gut wie möglich abgekratzt, und alle zogen ab. Die Gräfin lachte ihnen nach, und der älteste Vormund, mit Tränen auf den speckigen Wangen, rief. »Frevle nicht! O frevle nicht!«

Die kleine Gritta lief emsig mit dem Rauchfaß hin und her: heut war Trauungstag. Die Rauchwolken durchzogen den Saal, der schön geschmückt war mit seidenen Tapeten, die Fenster geöffnet nach den Bergen zu. Endlich blieb sie vor dem Traualtar stehen, der mit einer bunten Decke belegt war. Auf ihm lag ein kleines Gebetbuch mit altem silbernem Beschlag; sie dachte an die Ehe, daß die ein Band sei, was aneinander binde, wie der Herr Pfarrer sagte. So freute sie sich schon, daß morgen die Gräfin nicht werde wie sonst davon können laufen, wenn der Vater vom Maschinenwesen spreche. Da trat auf einmal der Bauch des Herrn Pfarrer herein, und dann folgte das Übrige nach. Es versammelten sich allmählich alle. Die Gräfin mit ihrem kleinen goldnen Krönchen auf dem Kopfe und weißem Schleier sah gar lieblich aus. Das war eine Traurede. Die Pagen sollen sich einen Teil ihrer Beine abgestanden haben. Die Gräfin und der Graf knieten hin, sie mit lächelndem Gesicht, er mit ernsten, gerührten Blicken. Als es an das Jasagen kam, stieß ihn die Gräfin an, denn er hatte die Augen ein wenig zu sehr für das Gerührtsein zugemacht. »Freiherr Ortel von Rattenzuhausbeiuns«, rief der Herr Pfarrer, »willst du selbige benannte Jungfrau Nesselkrautia Bollena Amaria als deine andere Hälfte und Herrin anerkennen, wie sie dich als ihren Herrn anerkennt, so sprich ein deutliches und vernehmliches Ja!« – »Brrrrrmm, das Räderwerk steht still«, sagte der Graf aus dem Schlaf auffahrend und erschrocken umhersehend. Endlich besann er sich und sagte Ja! Dann endigte die Predigt schnell. Den Abend bliesen noch Flöten und Klarinette. Die Pagen drehten sich und sprangen und waren voll süßen Weines. Gritta schlich in ihr Türmchen und schaute den Sternen zu, während der kleine Turmwart von oben herab ein Abendlied blies. Unten lag still im Nebel begraben das Tal, und ihr schienen aus den dunklen Höhlen inmitten der Berge kleine Flöckchen zu fliegen, aus denen sie sich Gestalten bildete. – Am andere Morgen ging die Gräfin zur Kirche; ein veilchenblauer Atlas sank von den Schultern zur Erde, ein feiner Schleier umgab sie und wurde nur hie und da von Diamantsternen aufgenommen. Die Glocken der Dörfer läuteten zusammen den blauen Bergen zu durch die Sonntagsluft. Der Gräfin zur Seite schritt der Graf, in stattlicher Puffenkleidung von grün und gelbem Atlas; die Pagen folgten hinter her. Der Graf war entzückt darüber, wie die Gräfin so sanft auf das kleine Gesangbuch in ihrer Hand blickte. »Weißt du was«, sagte sie, »deine kleine Tochter will ich in ein Kloster zur Erziehung geben.« Der alte Graf runzelte die Stirn. »Ich kann sie nun einmal nicht erziehen.« – »Hast's auch nicht nötig, Frau Gräfin.« »Aber was soll aus ihr werden, wenn sie nicht sticken, weben, spinnen kann, und mir gehorcht sie nicht, denn sie ist ein wildes Ding.« – Der Graf bedachte sich heimlich, und als er die Gräfin so fromm einhergehen sah, sagte er endlich Ja! – Aber die Gräfin dachte: »Hab' ich sie erst dort, so soll sie Nonne werden.« – Gritta sollte fort, fort von der Burg ihrer Väter. Zwei Tage blieb sie noch, sie vergingen schnell. Den alten Grafen sah sie nicht, die Gräfin ließ sie nicht zu ihm; aber sie war oft beim kleinen Turmwart, tausendmal trug sie ihm auf, daß er für die kleinen Tierchen in ihrem Turme sorge. Am Morgen des dritten Tages stand sie endlich vor dem Schloßtor. Sie guckte, als sie weiter ging, hinauf nach der alten Zinne, drehte sich dann um und wanderte, ihr Bündelchen an einem Stecken über der Schulter, eilig an Müfferts Seite davon. Der Turmwart schaute von der Höhe hinab ihr nach; er blies eine so fürchterliche Trauerfanfare herab, daß alles im Schloß zusammenlief, meinend, es brenne. Als sie durchs Felstor waren, gingen sie dem Walde zu. »Ach!« hob Gritta an, »ich habe gebeten, sie sollen mich nicht im Kloster vergessen, und der Peter hat mir's versprochen; vergäßen sie mich, so wollte er mich holen!« In der Hochgräfin grauen Augen standen Tränen, die an den schwarzen Wimpern gleich Perlen hängen blieben. Müffert schnitt ein fürchterlich Gesicht, um seine Tränen zu verschlucken, und rief. »Wer hat dich Weinen gelehrt? – Ich hole dich schon und vergesse dich nicht.«

Der Wald wurde immer dichter, und der kleine Fußpfad war kaum zu unterscheiden; es ward schon spät. Sie gingen still neben einander: »Horch! – Es raschelt etwas!« rief Gritta. Einen Augenblick dauerte es, da guckte ein dicker, dunkler Kopf aus dem Gebüsch mit seinen drohenden Augen, vor sich hinbrummend. Wie der Blitz lief Gritta davon; ihr Herz klopfte, ihr Kleidchen blieb an den Dornsträuchern hängen, das Päckchen unter ihrem Arm fiel zur Erde. Da blieb sie stehen, sie wurde rot bis über die Ohren: sie war davon gelaufen. – Sie – die Tochter eines Ritters, die Enkelin so vieler mutiger Ahnen, von denen drei mit Hosenbands-, drei mit Knopflochverdienstorden erster Klasse versehen waren! Sie war davon gelaufen! – Ein schlimmer Gedanke in der Einsamkeit! Aus jedem Busch schien die Allongeperücke eines Ahnherrn zu winken. »Und wenn mich der Bär frißt, – ich gehe zurück!« – Sie ging kreuz und quer, rief und schrie; doch vergebens. So irrte sie hin und her, und zuletzt fiel ihr ein, sie könne sich verirrt haben. So war es. – Nur dadurch, daß hie und da ein Häschen weggesprungen oder das Laub geknittert, hatte sich vorher noch der hochgräfliche Ahnen-Hosenbands- und Knopflochverdienstordens-Mut aufrecht erhalten, aber nun war alles still! – Sie zitterte vor Frost, als sie in eine Gegend kam, wo die Bäume lichter wurden. Endlich an eine Baumlücke gelangt, stand vor ihren erstaunten Augen ein großes, kahles Gebäude. Es hatte nach beiden Seiten Flügel, auch zog sich eine Mauer herum, die dem Anschein nach es ganz umschließen mußte; eine runde, dunkle Eingangstür lag vor ihr, die tief in das Gebäude hinein ging. Von Zeit zu Zeit befand sich hoch oben ein Fenster, mit Eisenstäben verschlossen. Eine öde Stille um das ganze Haus; endlich entdeckte sie an der Tür einen Draht mit einem Ring daran. – Da es immer finsterer wurde, nahm sie sich ein Herz und zog; laut hallte es wider und schien sich in fernen Gängen zu wiederholen, bis es zuletzt verhallte. Sie zog noch einmal und klopfte dann; es naheten Schritte, nach einer Weile fiel ein Schiebfensterchen rasselnd herab. Ein paar graue Augen blitzten hindurch; darauf öffnete sich die Tür, eine magere Knochenhand langte heraus und holte Gritta hinein in eine tiefe Dunkelheit. Es deuchte ihr, als höre sie die Töne einer fernen Musik, als eine schnurrende Stimme fragte: »Was willst du?« Die kleine Gräfin fing jetzt wie ein aufgezogenes Rädchen an, ihre Geschichte herzuschnurren. Die Alte hörte brummend zu, nahm ihr dann den Brief aus den Händen und zog sie hinter sich drein durch viele Gänge, bis sie vor eine hohe Tür kamen; hier ließ die Alte sie in der Dunkelheit allein. Nach langer Zeit erst kam sie wieder, ihre lange Nase ragte beim Aufgehen der Tür aus dem schwarzen Schleier hervor. »Da, sehen Sie, ist die kleine Hochgräfin im windigen Röckchen, wie ein hergelaufnes Ding!« Die Alte richtete diese Worte an eine alte Dame, die im Sessel mit hoher Lehne saß; sie hatte die Schultern eingezogen und schaute gleich einem grauen Jahrhundert vor sich hin, dann hob sie die Augen und starrte Gritta an. Die Alte fing an, mit ihr heimlich zu zischeln, nur zuletzt sagte sie etwas lauter: »Sie hat mir erzählt, daß der alte Müffert, ein Diener des Schlosses, nicht wisse, wo sie sei; daher ist es für unsere Pläne sehr gut, wenn wir es auch nicht sagen.« Gritta hatte während des Gesprächs Zeit sich umzusehen. Es war ein hohes, dunkles Zimmer, mit einer alten Ledertapete. Nußbraune Schränke an den Wänden. Eine heilige Maria von schwarzem Ebenholz mit Elfenbeinaugen und diamantnen Augensternen schaute graulich aus einer hohen Ecke herab. Die Alte erweckte Gritta aus ihrem Traume, nahm sie an der Hand und zog sie wieder durch eine Menge von Gängen fort; am Ende derselben öffnete sie eine Tür und trat mit ihr in einen Saal. Der Mond schien durch die Fenster auf eine Menge kleiner Bettchen, die mit weißen Linnen gedeckt umherstanden. Es war eine Stille und ein leises Atmen; die Alte hob sie auf ein Bett und ging. Gritta glaubte sich erst allein in dem großmächtigen Saal, doch im Mondlicht wurde sie einiger Kinderköpfchen in den Betten gewahr, sanft lächelnd vom Schlafe. Sie hockte auf dem Bettchen, um alles zu betrachten; ihr blondes Haar strahlte im Mondlicht, da fühlte sie, daß sich etwas dicht neben ihr rege. »Ach, ein Kind, so groß wie ich!« Und wirklich war es eins, es hatte die weißen Glieder in schlafender Bequemlichkeit weit von sich gestreckt, ein brauner Zopf hing hinten herab; es hatte ein besonders weltweises Gesichtchen, die schwarzen Wimpern ruhten auf den rotgeschlafenen Wängchen, die vollen roten Lippen geöffnet. Gritta, nachdem sie das kleine Mädchen noch betastet hatte, versank in Schlaf. –

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