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Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns

Gisela von Arnim: Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns - Kapitel 20
Quellenangabe
typefairy
booktitleDas Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns
authorGisela und Bettine von Arnim
year1986
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14318-1
titleDas Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns
pages3-15
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Im Speisesaal harrten die Diener, in Aufregung über den wunderbaren Einfall des Königs, vom Essen wegzulaufen. Getröstet durch seine Wiedererscheinung sprangen sie herbei und rückten den Stuhl zu seinem Empfang zurecht, wobei der Leibkämmerer nicht ermangelte, eine Freudenträne über die glückliche Zurückkunft auf des Königs Hand zu vergießen. Der König entfernte den lästigen Pudermantel und ließ sich nieder. Auf seinen Wink erhielt Gritta ein Stühlchen dem Prinzen Bonus gegenüber. Sie konnten sich nur zuweilen anlachen, wenn sie sich streckten, denn eine große Kuchenpyramide war die Mauer vor ihren Blicken. Man speiste ganz still. – Gritta wußte nicht, ob der König gnädig oder zornig gesinnt sei; er schien alle weitern Gefühle bis nach dem Essen aufzusparen. Endlich erreichte dies sein Ende. Der König steckte das Schnupftuch in die Tasche und kriegte dabei den Brief zu fassen; er legte sich in den Stuhl zurück und brach das goldne Siegel von dem feinduftenden Papier. Eilig schneuzte der Leibdiener die goldne Kerze. »Aber das ist Augenpulver!« sagte der König. »Der Prinz lese, er putze sich aber vorher die Nase!« Der Prinz las:

»Großmächtigster König! In Deinem Lande lebt, was Dir bis jetzt unbekannt sein wird, eine Königin. Sie herrscht in ihrem Reich, im Wald, und was für Dich nur ein kleiner Fleck sein würde, ist für sie ein Land. Du kennst das Geschlecht der Elfen nicht, aber Du wirst erfahren haben, daß sie Freunde Deiner Voreltern waren.«

»Was?« sagte der König, »der Brief ist nicht von dem Kinde dort, sondern von einer Königin, die sich in meinem Lande ansässig gemacht hat, ohne mir etwas zu sagen?« –

»Wir sind von Uranfang hier gewesen«, fuhr der Prinz zu lesen fort, »und also lange vor Dir, denn Dein Land ist das Paradies, deswegen es auch nur selten Winter wird, und wenn die Blüten fallen, kommen schon wieder Blüten.« »Also stamme ich von der Familie Adam ab!« sagte der König. – Der Prinz fuhr fort: »Gott-Vater, nachdem sein Zorn über Adams verbotnen Apfelbiß sich gelegt hatte, versetzte es wieder auf die Erde. Alle Engel und Geister, deren Spielplatz es im Himmel gewesen, flohen nun nach allen Seiten aus seinen duftigen Büschen und schwangen sich auf andre Himmelswiesen, um nicht mit hinab versetzt zu werden. Wir kleinsten Geister aber schliefen in den Blüten und Blumen, und als wir aufwachten, da waren wir schon in irdischer Luft und konnten nicht mehr hinauf. Das war die Strafe dafür, daß wir genascht hatten aus Gott-Vaters Bierkrug. Das süße Honigbier lockte uns an wie die Fliegen, wir konnten nicht widerstehen.« »Ich hätte nicht so viel Wesen gemacht um ein bißchen Bier«, meinte der König, »aber was steht nun noch mehr in dem Brief?« –

Der Prinz las weiter. »So klein mein Land ist, so vermag ich doch viel. Wenn Du mich vertriebest, würden die Quellen nicht mehr frisch rauschen, die grünen Wiesen verdorren, und die Zweige auf den Bäumen würden nicht mehr schwer belastet von Früchten sein. Das Laub würde nicht mehr die Sonnenwege beschatten, es würde verzehrt werden von den giftigen Insekten, auf die mein Volk stets Jagd macht, denn aller geheimen Naturkräfte bin ich mächtig, und vergnügt, Dir durch sie zu nützen.« –- »Eine artige kleine Person, die Königin! Wir wollen sie lassen, wo sie ist!« rief der König. Prinz Bonus fuhr fort:

»Ihr seid ein guter Regent, König, alles könnte unter Eurem Zepter gedeihen; nur eins ist Euer Unglück: – der Gouverneur Pecavus. – Schon lange sehe ich, wie drohende Stürme Eurem Haupte nahen; aber heute bin ich zur Gewißheit gekommen, von wem sie ausgehen. Heute um Mitternacht hat mein Großvater, der Mond, eine Eule, die über den Wald nach dem Meere zuflog, aufgefangen; sie trug einen Brief unter dem Hals an eine Klosterfrau, von niemand anders als dem Gouverneur Pecavus geschrieben. Er war früher Mönch in einem fernen Land und hat dort schon sehr schwarze Taten vollbracht. Ich hoffe, daß, nachdem Ihr die Wichtigkeit des Briefes eingesehen, werdet Ihr die Botin, die kleine Hochgräfin aus dem alten Stamme der Rattenzuhausbeiuns, ehren und ihr um meinetwillen das zulieb' tun, was sie wünscht. Jeden, der ihr etwas zuleide tun sollte, warne ich vor meinem Zorn. Ich grüße Euch und bin Eure ergebene Freundin und Landesverbündete.« – »Lies den Brief unseres Pecavus! Es wird nichts Übeles darin stehen«, sagte der König. Prinz Bonus las:

»Sequestra! Ihr lebt doch noch im Wald, bei dem großen Eichbaum, nach dem Ihr hingezogen seid, als die Ratten Euch vertrieben haben, und ich hoffe, dieser Brief kommt zu Euch. Mir geht es glücklich. Ich sitz' in der Wolle, das heißt in dem Königspelz. Nachdem ich meinen Weg durch fremde Länder genommen, bin ich hier angelangt bei einem sehr dummen König!« – »Was?« rief der König. – »Bei einem sehr dummen König!« – wiederholte Prinz Bonus, mit ausdrucksvoller Betonung. – »Obschon ich nun recht warm sitze, so suche ich mich doch noch höher zu schwingen durch einen Aufstand unter den Gänseverkäufern, indem ich den König dazu bewege, sie zu drücken. Vielleicht, wenn meine Pläne gelingen, werde ich selber bald König sein; dann könnt Ihr kommen mit allen Nonnen, und ich will Euch ein Kloster einrichten. Jetzt müßt Ihr auch wissen, daß ich die elf entflohenen Kinder entdeckt habe; die könnt Ihr gleich einstecken, wenn Ihr kommt. Allergeliebteste Sequestra, schickt mir doch ein Schmalztöpflein für den dummen König!« – »Halt ein!« rief der König, »ich weiß genug. Diener! – Ruft mir den Gouverneur Pecavus in mein Geheimkabinett!« – Er sprang auf und ging selbst hinein. Alsbald erhob sich drin ein fürchterliches Toben, als werde alles umgeworfen. Gritta und der Prinz lauschten an der Tür, sie konnten nichts deutlich hören, es ertönte bloß ein wildes Geschrei durcheinander; auf einmal geschah ein Knall. – »Ach, wenn er nur meinem Vater nichts getan hat!« rief der Prinz und öffnete. Da stand der König und zog eben noch zweimal mit seinem goldnen Zepter dem Gouverneur Pecavus etwas über. – Dieser hatte sich halb versteckt hinter eine Marzipankiste, das Hauptstudiermaterial im Geheimkabinett. Der Staub fuhr aus seiner Perücke, und seine Augen funkelten glühend hindurch; jämmerlich gekrümmt sprang er hervor und floh vor dem ihn verfolgenden König hin und her. Bald wollt' er sich auf den Schrank retten, bald kroch er unter dem Sopha durch; wie Flügel schwebte der schwarze Mantel in der Luft herum, wenn er die Hände weit vorausspreizte und allerlei unerhörte Worte schrie, wie »König Gänserich!« und dergleichen. – »Ja, ins Loch lasse ich Sie setzen, schändlicher Pecavus!« rief der König erschöpft und blieb stehen. »Die Stadtmiliz steht schon vor der Tür.« – »Glaubst du, ich könne nicht fort? – König Anserrex!« rief Pecavus, »ich bin stets frei und gehe allein fort auf einem Wege, wo deine Stadtmiliz mir schwerlich nachkommen wird.« Bei diesen Worten fuhr er durch den Kamin in den Rauchfang hinein – er lachte noch einmal schauerlich – das Feuer flackerte auf, und er war verschwunden. Ja, es war der Pater Pecavi leibhaftig! Damals hatte ihn Gritta durchs Kamin herein- und heute durchs Kamin hinausfliegen sehen.

Der König, froh, daß er ihn los war, freilich auf eine sehr unheimliche Weise, steckte das Zepter wieder hinter den Spiegel und wischte sich die Asche vom Gesicht, die ihm angeflogen war, da ein großer Wind bei Pecavis Flucht aus dem Schornstein hereinblies. Dann nahm er seinen Nachtleuchter und sagte sanft: »Geh zu Bett, kleine Hochgräfin, ich werde dir ewig dankbar sein!« Er küßte sie auf die Stirne und ging; Gritta winkte dem Prinzen heimlich »Gute Nacht«; zwei goldbordierte Bediente sprangen mit goldnen Leuchtern vor ihr her bis zur Schlafzimmertür, die sie sehr weit vor ihr öffneten, dann mit ihren Wachslichtern der Ersparnis wegen wieder fortliefen und sie im Dunkeln allein ließen. Aber ein kleines Lämpchen brannte doch und erleuchtete halb das Zimmer. Es war sehr herrlich, so herrlich wie Gritta es noch nie gesehen: die Wände waren golddurchwirkt und voll bunter Gemälde, in denen immer die Hauptperson ein Gantvogel war auf einer zackig geformten, goldnen Schüssel, in der einen Pfote eine Zitrone, in der andern einen Lavendelstengel haltend. Sie vermutete, es möge wohl des Königs Lieblingsgericht sein; denn auch oben an der Decke, wo die lieblichen Göttinnen mit langen Beinen hinter weißen Wolken sich versteckten und zärtlich herab sahen, hielt eine in der Mitte derselben mit feierlichem Anstand solch eine Schüssel. – Aus dem königlichen Schloßgarten strömten Düfte herein, und hinter dem dunklen Laub plätscherten die Springbrunnen. – Es war doch gar zu schön! Gritta verlor sich ganz im Anschauen. – Da öffnete sich leise eine Tapetentür, und eine allerliebst zierliche Hofmeisterin oder Schloßdame trat ein; sie praktizierte Gritta auf eine artige Weise Röckchen und Jäckchen aus und steckte sie in ein schönes kleines Bett; das Prinzchen mochte wohl früher darin geschlafen haben, denn es war fein gedrechselt und ganz übergoldet. Die Hofdame schloß die seidnen Wände der Gardinen und trippelte davon, mit einem »Gute Nacht, liebes Kind!« Gritta lag ganz still in dem seidnen Paradies; Düfte wehten zum Fenster herein und stahlen sich durch die Ritzen der Gardinen. Behaglich dehnte sie sich, so lang sie konnte, und legte sich von einer Seite auf die andre, bis sie still liegen blieb, nachsinnend über den alten Hochgrafen und die Mutter. – »Wie glücklich werden beide nun sein!« dachte sie, »wenn sie eine schöne Heimat haben. Der König läßt sie gewiß holen; es wird mir nicht mehr leid tun, daß der Vater nichts hat zum Maschinenbauen, und die Gräfin wird nicht mehr traurig sein, denn sie werden alles haben. Aber der kleine Tetel!« – – Da raschelten die seidnen Gardinen und öffneten sich. Eine weiße Gestalt stand vor dem Bett, ihre wunderbaren Augen leuchteten durch das Dunkel: »Liebe Gritta«, sagte sie sanft, »ich bin die Ahnfrau vom Rutenbaum! Du hast mich erlöst, denn du bist die erste meines Geschlechts, die gewandelt, ohne die Rute zu verdienen, drum sei von mir gesegnet! – Bald verlasse ich die Erde. Hast du irgend einen Wunsch?« »Ach nein«, sagte Gritta –- »nur der kleine Tetel« –-- Die weiße Frau nickte, deckte sanft das verschobne Federbettchen über Gritta, blickte sie mit den dunklen Augen segnend an und war verschwunden; die Vorhänge rauschten zu. Gritta schlief ein, und goldne Träume spielten mit ihr.

Am andern Morgen flog ein frisch betauter Apfel in die Bettgardinen; Gritta erwachte, ein zweiter flog zum Fenster herein. Sie schlüpfte schnell in ihre Kleider, eh' die artige Hofmeisterin käme, der sie lieber selbst Dienste getan hätte. Es waren aber nicht mehr ihre Kleider, sondern neue von schöner Seide; als sie heimlich sich dreimal darin im Spiegel angeguckt, lief sie ans Fenster. Prinz Bonus wandelte ganz herrlich geputzt zwischen den morgentauigen, von des Königs eigner Hand gepflanzten Kohl-, Rüben- und Spargelbeeten und suchte aus Artigkeit für ihn die Kappes aus, die er auf ein grünes Blatt gelegt, ihm später präsentieren wollte. Er schrie: »Gritta, steh auf! Wie kannst du so lange schlafen, wenn die Welt schon ihr goldnes Taggewand angelegt hat?« – Gritta war schon auf dem Weg zu ihm, als sie den Türmer blasen hörte; voll Ahnung lief sie an die Schloßpforte. Da stand der alte Hochgraf und die Hochgräfin vor dem Gittertor, und über der Hochgräfin Schulter schwebte auf seinem Reiseplatz der kleine Tetel; hinter ihnen stand Peter, und Scharmorzel, der die ganze Nacht ausgesperrt gewesen war, bellte mit freudiger Ungeduld. Unten lag die sonnige Au im Morgennebel, und Gritta meinte, sie sähe etwas Weißes flimmern, doch merkte sie nicht drauf, weil sie nicht schnell genug in dem dunklen Torweg an der Wand in die Höhe konnte, um den Schlüssel aus dem Mauerloch zu langen, in das ihn der Torwächter legte, weil, wenn geklopft wurde, gewöhnlich alle Leute früher aufwachten als er. – Bald lag Gritta dem Hochgrafen um den Hals.

»Weißt du, warum wir kommen, Gritta?« sagte die Hochgräfin. »Heute Nacht im Traum hab' ich eine weiße Frau gesehen; die sagte, wir sollten hierher gehen, es sei alles herrlich und schön mit dem König. Da haben wir uns denn aufgemacht.«

Sie traten nun durch den Torweg in den Schloßhof herein. Während sich der Hochgraf erkundigte, wie alles gegangen mit Gritta, schaute die Gräfin nach den Zinnen. Sie leuchteten in der Sonne, und die Tauben umflogen sie in Schwärmen; ihr weißes Gefieder blinkte beim Wenden, dann ließen sie sich nieder zu den Hühnern, die auf den reinen Steinen des Hofes geschäftig hin und her eilten. Vor einer kleinen runden Tür mit Steintreppe sammelten sie sich alle. Die kalekutischen Hähne kullerten, als erwarteten sie etwas; die Hähne stolzierten voll Aufmerksamkeit auf und ab. Perlhühner und Haubenhühner liefen gackernd durcheinander und legten ihre Eier im Kreis vor die Tür zierlich in den weißen Sand. In der Mitte des Hofes trieb der Brunnen seinen Silberstrahl in die Luft; die runden Spiegelscheiben in den Fenstern blinkten, und wo sie offen standen, trieb der Wind mit den seidnen Vorhängen sein Spiel und ließ die bunten Scherben sehen, in denen die Schloßjungfern dunkelrote Nelken zogen.

»Ei, wie herrlich ist hier alles! – sagte die Gräfin, »und wir? – Wir sind zwar rein gewaschen, aber schau einmal, Gritta, was da viel Löcher in deines Vaters Rock sind! Ich hatte keine Seide zum Nähen und« –- Sie schwieg erstaunt. – Aus der Turmtür, um die sich das Hühnervolk drängte, trat der König heraus, in einem goldnen, mit roten Tulpen bestickten Schlafrock. Mild und blühend lachte sein Antlitz, wie die Hoheit selbst und doch so heiter, nicht ermüdet, wie man vermuten sollte nach einer so geschäftsvollen Nacht, denn der Koch hatte eine Morgenpastete sondergleichen gemacht. Schnell warf er die goldnen Weizenkörner unter das Gefieder, als er den Grafen erblickte. Er nahm sich kaum Zeit, ein paar weiße Eier der artigen Hühner in den Rockärmel zu stecken, kam auf ihn zu und sagte, er habe gleich erraten, wer der liebe Gast sei, und bedaure höchlich, daß der Hochgraf zu Rattenzuhausbeiuns schon so lange in seinem Land sei, ohne zu ihm zu kommen. Er war so mild und gnädiglich und spazierte die Treppe nicht eine Stufe voran beim Hinaufsteigen, und auf seinen Lippen war ein unerlöschbares Lächeln. Der Graf folgte mit tiefen entzückten Verbeugungen. Oben angelangt, ließ der König noch einmal auftragen, der Gäste wegen. Der Hochgraf und die Hochgräfin mußten zu seiner rechten und linken Seite Platz nehmen, er fischte mit seiner Gabel den besten Stücken in den Pasteten nach. Unterdessen erzählte der Graf von einer Maschine, junge Kükel, Hasen, Rehe und Gänse auszubrüten. Die Gräfin wollte mehrmals sagen, daß Hasen und Rehe nicht in Eiern auf die Welt kämen; aber der Graf, der in gelehrten Ansichten keinen Spaß verstand, gab den Bescheid, die Frauen verständen davon nichts.

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