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Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns

Gisela von Arnim: Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns - Kapitel 13
Quellenangabe
typefairy
booktitleDas Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns
authorGisela und Bettine von Arnim
year1986
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14318-1
titleDas Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns
pages3-15
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Hier unterbrach der Jude den Erzähler durch ein heftiges Niesen, worüber die Kinder alle so erschraken, daß mehrere von ihnen einen hellen Schrei erschallen ließen. »Hab' ich's nicht gedacht«, sagte der Jude, »du alter Thoms würdest mit deiner Schattengeschichte den armen Kindern Furchtgedanken erwecken? Da haben wir's nun, kaum daß es mir im Gehirn ein bißchen kribbelt und ich niese, so weichen sie schon vor dem Schatten meiner Nase zurück.« – Die Kinder protestierten aber stark dagegen und sagten, sie würden es mit jedem Schatten aufgenommen haben. Jedoch folgten sie dem guten Rat des Juden, jetzt des Schlafs zu genießen. Sie waren aber am andern Tage eiliger wie sonst in allen ihren kleinen Geschäften und Angelegenheiten; so sehr eifrig sehnten sie sich nach der Erzählstunde. Sie kam, wie alles, was man sehnlichst herbei wünscht, sehr langsam. Sie fanden sich jedoch in etwas betrogen, als der Erzähler schon fern von den Schatten, von denen sie noch allerlei seltsame Erwartungen hegten, fortfuhr: »Ich könnte noch viele Schattenseiten hier hervorheben; aber ein großer Streichschatten warnte mich, ich solle sie nicht alle aufdecken, sonst werde er sich verlängern und ein Nachtschattengeschirr über mich ausleeren.

Wir waren schon wieder auf hohem Meere, ich suchte meine Trauer zu zerstreuen. Wie ich so in meinen Mußestunden mich auf dem Verdeck herumtrieb, kam ich auch in die Küche; eine Menge von Töpfen erregten immer meine Aufmerksamkeit. Als ich den Koch fragte, wozu diese seien, sagte er, für uns; ich roch aber den Duft von Speisen, die wir nie aßen. Darauf sah ich auch, daß alle diese Speisen heimlich in des Kapitäns Kajüte gebracht wurden. Ich versuchte einmal dahin zu kommen, aber alles war verschlossen; jetzt stieg die Idee in mir auf, daß er die Prinzeß Merkusuli eingesperrt. Einer der Schwarzen war mein Freund gewesen; ich gab ihm gewöhnlich mein Teil von geistigen Getränken; einmal sparte ich diese lange zusammen, ich wollte endlich mich überzeugen. Ich lud ihn aufs Hinterverdeck zum Trinken mit mir, er ward immer gesprächiger, ich suchte ihn immer wieder auf die Kisten zu bringen; als er mehr und mehr getrunken, lallte er gedankenlos in den blauen Himmel hinein: »Es wird diesmal ein guter Verdienst sein, es sind lauter Schneegänschen, ich lasse sie den Mittag heraus aus ihren Kasten. Ach, die armen Mädchen!« Er schaute sich, kaum als er dies gesagt, erschrocken um, sprang auf und lief fort. Nun wußt' ich's, er mußte diese Mädchen aus den verschiedenen Städten geraubt haben; ungefähr so reimte ich mir's zusammen. Ich war außer mir vor Zorn, aber wußte mich doch so zu verstellen, daß man an mir nichts merkte. Den andern Tag erblickten wir in der Ferne einen Hafen, es war der Hafen der großen Stadt in der Türkei, Bagdad; am Abend landeten wir. Der Sklave wich seit jener Zeit mir immer scheu aus, und ich dachte oft darüber nach, ob er es seinem Herrn wieder gesagt. Den andern Tag, als ich den Koch sah die Speisen zubereiten, warf ich in einen der Töpfe einen Stein, den ich noch von der Schmetterlingsinsel bei mir hatte; ich hatte hinein graviert: Antworte! – Sie mußte diesen Stein wiedererkennen, und fand ihn eine ihrer Gefährtinnen, würde die ihn gewiß vorzeigen. Ich ging zurück aufs Verdeck; da trat der Kapitän auf mich zu und lud mich zu sich in die Kajüte ein. Er war so freundlich wie lange nicht, und ich dachte immer, es gereue ihn; er sagte, er wolle mir etwas sagen, dann ließ er Wein kommen. Allein kaum hatte ich davon getrunken, so überfiel mich eine große Müdigkeit. Der Kapitän schwamm vor meinen Augen hin und her, und ich wußte nichts mehr; nur meinte ich schrecklich poltern zu hören, als bewege man schwere Gegenstände fort. Den andere Morgen rieb ich mir die Augen; ich befand mich in meiner Hängematte. Halb schlaftrunken begab ich mich zu meinen Kameraden an die Arbeit; diese fragten mich, warum ich seit gestern Vormittag vom Verdeck gewesen sei, und einer erzählte, es seien unterdessen alle die Kasten transportiert worden. Kaum hatte ich dies gehört, fuhr es wie ein Blitz mir durch die Seele; ich eilte halb wahnsinnig zum Kapitän, drang bei ihm ein, und fragte nach der Prinzessin; er ward so zornig, daß er mir befahl hinaus zu gehen, und sagte, ich solle darüber schweigen, sonst werde er mich in dieser fremden Stadt zurück lassen. Dies war möglich; obwohl ich unterwegs von einem der Sklaven etwas Türkisch gelernt hatte, so kannte ich doch niemand, um mich zu verteidigen; ich versank in die finsterste Schwermut. – Ich war öfters in Bagdad, um mich zu zerstreuen. Wenn ich in der glühendsten Sonne durch die Straßen mit schönen Palästen ging, in deren kühlen Kiosks die reichen Türken auf weichen Teppichen saßen, mit kostbaren Turbanen und Schals, umgeben von Sklaven, und der blauliche Rauch ihrer Wasserpfeifen emporstieg, wenn ich den Bazar entlang ging, die Juwelen und Kostbarkeiten erblickte, das Gewühl der Kaufenden und Handelsleute, so ergriff mich eine noch heftigere Sehnsucht und Schmerz; ich ging dann gewöhnlich durch eine abgelegne Straße zurück. Hier war niemand vor den kahlen Häusern in der Mittagshitze zu sehen; nur manchmal ragte eine Reihe bunter Blumen über die Mauer, und die weißen Schleier einer Türkin wehten herüber, die aus dem obern in den untern Raum des Hauses ging. Von diesen Häusern gefiel mir eins besonders, das etwas in die Straße hervorstand; es war schön gebaut, und ich stand oft davor. Einstmals ergriff mich in dem Augenblick, als ich es anschaute, eine unwiderstehliche Müdigkeit, daß ich mich schnell nach einem Platz umsah zum Schlafen. Die rechte Seite des Hauses bildete ein Eck, das hervorstand, und dadurch einen Schatten; ohne mich lange zu besinnen, nahm ich da mein Lager ein und überließ mich dem Schlaf. Ich mochte wohl eine Stunde so gelegen haben, als es mir war, als werde ich von einem Regen von Prügeln zerbläut; ich öffnete die Augen, mußte sie aber gleich wieder schließen, denn es kam aus einem kleinen Fenster über mir ein Regen von Goldorangen, süßen Feigen und Datteln herabgeströmt. Nach einer Weile hörte es auf, ich sah oben nur eine kleine Hand, die einen in der Sommerluft wehenden Vorhang ins Fenster zog. Ich stand noch lange, dann steckte ich von den Früchten so viel ein, als ich tragen konnte, und ging.

Am zweiten Tag wählte ich mir wieder diesen Platz zum Schlafen aus Neugier. Kaum daß ich eingeschlafen, erweckte mich ein Regen von Früchten; so ging's den dritten, vierten und fünften Tag. Am sechsten Tag fiel jedoch nur eine Goldorange allein herab, wie ich sie selten von solcher Größe und Schönheit gesehen; ich ging, nachdem ich mich wieder vergeblich nach der Geberin umgesehen. Am andern Tage war ich so voll Schwermut, daß ich auf dem Schiffe liegen blieb; ich ward durstig. Die Orange fiel mir ein; ich holte sie und wollte sie öffnen, da fiel sie in zwei Hälften, und ich fand, daß sie nur mit Bast gefüllt, aber inwendig war ein Zettel verborgen. Ich rief einen schwarzen Sklaven, er übersetzte den Zettel: »Geh auf den Bazar, da wird eine Alte kommen, die dich zu der führt, die dich liebt!« Ich war voll Hoffnung und Angst; sollte es Merkusuli sein? – Sie konnte ja nicht türkisch! – Ich dachte, um mich zu zerstreuen, wolle ich dies Abenteuer wagen; ich eilte auf den Bazar hin- und hergehend und schaute jeder Alten unter die Nase, die ich sonst nicht gerade würde angesehen haben. Endlich winkte mir von ferne eine durch das Gewühl, und ich folgte durch eine Menge Straßen zu einem großen, schönen Hause. Die Sklavin klopfte, und es wurde aufgetan; ich kam durch ein prächtiges, kühles Vorgemach von rotem Marmor, der Boden war glatt wie Spiegel, und ich wäre beinah gefallen; dann in einen hohen Saal. Ich harrte des Abenteuers, was da kommen sollte; ich spiegelte meinen abgetragnen Anzug im Fußboden. Der Saal war mit grünem Samt behangen, der Fußboden von bläulichgrünem Marmor; ein Springbrunnen in der Mitte; von smaragdgrünen, durchsichtigen Steinen tropfte helles Rosenwasser, dessen Düfte das Gemach durchzogen. Da öffnete sich von einer goldnen Schnur gezogen der Vorhang, und aus den innern Gemächern kam ein Zug Sklavinnen von großer Schönheit. Sie trugen goldne Gefäße, aus denen Weihrauch dampfte; aber gleich dem Mond unter Sternen wandelte in ihrer Mitte eine geschmückte Frau; sie setzte sich in die Mitte des Saals und schaute mich lange an. Erschrocken vor dem Glanz ihrer Augen blieb ich demutsvoll stehen. »Komm näher«, sagte sie; ich näherte mich und warf mich nieder. Sogleich legte man mir ein Polster neben sie hin. Sie lud mich ohne weiteres ein, von den Getränken, die man brachte, zu genießen, und legte mir fortwährend von den köstlichsten Speisen vor, so daß ich zuletzt sehr heiterer Laune ward. Als sie dies merkte, gab sie einen Wink, und eine rauschende Musik begann. Nun flüsterte sie mir ins Ohr, sie habe mich unter ihrem Fenster schlafend erblickt und sei die, welche mit den Früchten mich damals beregnet habe. »Ich liebe dich«, fügte sie lächelnd hinzu, »und will dich prüfen. Wenn du mir in sechs Monatszeiten noch gefällst, werd' ich dich zu meinem Gatten wählen!« Ich schlug die Augen nieder, das Bild der Prinzessin Merkusuli stand lebhaft vor mir, ich begann gefaßt: »Edle Bannu!« – was soviel wie bei uns Herrin heißt – »ich bin Eurer nicht würdig; wäre ich es –-, so hätte ich dennoch kein freies Herz zu bieten«, wollte ich hinzusetzen, als der Vorhang sich öffnete und einige Sklavinnen mit Sorbet kamen. Ich blickte sie an, das Wort blieb mir auf der Zunge: ich sah mitten unter ihnen die Prinzessin Merkusuli! Halb starr vor freudigem Schreck bemerkte ich endlich, daß die Augen der schönen Türkin auf mir ruhten. Im Flug faßte ich meine Gedanken zusammen: wenn ich ihr sagte, daß ich sie nicht liebe, so durfte ich nicht mehr kommen; stellte ich mich, als liebe ich sie, was sollte Merkusuli denken! – Das letzte mußte ich wählen, sonst war ich für ewig von Merkusuli getrennt; indem ich meine Blicke mit Gewalt von der Prinzessin ablenkte, die niedergeschlagenen Auges mich nicht sah, sprach ich: »Wenn ich Eurer würdig wäre, wie glücklich könnte ich sein!« »Du bist der, den ich erwartete«, sagte die Türkin. – »Prüfe mich erst!« rief ich ängstlich, denn die Sklavinnen, die zu Paaren vor dem Teppich gingen, ihre Gefäße absetzten und sich dann teilten, waren schon vorbei, bis auf jene, an deren Seite die Prinzessin ging. Sie hatte verschämt die Augen gesenkt und wollte den Becher niedersetzen, als sie mich erblickte; der Becher entglitt ihren Händen, und der Saft träufte von ihren weißen Fingern. Ich sagte:

»Die Rebe, wenn im vollen Trieb sie ist, der Jugend
Fängt sie zu weinen an vor Übermut und Lust.
Der Gärtner sieht's, ach! denkt er sich im Herzen
Wenn Reben weinen und von schneeigen Glocken
Träufelt der Saft, vergehen meine Schmerzen.
Denn sie versprach's, zu folgen meinem Locken
Mit Augen, Hand und Mund und Herzen
Zu kommen dann, zu lindern meine Schmerzen.«

Sie faßte sich schnell und sagte:

»Ach, endlich kommst du nun, mein Lieber,
So lang die Reb' nicht weinte, weinte doch mein Herz zu dir hinüber
So lang' nicht träufte Wein, von weiblichen Schneeglocken
Träuften von meinen Augen Tränen,
Weil ich nicht folgen konnte deinem Locken.«

Ich wendete mich wieder zu der Gebieterin; sie glaubte, ich scherze über das Vergießen des Sorbets, und achtete meiner Rede nicht. Ich verlebte diesen Abend selig, weil ich von Zeit zu Zeit das Glück haben konnte, Merkusuli von der Seite anzusehen. Aber welcher Schmerz! – Sie schien stolz und kalt, da sie meine Artigkeit gegen ihre Gebieterin sah. Als ich fort mußte, war die schöne Türkin noch sehr freundlich und sagte, sie habe sich in mir nicht betrogen. Ich langte glücklich auf dem Schiffe an und ging unter Sorgen und Hoffnungen schlafen. Am andere Abend holte mich die alte Sklavin wieder ab. Die Gebieterin erzeigte mir alle Artigkeit; aber die Prinzessin Merkusuli sah mich nicht an und floh jede Gelegenheit, wo ich ihr etwas zuflüstern konnte. Die schöne Türkin sprach mehr und mehr von ihrer Liebe zu mir, und die sechs Monde nahten ihrem Ende. Einmal war ich allein im Saale. Da kam Merkusuli herein, die mich nicht da vermutete, sie wich scheu zurück, ich hielt sie am Schleier, stürzte zu ihren Füßen und erzählte alles. Freudetrunken reichte sie mir die Hand und erzählte mir ihr Schicksal: wie der Kapitän mit ihr in einen Raum des Schiffes gegangen sei, und unter dem Vorwande, ihr Stoffe zu zeigen, habe er einen großen Kasten geöffnet und sie, trotz ihres Sträubens hineingeworfen; dann habe er den Kasten verschlossen. Als er fort war, ertönten eine Menge dumpfer Stimmen, die ihre Leiden klagten, was sie nicht genau verstand. Um Mittag kam ein Sklave, um sie herauszulassen; zu ihrem Erstaunen stiegen aus allen andern Kasten auch eine Menge schöner Mädchen. Nachdem alle gespeist hatten, wurden sie wieder eingesperrt. Jeden Tag erzählte eine andre die Geschichte ihres Raubes; sie machten allerlei Versuche zu ihrer Befreiung, die nicht gelangen. Eines Tages bemerkten sie, daß das Schiff stille stand; man hatte einen Schlaftrunk in ihre Speisen gemischt, denn sie erwachten erst, als man auf dem Sklavenmarkt die Kisten öffnete. Ein vornehmer Türke , der sie kaufte, verliebte sich so sehr in sie, daß er sie zu seiner Gattin erwählte. »Aber diese meine Gebieterin, seine Schwester«, sagte Merkusuli, »zu eifersüchtig auf das Regiment im Hause, wollte es nicht leiden und erbat oder erzankte mich, gleich als ich kam, zur Sklavin.«

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