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Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns

Gisela von Arnim: Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns - Kapitel 15
Quellenangabe
typefairy
booktitleDas Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns
authorGisela und Bettine von Arnim
year1986
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14318-1
titleDas Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns
pages3-15
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Der Tag verging; immer schwerer trugen die Flügel der Bienen, die durch die Wiese streiften, und sie wendeten sich zur Heimat. Die Käfer, die zu Abend erwachen, brummten wie Geläut; da weckte Grittas Stimme alle aus ihrem ersten Schlummer. »Wie könnt ihr so lange schlafen, vom Mittag bis zum Abend? Elfried und Veronika haben die Ziege gefangen mit dem Scharmorzel, und ich hab' Entdeckungen gemacht.« »Hast du den Engel mit dem feurigen Schwert entdeckt« fragte Kamilla und guckte ganz blau aus den Heidelbeeren, »er wird wohl nichts zu tun haben und kann uns ein wenig die Gegend zeigen, – und vielleicht hat er später Zeit, uns eine Suppe zu kochen oder ein Feuerchen anzuzünden, daß sein flammendes Schwert zu Nutzen kommt.« »Ach ja, ach ja«, riefen alle. »O, wenn er wollte, so könnte er auch später meinen Rock flicken.« »Meinen auch, meinen auch.« »Er kann uns ein Stück aus seinem roten Rock mit Goldfransen leihen, den er auf dem Bild im Kloster an hatte. – »Nein, ich hab' eine Höhle entdeckt, in der wir wohnen können«, sagte Gritta, »ich habe mir den Eingang gemerkt: ein bunter Schmetterling, wie ich noch nie gesehen, flog hinein und immer wieder zu mir, bis ich ihm folgte.« Nun sprangen alle auf und liefen mit Gritta nach der Höhle. Wenig Schritte in den Wald, so standen sie vor dem Eingang, ein Strauch hing von oben herab über ihn, und wilde Ranken hatten alles fast zugewachsen. Gritta riß die Ranken in die Höhe, daß die gelben Blüten herabflatterten. Ein Eichkätzchen sprang mit gesträubtem Schwanz davon und schaute vom wiegenden Zweige auf die Einwandrer, die Vögel flogen auf. Sie sahen manch heimlich angelegtes Nest voll buntgesprenkelter Eier. Endlich standen sie in der Höhle. – Durch zwei Löcher im Gestein fiel Licht herein und erhellte die braunen, moosüberwachsenen Wände. »Ach ja, hier wollen wir wohnen«, rief Margareta, »aber erst guckt in alle Spalten, ob kein Bär drin sitzt.« Kamilla holte ein Feuerzeug von Thoms aus ihrer Tasche hervor, es war noch wohl erhalten; sie schoben das zerstreute dürre Laub auf einen Haufen und zündeten es an. Es flammte auf und erleuchtete das dunkle Gestein; sie legten Reiser hinzu und lagerten sich auf den Boden. Das bärtige Tier bekam seinen Platz nah dem Feuer; es schien nicht unbekannt mit anständiger Gesellschaft, denn es vertrug sich, nun es gefangen, mit Scharmorzel sehr gut, und er achtete seine Würde als Haustier, lag dicht neben ihm und fuhr ihm zuweilen in den Pelz, aber bloß aus Scherz. »Wenn wir nur erst hier eingerichtet sind«, sagte Margareta – »ich bau einen Herd unter das eine Loch der Höhle, und wenn wir erst Hühner haben und Eier und Kücheln und erst Töpfe und Schüsselchen, auf der Wiese Lämmer weiden, wie schön wird es dann sein!« Sie verlor sich im Anschauen ihrer Schürze. Obgleich sie heute schon viel geruht hatten, so lockte doch die Stille zum Schlafen. Eh' Kamilla sich versah, nickten schon alle. »Hört ihr nicht einen Bären brummen?« fragte sie und rückte nah an das Feuer, – »wollen wir nicht den Eingang versperren? Wenn hier ein Tiger oder Löwe wohnt, so wird er gewiß zur Nachtzeit wieder kommen. Aber ihr schlaft ja schon fest!« – Es half nichts, keiner wachte auf. – Endlich schlief sie bei der Ziege ein. Am andere Morgen waren sie früh auf. Um die Höhle ward es lebendig von ihrer Geschäftigkeit, einige sammelten Gras und Moos zum Lager und breiteten es in der Sonne aus, Margareta baute den Herd von Felssteinen; Reseda und Elfried schafften eine Art Lehm von des Bächleins Rand herbei, Kamilla schnitzte mit Thoms Messer ein Milchgeschirr mühsam aus einem Ast, an den sie alle zwölfe sich mit voller Wucht gehängt hatten, um ihn abzubrechen, und wie überreife Früchte mit ihm herab zwischen die Sträucher fielen. Kamilla ging heimlich umher nach dem Apfelbaum des Paradieses und schlug sich durch Brennesseln und Dornen, wenn so ein rotbäckiger Apfel durch die Zweige blickte. Petrina baute ein Hüttchen für die Ziege aus Zweigen mit Laub gedeckt; es war an die Wand der Höhle geklebt, sie polsterte es mit Moos und schrie bald nach Gras, bald nach Lehm, was ihr die andere handlangten. Auf einmal kam eine zweite Ziege angelaufen, sie sprang wild und sah sich scheu um. Es schien, als flögen Brennesselzweige, wie von unsichtbaren Geistern gehandhabt, ihr nach und peitschten auf ihrem Pelz herum. Alle liefen erschrocken auseinander. Aber als sie still stand, lachten sie darüber, fingen sie und banden sie an ein Grasseil neben die andere.

Der Tag verging unter Arbeit. Die Milch der Ziege und Waldbeeren stärkten sie, auch Pilze, von denen Wildebeere erklärte, sie seien nicht giftig, und zur Beglaubigung einen verzehrte; es schmeckte zwar nicht zu gut, aber sie hatten den bewußten Apfelbaum des Paradieses noch nicht gefunden, und so nahmen sie vorlieb. Die andern Tage brachten neue Geschäfte und Erfindungen: sie machten es heller, reinlicher um die Höhle, rissen das Gestrüpp hinweg und bahnten einen kleinen Weg. Am Abend schliefen sie vergnügt und müde ein; es war, als werde über Nacht alles fertig, so schnell gelang es. Wildebeere allein half nicht, nur dann und wann ließ sie sich in der Ferne sehen, selbst in der Nacht kam sie nicht heim. Darüber machte Margareta ein bedenkliches Gesicht; sie erschien nur noch, wenn sie des Morgens beim Feuer saßen, mit verfrorner Nase und rieb sich die Hände an der Glut. Wollte Margareta ihr dann eine Strafrede halten und hielt sie zwischen den Knieen, um den Vorrat weiser Gedanken auszuspinnen, die Wildebeere zu Art und Sitte zurückführen sollten, so holte diese jedesmal gedankenvoll aus ihrem grauen Sack eine Menge vertrockneter Spinnen und Käfer und legte sie zierlich auf Margaretas braunen Zopf in Ordnung. – Überwand sie den ersten Schreck, so holte Wildebeere zuletzt noch Salamander und Frösche hervor; nun fuhr Margareta auf, und sie lief davon.

Es war an einem Sonntag Morgen, als alles in Ruhe prangte. Ein reinlicher Gang von gelbem Sand führte bis vor die Höhle, an der die Ranken herauf kletterten und unter einem grünen Laubdach die weißen Käse auf einem Brett beschatteten. Die Hochgräfin Gritta saß in sanftem Schlafe vor der Höhle auf einem Stein; die Sonne spielte friedlich auf ihrem Angesicht, und Scharmorzel ihr zur Seite schnappte nach den Fliegen, die sich störend nahten. – Eine große Sehnsucht drängte ihn zum Schlaf. Wie dehnten die Büsche ihre Zweige und flüsterten müde! Die Halme ließen die vollen Samenkapseln springen, ein Vogel pfiff, der vertrauungsvoll sich genaht, den Samen unter den Blättern abpickte und ihn auf Gritta regnen ließ. Dann wurde es wieder so still, daß es Geräusch erregte, wenn die Bäume aus Faulheit die Eicheln fallen ließen; doch Scharmorzel schlief nicht. Da knisterte es in den Zweigen, ein Regen von Eicheln stürzte herab, Gritta fuhr voll Schreck in die Höhe: aus den Ästen über ihr guckte Wildebeere. »Gib acht«, rief sie, »was da aus dem Walde kommt über die Wiese! Ein Wilder – er will euch fressen!« Der Zweig knackte unter seiner Last, und sie war fort; Gritta lief in die Höhle. Kaum hatte sie gerufen: »Ein Wilder!« als Margareta die Milch, die sie hielt, vor Staunen ins Feuer laufen ließ; die andern liefen herzu und blieben dicht bei einander stehen. Gritta stieg auf den Felsblock, der vor dem Luftloch der Höhle lag. Man konnte von da aus unter den Baumzweigen weg bis auf die Waldwiese sehen: es schritt wirklich über die Wiese etwas lustig daher. »Wenn das ein kleiner Adam wäre!« rief Gritta. – Es war ein grünes Röckchen und in dem Röckchen ein Knabe; ein silbernes Jagdhorn hing an seiner Seite. Sie wollte ihn eben näher besehen, als der Wilde seine Schritte nach der Höhle wendete; woher mochte das kommen? – Sie guckte sich um, das Feuer hatte bis jetzt gebrannt, und der Rauch war als Wahrzeichen ruhig seine luftige Bahn gezogen. »Lösch aus!« rief Gritta, Margareta goß Wasser hinein, Kamilla breitete ihr Röckchen darüber; aber die Rauchwolken stiegen von allen Seiten hervor. Es half nichts mehr, wußte Gritta wohl. – »Er wird nachspüren, wo der Rauch herkommt, und uns entdecken. Ich will ihm entgegen laufen und sagen, ich wohne allein hier, und ihn wo anders hinführen«, dachte sie, »damit er die andern nicht entdeckt, oder ihm sagen« – sie wußte selbst nicht was. Sie lief zur Höhle heraus und durch das Gesträuch; die Zweige rührten sich vor ihr, sie hielt an. Die Äste bogen sich auseinander, und ein rundrotvollwangiges Antlitz blickte neugierig ihr entgegen, umkräuselt von einem stolzen Lichtschein blonder Härchen; das Kinn ragte stolz über einen feinen steifen Spitzenkragen. Der Knabe drang durch das Gestrüpp und stand vor ihr; er legte seine Hand an das silberne Jägerhorn, das über seinem Wämslein hing, als wolle er blasen, daß er einen Bären im Fang habe. Doch dann blieb er erstaunt und schweigend stehen und sah sie an, bis ein helles Lächeln ihm den Mund öffnete. – »Wir geruhen, dir gnädig zu sein«, sagte er und nickte mit dem Kopf, daß der goldne Haarschein in Wallung geriet. Grittas Angst war verschwunden. »Komm, kleiner Knabe«, sagte sie, faßte ihn bei der Hand und führte ihn nach der Höhle. Margareta guckte neugierig mit den andern aus dem Eingang. »Er sieht gar nicht fürchterlich aus«, flüsterte sie, »nußbraune Augen und weiße Zähnchen.« – »Sieh, wie er lacht, der kleine Adam!« sagte Maieli, »seine Nase ist sehr schön, und er trägt seinen Kopf auf einem Präsentierteller!« »Das ist ein weißer Spitzenkragen«, sagte Margareta, »aber sieh die schönen Stiefelchen!« Als der fremde Knabe sich von seinem Staunen erholt, schien ihm, daß sie sich vor ihm fürchteten. »Ich geruhe, euch nichts zu tun«, rief er vergnügt, »erst hielt ich euch für Waldgeister, von denen der Hirtenknabe mir erzählt hat, der nicht weit von hier die Ziegen hütet, daß sie ihm die Ziegen wild machten und schon zwei davon vertrieben hätten.« – – Er gewahrte Grittas zwei lange Zöpfe, griff heimlich danach und fühlte sie an, fuhr aber erschrocken zurück, wie sie sich umsah. »Wer bist du denn?« fragte Margareta. – Die größte Verwunderung spiegelte sich auf seinem Gesicht; er strich über das Spitzenkrägelchen, wiegte mit dem Kopf und sagte: »Ich! – Das Prinzchen Bonus von Sumbona! – Das wißt ihr nicht? – Ich gehe doch alle Tage unter das Volk spazieren.« – »Ach«, sagte Gritta, »wir sind weit hergekommen übers Meer und wissen nichts.« – – »Von weit her übers Meer? – Das könnte ich anhören!« rief Prinz Bonus. »Wir wollen dir zu erzählen erlauben, kleines langzöpfiges Mädchen, aber schnell, ich höre gern Geschichten. Ihr übrigen braucht euch gar nicht um Unsere Gegenwart zu tun zu machen.« Er setzte sich auf den Felsblock, holte Nüsse aus seiner Tasche und knackte. Gritta erzählte, oft hielt er verwundert mit Nußknacken inne oder sagte: »So geht's, reist man ohne Marschall und Kämmerer!« Kamilla hatte unterdessen ein Schnepfchen aus des Prinzen Jagdtasche gucken sehen; sie schlich hinter ihn und zerrte daran, bis es heraus war; dann rupfte sie es und steckte es an den Holzspieß über das Feuer. Wie der Bratenduft dem aufmerksamen Prinzen in die Nase stieg und seine Blicke auf die Schnepfe fielen, griff er bestürzt nach der Jagdtasche; als er den Verlust bemerkte, rief er: »Ach, das Schnepflein für meinen Vater! – Ich habe es mir vom Jäger schießen lassen, daß ich doch sagen konnte, ich hätte etwas geschossen, und nun steckt's am Spieße hier!« »Sei still und höre zu, du sollst auch davon essen!« sagte Gritta. »Soll ich davon essen und soll ich helfen kochen? Ich will den Spieß herumdrehen.« – »Nein, hör, ich erzähle weiter, wie wir über das weite Meer schifften und herkamen.« Das Prinzchen hörte wieder zu, konnte jedoch nicht unterlassen, nach dem Feuer zu schielen; die Unruhe stieg bei ihm, je besser der Braten dampfte. Da tönten Jagdhörner und Hundegebell ganz in der Nähe im Wald; das Prinzchen raffte die Jagdtasche auf, sprang zur Höhle heraus, nickte und verschwand im Dickicht.

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