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Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns

Gisela von Arnim: Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns - Kapitel 2
Quellenangabe
typefairy
booktitleDas Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns
authorGisela und Bettine von Arnim
year1986
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14318-1
titleDas Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns
pages3-15
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Der Mond schien durch die Fenster in den alten Saal; das Gerümpel warf sonderbare Schatten, und oben hob sich ein leises Geflüster, zwischen dem alten Müffert, der auf dem Ampelhalter ritt, und Gritta im Wandnischchen. Sie saßen noch so, weil sich nichts zum Heruntersteigen gefunden und ihnen noch bis jetzt nicht eingefallen war, wie sie herunter sollten kommen. »Kind, du bist wohl hungrig«, hob Müffert an, »ich hatte dir doch das Töpfchen zum Auskratzen hingestellt.« – »Nein, ich bin satt, aber, Vater Müffert, es wird dir wohl recht schwer auf deine alten Tage zu reiten, willst du nicht hier in das Loch kriechen?« – »Ich sitze hier zwar sehr schlecht, aber bei dir würde ich auch gar zu krumm sitzen.« – Sie schwiegen wieder eine Weile. – »Horch, mir ist, als läuft da was!« sagte Gritta. – Es huschte etwas durchs Zimmer! Alles war still. – Der Holzwurm pickte. – Es nagte am alten Gerümpel. – »Guten Abend, Ringelschwänzchen«, tönte eine sonderbare kleine feine Kehlstimme; – da ging eine Wolke vor dem Mond weg, eine dicke graue Ratte mit glänzenden kleinen wunderschwarzen Augen, saß da im Mondlicht. – Gritta stand das Herz still vor Angst und Staunen. Bald kam eine andere in die Mitte des Saales dazugelaufen. »Guten Abend euch wieder, was machst du, alte Muhm«, pfiff die zweite Ratte mit feiner Stimme. – »Nur nicht zu laut! – Ich bin heute traurig. Weißt du was? – Es sind jetzt gerade sieben Jahr, da lag eine kranke junge Frau hier; das war die Frau des alten Grafen. Sie war krank und schwach. Der Mond schien auch so durch die Fenster. Neben ihr lag ein Kindchen, das war sechs Wochen alt, und sie schob den Vorhang von ihrem Bette, obschon sie sehr schwach war, und schaute das Kindchen an. Der Mond schien auf ihr bleiches Gesicht, und sie sah voll tiefer Liebe auf das Kind. Eine kleine Zähre entfloß dem Rattenauge. »›Wer wird es schützen, wenn ich gestorben bin? Keiner wird es erziehen und führen auf der Bahn des Lebens, die oft so traurig ist‹, sagte sie leise. Ich hüpfte auf des Bettes Rand«, – die Ratte trocknete eine Träne mit ihrem Schwänzchen ab, und Gritta rührte sich weinend voll stummen Staunens, – das mußte ihre Mutter gewesen sein. – »Hörst du nichts, Kind?« sagte die alte Ratte. »Ach nein, Muhme, – ich werde mit meinen jungen Ohren doch wohl besser hören als Ihr mit Euren alten!« – »Nur nicht zu vorschnell, Naseweis«, sagte die alte Ratte und erzählte weiter: – »Ich legte meinen Schnautzbart dicht an und machte ein so mildes Gesicht wie möglich. Sie erschrak zwar erst, aber ich sprach: ›Liebe Fraue, hochgeehrte Frau und Hochgräfin, liebe Erdenbürgerin: zwar ist eins von uns nur ein kleines Geschöpf, aber zusammen vermögen wir viel. Wir sind auch mit Weisheit, Spitzfindigkeit, Speckfindigkeit, Klugheit und Bohrkraft von Gott begabt. Was wir Ratten thun können für Euch und Euer Kind, das verspreche ich Euch in meinem und meiner Brüder Namen; denn Ihr seid ein gar holdselig Geschöpf Gottes, unverdorben aufgewachsen, Eurer Natur nach wie die Blume auf dem Feld, und die Ratte im Löchlein hat still gelitten von Eurem oft zornigen Gemahl.‹ Sie schaute mich freundlich an und sprach gar liebliche Worte, ich sollte für ihr Kindchen dort sorgen; sie vertraue auch zumeist auf Gott, und so weiter. Ich versprach's ihr heilig und teuer mit einem Rattenschwur; sie dankte so viel und strich freundlich über meinen Pelz –-- Ach, wie tat mir die sanfte Menschenliebe von ihr wohl! Ein paar Tage darauf trug man sie hinaus.« – Es war eine Pause, – während welcher Gritta Zeit hatte, sich leise auszuweinen. – »Das Kindlein schrie alleine, und der Graf ließ es auch und war halbe Tag lang hinweg; wie oft steckte ich meinen Schwanz in den Milchtopf und flößte ihm die Milch in den Mund oder bepuderte mein Bärtlein mit Zucker und ließ es davon genießen; wie oft schüttelte ich sein Kopfkißchen auf und brummte es halbe Nächte durch in Schlaf. – Du weißt, jetzt wuchs es und wurde größer; wir ließen es nun, denn es gedieh gut, höchstens lief ich hinter ihm her; und wenn es drohte zu stolpern, biß ich schnell in sein Röcklein und hielt es fest. Ich habe oft in alten Büchern nachgesucht, die Sonnenstäubchen gefragt, die lang in alten Büchern gelebt und studierte Leute sind, über die kommenden Jahre; auch die alte Spinne dort in der Ecke hat mir geholfen. Es kommt ein schlimmes Jahr für uns und das kleine Burgfräulein, – und das andere Jahr um diese Zeit wird ein lustiges Fest, aber am Anfang – bst!« – Der alte Müffert drehte sich um auf seinem unbequemen Sitz und ritt nun wie eine Dame. – Augenblicklich waren die beiden Ratten verschwunden. »Hast du gehört?« rief leise Gritta. – »Was? – Die beiden Ratten hab' ich gesehen; aber du weißt, ich höre schlecht, haben sie gepfiffen?« – Gritta schwieg. – »Ach«, sagte Müffert, »es wird mir gewaltig schwer, hier zu reiten, und ohne Schlaf.« So verging die Nacht. Gritta schlief in ihrer Mauernische ein, trotz ihrer Aufmerksamkeit, etwas mehr zu hören. Am Morgen schien die Sonne durchs Fenster. Es war ihr wie ein dunkler Traum, der vor den Sonnenstrahlen nur noch mehr zerstiebte und sich ganz verlor, als sie den alten Müffert erblickte, der so jämmerlich hauste. Endlich erschien der Graf; er machte die Tür auf, lief auf seine Maschine zu und fing an zu hämmern; es summte und brummte, die beiden Gefangnen saßen oben, schon eine halbe Stunde hatte es gedauert. »Ach«, sagte Gritta, die den bleichen Müffert ansah, »der Vater erinnert sich nicht mehr an uns, soll ich etwas hinunter werfen, damit er aufsieht?« – »Ach, er wird sehr zanken, laß mich, ich will Lärm machen.« – »Nein!« sagte Gritta. Es erhob sich ein edler Wettstreit, endlich nahm Gritta den Fußschemel der Maria und ließ ihn herunter fallen, das einzige, was da war. Der Graf hörte nicht. »Hm, Hm!« räusperte sich Müffert; Gritta suchte um sich, nach etwas, das sie bewegen könne. »Miau!« machte Müffert »Miau!« sagte Gritta. Der Graf schaute um und auf – »Ach, ich hatte euch vergessen!« lachte er, halb grinsend vor Vergnügen, als er die mühsame Positur des Müffert sah. Nachdem er sich einige Zeit besonnen hatte, sagte er, daß er ins Tal gehen wolle und den Müllersknecht vor dem Durchgang holen. Er ging hinaus, öffnete die kleine Pforte, schaute sich um vom Fels aus in die Weite und wanderte dann den steingewundenen Pfad, der um den Berg führte, zum Tal hinab; unten im Tal lag noch der Nebel, die Vögel sangen oben drüber, und die Gräser blitzten vom Tau. Je tiefer er herab kam, je dichter war der Nebel, nur einzelne Sonnenstrahlen brachen hindurch, auch durch des Grafen Seele, durch alten Staub des Mißmutes, durch den Rost der. –-- Aber siehe da, seine Füße standen im Wasser, und gleich zornig wieder, rief er, »Potz alle Nebel nicht nochmal!« Darauf flogen noch mehrere sehr unglaubliche Reden aus seinem Munde. – »He! Herr! Hier!« rief eine frische Knabenstimme. Der Nebel zerteilte sich im Augenblick, und die Sonne erhellte das runde rote Gesicht eines Bauernknaben, in dem die dunklen Kohlenaugen gleich Wundersternen funkelten, welch ergötzliches Gesicht von einem weißen Zipfelmützchen nebst rotem Rand eingerahmt; er war mit einer blauen abgeschabten Jacke und von Tau und Schmutz bis an die Knie reichenden Hosen bekleidet. Kurz: Sonne, Regen und Wind hatten an dem Kleinen ihre weitberühmten chemischen Kunststücke und Prozesse vollführt.

Die Augen des Knaben ruhten auf dem Grafen, mit erstauntem Erstaunen über die seltsame Gestalt. – »Dummes, bauernhaftes Schafsgesicht«, rief der alte Graf, der jetzt auf einem Steine stand, »hilf fix!« Der Junge, wahrscheinlich nicht erwartend, in der Morgensonne ein so erzürntes Gesicht zu sehen, rief langsam seinen Hund zur Bewachung seiner Gänse und las Feldsteine, die er schrittweise in den Sumpf warf. »Kleiner Bauernflegel«, rief der Graf mit großer Herabschätzung, »eil' er sich, ich lasse nichts ohne Belohnung.« – Der Knabe war fertig, und der Graf setzte von Stein zu Stein herüber. Die Gänse kriegten einen so großen Schreck, daß sie schnatternd nach allen Seiten entflohen. Nachdem der um seine Gänse in große Angst geratne Knabe dem Grafen den Weg gezeigt, murmelte dieser ein paar ärgerliche Flüche, griff in die Tasche und wollte etwas herausholen, griff sehr tief und fand endlich etwas, was er dem sich sträubenden Bauernjungen in die Hand drückte, mit der nochmaligen Bedeutung, er nehme nichts ohne Belohnung an. Dieser fand in seiner Hand einen alten abgerissenen Knopf, den er dankbar einsteckte, aber lieber ein freundliches Wort als Lohn gehabt hätte, und seinen Gänsen nachlief. Der Graf war am Ende des Felsganges, als er meinte, deutlich das Stampfen von Roßhufen zu hören; er spitzte die Ohren, und bog um die Ecke. Die Sonne schien in aller Pracht vor den erstaunten Augen des Grafen auf einen glänzenden Reiterzug herab, vor dem Müllerhaus. Pagen mit runden, rosenrot angehauchten Wangen, blauen, braunen, schwarzen Augen, grün und rot wehenden glänzenden Federbüschen, saßen auf jungen frischen Gäulen, in der Mitte eine Dame, fröhlichen stolzen Mutes mit einem milchweißen zartgefärbten Angesicht, wiegte sich im grünen Kleide mit silberbesponnenen Knöpfen auf einem schönen Fuchspferd. Der erstaunte Graf knöpfte seinen Rock, der aus den schweinsledernen Einbänden der Schloßbibliothek bestand, über seiner Weste von Pergament zu, die in schöner Schrift mit Schnörkeln gemalt war, und näherte sich dem Zuge des jungen Fräuleins. Das Fräulein schnitt ein Gesicht; die Pagen schnitten es ihr nach, als der Graf ihr eine echt ritterliche, vielleicht etwas veraltete Verbeugung machte; sie streckte ihr Näschen in die Morgenluft, als wittere sie etwas was ihre Lachlust reizen könne. Unter den Pagen offenbarte sich ein fröhlicher Mut ihr nachzukommen; sie streckten alle die dünnen, dicken, kühnen, stumpfen und gebognen Nasen eben so in die Luft, aber mit dem Mund waren sie bereits schon im Lachen. Die Dame verwies dies mit einem derben Ellbogenstoß einem dicht neben ihr reitenden Pagen, der diesen weiter sendete, bis sie alle mit ernsten Gesichtern auf ihren Rossen saßen. Der alte Müller wendete sich jetzt an den Grafen und sagte, die Dame habe sich verirrt; sie wolle gern den Weg wissen; er habe aber noch nicht erfahren, wo sie her sei. – »Hochverehrtes und gnädiges Fräulein, wenn Ihr mir sagen wollt«, hob der Graf an, »von welchem Orte Ihr ausgeritten, so werde ich Euch einen –- meiner –- Diener zum Geleite geben. Wollt Ihr jedoch hier auf der Mühle erst ausruhen oder auf mein Schloß, welches sehr schön gelegen, kommen, so lade ich Euch aufs Dringendste ein.« – Er glaubte wohl, daß dies nicht geschehen konnte, weil sie, ein junges Fräulein doch, zu ihren Eltern zurück mußte; aber zu seinem großen Erstaunen sagte sie zu, sie wolle nur erst etwas Milch in der Mühle trinken, und legte ihre zarte weiße Hand auf des Grafen Schulter beim Herabsteigen. Der Graf, entzückt darüber, vergaß auf einmal eine Wegweisermaschine, die ihm die ganze währende Zeit im Kopf rumorte, und sah mit ungewöhnlich sonnigen Blicken der jungen Dame ins Angesicht. »Erlaubt, Fräulein, daß ich erst jemand hinaufschicke, Euren Empfang zu bereiten. – Nachdem er sie hinein gebracht, schickte er den Müllerknecht fort mit einem Strick für die Gefangensitzenden und mit der Weisung, die Diener sollten alles in Bereitschaft halten.

Oben saßen die Zwei noch im Saal und schauten von der Höhe, als der Müllerknecht mit lachendem Gesicht beiden verkündete, der Herr Graf von Rattenzuhausbeiuns lasse seinem getreuen Diener sagen, er möge alles in Bereitschaft halten zum Empfang einer jungen Gräfin; er möge nichts sparen und alles seinem Stande gemäß ordnen. »Ah!« sagte Müffert sehr ernst, »ich habe den Schlüssel zur Schatzkammer verloren.« – »Der Müller«, fuhr der Knecht fort, »läßt Euch hier ein paar Brote schicken, wenn man etwa der Gräfin etwas vorsetzen wolle; die Bezahlung ist nicht nötig«, setzte er treuherzig hinzu, und reichte ihnen an einer Stange den Strick hinauf. Müffert befestigte ihn an dem Ampelhalter und fuhr daran herab, Gritta ihm nach. – Er wurde neugierig gefragt, wie die Gräfin aussehe, die das Schloß besuchen wolle. Dann mußte er Wasser holen aus dem Schloßbrunnen, und die kleine Hochgräfin schwemmte damit recht tüchtig vom höchsten Gang bis an die Schloßpforte den Boden ab, so daß alles reinlich glänzte. In des Vaters Zimmer, wo sie nun endlich räumen durfte, fanden sich unter dem Gerümpel noch manche schöne Sachen, die stellte sie alle in Reih' und Glied auf. Es wurden Kränze gewunden und alles damit geschmückt. Aber nun, was sollte werden, wenn die Gräfin hier schlafen sollte! Gritta kannte nur Moosbetten, aber Müffert war verlegen! »Ei was«, sagte Gritta, »wir machen ihr ein recht schönes Moosbett mit Rosenblättern bestreut!« – Und so geschah es. Nachdem die kleine Brücke auch mit Blumengewinden verziert und der kleinen Hochgräfin ihr Röckchen von Bibliothekseinband frisch eingeölt war, stellten sie sich vor die Tür. Endlich kam der Zug durchs Tal, der Graf zeigte schon aus der Ferne der Dame an seiner Seite das Burgschloß; hinter ihnen die jungen Pagen fingen an zu zischeln, die junge Dame machte aber ein so ernstes Gesicht, daß es ihr bald alle nachmachten, obwohl sie zu glauben schienen, die Gräfin verstelle sich, der Hauptspaß komme erst, und sie habe irgend einen lustigen Streich im Sinn. So kamen sie an die Brücke; ein kleines Lächeln überflog die Züge der jungen Dame, als sie vom Grafen geleitet hinüberging und die kleine Gritta im Schweinslederröckchen erblickte. Die Pagen wollten das Lächeln in Lachen übersetzen, es wurde aber durch einen Ellbogenstoß verhindert; die Gräfin gab ihr einen fröhlichen Kuß und wendete sie hin und her. Das Wunderbare, was ihre Aufmerksamkeit erregte, war, daß aus den Falten hier und da gepreßte, oder goldne Schrift in bunten Schnirkeln hervorsah; auf der linken Seite guckte aus den Falten »Das Leben und die Taten des hochedlen Herrn Ritter Kunz von Schweinichen, ihm nacherzählt –-«; hier versteckte sich die Schrift in die Falten. Auf dem Magen stand »Christliches Paradiesgärtlein zum Herumspazieren für christliche Lämmer von Johannes«. – Nach hinten »Das Leben der christlichen Jungfrau Anna Maria Schweidnitzer« und links »Das Buch, was da handelt von den Hexen und denen, so aus ihnen gefahren«, ein ganzes gedrucktes Kapitel; indem sie das las, folgte sie dem Grafen ins Schloß, bis zu seinem Saal mit dem einen Stuhl. Der Graf behauptete, das geschehe aus Ehrfurcht, daß bloß ein Stuhl da sei, damit die Herren in der Dame Gegenwart sich nur knieen und zu ihren Füßen setzen. Die Gräfin fand das sehr artig, die Leute zur Höflichkeit zu zwingen. »Und was ist denn das?« rief sie, vor dem aufgestellten Gerümpel stehend.

»Das sind fremde Merkwürdigkeiten; dies ist der Köcher eines Indianers«, sagte der Graf. Er sähe einem von Würmern zerfressenen Stuhlbein nicht unähnlich, behaupteten die Pagen; aber ein Wort der Gräfin machte es zum Köcher sogar mit Pfeilen, und der Graf erklärte noch bis zu Tische alle japanischen, hottentottischen Merkwürdigkeiten. Hier hieß es aber nicht zu Tische, sondern zu Boden; denn der Graf ließ die Tische durchaus nicht aus der Möbelkammer, weil es hier im Schlosse Sitte sei, daß man zur Verehrung der Dame auf dem Boden sitze beim Essen. Die Gräfin freute sich sehr darüber; die Pagen fragten, ob diese Sitte aus Paris wäre oder aus dem Paradies, wo bekanntlich Eva den Apfel angebissen, weil sie kein Messer gehabt. So aßen denn alle auf dem Boden; der Graf hielt der Gräfin den Teller vor. Das Geschirr war nicht sehr vollständig, darum aßen einige aus Töpfen, andere aus Helmen, einer gar aus der Mausefalle; auch waren die Speisen nicht sehr mannigfaltig, sie bestanden aus Hirsebreisuppe, Hirsebreiklößen, Hirsepudding u. s. w. Doch der Graf meinte, aus einfachem Geschirr schmecke alles am besten, und vielerlei Speisearten verderben den Magen. Und somit war's gut. Die kleine Hochgräfin half draußen kochen und wollte nicht unter die neckenden Knaben, die immer riefen: »Komm, klein Paradiesgärtlein! He, Herr Ritter Kunz von Schweinichen!« Am Abend ward den Pagen ein ganzer Gang voll Heu gestreut, wo sie wie ein Regiment neben einander Parade schliefen. Die Gräfin versteckte sich lachend in ihr Mooslager, und die goldne Ruh' kam dazu.-- Am andern Tag sagte die Gräfin, die Leute brauchten nicht so großen Respekt vor ihr zu haben, wenn der Graf nur ein paar Bänke habe zum Sitzen; aber der Graf hatte den Schlüssel zur Möbelkammer verloren.

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