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Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns

Gisela von Arnim: Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns - Kapitel 12
Quellenangabe
typefairy
booktitleDas Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns
authorGisela und Bettine von Arnim
year1986
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14318-1
titleDas Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns
pages3-15
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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»Als wir durch das Tor kamen, schlüpfte sie an den Wächtern vorbei in die kleine Straße hinein; nun bog sie von einer Straße in die andere, bis sie an dem Hinterpförtchen eines Hauses anklopfte. Ein Weilchen – und es wurde geöffnet; mit gewandter Hand packte sie mich und zog mich ins Haus, so daß mir der Korb mit Früchten entfiel und ich darüber stürzte; als ich aufstand war rings um mich Dunkelheit. Erschrocken und doch auch neugierig tappte ich der Wand entlang, fand eine Tür, klinkte auf und stand in einer großen Halle. Das Licht fiel von oben herein und beleuchtete die saphirblauen Wände; der große weiße Strahl eines Springbrunnens flog in der Mitte in die Höhe und plätscherte leise wieder hinab. Umher standen Gebüsche von in Gefäßen gezogenen Pflanzen; sie waren an vielen Orten ganz dicht und hoch; ich glaubte, als ich eintrat, hinter den Büschen ein leises Lachen zu hören, auch einige Gestalten verschwinden zu sehen. Als ich eine Weile mich umgesehen und der großen Herrlichkeit dieses Gemaches gar nicht satt werden konnte, setzte ich mich auf den Rand des Bassins; da klopfte mir die Sklavin auf die Schulter. Ich wollte schelten und fragte, warum sie mich allein gelassen. Sie legte den Finger auf meinen Mund und sagte: »Hab' ich dich so weit gebracht, so kannst du mir noch folgen, es soll dir nichts geschehen, aber ich muß dir die Augen verbinden.« – Ich bedachte, daß ich in ihrer Gewalt war, und ließ es geschehen; sie nahm mich an der Hand und führte mich fort; nach einer Weile zog sie an einer Schnur, die einen Vorhang öffnete. »Hier, wenn du willst, löse deine Binde«, sagte sie und ließ mich los; es war alles still um mich, ich hörte keinen Laut. Nachdem ich die Binde abgenommen, sah ich mich in einem kleinen Gemach. Das Laub wiegte sich vor den offenen, bis zur Erde reichenden Fenstern, es füllte das Fenster und machte den ganzen Raum schattig; die Blätterschatten spielten auf den weichen Polstern, die an den Wänden entlang liefen und einen bunten Teppich umschlossen. Als ich so stand, bewegten sich die grünen Vorhänge; sie öffneten sich, ein Mädchen trat hervor; wo wäre der Maler sie zu malen? Sie war von blendender Weiße, und ihre sanften schwarzen Augen, von sammetartigen Wimpern beschattet, strömten einen schwermütigen Glanz. Der leise Hauch ihrer rötlichen Wangen, wer konnte sein sanftes Wechseln beschreiben? Sie atmete ängstlich und streckte zwei weiße, schlanke Arme nach mir aus; ich stürzte ihr zu Füßen. – »Verzeih meiner Sehnsucht, schöner Jüngling«, begann sie, »die dich zu mir herbrachte! Ich sah dich am Tische meines Vaters; man nannte mich sonst die Kalte, aber da ich dich sah, hörte ich auf kalt zu sein; ich fühlte, daß du mir bestimmt seist.« Sie zog mich an ihre Seite auf den Sitz; ich sträubte mich dagegen, da ich zu ihren Füßen sitzen bleiben wollte, und ich, hingerissen von ihrer wunderbaren Schönheit, sprach ihr unbefangen meine Liebe aus. Wir plauderten lange. – Wenn sie fröhlich sich freute, daß es ihr gelungen mich herzubringen, oder wenn sie sonst scherzte, klappte sie leise mit ihren Flügeln; diese waren nicht wie die andern von matter Farbe, sie waren vom feinsten Purpur mit Gold vermischt. Als sie traurig über unsre Trennung weinte, ließ sie die Flügel hängen; ich hatte Mühe sie zu trösten. Bald kamen Sklavinnen, die unterbrachen uns. Es waren elf schöne Mädchen, die leise mit ihren bläulichen Flügeln im Zimmer herumschlurrten; sie brachten Früchte und kühle Getränke. Während eine Sklavin die Laute schlug, hatte ich Zeit sie anzusehen; denn wenn sie sprach, wagte ich nicht, meine Augen zu ihr aufzuschlagen, nur den Wohllaut ihrer Stimme trinkend. Es wurde später, und sie sagte mir, daß wir scheiden müßten. Ich überschüttete mit Tränen und Küssen ihre Hand; dann kam die Sklavin, die mich hergeführt, verband meine Augen und wir entfernten uns. Als wir dem Meere nahe waren, ließ die Sklavin mich los und floh eilend davon; ich nahm die Binde von den Augen. Es war schon dunkel; ich hatte noch meines Herrn Kapitän Geschenke zu besorgen. Schnell ließ ich die Matrosen die Ballen auf die Schultern nehmen, ich selbst war noch zu begeistert von meinem Abenteuer, als daß ich etwas tragen oder denken konnte. Als wir in des Königs Palast kamen, war der Kapitän schon dort, sehr aufgebracht, daß ich so spät erst kam. Der König saß auf roten Polstern, umgeben vom großen Hofstaat, der Kapitän saß neben ihm. Einzelne geflügelte Knaben, alle in rosenroten Röcken mit Goldsäumen, flatterten bedienend umher mit Getränken und Früchten. Die Wände, vom hellsten Lichte angestrahlt, im Kristallglanz, spiegelten alle Herrlichkeiten des Saales. Ich war sehr frohen Mutes, als ich die Stoffe aufrollte und sah, daß sie bei dem hellen Lichte sehr schön sich machten. Der König war sehr gnädig; uns wurden in seiner Nähe Polster hingelegt, und ich bemerkte während des Gastmahls, daß seine Blicke mehrmals mit Wohlgefallen auf mir ruhten. Auf einmal stand der Anführer, den wir zuerst im Walde gesehen, mit zornblitzenden Augen auf; er schritt auf den König zu und sagte ihm etwas ins Ohr. Des Königs Blicke sprühten Feuer; ich sah mit gespannten Sinnen allem diesem zu. Der Anführer hatte sich zurück auf seinen Platz begeben; da stürzten zwei Sklaven aus dem Haufen hervor, packten mich und brachten mich zu den Füßen des Königs, mit dem Antlitz zur Erde. – »Wahrlich, es ist, es ist!« rief dieser, »der Zorn treffe ihn des mächtigen geheiligten Königs!« – Der König sprach immer von sich selber wie von einer dritten Person. – »Sein Zorn möge dich vernichten! Wie kommst du, Kot seiner Sohlen, dazu, daß dich der Flügel der Prinzessin Merkusuli streifte?« Ich wurde auf diese Worte mir nichts dir nichts wieder aufgepackt, und bald befand ich mich in einem dunkeln Loch. – Wie ich allein war, überließ ich mich erstaunungsvollem Schmerz; ich sann hin und her über den Namen Merkusuli. Der Morgen dämmerte durch ein kleines Loch, als mir die Worte des Königs einfielen, der Flügel der Prinzessin Merkusuli habe mich berührt. Ich trat näher ans Licht und erblickte auf meiner Schulter ihren Flügelabdruck; meine Schöne mußte mich zufällig damit berührt haben: sie war also die Prinzeß Merkusuli! Ich zog den Rock aus und bewunderte den Gold- und Purpurstaub, bis ich vor großer Liebesmacht beinah verschied. Der Kerkermeister kam; nach langem Fragen kriegte ich heraus, der König wolle mich wahrscheinlich hinrichten lassen, weil nur die Prinzessin Merkusuli diesen Staub auf ihren Flügeln trage und ich daher bei ihr gewesen sein müsse. Als ich fragte, wer sie sei, sagte er, sie sei die Tochter von des Königs Bruder, und er erziehe sie, da der Bruder nicht mehr lebe, um sie später zur Königin zu erheben. Als er am zweiten Tage kam, antwortete er mir gar nicht; ich war von allem abgeschlossen, und meine Angst mehrte sich, je länger die einsame Zeit vorwärts schritt. Ich hatte mich eines Abends niedergelegt, beklommenen Herzens, da weckte mich etwas; ich rieb die Augen, der Kapitän stand vor mir und neben ihm eine verhüllte Gestalt; er befahl mir zu schweigen, ich solle schnell meine Kleider anziehen und ihm folgen. Als ich fertig war, führte er mich durch eine Tür fort, die ich nicht bemerkt hatte. Wir kamen in die freie Luft und gingen durch mehrere Straßen bis an das Meer, die Gestalt folgte uns. Das Schiff war segelfertig; als wir hinaufsteigen wollten, fiel mir auf einmal die Prinzessin Merkusuli ein. Ich sagte dem Kapitän, er solle mich zurücklassen, ich bleibe. – »Du bleibst, Geliebter?« sagte eine zärtliche Stimme neben mir, und ich lag zu der Prinzessin Merkusuli Füßen, denn sie war die verhüllte Gestalt; sie erhob mich, und ich schwankte freudetrunken auf das Schiff. Unsere Abfahrt ging schnell von statten; der Mond stand groß über dem Meere und beleuchtete die bunten Felsen, Merkusulis Heimat; sie hatte die Schleier abgelegt, und ich hatte das Glück, sie in ihrer Schönheit zu bewundern. Das Wunderbare war, daß als wir von der Insel uns entfernten, ihre beiden Flügel gleich Rosenblättern abfielen und sie nun wie andre Menschen war. Sie lächelte und beruhigte mich, als ich dachte, dieser Verlust könne sie kränken, und erzählte mir, wie sie gehört, daß ich gefangen sei, und wohl diese heimliche Tür gekannt, sich aber nicht früher hingewagt, bis sie den Schiffskapitän davon benachrichtigt, der auf alles eingegangen sei. Wir trennten uns nun, weil sie sich zur Ruhe begab.«

Als Thoms so weit erzählt hatte, ermahnte er, daß es Zeit sei, nun auch schlafen zu gehen. Am andern Tage verhielt sich das Wetter noch immer schön, und am Abend fuhr Thoms fort zu erzählen.

»Am andere Morgen harrte ich lange vergeblich auf dem Verdeck, die Prinzessin kam nicht. Ich fragte den Kapitän; der wendete sich von mir ab, ganz gegen seine Art; er sagte, er könne es nicht wissen, wo sich alle weggelaufenen Prinzessinnen befänden. Mein Herz ward schwer, und ich ahnte Unglück. Am Abend kam sie nicht, am andern Morgen nicht, meine Fragen wies der Kapitän ab mit dem Befehl, ich solle das Maul halten. Stiller Gram bemächtigte sich meiner; ich konnte mir die Sache nicht erklären und ich mußte mehr wie einmal an die Kisten denken, denn es fing ein Argwohn in mir an zu dämmern. Meine Kameraden erzählten mir noch, daß, ehe der Kapitän mich zurückgebracht, wieder eine Menge Kisten angekommen seien. Was konnte der Kapitän in diesem Lande erhandelt haben? –- Nach fünf Tagen brach abermals ein Sturm los, der uns an eine fremde Insel verschlug. Wir kriegten einen gewaltigen Schreck, als wir einen großen Schatten am Ufer auf und ab spazieren sahen, ohne daß wir ein Wesen gesehen hatten, das ihn warf. Eine fühlbare Magnetkraft trieb uns dem Lande zu; der Kapitän legte an, da es nicht anders ging. Da wir einmal so weit waren, konnten wir auch frisch Wasser einnehmen; denn wenn man uns was tun wollte, konnte man es, eben so gut auf unserm Schiffe uns anfallen als auf dem Lande. Der menschliche Schatten in eigentümlicher Gewändertracht schien sich zu erstaunen; er war durchsichtig grau, und man sah die Berge und Felsen der Insel durch ihn schimmern; plötzlich lief er hastig davon. Der Kapitän faßte Mut, er dachte, es müsse getan sein, und untersuchte die Insel nach allen Seiten. Als wir aus einer kleinen Sandschlucht heraus kamen, in der wir vergeblich Wasser gesucht, sahen wir, während keiner von uns ein Wort vor Angst sprach, nach dem Strande. Siehe da, ein graues Gewimmel füllte ihn, einen Schatten sah man durch den andere, während ein leises schluchzendes Flüstern die Luft durchdrang. Der Gewänderschatten eilte auf uns zu und zeigte uns den übrigen Schatten. Ich betrachtete sie. Welche verschiedene menschliche Schatten, und auch Häuserschatten, Baumschatten, kurz, Schatten von allem, was in der Welt existiert, liefen da herum! Alte griechische Tempel, gotische Kirchen, Moscheen, Sommerhäuser, Monumente, Bauernhäuser, Kuhställe, Hundehütten; die Schatten der Menschen waren in den verschiedensten Trachten. Wilde in Tierhäuten, Griechen in Gewändern, Ritter im Harnisch, alte Herrn in Allongeperücken, steifröckige Damen, kurz, aus den wunderlichsten Trachtzeitaltern. Der Schatten im Faltengewand eilte auf uns zu und fing an, mit uns zu sprechen; wir verstanden ihn nicht. Darauf nahten sich mehrere kolossale Häuserschatten, Tempel- und Kirchenschatten: jeder sprach eine verschiedene Sprache, keinen verstanden wir, bis zuletzt ein deutscher Bauernhausschatten uns fragte, wer wir seien. Mein Kapitän sagte mit einer tiefen Verbeugung, daß sein Schiff das Unglück und zugleich das Glück gehabt hätte, fügte er schnell hinzu, an diese Insel verschlagen zu werden; die allerhöchsten Schatten möchten doch die Gnade haben, ihn das fehlende Wasser in seine Tonnen füllen zu lassen. Der Bauernhausschatten übersetzte dies den andern Schatten. Der Kapitän erwartete mit Zittern die Antwort; die Schatten schienen sehr zufrieden über seine höflichen Reden, und das gutmütige Bauernhaus wurde durch sie gebeten, uns die Quelle zu zeigen. Am Abend lud uns die Schattengesellschaft zu sich ein; ein besonders großer, dicker Herrnschatten führte den Vorsitz im Reden. Sie zerstreuten sich, und wir sahen nur, während das Bauernhaus uns zur Quelle führte, einige der riesenmäßigen Schatten an den Bergen, die vom Abendrot beschienen, entlang schweben. Mein Kapitän näherte sich etwas dem Bauernhausschatten und suchte eine Unterhaltung anzuknüpfen. »Dürfte ich wohl die Ehre haben, etwas Näheres über das Volk der Schatten zu erfahren?« – Das Haus schien gern auf seine Wißbegier einzugehen. »Alle diese Schatten, die du hier siehst, sind die Schatten der verschiedenen Häuser und Paläste, welche sie vor ihrem Umsturz oder die Menschen vor ihrem Tode werfen, kurz, aller Dinge, welche einst auf der Welt bestanden. Schatten sind keineswegs, wie man glaubt, unbeseelte Dinge; nein, die Schattenseiten der Dinge und Wesen, die da existierten, dauern länger als die Lichtseiten. – Es existieren mehr Schattenseiten an allem in der Welt. Du glaubst gar nicht, was für Schatten aller Zeiten mit einander dieses Eiland bevölkern, denn sie brauchen sehr wenig Platz, da sie sich nie stoßen, sondern durcheinandergehen, auch natürlich einer in den andere über geht.« – Bald waren bei diesen merkwürdigen Erzählungen die Tonnen gefüllt und auf das Schiff gebracht. Der Mond schien, und das freundschaftliche Haus rief uns und führte uns in ein ungeheures, monddurchleuchtetes Tal; um die Berge kamen die Schatten herzu von allen Seiten, es sollte ein schattenhafter guter Abend werden. Sie schwammen durcheinander und schienen zu sprechen, der Bauernhausschatten brachte uns auf ein Plätzchen inmitten der Berge. Die Köpfe der Schatten ragten gerade bis an uns; sie machten sich auch nichts daraus, wenn wir ihnen zuweilen darauf traten. Nicht weit von uns hatte sich der Schatten des Gewändermannes hingestellt, er schien mich von der Seite anzuschielen. Auf einmal bemerkten wir, daß die Schatten sich teilten, und eine alte Domkirche fing mit einem griechischen Tempel an, ein Menuett zu tanzen. Darauf folgten Sommerhäuser, Bibliotheken, Glyptotheken, Kapellen, Schlösser; darunter mischten sich die Menschenschatten in den verschiedensten Kleidungen, die ganze Arche Noah der Tiere, Statuen, Bäume: kurz, alles, was Schatten auf der Welt geworfen hatte. Das Bauernhaus zeigte uns besonders den alten Abrahams-, Evas- und Adamsschatten, die die Aufsicht führten. Cäsar und Don Quixote unterhielten sich eifrig; Götz von Berlichingen mit der Königin von Saba, Apollo, Judith, die Jungfrau von Orleans, Diogenes, Madame de Pompadour und Karl der Große tanzten Lanners Tänze mit einander. Maria Theresia tanzte mit Mohammed ein Menuett; eine Menge Könige und Kaiser und was für Schattengeschöpfe mehr, folgten, ich habe nur diese von all den wunderlichen Erscheinungen behalten. Ich bemerkte indessen, daß der faltenreiche Gewändermann mich noch fortwährend anstarrte; endlich winkte er das Bauernhaus zu sich und flüsterte ihm etwas zu, worauf dies zu mir kam. »Höre«, zirpte es, »es interessiert sich ein Schatten für dich; er hat eine so zarte Neigung für dich gefaßt, daß er wünscht, dich kennen zu lernen; wenn du ihm auch dann noch gefällst, hat er einen Plan mit dir vor; doch das wirst du später erfahren. – Kennst du den großen Plato? – Er ist's.« – Ich hatte mein Leben nichts von Plato gehört und weiß noch nicht, wer er ist. – »Ich habe nicht das Glück, so wahr ich keine Landratte bin«, sagte ich. – »Folge mir!« – Eine Herzensangst ergriff mich, als ich mich dem Mann näherte; er lud mich zu einem Spaziergange ein, trotzdem folgte ich, weil ich ihn zu erbittern fürchtete. – »Ich bin die Schattenseite Platos«, sagte er, als wir an den Bergwänden empor wandelten. »In mir ist eine feine Liebe, ich fühle eine platonische Zuneigung zu dir.« Er erzählte mir entsetzlich viele Dinge vor; ich hörte aufmerksam zu und verstand nichts. Auf einmal starrte er mich lange an und sagte: »Du verstehst mich. So einen mochte ich immer, dem ich meine langen, langen hinter dem Berge haltenden und um die Ecken kommenden Gesprächsweisen angedeihen lassen könnte. Du bist dazu ganz köstlich geeignet.« – Als wir vom Spaziergange zurückkehrten, war ich schachmatt, und es war mir, als habe ich in meinem Vaterland Pflaumenbrühe genossen. Wir brachten den andere Tag herum, ohne den Schatten zu sehen; ich genas nach und nach am kräftigen Sonnenlicht von dem nächtlichen Spaziergang. In der Nacht mußten wir wieder auf das Schattenfest. Der Schattenmann im Faltenwurf verfolgte mich wieder, und ich mußte mit ihm auf den Gipfeln der Berge lange hin und her wandeln. So ging's am dritten und vierten Tage. Am sechsten um Mittag wollten wir fort, am fünften waren wir wieder auf dem Schattenfest. Nachdem der Gewandschatten seine Promenade mit mir gemacht, flüsterte er eifrig und lang mit dem Bauernhausschatten. Zu Ende des Festes, als die Schatten sich zurückzogen, machte sich das Bauernhaus an meine Seite und fing mir an zu erzählen. Denkt euch meinen Schrecken, der Gewänderschatten wollte mich hier behalten, da sich seine Seele unwiderstehlich zu mir hingerissen fühle; er habe ihm vertraut, daß er schon mit einigen starken Schlagschatten gesprochen habe, daß sie mich erschlagen und mein Schatten dann sogleich und für ewig bei ihm verweile. Das gutmütige alte Bauernhaus sagte, es sei mir zugetan und habe nicht unterlassen können, mich zu warnen gegen diesen hinterlistigen Mord. »Auch deinen Kapitän bedroht Unglück: denn es hat ein sehr schöner Schatten, die Königin von Saba, Freundschaft für ihn gefaßt; sie wollte ihn auch morgen umbringen lassen.« – Ich war außer mir vor Schrecken und küßte das alte Haus herzlich auf seine Tür; darauf eilte ich, – denn ich war im Gespräch mit dem alten Haus etwas zurückgeblieben, und teilte dem Kapitän alles mit. Als ich aber von ihm sprach, da ließ der Kapitän augenblicklich die Segel lüften. Das Schiff war schon segelfertig, aber es ging nicht aus der Bucht heraus; da kam das alte Haus und sagte, wir müßten alle vom Verdeck ins Dunkle, so daß wir keine Schatten mehr würfen, die von der Insel angezogen würden. Wir dankten noch dem ehrlichen Bauernhause, und ich versprach, es lieb zu behalten, bis mein Schatten einst ganz mit ihm vereint sein werde. Wir krochen unter, stießen ab und kamen glücklich aufs hohe Meer. Wir gingen nun wieder aufs Verdeck und erblickten, wie die Schatten, die durch irgend einen Zufall unsre Abreise erfahren haben mußten, zornig am Ufer auf- und abschwankten.« –

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