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Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns

Gisela von Arnim: Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns - Kapitel 19
Quellenangabe
typefairy
booktitleDas Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns
authorGisela und Bettine von Arnim
year1986
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14318-1
titleDas Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns
pages3-15
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Als sie aus dem dunklen Eichwald trat, lag vor ihr eine mondbeglänzte Ebne, auf der zuweilen kleine Nebel schifften. In der Mitte stand ein stolzes Schloß: seine Fenster und vielen Zinnen blinkten im Mondlicht, der Wetterhahn auf dem Mittelturm leuchtete beim Drehen im Nachtwind wie gegoßnes Silber. Scharmorzel sprang lustig ihr voran durch das Gras, daß die hellen Tautropfen aus den Blumen aufsprangen. Als sie an die Anhöhe gelangten, auf der das Schloß lag, klimmte Gritta links herauf; denn sie wußte, daß sie links vom Schloßtor abbiegen mußte, das hinter jungen Bäumen hervorsah. Sie ging an der Hinterwand des Gebäudes entlang; die Kellerfenster waren hell, neugierig blickte sie hindurch: vor dem prasselnden Küchenfeuer stand der Koch in weißer Schürze und Zipfelmütze. Die Küchenjungen sprangen hin und her, kletterten in den Rauchfang nach den Würsten, zogen die Hasen ab, rupften die Hühner, brachten die Zutaten, hackten, backten, klopften, stopften und lachten und stießen sich, wenn immer das Beste von allem in des Kochs Maul flog. – Gritta schlich weiter. – Noch ein Eckchen, so mußte der unbewohnte Teil des Schlosses kommen, wo es spukte. Es kamen alte graue Mauern, ein Turm und dann noch einer, der tief in das Gebäude hinein lag; sie waren wild mit Ranken überwachsen. Gritta übersprang Steine, Dornen und Brennesseln. Außer Atem hielt sie an und lauschte; da erblickte sie etwas Schwarzes zwischen beiden Türmen hängend. Es war der Brustharnisch eines Ritters; das Prinzchen hatte ihn zur größeren Sicherheit mit einem Netz in manch heimlicher Stunde umknüpft. Sie hockte sich hinein, er setzte sich in Bewegung, und es ging hinauf, der Strick raspelte an der Mauer; sie getraute sich nicht, hinab zu sehen in die schwindelnde Tiefe nach Schamorzel, der leise knurrte. Der Harnisch stieß an, Gritta steckte den Kopf heraus, sie war an einer Fensteröffnung angelangt. Kaum hatte sie sich umgeguckt, so sprang sie hinein, denn es schaute sich schrecklich tief hinab. –

Sie war in einem düstern Kreuzgang. Vor ihr stand das Prinzchen, seine Augen leuchteten vor Freude durch das Dunkel. Wie schön war's, daß sie ihn wiedersah! – »Ach, Gritta«, sagte er, »ich seh dich wieder!« – Er faßte sie zärtlich am Rock und zog sie mit sich. »Komm, dort in die Stube!« Er holte einen Schlüssel heraus und schloß ein Türchen in der Mauer auf; es knarrte und öffnete eine gewölbte Kammer. Ein alter Tisch stand darin; die Überbleibsel der Rüstung lagen in der Ecke, und ein mächtig großer Schrank schnitt ärgerliche Gesichter über die herumschwärmenden Geister. Der Prinz kletterte an der schrägen Wand herauf und machte ein kleines Fenster auf – nun wurde es heiter; der gestirnte Nachthimmel sah herein. Sie setzten sich auf den Tisch, schwiegen eine lange Weile still und schauten einander an. – »Ei, dir ist's gewiß wohl gegangen« sagte endlich das Prinzchen, »du hast eine so schöne lange Nase bekommen! – Ich bin dir so von Herzen gut – so lange warst du fort! – Deine Zöpfe sind viel länger gewachsen! – Aus Sehnsucht hab' ich manchmal wirklich nichts gegessen in dieser Zeit der Trennung. Wenn du willst, bleibe hier in dem alten Turm, bis ich König werde, dann wirst du Königin.« – Gritta meinte, das gehe doch nicht; das wäre, als sei sie ein wildes Tier, und im Winter würde sie einfrieren. – »Ach nein«, sagte das Prinzchen, »es soll schon schön hier oben sein! Ich stelle meine Blumen um dich her, ich hole meine goldne Krone und alle meine Edelsteine, und du bist in der Mitte der schönste Edelstein und auch die schönste Blume.« – Gritta lachte und sagte, sie wollten lieber in den Wald zusammen gehen. Sie flüsterten noch lange und erzählten einander, was sie erlebt hatten; doch die Zeit verging, das Prinzchen sprang endlich vom Tisch herab, um zur Tafel zu gehen, bei der es nicht fehlen durfte, denn der König hielt streng auf die rechte Zeit. Kaum konnte er scheiden, so viel hatte er noch zu sagen, bis Gritta ihn sanft zur Tür heraus schob. Er drehte den rostigen Schlüssel um, und sie war allein in der Kammer. Sie setzte sich wieder auf den hohen Tisch, rieb die von der Nachtkälte erfrornen Finger und zählte die verschwindenden Augenblicke.

Das Prinzchen Bonus lief schnurstracks nach dem Speisesaal. Der Koch hatte alle Prozesse mit den Speisen vollendet, sie prangten schon auf der Tafel. Mit weißgepuderten Zöpfen standen die Diener hinter dem Tisch und beobachteten den Dampf, der von den silbernen Schüsseln aufstieg. – Man hörte jede Fliege summen; augenblicklich entfernte auch der Leibkammerdiener solch einen Störenfried, ließ er sich hören, mit der Serviette; dann stand er wieder wie eine Mauerparade und lauschte, wie zuweilen der goldne Sessel mit den schwellenden Kissen nach seiner königlichen Last seufzte. Das Prinzchen setzte sich zur Rechten des königlichen Platzes auf seinen goldnen Stuhl nieder und amüsierte sich damit, bis der König kam, Brotkügelchen zu drehen, sie anzufeuchten, zu zielen und auf die lange Reihe zur Jagd ziehender oder tafelnder Vorfahren, die die Wand entlang gemalt, zu werfen. Schon mancher von den alten steifen Herren besaß eine Warze: er wußte nicht wo. – Eben hatte er die Nase eines dicken Herrn auf dem Korn, und die Diener duckten ehrfurchtsvoll den Kopf, daß die Kugel nicht in der Puderperücke hängen bleibe, als die Tür knarrte. Der Oberkammerdiener strich zum letztenmal die Falten vom königlichen Sitzkissen, und der König trat ein. Alles flog herbei! – Der König sank in den Stuhl. Nachdem er den Tisch überblickt hatte, schaute er ungeduldig nach der Tür, denn die braungerösteten Semmelbröckchen zur Suppe –-- sie fehlten! – Da kriegte das Prinzchen Bonus eine so große Sehnsucht nach Gritta. – Es fiel ihm eine List ein fortzukommen. Er wollte nur erst etwas für Gritta zum Essen stehlen; während die königlichen Blicke noch auf der Tür ruhten, langte er mit geschwinder Hand einen großen braunen Pfefferkuchen unter dem Konfekt hervor und brachte ihn glücklich unter das Tischtuch. – Der König wandte sein Antlitz, da wankte der untergrabne Konfektturm; die Diener sprangen herzu, er stürzte und die Süßigkeiten rollten umher. »Was hast du gemacht?« fragte der König, Unrat merkend. Das Prinzchen errötete und haschte nach dem fallenden Konfekt. – Der König ließ es dabei bewenden, schielte aber seinen Sohn von der Seite an, und da er ihn so aufgemuntert wie noch nie sah und auch die zerknitterte Halskrause bemerkte, faßte Verdacht in seiner Seele Raum. »Mir ist sehr schlimm«, sagte der Prinz und sprang auf, »ich muß fort.« »Gehe«, sagte der König – aber er wollte nur sehen, wohin er ging. Kaum war er fort, so warf der König auf die dampfende Suppe einen letzten Blick, lief in sein Geheimkabinett, warf seinen Pudermantel über und schlüpfte zur Hintertür hinaus. Eben schlüpfte vor ihm her das Prinzchen aus dem Vorsaal in einen Gang hinein; der König schlüpfte nach, es ging durch viele dunkle Gänge, – nicht in des Prinzleins Gemach, nein, in den Gespensterteil des Schlosses. Den König ängstigte es, daß die Geister ihn in dem weißen Pudermantel für ihresgleichen halten könnten; da sah er, wie sein Söhnlein auf eine Tür zulief, um sie zu öffnen. Rasch sprang er auf ihn zu, wickelte ihm sein Taschentuch um den Mund, band ihn mit seiner Leibschärpe, nahm ihm den Pfefferkuchen ab und praktizierte ihn in eine dunkle Ecke. Nun besann er sich, was konnte in der Kammer sein? – Sollten es vielleicht ein paar von den kleinen Landstreichern sein, von denen ihm der Gouverneur Pecavus so viel Schlimmes erzählt hatte, um die der Prinz so viel trauerte, als man ihn gewaltsam von ihnen getrennt und nicht mehr allein in den Wald gelassen, weil man sie nicht fangen konnte? Was sollte es anders sein? – Der König schloß die Tür auf.

Gritta hatte unterdes auf dem Tisch gesessen und gelauscht. Sie hörte draußen ein Geräusch, als wenn etwas niederfalle; es folgte eine kleine Stille, dann öffnete sich die Tür, und ein Kopf guckte herein. Nicht der des Prinzchens, nein, – ein runder, mit einem majestätischen Doppelkinn und großen glänzenden Augen. Gritta war pfiffig; – als die Gestalt nachfolgte und sie unter dem weißen Pudermantel etwas blitzen sah, wußte sie gleich, wer es war. – »Ich bin ein Diener«, sagte der König, der erst die Sache untersuchen wollte, – »weil der Prinz nicht kommen kann, schickt er mich mit einem geeigneten Gruß und Pfefferkuchen. – Diese wohlgesetzte Rede machte Gritta noch sicherer. »Hör!« sagte sie, »mir ist sehr kalt, der Wind bläst hier so um das Schloß herum. Hole dort aus jenem Schrank den Pelzrock! Ich will mich drin einhüllen.« Der König hielt den Pudermantel zusammen, öffnete die große Schranktür, überwand seine Würde, und stieg über die Außenwand in die schwarze Finsternis des Schrankes, um nach dem Rock zu fühlen. Aber paff, fuhr hinter ihm die Tür ins Schloß, und der erstaunte König war allein mit sich und den Schrankwänden. Gritta draußen schwieg mäuschenstill, kletterte an der schrägen Wand in die Höhe und öffnete das vom Winde geschlossene Fenster, schaute einen Augenblick in den Sternenhimmel und dachte nach, ob der Prinz wohl wegen ihr die Rute bekommen habe; dann nahm sie sich einen frischen Mut und stieg herab.

Sie spazierte mit dem großen Schlüssel in der Hand vor dem Schrank auf und ab; sie hielt ihn fest zwischen den Fingern, als hinge der König daran. Was kamen ihr nicht alles für Gedanken, was sie verlangen könne! Aber, zu großmütig, um von der eingeschränkten Position des Königs Anserrex Vorteil zu ziehen, dachte sie nicht weiter daran, räusperte sich schnell und begann: »Höre, König, du hast unrecht getan!« »So mach auf!« rief der König zornig, nachdem er sich von seinem Schreck erholt hatte. »Ich mache nicht auf!« sagte Gritta, »ich denke mir wohl, daß jetzt auf dem königlichen Tisch die Schüsseln prangen. – Sie dampfen, alles wartet auf dich. Doch du kommst nicht, wenn du mir nicht etwas versprichst.« –- Gritta lauschte, was der König mache. – Seufzte er nicht nach den Speisen? – Der Gedanke nichts zu essen, erschütterte ihn gewiß sehr stark, denn der Schrank knarrte. »Du mußt mir versprechen, freien Ausgang zu meinen Eltern zu lassen, und mir und ihnen erlauben, ruhig in der Stadt zu leben, sonst laß ich dich nicht heraus! – Dann sollst du die armen gedrückten Gänsebesitzer frei von der Steuer geben. Du kennst nicht ihre Not, weil der Gouverneur Pecavus dir nicht die Wahrheit sagt! – Er wird dir gewiß gesagt haben, der Kopf, die Füße, der Steiß und die Flügel seien die Hauptsache an der Gans, darum müssest du dir den Leib immer als Steuer geben lassen. Wenn die Gänsebesitzer ihre Gänse eintreiben, so wird ihnen am Tor schon die Hauptsache ihrer Gänse genommen: denn glaubst du, daß man aus dem Kopf, Füßen und Flügeln einen Braten oder eine Gänsebrust machen könne?« –- »Gänseklein!« ertönte es aus dem Schrank. Gritta schwieg. »Ach!« sagte der König mit schwacher Stimme, »wenn ich die Gänsesteuer freigebe, so hab' ich keine Gänsepasteten mehr!« – »Was?« – sagte Gritta, eilig vor den Schrank schreitend, »dir macht sogar der tiefgesunkene Gouverneur Pecavus weis, daß die Früchte dieser Steuerhärten alle in deinen Magen kommen? – Er treibt ja schon seit langem einen sehr ausgebreiteten Handel mit Spickgänsen! – Ich lasse dich nicht heraus, versprichst du mir nicht alles, was ich verlange. – Der Staub wird auf den Schrank fallen viele Jahre lang, und der Holzwurm wird deine Stundenuhr sein, wenn du herauskommst, – das heißt – wenn er den Schrank aufgefressen hat. –- Ja, König! – Hundert Jahre werden darüber vergehen, die Türme der Burg fallen, und die Pasteten in Staub zerbröckeln, wenn sie nicht vorher aufgespeist sind; und du wirst noch nicht heraus sein! – Wer wird dich hier in dem Gespenster-Zimmer des Schlosses suchen?« – Sie legte das Ohr ans Schlüsselloch! – Alles war still! »Versprich!« sagte sie und klopfte mit dem Schlüssel ernst an die Tür. »Kind, mach auf!« rief der König, »alles, alles erfüll' ich dir, du sollst selbst mit dem Prinzen Bonus Thronfolger spielen dürfen, wenn du aufmachst! –- Der Staub ist so stark im Schrank, oder es steckt Nießwurz zwischen den Ritzen; ich muß niesen und kann nicht. O Kind, mach auf – ich – ich habe Hunger!« Gritta schloß auf, unbekümmert, ob der König sein Wort halten werde, obwohl ein König gewiß ein ganz anderer im Schranke ist, denn sie konnte ihn doch nicht länger hungern lassen, und sie hätte gewiß auch ohne Versprechen ihm geöffnet.

Er steckte den Kopf hervor, schob langsam nach, dehnte sich und schaute vergnügt umher. »Herr König!« sagte Gritta und zupfte ihn am Rock. Der König zog schnell den Schlüssel aus dem Schrank und steckte ihn in die Tasche. – »Da ist ein Brief!« Sie übergab ihm den Brief der Elfenfürstin, er steckte ihn zu dem Schlüssel und schritt zur Tür hinaus. »Wißt Ihr, Herr König«, sagte Gritta und lief dicht neben ihm her, »der Gouverneur Pecavus ist kein redlicher« – sie wollte weiter erzählen, aber er lief so schnell, daß sie außer Wort kam. Beinah wäre Prinz Bonus von ihm vergessen worden, so beeilte er sich der Suppe entgegen, hätte dieser nicht, als sie an ihm vorbei kamen, wild gegen die Wand gestrampelt; er band ihn los – und rannte dann noch schneller, daß die Kinder nicht eilig genug nachtrampeln konnten.

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