Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gisela von Arnim >

Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns

Gisela von Arnim: Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns - Kapitel 21
Quellenangabe
typefairy
booktitleDas Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns
authorGisela und Bettine von Arnim
year1986
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14318-1
titleDas Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns
pages3-15
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
Schließen

Navigation:

Gegen Ende der Mahlzeit machte der König ein tiefernstes Gesicht, räusperte sich und sprach mit tiefgefühltem Wohlwollen und Liebeslächeln zum Grafen. »Umarmen Sie mich, edler bewährter Freund! Ich erkenne Ihren großen Genius! Vermählen wir unsre Kinder mit einander! Dies wird das schönste Band zwischen mir und Ihnen sein, fester als alle Kükelmaschinen. Zwar hatte ich meinem Prinzen eine ernstere Staatsverbindungsvermählung zugedacht; aber sehen Sie, Lieber, diese Ihre große Fähigkeit der Staatsmaschinenkunst würde ja alle politischen Staatsverbindungen bei weitem übertreffen. Sollten Sie nicht als königlicher Hofschwiegervater Ihren Wirkungskreis haben? Das sollte mir leid tun! Zweitens, da das Äpflein nicht weit vom Stamme fällt, so vermute ich, daß das Töchterlein eine talentvolle Königin werden wird; ja, gestern hat sie schon vor mir ihr Licht nicht unter den Scheffel gestellt.« Der Graf verbeugte sich tief. – Gritta war über alle Maßen erstaunt; sie legte einen Pfefferkuchenmann, dem sie soeben den Kopf abgebissen, erschrocken auf den Teller. Aber das Prinzchen neben ihr reichte ihr mit bittendem Blick eine verzuckerte Pomeranze und fragte: »Willst du? – Ich langeweile mich so sehr allein!« – Sie nickte und nahm die Pomeranze.

Eben fischte der König dem letzten Brocken in der Sauce nach, als der Turmwart von neuem blies. Gritta lief zum Fenster, um zuerst zu erfahren, was es neues gäbe. O Wunder! Vor dem Tore standen zehn Mädchen! – Schier wär' die kleine Hochgräfin zum Fenster herausgesprungen, denn die voran an dem Schloßtor rüstig klopfte, war niemand anders als Margareta! Gritta sprang die Treppe herab und lag in ihren Armen. Was war sie lang geworden! – Gritta wünschte sich ein Schemelchen, um hinauf zu steigen und ihr ins Gesicht zu sehen, in die braunen Augen, so freundlich wie immer, und ihre Wangen zu küssen, so rot wie der schönste Apfel. Sie lief nun von der einen in der andere Arme, bis sie endlich außer Atem stille stand. Eben wollte sie anfangen zu fragen, da erschien der König an der Pforte. »Ach, was für artige kleine Jungfern!« rief er, »das sind also die Landstreicher! – Ach, hätte ich doch noch zehn Söhne! Nun, so wollen wir gleich heut Nachmittag Hochzeit halten, ohne Vorbereitung von großen Spargelkrautpforten und Volksgeschrei, denn es wird nichts davon erfahren. Ich muß so immer, wenn ich von meinen Reisen komme, acht Tage inkognito bleiben, bis sie sich zum Schreien zurecht gemacht haben, und dann hinaus spazieren fahren, um zum Empfangstor wieder hereinzukommen. – Aber in die große Stadtkirche muß gleich geschickt werden, um alles zurecht zu machen!« »Nein, Euer Majestät!« – sagte Margareta zum König, indem sie ein solches Knixchen aus ihrem Sittenspeicher holte, daß er ganz gerührt wurde. »Wenn Gritta heiraten soll, so laßt die Trauung bei uns sein in unserm Waldkloster!« Der König nickte, etwas verwundert über das Waldkloster, und ging nachgrübelnd umher, ob er es nicht eigentlich auflösen müsse, weil sie ihm sonst die Gänseweide im Wald niedertreten könnten; aber großmütig ließ er später den Gedanken fallen. »Was ist das für ein Waldkloster?« fragte Gritta. »O, wir haben uns ein Kloster im Wald gebaut«, sagte Margareta, »schön und zierlich, von Rohr, Lehm und Feldsteinen, mit kleinen Zellen und Fensterchen! Es ist alles rings herum dicht verwachsen, und ein Gänglein ist in der Mitte des Klosters, da fliegen die Vögel aus und ein und bauen ihre Nester an die Wand.« – »Wie kommt ihr zu dem allen?« rief Gritta, voll Freude, daß es ihnen immer wohlgegangen war. »Das will ich dir erzählen! Wir wollen uns dort auf die Turmtreppe setzen, das Prinzchen hat doch schon die andern hinaufgelockt auf den Taubenschlag. Es wär' uns auch gar nützlich, hätten wir zwei Zuchttauben. – Also du warst uns abhanden gekommen, und wir liefen überall herum nach dir, doch alles vergeblich. Wie wir nun so ganz unglücklich in die kreuz und quer rannten, erblickte ich etwas Weißes aus Blumen und Distelkraut ragen. Es sah seltsam aus; ich dachte erst, es wär' eine große weiße Pusteblume; aber – Gritta, ich bitte dich, erschrick dich nicht – sie bewegte sich, der alte Jude Abraham vom großen Meerschiff erhob sein weißhaariges Haupt und sah uns an! – Was das für eine Freude war! – Er erzählte uns, sie hätten sich damals alle vom Schiff auf einen Kahn gerettet; er wär' aber so vollgestopft gewesen, daß, als Frau Maria uns noch habe holen wollen, die Leute sie fest gehalten hätten, weil es nicht möglich gewesen sei, daß das Schiff uns noch tragen konnte. Sie seien nun vom Sturm unweit der Stadt Sumbona ans Land verschlagen worden, von wo bald alle wieder abgereist waren, weil der Gouverneur niemand in die Stadt ließ. Nur er sei da geblieben, um sich erst eine kleine Summe mit Weben zu verdienen vor seiner Abreise, weil er immer gehofft, in die Stadt zu kommen. Da dies ihm nicht gelungen, zog er sich in den Wald zurück, und lebte jetzt in einer kleinen Hütte. – Wir blieben nun beim alten Abraham und waren die erste Zeit sehr traurig um dich; – doch fort wagten wir uns nicht, um dich zu suchen, denn der Gouverneur Pecavus ließ im Wald Jagd auf uns machen. Den Jägern war befohlen, jegliches Wild unserer Art einzufangen. So bauten wir uns denn ein Kloster; – hätten die Elfen nicht dabei geholfen, so wär' es wohl nie fertig geworden. Wildebeere kam nämlich eines Tages zu uns, und seit der Zeit war des Nachts immer ein heimliches Treiben: es pochte, hämmerte und bohrte, und immer war am andern Tag darauf das Kloster wieder weiter fertig, und immer schöner ward es. Als es ganz fertig war, machte uns der alte Abraham einen Webstuhl nebst Spinnräderlein und lehrte uns Spinnen und Weben; dann nahm er zu unserm großen Leidwesen Abschied, um in sein Vaterland zu gehen. Wir gaben ihm Briefe mit an unsre Eltern; er versprach, bald wieder zu kommen und uns Nachricht von ihnen zu bringen, und dann wollte er für immer bei uns bleiben, um seine Knochen unserem Kloster als Reliquien zu schenken. So haben wir uns denn ganz eingesponnen und eingewebt im Wald; viel dachten wir an dich, und die Zeit verging. Vor ein paar Tagen noch schenkten uns die Elfen eine goldne Glocke in unsern Klosterturm, mit schönen Figuren drin eingegraben, die sie selbst in dem Wald des Nachts gegossen und graviert haben. Heute morgen auf einmal kam Wildebeere, rief uns wach und erzählte alles, was dir begegnet ist; sie hatte alles von den Elfen erfahren. Früher hatte sie uns nie Nachricht von dir gebracht, wahrscheinlich weil sie sich bloß um die Wissenschaft bekümmerte; wir machten uns gleich auf den Weg hierher. Aber wie schön ist es jetzt im Kloster! Ein jedes hat sein eignes Geschäft: Reseda läutet alle Morgen und Abend, Petrina muß das Kapellchen ausfegen; Lieschen muß es schmücken mit Blumen, sie kann die so schön aus bunten Federchen zusammenbinden, die die Vögelchen vor der Klostertüre fallen lassen, wenn Elfried sie füttert u. s. w. Sonst arbeiten wir zusammen, schwingen den Flachs und spinnen ihn; dazu kommen öfters in den Dämmerstündchen die Elfchen und erzählen uns die schönsten philosophischen Gedanken, und wir spinnen alle so vergnügt im Mondenschein. Dann weben wir und bleichen, wobei wir sehr vorsichtig zu Werke gehen, weil wir bemerkten, daß die kleinen Elfchen gern unter der Leinwand sitzen und allerlei Spuk darunter treiben. Harmoni hat ein wunderbares Instrument zustande gebracht, bei dem ihr die Elfchen beigestanden; darauf musiziert sie in der Kapelle und hält alle unsre Stimmen zusammen. Maieli hat die Kapelle gemalt; aus den beiden wird etwas. Du glaubst nicht, wie schön die Kapellenbilder sind. Ich bin nun die Äbtissin und wünsche nichts, als daß du als Königin unser Kloster genehmigst und es »Zu den zwölf Landstreicherinnen« nennst. Wir besitzen einen Klosterschatz von Bienen, die sich bei uns eingewohnt und ganz zahm und verständig sind; wir brauchen sie als Boten, sie schwärmen von uns zu den Elfchen und von dort wieder her und von einem zum andern, um uns bei Gelegenheiten und Geschäften zu rechter Zeit zusammen zu rufen; von denen sollst du jährlich ein Töpfchen ihres klarsten Honigs als Abgabe haben. Doch jetzt muß ich fort ins Kloster. Wir haben heute das erste Elfenbier gebraut, das möchte überlaufen; dann muß ich auch noch helfen, in der Kapelle die Hochzeitsanstalten machen, und wir müssen uns putzen: da habe ich keine Zeit zu verlieren.« Sie rief die andern vom Taubenschlag und zog eilig mit ihnen ab, außer Kamilla, die zurück blieb, um den Weg nach dem Kloster zu zeigen.

Am Nachmittag, als der Wald vom Sonnenschein durchglänzt in voller Pracht stand, zog der Brautzug nach dem Klösterchen. Ihm voran ging der alte Hochgraf mit Gritta und Scharmorzel, auf Kamillas Schritte achtend, die als Wegweiser durch den Wald sprang. Sein Bart glänzte weiß und gestrählt über ein neues Wams, und er sah vergnügter als je aus. Dann kam die Hochgräfin mit dem kleinen Tetel; sie war ein wenig still und traurig, trotz ihres prächtigen Seidenrockes mit langer Schleppe, denn sie dachte daran, daß der kleine Tetel nicht die Herrlichkeit des Waldes sähe. Nach ihr kam der König und das Prinzchen mit Peter Hand in Hand. Der König hatte das Gefolge am Waldessaum zurückgelassen. Dieser Umstand und ein leichter Sommerschlafrock, nicht der schwere Thronpurpur, stimmte sein weiches Gemüt zu einer milden Fröhlichkeit. »Sieh! Prinz«, sagte er, »was meine Pantoffeln naß werden auf dem grünen Boden; was ist das?« »Das ist Tau, lieber Herr Vater!« – »Ach so! Ich bin seit so vielen Jahren nicht in einem Wald gewesen! – Ich glaub', ich war mein Leben kaum einmal drin; man hielt das sonst nicht für einen passenden Ort für die Königswürde, weil Krone, Zepter und Thronmantel gar leicht konnten an den Sträuchern hängen bleiben. – Was ist das? – Wiegt sich dort auf dem schwankenden Zweig in der Sonne ein Krammetsvogel?« – »Das ist ein Zeisig!« sagte der Prinz – »Ach was!« rief der König, »was heißt das, Zeisig! – Solch einen Vogel gibt es nicht; ich weiß wohl von dem Rebhuhn, von der Schnepfe, dem Wasserhuhn, der Wachtel, dem Krammetsvogel, der Lerche, dem Haselhuhn, dem Birkhuhn, Fasan und dergleichen, aber von keinem Zeisig hab' ich je gehört. – Horch wie es pfeift!« – und einem unwiderstehlichen Drang nachgebend legte er sich ins kühle Moos. – »Was pfeift da so süß?- »Eine Nachtigall!« sagte der Prinz. – »Ach«, rief der König, »gewiß ein Rebhuhn! Ja, es schmeckt meinem Ohr zu gut!«

 << Kapitel 20  Kapitel 22 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.