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Das Landhaus in Hampshire

Arthur Conan Doyle: Das Landhaus in Hampshire - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
authorConan Doyle
titleDas Landhaus in Hampshire
booktitleAbenteuer des Doktor Holmes
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunFünfte Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20160126
modified20180502
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Wer die Kunst um ihrer selbst willen liebt,« begann eines Tages Sherlock Holmes, indem er das Anzeigeblatt des ›Telegraph‹ aus der Hand legte, »der findet häufig in den unwichtigsten und geringfügigsten Erscheinungen den höchsten Genuß. Wie ich mit Vergnügen sehe, hast du dir, mein lieber Watson, diese Wahrheit bis zu einem gewissen Grade zu eigen gemacht. Hast du doch in den kurzen Berichten über unsere Fälle, die du aufzuzeichnen und – ich muß es sagen – gelegentlich auch auszuschmücken so freundlich warst, nicht sowohl die vielen causes célèbres und sensationellen Prozesse, in denen ich eine Rolle gespielt habe, in den Vordergrund gestellt, als vielmehr jene kleinen Fälle, die – obwohl an sich vielleicht alltäglicher Art – mir doch oft gerade Gelegenheit zu den streng folgerichtigen Beweisführungen und Schlüssen gaben, die meine eigenste Spezialität bilden.«

»Und doch,« versetzte ich, »kann ich mich selbst nicht ganz von dem Vorwurf der Sensationssucht freisprechen, der gegen meine Berichte schon erhoben worden ist.«

»Du hast vielleicht den Fehler gemacht,« fuhr er fort, während er mit einem Stückchen glühender Kohle aus dem Kamin seine lange Weichselrohrpfeife anbrannte, die er an Stelle der Thonpfeife zu nehmen pflegte, wenn er sich eher in streitbarer als in beschaulicher Stimmung befand, – »du hast vielleicht den Fehler gemacht, daß du dich bemüht hast, allen unseren Leistungen Farbe und Leben zu verleihen, statt dich auf die Darstellung meiner streng logischen Schlußfolgerungen von der Ursache auf die Wirkung zu beschränken, die in Wirklichkeit das einzig Bemerkenswerte an der ganzen Sache bilden.«

»Ich denke doch, ich habe dir dabei volle Gerechtigkeit angedeihen lassen,« entgegnete ich etwas kühl, denn mir war das starke Selbstgefühl zuwider, welches, wie ich mich schon mehr als einmal überzeugt hatte, einen ziemlich ausgesprochenen Zug in meines Freundes merkwürdigem Charakter bildete.

»Nein, es ist nicht Eigenliebe oder Einbildung von mir,« bemerkte er darauf, indem er nach seiner Gewohnheit nicht sowohl meine Äußerung beantwortete, als vielmehr das, was ich dabei gedacht hatte. »Wenn ich volle Gerechtigkeit für meine Kunst verlange, so thue ich das, weil ich dieselbe als etwas Unpersönliches – als etwas über mir Stehendes betrachte. Verbrechen kommen alle Tage vor, streng folgerichtiges Denken findet sich selten. Deshalb hättest du dich mehr bei dem letzteren als bei ersterem aufhalten sollen. Statt einer Reihe belehrender Vorträge ist unter deiner Hand ein ganz gewöhnliches Geschichtenbuch entstanden.«

Es war ein kalter Morgen im Beginn des Frühjahrs, als wir nach dem Frühstück bei einem munter flackernden Feuer in dem alten Zimmer in der Bakerstraße beisammen saßen. Dicker Nebel wallte zwischen den schwärzlichen Häuserreihen, und die Fenster gegenüber nahmen sich hinter den schweren gelben Dunststreifen aus wie dunkle, formlose Flecken. Unsere Gaslampe brannte und warf ihren blendenden Schein auf das weiße Tischzeug, das blinkende Porzellan und Silberzeug unseres noch nicht abgedeckten Frühstücktisches. Holmes war den ganzen Morgen über sehr schweigsam gewesen und hatte sich ununterbrochen in den Anzeigenteil einer ganzen Reihe von Zeitungen vertieft, bis er schließlich seine Nachforschungen aufgab und in nicht besonders rosiger Laune aus seiner Versunkenheit erwachte, um mir über meine schriftstellerischen Mißgriffe eine Vorlesung zu halten.

»Sensationssucht,« fuhr er nach einer langen Pause fort, während deren er immerzu Wolken aus seiner Pfeife geblasen und in das Kaminfeuer geblickt hatte, »wird man dir übrigens kaum zur Last legen können; handelt es sich doch bei einem guten Teil der Fälle, die du deines Interesses gewürdigt hast, gar nicht um Verbrechen im strengen Sinne des Wortes. Eher bist du vielleicht über dem Bestreben, dem Sensationellen aus dem Wege zu gehen, ins Alltägliche verfallen.«

»Dies läßt sich wohl manchmal von dem Ausgang sagen, die Methode aber, nach der die Behandlung der Fälle erfolgte, war stets eigenartig und interessant, dabei bleibe ich.«

»Ach was, mein lieber Junge, was kümmert sich das Publikum, das große oberflächliche Publikum, um die feineren Schattierungen streng logischer Ableitung und Schlußfolgerung! Aber wahrhaftig, wenn deine Erzählungen trivial ausfallen, so kann man dir keinen Vorwurf daraus machen, denn die Tage der großen Fälle sind vorüber. Die Menschheit, oder zum wenigsten die Verbrecherwelt, hat alle Kühnheit und Originalität verloren. Meine eigene bescheidene Praxis befindet sich allem Anschein nach auf dem besten Wege, zu einem Fundbureau für verlorene Gegenstände und zu einer Auskunftsstelle für Schullehrerinnen herabzusinken. Schlimmer kann es übrigens jetzt wohl kaum mehr kommen. Mit dieser Zuschrift, die ich heute früh erhielt, dürfte ich doch vermutlich beim Nullpunkt angelangt sein. Da, lies!« Damit warf er mir einen ganz zerknitterten Brief hin.

Derselbe war abends vorher von Montague Place datiert und lautete:

Werter Herr Holmes!

Ich bin im Zweifel, ob ich eine mir angebotene Gouvernantenstelle annehmen soll oder nicht und möchte sehr gerne Ihren Rat in der Sache in Anspruch nehmen. Wenn ich Sie nicht störe, werde ich morgen vormittag um halb elf Uhr bei Ihnen vorsprechen.

Ihre ergebene

Violet Hunter.‹

»Kennst du die Schreiberin?« fragte ich.

»Nein.«

»Es ist gerade halb elf.«

»Jawohl, und ich glaube, ich höre sie eben klingeln.«

»Die Sache kann interessanter ausfallen als du denkst, du erinnerst dich doch der Geschichte mit dem blauen Karfunkel, die sich zuerst ganz wie eine Posse ausnahm und sich dann zu einem wichtigen Kriminalfall entwickelte. So kann es diesmal auch gehen.«

»Nun, wir wollen hoffen! Wir werden ja nicht lange im Zweifel darüber sein; denn ich müßte mich sehr täuschen, oder die Schreiberin des Briefchens ist bereits zur Stelle.«

Er hatte noch nicht ausgeredet, als die Thür aufging und eine junge Dame eintrat. Sie war einfach aber hübsch gekleidet, hatte ein frisches, aufgewecktes Gesicht voll Sommersprossen und verriet durch ihr entschiedenes Auftreten, daß sie sich bis dahin allein hatte durch die Welt schlagen müssen.

»Sie nehmen mir doch nicht übel, daß ich Sie belästige?« begann sie, als mein Freund sich erhob, um sie zu begrüßen; »aber es ist mir etwas höchst Sonderbares begegnet, und da ich keine Eltern oder irgend sonstige Angehörige habe, die ich um Rat fragen könnte, so dachte ich, Sie wären vielleicht so freundlich, mir zu sagen, was ich thun soll.«

»Bitte, nehmen Sie Platz, Fräulein Hunter. Mit Vergnügen stehe ich Ihnen in jeder Weise zu Diensten.«

Ich sah wohl, daß Holmes sich von dem Wesen und der Ausdrucksweise seiner neuen Klientin angenehm berührt fühlte. Er ließ den Blick prüfend über sie hingleiten und setzte sich dann mit gesenkten Lidern und aneinandergelegten Fingerspitzen zurecht, um ihrer Geschichte zuzuhören.

»Ich war fünf Jahre lang Erzieherin in der Familie des Obersten Spence Munro,« begann sie. »Allein vor etwa zwei Monaten erhielt derselbe einen Posten in Halifax in Neu-Schottland und nahm seine Kinder mit, sodaß ich meine Stelle verlor. Längere Zeit suchte ich durch die Zeitungen nach einem passenden Platz, jedoch ohne Erfolg. Zuletzt begann die kleine Summe, die ich mir erübrigt hatte, auf die Neige zu gehen, und ich wußte mir nun nicht mehr zu helfen.

»In dem bekannten Westaway'schen Stellenvermittlungsbureau im Westend pflegte ich so ziemlich jede Woche einmal nachzufragen, ob sich nicht etwas für mich gezeigt habe. Als ich nun vorige Woche von der Inhaberin des Bureaus, Fräulein Stoper, in ihr Privatkabinet gerufen wurde, fand ich einen Herrn an ihrer Seite sitzend. Er war von ungeheurer Körperfülle, und sein mächtiges Kinn fiel ihm in mehrfachen Falten auf die Brust herab; dabei hatte er äußerst freundliche Züge und trug einen Zwicker auf der Nase, durch den er die eintretenden jungen Damen angelegentlichst musterte.

»Bei meinem Eintritt schnellte er förmlich von seinem Stuhle empor und wandte sich hastig zu Fräulein Stoper. ›Das ist die Rechte‹, sagte er, ›ich könnte gar nichts Besseres finden. Herrlich, herrlich!‹ Er schien ganz entzückt, rieb sich die Hände vor Vergnügen und machte einen solchen Eindruck von Wohlbehagen, daß es eine wahre Freude war, ihn anzuschauen.

»›Sie wollen sich nach einer Stelle umsehen, Fräulein?‹ redete er mich an.

»›Jawohl.‹

»›Als Gouvernante?‹

»›Ja.‹

»›Und welches sind Ihre Gehaltsansprüche?‹

»›In meiner letzten Stelle, bei Oberst Munro, hatte ich vier Pfund monatlich.‹

»›O, ho, ho! Eine wahrhaft hundemäßige Bezahlung!‹ rief er, mit seinen fetten Händen in der Luft herumfahrend, als befände er sich in höchster Aufregung. ›Wie kann man nur einer Dame von so hervorragenden Eigenschaften und Leistungen eine so erbärmliche Summe bieten!‹

»›Meine Leistungen sind doch vielleicht nicht so bedeutend als Sie glauben‹, bemerkte ich. ›Etwas Französisch, etwas Deutsch, Musik und Zeichnen.‹ –

»›Ah, pah, pah‹, rief er, ›das kommt alles nicht in Frage. Ob Sie Erscheinung und Benehmen einer Dame von Stand haben oder nicht, darauf allein kommt es an. Ist dies nicht der Fall, so eignen Sie sich nicht zur Erziehung eines Kindes, dem eines Tages vielleicht eine wichtige Rolle in der Geschichte des Landes zufallen wird. Trifft es aber zu, wie konnte Ihnen dann ein anständiger Mann zumuten, sich mit weniger als hundert Pfund zu begnügen. Bei mir würde Ihr Gehalt mit diesem Betrage beginnen.‹

»Sie können sich vorstellen, Herr Holmes, daß mir in meiner bedrängten Lage dies Angebot so verlockend erschien, daß ich kaum meinen Ohren traute. Der Herr jedoch, der vielleicht den ungläubigen Ausdruck auf meinem Gesicht bemerkte, nahm nun eine Banknote aus seiner Brieftasche.

»›Es ist außerdem meine Gewohnheit‹, fuhr er fort und verzog dabei sein Gesicht zu einem so liebenswürdigen Lächeln, daß seine Augen nur noch wie zwei glänzende Streifen zwischen den sie umgebenden Falten hervorblitzten, ›meinen jungen Damen die Hälfte ihres Gehaltes im voraus einzuhändigen, damit ihnen die kleinen Auslagen für die Reise und für ihre Garderobe nicht schwer fallen.‹

»Eine derartige Liebenswürdigkeit und Rücksicht war mir, soweit ich mich erinnern konnte, in meinem ganzen Leben noch bei keinem Herrn vorgekommen. Da ich bereits Schulden bei meinen Lieferanten hatte, so kam mir der Vorschuß sehr gelegen; aber trotzdem lag etwas Unnatürliches in dem ganzen Handel, das in mir den Wunsch erweckte, noch einiges Nähere zu erfahren, ehe ich mich völlig band.

»›Darf ich fragen, wo Sie wohnen?‹ sagte ich.

»›Hampshire – Copper Beeches; reizender Landsitz fünf Meilen hinter Winchester. Sie können sich keine anmutigere Gegend, keine heimlichere Behausung denken, mein liebes Fräulein.‹

»›Und meine Obliegenheiten? Darüber möchte ich doch auch gerne etwas erfahren.‹

»›Ein einziges Kind, ein kleiner, lieber Bengel von genau sechs Jahren. Wenn Sie sehen könnten, wie er Schwaben und andere Käfer mit dem Pantoffel totschlägt! Klatsch, klatsch! geht es, und im Nu sind sie kaput.‹ Dabei lehnte er sich in den Stuhl zurück und lachte wieder, daß seine Augen völlig verschwanden.

»Ich war nicht wenig verdutzt über den eigentümlichen Zeitvertreib des Kindes, allein da dessen Vater so darüber lachte, dachte ich, er mache vielleicht Scherz.

»›Meine einzige Obliegenheit wäre also‹, fragte ich weiter, ›für das eine Kind zu sorgen?‹

»›Nein, nein, das ist nicht alles!‹ rief er. ›Sie wären außerdem verpflichtet, was Sie ja gewiß als selbstverständlich betrachten würden, den Weisungen von seiten meiner Frau nachzukommen, vorausgesetzt, daß deren Befolgung für eine gebildete Dame keinerlei Anstand böte. Dagegen haben Sie doch kein Bedenken, wie?‹

»›Es wird mir ein Vergnügen sein, mich nützlich machen zu können.‹

»›Nun, ja, z. B. was die Kleidung betrifft. Wir sind wunderliche Leute, wissen Sie, – wunderlich aber gutmütig. Falls wir von Ihnen verlangten, ein Kleid von uns anzuziehen, so würden Sie keinen Einwand gegen diesen kleinen Wunsch erheben, nicht wahr?‹

»›Nein,‹ erwiderte ich, ziemlich erstaunt über diese Äußerung.

»›Oder sich dahin und dorthin zu setzen, – daran würden Sie doch keinen Anstoß nehmen?‹

»›O nein.‹

»›Oder vor Ihrem Eintritt bei uns Ihr Haar ganz kurz abzuschneiden?‹

»Ich traute meinen Ohren kaum. Wie Sie vielleicht bemerken, Herr Holmes, ist mein Haar ziemlich üppig und hat eine ganz besondere kastanienbraune Färbung, die schon von künstlerischer Seite Beachtung gefunden hat. Es fiel mir deshalb nicht ein, es so kurzer Hand einfach dran zu geben.‹

»›Ich bedaure, aber das geht schlechterdings nicht,‹ erwiderte ich. Er hatte seine kleinen Augen voll gespannter Erwartung auf mich geheftet, und ich sah, wie bei meiner Antwort ein Schatten über seine Züge flog.

»›Leider ist dieser Punkt ganz wesentlich,‹ sagte er. ›Es ist das eine kleine Grille von meiner Frau, und auf weibliche Grillen muß man Rücksicht nehmen, wissen Sie, Fräulein. Also, Sie wollen Ihr Haar wirklich nicht abschneiden?‹

»›Nein, dazu könnte ich mich in der That unmöglich entschließen,‹ antwortete ich fest.

»›So, dann muß ich leider verzichten. Es ist schade, denn Sie würden sonst wirklich sehr hübsch gepaßt haben. Unter diesen Umständen, Fräulein Stoper, möchte ich gerne noch ein paar von Ihren jungen Damen sehen.‹

»Die Genannte hatte sich die ganze Zeit über mit ihren Papieren zu schaffen gemacht, ohne an eines von uns beiden ein Wort zu richten, allein nun warf sie mir einen so unfreundlichen Blick zu, daß ich nicht anders annehmen konnte, als ich habe sie durch meine abschlägige Antwort um eine recht ansehnliche Vermittlungsgebühr gebracht.

»›Wünschen Sie noch länger vorgemerkt zu bleiben?‹ fragte sie mich.

»›Bitte, ja, Fräulein Stoper.‹

»›Nun, das wird wohl keinen großen Wert haben, da Sie die vortrefflichsten Anerbietungen in dieser Weise ausschlagen. Sie können doch kaum von uns erwarten, daß wir uns noch viele Mühe geben werden, Ihnen abermals eine solche Gelegenheit zu verschaffen. Guten Tag, Fräulein Hunter.‹ Damit gab sie dem Thürsteher das Zeichen, mich hinauszugeleiten.

»Als ich nun wieder zu Hause war, Herr Holmes, und dort nichts vorfand als eine ziemlich leere Speisekammer und auf dem Tische zwei oder drei Rechnungen, da begann ich mir doch die Frage vorzulegen, ob ich nicht einen thörichten Streich gemacht habe. Denn schließlich, wenn diese Leute absonderliche Launen hatten und höchst merkwürdige Dinge von einem verlangten, so zahlten sie auch gehörig dafür. Hundert Pfund im Jahre verdienen nur sehr wenige Gouvernanten in England. Und dann, was nützten mir meine Haare? Es giebt viele, denen sie kurz geschnitten besser stehen; vielleicht gehöre ich auch zu dieser Zahl. Am nächsten Tage neigte ich bereits sehr der Auffassung zu, daß ich einen Fehler begangen hätte, und am dritten war ich fest davon überzeugt. Ich wollte meinen Stolz schon beinahe soweit überwinden, um nochmals auf dem Bureau nachzufragen, ob die Stelle noch offen sei, als ich von dem Herrn selbst diesen Brief hier erhielt. Ich will Ihnen denselben vorlesen:

The Copper Beeches bei Winchester.

›Wertes Fräulein!

Fräulein Stoper war so freundlich, mir Ihre Adresse zu geben; ich schreibe Ihnen deshalb von hier aus, um bei Ihnen anzufragen, ob Sie sich Ihren Entschluß noch einmal überlegt haben. Meine Frau wünscht sehr, daß Sie bei uns eintreten; sie ist ganz entzückt von der Schilderung, die ich ihr von Ihnen gemacht habe. Wir sind bereit, 30 Pfund das Vierteljahr, also jährlich 120 Pfund zu geben, um Sie für alle Unannehmlichkeiten, die Ihnen etwa aus unseren Grillen erwachsen könnten, schadlos zu halten. Im Grunde wollen diese letzteren übrigens gar nicht so viel bedeuten. Meine Frau hat eine Vorliebe für eine ganz bestimmte Schattierung von bleu électrique und wünscht deshalb, daß Sie morgens im Hause ein Kleid von dieser Farbe tragen. Sie brauchen sich jedoch ein solches nicht anzuschaffen, da wir selbst eines besitzen, das meiner zur Zeit in Philadelphia befindlichen Tochter gehörte und das Ihnen vermutlich vollkommen passen wird. Unsere besonderen Wünsche wegen des jeweiligen Sitzplatzes und des Zeitvertreibs, den Sie wählen sollen, werden Ihnen keinerlei Unannehmlichkeit verursachen. Was Ihr Haar betrifft, so ist es freilich schade darum; mir selbst ist während unseres kurzen Zusammenseins dessen Schönheit aufgefallen, allein leider muß ich auf diesem Punkte unwiderruflich beharren und will nur hoffen, daß Sie in der Erhöhung Ihres Gehalts einen Ersatz für den Verlust finden. Ihre Obliegenheiten bei dem Kinde sind nicht schwer. Also machen Sie den Versuch; ich werde Sie von Winchester in meinem Wagen abholen. Lassen Sie mich wissen, mit welchem Zuge Sie eintreffen.

Ihr ergebener

Jephro Rucastle.‹

»Dies ist der Brief, und ich bin entschlossen, die Stelle anzunehmen. Ehe ich jedoch den entscheidenden Schritt thue, wollte ich gerne die ganze Angelegenheit noch Ihrer Erwägung unterbreiten.«

»Wenn Sie sich bereits entschlossen haben, Fräulein Hunter, so ist die Frage ja schon entschieden,« meinte Holmes lächelnd.

»Sind Sie denn der Ansicht, ich sollte lieber abschreiben?«

»Hätte eine Schwester von mir Aussicht auf diese Stelle, so wäre es mir nicht gerade erwünscht, das muß ich gestehen.«

»Wie soll man sich nur das alles erklären, Herr Holmes?«

»Ohne nähere Anhaltspunkte möchte ich keine Vermutung aussprechen. Vielleicht haben Sie sich selbst eine Ansicht darüber gebildet?«

»Ich kann mir nur eine einzige Erklärung dafür denken. Herr Rucastle machte einen sehr freundlichen, gutmütigen Eindruck. Wäre es nicht möglich, daß seine Frau verrückt ist, und daß er dies geheim zu halten sucht, damit sie nicht etwa in eine Anstalt verbracht wird, und daß er ihren tollen Launen in jeder Weise entgegenkommt, um einem Ausbruch vorzubeugen?«

»Diese Erklärung hat, wie die Sache liegt, in der That am meisten für sich. Soviel ist jedenfalls sicher, daß eine solche Häuslichkeit nichts Anziehendes für eine junge Dame hat.«

»Aber der Gehalt, Herr Holmes, der Gehalt!«

»Nun ja, freilich, die Bezahlung ist gut – zu gut; das ist es gerade, was mir nicht behagen will. Warum bezahlt man Ihnen 120 Pfund im Jahr, während unter gewöhnlichen Verhältnissen 40 Pfund vollauf genügen? Dahinter muß ein ganz gewichtiger Grund stecken.«

»Ich dachte, es wäre gut, Sie in die Verhältnisse einzuweihen, damit Sie wissen, um was es sich handelt, falls ich später einmal Ihrer Hilfe bedürfen sollte. Das Bewußtsein, daß Sie hinter mir stehen, würde mir viel mehr Mut verleihen.«

»Nun, dieses Bewußtsein dürfen Sie getrost mitnehmen. Ich versichere Sie, daß Ihr kleines Problem das interessanteste zu werden verspricht, das mir seit mehreren Monaten vorgekommen ist. Es bietet einige Züge ganz besonderer, überraschender Art. Sollten Sie sich je einmal in Zweifel oder in Gefahr befinden –«

»Gefahr? – Was für eine Gefahr denken Sie sich als möglich?«

Holmes schüttelte ernst den Kopf. »Könnten wir uns darüber bestimmt aussprechen, so wäre es ja keine Gefahr mehr. Doch es bedarf nur eines Telegramms, und ich werde zu jeder Tages- oder Nachtstunde zu Ihrem Beistande bereit sein.«

»Das genügt.« Damit erhob sie sich frisch und munter, und ihre Züge zeigten keine Spur von Ängstlichkeit mehr. »Nun gehe ich ganz guten Mutes meiner neuen Bestimmung entgegen. Ich werde Herrn Rucastle unverzüglich schreiben, mein teures Haar heute abend opfern und morgen nach Winchester fahren.«

»Die junge Dame scheint mir Manns genug zu sein, sich selbst zu beschützen,« bemerkte ich, als wir ihren raschen, festen Schritt auf der Treppe hörten.

»Sie wird es wohl auch thun müssen,« erwiderte Holmes ernst; »wenn ich mich nicht sehr täusche, werden wir schon in wenigen Tagen Nachricht von ihr erhalten.«

Es dauerte auch gar nicht lange, so ging seine Vorhersagung in Erfüllung. Während der nächsten vierzehn Tage ertappte ich meine Gedanken häufig auf der Wanderung zu dem alleinstehenden Mädchen, das vom Schicksal auf einen so rätselvollen Irrweg verschlagen worden war. Der ungewöhnlich hohe Gehalt, die sonderbaren Bedingungen, die leichten Obliegenheiten – dies alles war ganz gegen die Regel, und doch konnte ich schlechterdings nicht mit mir darüber ins reine kommen, ob es sich dabei nur um eine verrückte Laune oder um einen verbrecherischen Zweck handelte, und ob der Mann ein philantropischer Schwärmer oder ein Schurke war. Was Holmes betrifft, so sah ich ihn oft eine volle halbe Stunde lang mit gerunzelten Brauen in tiefes Nachdenken versunken dasitzen; fing ich jedoch von der Sache an, so winkte er immer ab. »Thatsachen, Thatsachen!« rief er ungeduldig aus. »Ich muß doch vor allem festen Grund unter den Füßen haben.« Wenn er sich aber dann erhob, machte er jedesmal die Bemerkung, seiner eigenen Schwester würde er niemals gestattet haben, eine derartige Stelle anzunehmen. Das erwartete Telegramm traf eines Abends spät ein als ich eben im Begriffe war, mich zurückzuziehen und Holmes sich zu seinen beliebten chemischen Untersuchungen anschickte, die ihn die ganze Nacht festhielten; hatte ich ihn doch schon oft abends über seine Gefässe und Gläser gebeugt verlassen und ihn am nächsten Morgen zur Frühstücksstunde noch in derselben Stellung getroffen. Er riß den gelben Umschlag auf, überflog den Inhalt der Depesche, und dann reichte er sie mir.

»Sieh gleich die Züge im Kursbuch nach,« sagte er dabei, indem er sich wieder seiner Beschäftigung zuwandte. Es war eine kurze, dringende Aufforderung. Sie lautete:

›Kommen Sie, bitte, morgen mittag in den ›schwarzen Schwan‹ in Winchester. Kommen Sie ganz bestimmt, ich weiß nicht mehr aus noch ein.

Hunter.‹

»Willst du mich begleiten?« fragte Holmes aufschauend.

»Ja, gerne.«

»Dann sieh nur gleich nach.«

»Ein Zug um halb zehn Uhr,« sagte ich, in mein Kursbuch blickend, »trifft in Winchester um halb zwölf Uhr ein.«

»Das paßt ja ganz gut. Dann will ich meine Untersuchung hier lieber auf sich beruhen lassen. Denn wir müssen morgen früh frisch und munter sein.«

Am nächsten Vormittag befanden wir uns gegen elf Uhr nicht mehr weit vom Ziele unserer Fahrt. Holmes hatte sich während der ganzen Zeit in die Morgenblätter vergraben. Als wir jedoch auf dem Gebiet von Hampshire angelangt waren, warf er sie beiseite, um seine Blicke an der Gegend zu weiden. Es war ein wundervoller Frühlingstag, am lichtblauen Himmel flogen weiße Federwölkchen hin, und bei dem hellen Sonnenschein lag in der Luft etwas wonnig Erfrischendes. Rings in der Runde bis zu den fernen Hügeln von Aldershot blickten allenthalben die roten und grauen Dächer der Gehöfte aus dem zarten jungen Grün hervor.

»Wie frisch und hübsch diese Häuschen daliegen!« rief ich mit der Begeisterung eines Menschen, der eben erst die Nebeldünste Londons hinter sich gelassen hatte.

Doch Holmes schüttelte ernst den Kopf. »Weißt du, Watson,« meinte er, »das gehört mit zu den Schattenseiten meiner Geistesanlage, daß ich immer alles unter dem Gesichtspunkte des Falles ansehen muß, der mich gerade beschäftigt. Du hast beim Anblick dieser zerstreuten Behausungen nur die Empfindung ihrer Schönheit. Ich dagegen muß immer daran denken, wie einsam sie liegen und wie leicht sich darin ein Verbrechen begehen läßt, das seiner Strafe entgeht.«

»Gütiger Himmel,« rief ich aus, »wer möchte bei diesen lieben alten Heimstätten an Verbrechen denken?«

»Mich erfüllen sie stets mit einem gewissen Schauder. Nach meinen Erfahrungen bin ich fest überzeugt, die verrufensten Gassen Londons liefern keine so reiche Ausbeute an Missethaten als dieses lachende Gelände hier.«

»Das klingt ja ganz entsetzlich!«

»Und doch liegt der Grund sehr nahe. In der großen Welt tritt die öffentliche Meinung ergänzend ein, wo die Macht des Gesetzes nicht ausreicht. Da giebt es keine noch so elende Gasse, wo der Schmerzensschrei eines gequälten Kindes oder die rohe Gewaltthat eines Trunkenbolds nicht Mitleid und Empörung bei den Nachbarn erweckte, auch sind sämtliche Werkzeuge der Rechtspflege jederzeit so bei der Hand, daß ein Wort der Klage hinreicht, um sie in Bewegung zu setzen, und es ist nur ein Schritt vom Verbrechen zum Gefängnis. Betrachte dagegen diese einsamen Häuser, umgeben von eigenem Grund und Boden, bewohnt von armem, unwissendem Volk, das Gesetz und Recht kaum von ferne kennt. Stelle dir die Thaten höllischer Grausamkeit, heimlicher Verruchtheit vor, die sich vielleicht Jahr aus Jahr ein an solchen Stätten abspielen, ohne daß eine Seele es ahnt. Wäre die Familie, bei der unsere Schutzbefohlene einzutreten hatte, in Winchester, ich würde mir niemals Sorgen um sie gemacht haben; daß sie fünf Meilen von dort entfernt auf dem Lande wohnt, darin liegt die Gefahr. Und doch ist sie selbst offenbar persönlich nicht bedroht.«

»Nein, wenn sie uns nach Winchester entgegenkommen kann, so darf sie ja ihren Aufenthaltsort ungehindert verlassen.«

»Gewiß. Ihre Freiheit ist ihr nicht genommen.«

»Was kann aber nur dahinter stecken? Weißt du denn gar keine Erklärung dafür?«

»Ich habe mir sieben verschiedene Erklärungen ausgedacht, von denen jede sich mit den Thatsachen, soweit wir solche kennen, decken würde. Aber welche die richtige ist, läßt sich nur auf Grund der neuen Mitteilungen bestimmen, die unser zweifellos harren. Nun, da ist ja bereits der Turm der Kathedrale, wir werden also bald alles wissen, was Fräulein Hunter uns mitzuteilen hat.«

Das Gasthaus zum ›schwarzen Schwan‹, an der Hauptstraße nicht fern vom Bahnhof gelegen, steht in gutem Ruf; dort fanden wir Fräulein Hunter bereits unser wartend. Sie hatte ein Zimmer für uns bestellt und auf dem Tische stand ein Imbiß bereit.

»Ich bin so froh, daß Sie gekommen sind,« sagte sie lebhaft. »Es ist sehr gütig von Ihnen beiden, aber ich weiß auch wirklich nicht, was ich thun soll. Ihr Rat wird mir von unschätzbarem Werte sein.«

»Bitte, erzählen Sie uns Ihre Erlebnisse.«

»Das will ich, und ich muß mich damit beeilen, denn ich habe Herrn Rucastle versprochen, um drei Uhr zurück zu sein. Er erlaubte mir heute vormittag, nach der Stadt zu fahren; natürlich hatte er keine Ahnung zu welchem Zwecke.«

»Erzählen Sie uns nur alles hübsch nach der Reihe,« wiederholte Holmes, indem er seine Beine am Feuer ausstreckte und sich zum Zuhören zurechtsetzte.

»Ich möchte gleich vorausschicken,« begann Fräulein Hunter, »daß mir im großen Ganzen keinerlei schlechte Behandlung von Herrn und Frau Rucastle widerfahren ist. Gerechterweise muß ich das hervorheben. Allein ich werde nicht klug aus den Leuten und fühle mich daher beunruhigt.«

»Was kommt Ihnen unverständlich vor?«

»Die Gründe für ihr Verhalten. Doch ich will Ihnen alles ganz genau berichten. Bei meiner Ankunft hier holte mich Herr Rucastle in seinem Jagdwagen nach Copper Beeches ab. Die Umgegend ist allerdings schön, wie er gesagt hatte, das Haus selbst aber durchaus nicht freundlich, nur ein plumpes viereckiges Gebäude, dessen weiße Tünche überall mit Flecken und Streifen von innerer und äußerer Feuchtigkeit durchzogen ist. Es steht ganz im Freien und ist auf drei Seiten von Wald, auf der vierten von einem Felde umgeben, das sich bis zur Straße nach Southampton hinabzieht, die auf etwa hundert Schritt Entfernung im Bogen am Einfahrtsthor vorbeiführt. Die Anlagen auf der Vorderseite gehören zum Hause, während die Wälder ringsum Lord Sutherton's Privateigentum sind. Gerade vor dem Haupteingang des Hauses steht eine Gruppe Blutbuchen, von denen das Anwesen seinen Namen hat. – Während der Fahrt war Herr Rucastle, der selbst kutschierte, äußerst liebenswürdig, und noch am selben Abend stellte er mich seiner Frau und seinem Kinde vor. Die Vermutung, die uns anläßlich meines Besuches bei Ihnen so naheliegend erschien, hat sich nicht bestätigt. Frau Rucastle ist nicht geisteskrank. Ich fand in ihr eine stille, blasse Frau, die offenbar noch nicht dreißig Jahre alt, also bedeutend jünger ist als ihr Mann, der wohl kaum weniger als fünfundvierzig zählen wird. Aus dem Gespräch der beiden entnahm ich, daß sie seit ungefähr sieben Jahren verheiratet sind, daß er Witwer war und aus erster Ehe die eine Tochter hatte, die sich nun in Philadelphia befindet. Unter vier Augen teilte mir Herr Rucastle mit, der Grund, der sie fortgetrieben habe, sei eine ganz unvernünftige Abneigung gegen ihre Stiefmutter. Da die Tochter nicht unter zwanzig Jahren alt gewesen sein kann, so läßt sich denken, daß ihre Stellung gegenüber der jungen Frau ihres Vaters nicht die angenehmste war. Frau Rucastles geistiges Wesen ist genau so farblos wie ihr Gesicht. Sie machte gar keinen Eindruck auf mich, weder in günstigem noch in entgegengesetztem Sinn. Sie ist eine völlige Null. An ihrem Gatten und ihrem kleinen Jungen hängt sie sichtlich mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit. Unablässig wandern ihre hellgrauen Augen von dem einen zum andern, um ihnen jeden geringsten Wunsch an den Augen abzulesen und demselben wenn möglich zuvorzukommen. Er seinerseits ist gegen sie ebenfalls gut in seiner plumpen, ungestümen Weise, und so mußte ich sie im ganzen für ein glückliches Paar halten. Und doch hatte sie eine geheime Sorge, diese Frau. Oft saß sie ganz in Gedanken verloren mit dem allertraurigsten Ausdruck da, mehr als einmal habe ich sie in Thränen getroffen. Manchmal dachte ich schon, sie betrübe sich so über die Sinnesart ihres Knaben, denn ein so gänzlich verdorbenes, bösartiges kleines Wesen ist mir noch nie vorgekommen. Er ist klein für sein Alter, hat aber einen ganz unverhältnismäßig großen Kopf. Ausbrüche wilder Leidenschaft und finsterer Trotz wechseln unaufhörlich bei ihm. Geschöpfe, die schwächer sind als er, zu quälen, ist das einzige Vergnügen, nach dem er strebt, und für den Fang von Mäusen, kleinen Vögeln und Insekten verrät er eine ganz bemerkenswerte Begabung. Doch ich will über diesen Jungen lieber keine Worte mehr verlieren, er hat ja auch mit meiner Geschichte nur wenig zu schaffen.«

»Ich bin dankbar für alle Einzelheiten,« bemerkte mein Freund, »ob dieselben Ihnen wichtig erscheinen oder nicht.«

»Ich werde mich bestreben, nichts von Bedeutung zu übergehen. Das einzige Unangenehme im Hause, was mir sogleich auffiel, war das Aussehen und Benehmen der Dienerschaft. Diese besteht nur aus einem Manne und dessen Frau. Toller, so heißt er nämlich, ist ein rauher, wunderlicher Mensch mit grauem Haar und Bart, und riecht beständig nach geistigen Getränken. Zweimal schon, seit ich da bin, war er gänzlich betrunken, und doch schien Herr Rucastle sich nichts daraus zu machen. Seine Frau ist eine sehr große, starke Person mit mürrischem Gesicht, so schweigsam wie ihre Herrin, nur weit weniger liebenswürdig. Die beiden sind ein höchst unangenehmes Paar, allein glücklicherweise komme ich wenig mit ihnen in Berührung, denn ich bringe meine Zeit meist in der Kinderstube und in meinem eigenen Zimmer zu, welche ganz nahe beisammen in einem Flügel des Gebäudes liegen.

»Die ersten zwei Tage nach meiner Ankunft in Copper Beeches ist mein Leben sehr ruhig verlaufen. Am dritten jedoch kam Frau Rucastle gleich nach dem Frühstück herunter und flüsterte ihrem Gatten etwas zu.

»›O ja,‹ sagte dieser darauf, sich zu mir wendend, ›wir sind Ihnen sehr verbunden, Fräulein Hunter, daß Sie auf unsern Wunsch eingegangen sind und sich Ihr Haar abgeschnitten haben. Ich versichere Sie, es hat Ihrer Erscheinung nicht im mindesten Eintrag gethan. Jetzt wollen wir sehen, wie Ihnen das blaue Kleid steht. Es liegt auf Ihrem Bette, und wenn Sie es anziehen wollten, so würden wir Ihnen beide sehr dankbar sein?‹

»Das Kleid, das für mich bereit lag, hatte einen ganz eigentümlichen blauen Farbenton, der Stoff war ausgezeichnet, eine Art Beige, doch verrieten unverkennbare Spuren, daß es früher schon getragen worden war. Es paßte, wie wenn mein Maß dazu genommen worden wäre. Als sich Herr und Frau Rucastle hievon überzeugten, legten beide ein Entzücken an den Tag, das mir ganz unnatürlich übertrieben vorkam. Sie warteten im Wohnzimmer auf mich, einem sehr großen Raum, der die ganze Front des Hauses einnimmt und dessen drei hohe Fenster bis auf den Boden herabreichen. Am Mittelfenster, und zwar mit der Lehne dagegen, stand ein Stuhl. Auf diesen Stuhl mußte ich mich setzen, während Herr Rucastle vor mir im Zimmer auf- und abging und dabei eine ganze Reihe der tollsten Geschichten zum Besten gab, die ich je gehört habe. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie komisch das war; ich wurde schließlich ganz müde vor lauter Lachen. Frau Rucastle dagegen, die offenbar keinen Sinn für Humor besitzt, verzog den Mund nicht zum leisesten Lächeln, sondern saß, die Hände im Schoße, mit trauriger, ängstlicher Miene da. Nach einer Stunde ungefähr bemerkte Herr Rucastle plötzlich, es sei jetzt Zeit, an die täglichen Beschäftigungen zu gehen, ich könne mich wieder umkleiden und zu dem kleinen Eduard ins Kinderzimmer begeben.

»Zwei Tage darauf wiederholte sich dieser ganze Vorgang unter völlig ähnlichen Umständen. Wieder mußte ich das andere Kleid anziehen, wieder mich ans Fenster setzen, und abermals lachte ich aus vollem Halse über Herrn Rucastles tolle Geschichten, von denen er einen unerschöpflichen Vorrat besitzt, und die er unnachahmlich vorträgt. Darauf gab er mir ein Buch in die Hand, rückte meinen Stuhl ein wenig zur Seite, damit mein Schatten nicht auf das Buch falle, und bat mich, ihm aus demselben laut vorzulesen. Ich mußte irgendwo im Kapitel anfangen und las etwa zehn Minuten lang, bis er mich plötzlich mitten in einem Satze aufhören ließ und mir sagte, ich solle mich wieder umkleiden. Sie können sich denken, Herr Holmes, wie groß meine Neugier war, die Bedeutung dieser merkwürdigen Komödie zu erfahren. Soviel ich bemerkt hatte, waren beide Ehegatten stets eifrig bestrebt, meine Blicke vom Fenster abzuhalten; ich verging deshalb förmlich vor Begierde, zu sehen, was hinter meinem Rücken vorgehe. Zuerst kam mir dies unmöglich vor, allein bald verfiel ich auf ein Mittel. Mein Handspiegel war zerbrochen, und so kam mir der glückliche Einfall, ein Stück von dem Glase in meinem Taschentuch zu verstecken. Das nächstemal hielt ich mir dieses beim Lachen vor die Augen und war nun mit einiger Geschicklichkeit imstande, alles hinter mir Befindliche zu sehen. Ich muß gestehen, ich war enttäuscht, denn ich bemerkte gar nichts. Wenigstens war dies mein erster Eindruck. Beim zweiten Blicke jedoch sah ich einen Mann auf der Landstraße stehen, einen kleinen, bärtigen, grau gekleideten Mann, der nach mir herüberzuschauen schien. Da es eine Hauptverkehrsstraße ist, so sieht man meist Leute auf derselben. Dieser Mann jedoch stand an den Zaun gelehnt, der das Grundstück umgiebt, und schaute angelegentlich nach dem Fenster. Ich nahm mein Taschentuch vom Gesicht und blickte Frau Rucastle an; ihre Augen waren mit forschendem Blick auf mich gerichtet. Sie sagte nichts, aber ich bin fest überzeugt, sie hatte erraten, daß ich einen Spiegel in der Hand hielt und gesehen hatte, was hinter mir vorging. Mit einemmale stand sie auf.

›Jephro,‹ sagte sie, ›da steht ein unverschämter Kerl auf der Straße, der nach Fräulein Hunter heraufschaut.‹

»›Doch nicht etwa ein Bekannter von Ihnen, Fräulein Hunter?‹ fragte er.

»›Nein, ich kenne niemand hier in der Gegend.‹

»›Nein, welche Frechheit! Bitte, wenden Sie sich doch um und winken Sie ihm zu, er solle fortgehen.‹

»›Es wäre gewiß besser, die Sache unbeachtet zu lassen.‹

»›Nein, nein; wir würden ihn sonst immerfort hier herumlungern sehen. Bitte, drehen Sie sich um und winken Sie ihm ab.‹

»Ich that es, und im selben Augenblick ließ Herr Rucastle das Rouleau herab. Dies war vor einer Woche, und seither habe ich nicht mehr am Fenster sitzen und das blaue Kleid nicht mehr anziehen müssen, habe auch den Mann auf der Straße nicht mehr gesehen.«

»Bitte, fahren Sie fort,« bemerkte Holmes, »Ihre Erzählung verspricht höchst interessant zu werden.«

»Ich fürchte, sie ist recht unzusammenhängend; es kann wohl sein, daß die verschiedenen Vorfälle, auf welche ich jetzt zu sprechen komme, sehr wenig miteinander zu thun haben. Gleich am allerersten Tage führte mich Herr Rucastle an ein kleines Häuschen, das neben dem Eingang zur Küche steht. Beim Hinzutreten vernahm ich das scharfe Rasseln einer Kette und ein Geräusch, wie wenn ein großes Tier sich darin herum bewegte.

»›Da schauen Sie hinein,‹ sagte Herr Rucastle und zeigte mir eine Ritze zwischen zwei Planken. ›Ist es nicht ein Prachtexemplar?‹

»Ich blickte hindurch und begegnete zwei glühenden Augen und einer Gestalt, die sich in unbestimmten Umrissen aus der Finsternis abhob.

»›Haben Sie keine Angst,‹ beruhigte mich mein Begleiter lachend, als er meine Gebärde des Schreckens sah, ›es ist nur Carlo, der Kettenhund. Er gehört wohl mir, aber in Wirklichkeit ist der alte Toller, mein Bedienter, der einzige, der etwas mit ihm machen darf. Er bekommt nur einmal am Tage zu fressen, und auch da nicht zu viel, sodaß er jederzeit scharf ist wie Gift. Jede Nacht läßt Toller ihn los, und Gott sei dem Eindringling gnädig, der ihm zwischen die Zähne gerät. Setzen Sie um des Himmels willen nachts niemals unter irgend einem Vorwand den Fuß über Ihre Schwelle, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist.‹«

»Diese Warnung war auch sehr am Platze. In der übernächsten Nacht schaute ich zufällig etwa um zwei Uhr morgens aus meinem Schlafzimmerfenster. Es war eine schöne Mondnacht, und der Rasenplatz vor dem Hause strahlte fast taghell in Silberglanz. Gebannt von der friedlichen Schönheit dieses Bildes stand ich da, als ich gewahr wurde, daß sich im Schatten der Blutbuchen etwas regte. Als es in den Mondschein heraustrat, sah ich, was es war: ein riesiger Hund, so groß wie ein Kalb, von braungelber Farbe, mit hängenden Backen, schwarzer Schnauze und gewaltigen, weit vorstehenden Knochen. Er schlich langsam über den Rasen und verschwand dann wieder auf der andern Seite in der Dunkelheit. Ich glaube, kein Einbrecher wäre imstande gewesen, mir einen solchen Todesschrecken einzujagen, wie dieser furchtbare stumme Wächter.

»Und nun habe ich Ihnen noch eine ganz merkwürdige Entdeckung mitzuteilen. Ich hatte mir, wie Sie wissen, in London mein Haar abschneiden lassen, und verwahrte es, zu einem großen Knäuel zusammengerollt, unten in meinem Koffer. Eines Abends, nachdem das Kind zu Bette war, begann ich zum Zeitvertreib die Einrichtung meines Zimmers zu mustern und meine wenigen Habseligkeiten aufzuräumen. In meinem Zimmer stand eine alte Kommode, deren zwei oberste Schubfächer offen waren, während ich das unterste verschlossen fand. Nachdem ich die beiden oberen mit meinem Weißzeug angefüllt hatte, war sonst noch gar vieles unterzubringen, und so verdroß es mich natürlich sehr, daß ich die dritte nicht auch zur Verfügung hatte. Ich nahm an, diese sei vielleicht lediglich aus Versehen verschlossen worden, deshalb zog ich meinen Schlüsselbund heraus und probierte sie zu öffnen. Gleich der erste Schlüssel paßte, und so zog ich die Schublade auf. Es war nur ein einziger Gegenstand darinnen, aber was für einer würden Sie ganz gewiß niemals erraten. Es war mein Haarzopf.

»Ich nahm denselben heraus, um ihn zu besichtigen. Die Haare hatten ganz genau die eigentümliche Farbe und die Stärke meiner eigenen. Aber dann drängte sich mir wieder die Unmöglichkeit der Sache auf. Wie konnten denn meine Haare in diese verschlossene Schublade kommen? Mit zitternden Händen öffnete ich meinen Koffer, räumte ihn aus und zog zu unterst meinen Zopf hervor. Ich legte die beiden Zöpfe neben einander, und ich gebe Ihnen die Versicherung, sie waren vollkommen gleich. War das nicht merkwürdig? Ich mochte mir den Kopf zerbrechen, wie ich wollte, die Sache blieb mir ein völliges Rätsel. Ich legte den fremden Zopf wieder in die Schublade, ohne Herrn Rucastle und seiner Frau gegenüber etwas von der Sache zu erwähnen, denn ich fühlte wohl, daß es nicht recht von mir gewesen war, eine Schublade zu öffnen, die sie verschlossen hatten. Ich bin von Natur eine scharfe Beobachterin, wie Sie vielleicht schon bemerkt haben, Herr Holmes, und hatte bald einen ziemlich genauen Plan des ganzen Gebäudes im Kopfe. Ein Flügel desselben schien völlig unbewohnt zu sein. Eine Thür, dem Eingang zur Behausung des Toller'schen Ehepaars gegenüber, führte zu diesem Flügel, allein sie war stets verschlossen. Eines Tages jedoch stieß ich auf der Treppe auf Herrn Rucastle, wie er, seine Schlüssel in der Hand, aus dieser Thür herauskam, und zwar mit einem so veränderten Ausdruck, daß ich den sonst so behäbigen, gemütlichen Mann kaum wieder erkannte. Seine Wangen waren gerötet, seine Brauen zornig gerunzelt, und in der Erregung traten ihm die Adern an den Schläfen weit hervor. Er verschloß die Thür und eilte hinter mir die Treppe herauf, ohne ein Wort oder einen Blick an mich zu richten.

»Dies erregte meine Neugier und ich richtete deshalb den nächsten Spaziergang, den ich mit dem Kleinen machte, so ein, daß ich dabei die Fenster an diesem Teil des Hauses im Auge hatte. Es waren vier in einer Reihe, drei davon ganz mit Staub überzogen, während an dem vierten der Laden geschlossen war. Offenbar waren die Räume, zu denen sie gehörten, sämtlich unbewohnt. Während ich auf- und abschlenderte und dabei gelegentlich einen Blick nach den Fenstern warf, kam Herr Rucastle zu mir heraus; seine Züge zeigten jetzt wieder ganz den heiteren, gemütlichen Ausdruck wie immer.

»›Ach,‹ redete er mich an, ›Sie müssen mich nicht für rücksichtslos halten, weil ich ohne ein Wort an Ihnen vorübergeeilt bin, mein liebes Fräulein. Ich hatte den Kopf voll Geschäftssachen.‹

»Ich gab ihm die Versicherung, daß ich es ihm nicht übel genommen habe. ›Sie scheinen da oben eine ganze Reihe überzähliger Zimmer zu haben,‹ fuhr ich fort, ›und an einem ist der Laden geschlossen.‹

»Er sah überrascht und, wie es mir vorkam, etwas verdutzt aus über meine Bemerkung. ›Ich bin Photograph aus Liebhaberei,‹ sagte er, ›und habe da oben meine Dunkelkammer eingerichtet. Aber du meine Güte, an was für eine Beobachterin wir geraten sind. Wer hätte das geglaubt; wer hätte das für möglich gehalten?‹ Seine Worte klangen scherzhaft, aber in dem Blick, den er dabei auf mich richtete, lag kein Scherz. Ich las darin wohl Argwohn und Ärger, aber nichts Spaßhaftes.

»Sehen Sie, Herr Holmes, von dem Augenblick an, als mir klar wurde, daß es mit diesen Zimmern etwas auf sich habe, wovon ich nichts wissen sollte, brannte ich vor Begierde, hinter die Sache zu kommen. Es war mehr als bloße Neugier, obwohl ich auch davon mein gutes Teil besitze. Es war mehr ein Pflichtgefühl, die Empfindung, daß es zum Guten dienen werde, wenn ich mir in diese Räume Eingang verschaffe. Man spricht von weiblichem Instinkt; vielleicht war es dieser, der mir das Gefühl einflößte. Ich spähte nun emsig nach einer Gelegenheit zum Überschreiten der verbotenen Schwelle.

»Beiläufig bemerkt, haben außer Herrn Rucastle auch Toller und seine Frau gelegentlich in den unbewohnten Räumen zu schaffen; einmal sah ich die beiden zusammen ein großes Bündel schwarzer Wäsche durch die Thür tragen. In den letzten Tagen trank Toller stark, so daß er gestern völlig betrunken war, und als ich die Treppe heraufkam, steckte der Schlüssel an der fraglichen Thür. Ganz sicher hatte er ihn stecken lassen. Herr Rucastle und seine Frau waren mit dem Kinde unten, und so bot sich mir die allerschönste Gelegenheit, mein Vorhaben auszuführen. Sachte drehte ich den Schlüssel im Schlosse um, öffnete die Thür und schlüpfte hindurch.

Vor mir lag ein kurzer Gang, der sich am oberen Ende rechtwinkelig fortsetzte. Um die Ecke befanden sich drei Thüren in einer Reihe, von denen die erste und die dritte offen waren. Sie führten in leere, staubige, öde Zimmer, das eine mit zwei, das andere mit einem Fenster, die sämtlich derart mit Schmutz überzogen waren, daß die abendliche Helle nur trübe hindurchschimmerte. Die mittlere Thür war zu, und quer herüber durch eine dicke eiserne Stange verrammelt, die am einen Ende mit einem Vorlegeschloß an einen Ring in der Wand befestigt war, am andern mit einem starken Strick. Die Thür selbst war verschlossen, und der Schlüssel abgezogen. Diese verrammelte Thür gehörte offenbar zu demselben Raum wie das Fenster mit dem geschlossenen Laden an der Außenseite, und doch konnte ich an dem hellen Streifen unten sehen, daß es drinnen nicht dunkel war. Offenbar fiel durch ein Oberlicht Helle hinein. Während ich in dem Gang stand und die unheimliche Thür betrachtete und mich dabei verwundert fragte, was für ein Geheimnis wohl dahinter verborgen sein möchte, hörte ich plötzlich im Innern Schritte und sah, wie in dem schmalen, trüben Lichtstreifen, der unter der Thür durchfiel, ein Schatten sich vor- und rückwärts bewegte. Ein jäher sinnloser Schrecken faßte mich bei diesem Anblick. Meine überreizten Nerven versagten plötzlich, ich wandte mich um und rannte davon – rannte, als wäre eine gräßliche Hand hinter mir her, um mich am Saum meines Kleides zu fassen. Ich lief den Gang entlang und zu der Thür hinaus – gerade Herrn Rucastle in die Arme, der außen stand und wartete.

»›So,‹ sagte er lächelnd, ›also Sie waren es. Ich dachte es mir gleich, als ich die Thür offen stehen sah.‹

»›O, ich bin so erschrocken,‹ stieß ich zitternd hervor.

»›Mein liebes Fräulein, mein liebes Fräulein,‹ – Sie glauben gar nicht, in wie liebevollem, sanftem Ton er dies sagte. ›Und was hat Sie erschreckt, mein liebes Fräulein?‹

»Aber seine Stimme klang doch ein wenig gar zu schmeichelnd. Man merkte gleich, daß er unbefangen scheinen wollte.

»›Ich war so thöricht und betrat den unbewohnten Flügel,‹ antwortete ich. ›Aber es ist so einsam und öde dort bei dieser trüben Beleuchtung, daß mich die Angst packte, und ich eilends wieder umkehrte. O, es ist so schauerlich still da drinnen!«

»›Nichts sonst?‹ fragte er und sah mich dabei scharf an.

»›Wieso, was meinen Sie damit?‹ fragte ich.

»›Wozu glauben Sie wohl, daß ich diese Thür verschließe?‹

»›Das weiß ich wirklich nicht.‹

»›Nun, damit niemand hineingeht, der nichts darin zu schaffen hat. Verstehen Sie?‹ Dabei lag noch immer das liebenswürdige Lächeln auf seinen Zügen.

»›Ganz gewiß, hätte ich das gewußt, ich . . .‹

»›Nun, jetzt wissen Sie es also; und wofern Sie je wieder Ihren Fuß über jene Schwelle setzen,‹ – dabei verwandelte sich sein Lächeln mit einem Schlage in ein wuterfülltes Grinsen, und er stierte mich mit einem teuflischen Gesichtsausdruck an – ›so werfe ich Sie dem Hunde vor.‹

»›Ich war so entsetzt, daß ich nicht mehr sagen kann, was ich that. Vermutlich bin ich an ihm vorbei auf mein Zimmer geeilt. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf meinem Bett und bebte am ganzen Körper. Da fielen Sie mir ein, Herr Holmes. Ich hielt es nicht länger aus ohne Beistand. Es graute mir vor dem Hause, vor dem Herrn, vor der Frau, vor den Dienstboten, selbst vor dem Kinde. Wenn ich Sie nur hier hätte, dachte ich, wäre ich ganz ruhig. Ich hätte ja freilich wohl aus dem Hause entfliehen können, allein meine Neugier war fast ebenso groß als meine Angst. Mein Entschluß war bald gefaßt: ich wollte Ihnen telegraphieren. Ich nahm Hut und Mantel und ging nach dem ungefähr eine halbe Meile entfernten Telegraphenamt, und als ich zurückkam, war mir bereits viel leichter ums Herz. Vor dem Thor faßte mich plötzlich der schreckliche Gedanke, der Hund möchte am Ende losgelassen worden sein; doch fiel mir dann wieder ein, daß Toller sich an jenem Abend bis zur Sinnlosigkeit betrunken hatte, und er war, wie ich wußte, der einzige, der etwas mit dem gefährlichen Tier machen durfte; außer ihm würde es niemand wagen, dasselbe loszulassen. Unversehrt schlüpfte ich wieder herein und konnte die halbe Nacht nicht schlafen vor Freude bei dem Gedanken, daß Sie nun bald da sein würden. Urlaub in die Stadt erhielt ich heute früh ohne Schwierigkeit, aber ich muß vor drei Uhr zurück sein, denn Herr Rucastle geht mit seiner Frau fort auf Besuch, und sie werden den ganzen Abend ausbleiben, so daß ich nach dem Kinde sehen muß. Jetzt habe ich Ihnen alle meine Erlebnisse erzählt, Herr Holmes, und ich wäre sehr froh, wenn Sie mir sagen könnten, was dies alles zu bedeuten hat, und vor allem, was ich thun soll.«

Wir beide hatten mit atemloser Spannung diesem merkwürdigen Berichte zugehört. Nun erhob sich Holmes und schritt, die Hände in den Rocktaschen und mit dem Ausdruck tiefsten Ernstes im Zimmer auf und ab.

»Ist Toller noch betrunken?« fragte er.

»Ja; ich hörte, wie seine Frau zu Herrn Rucastle sagte, sie könne gar nichts mit ihm anfangen.«

»Das ist gut. Und Rucastles gehen heute abend aus?«

»Ja.«

»Ist ein Keller mit gutem, festem Schloß vorhanden?«

»Jawohl. Der Weinkeller.«

»Nach meinem Dafürhalten, Fräulein Hunter, haben Sie in dieser Sache bis jetzt recht viel Mut und Umsicht bewiesen. Glauben Sie, daß Sie noch etwas Weiteres leisten könnten? Ich würde die Frage nicht an Sie richten, wenn ich Sie nicht für eine Ausnahme unter den Frauen hielte.«

»Ich will sehen, ob ich es vermag. Was ist es?«

»Wir werden gegen sieben Uhr in Copper Beeches eintreffen, mein Freund und ich. Die Rucastles sind wohl um diese Zeit bereits fort, und Toller wird hoffentlich noch nicht wieder zu sich gekommen sein. Die einzige, die dann allenfalls noch Lärm machen könnte, ist also Tollers Frau. Wenn Sie diese mit irgend einem Auftrag in den Keller schicken und dann hinter ihr abschließen könnten, so würden Sie uns die Sache außerordentlich erleichtern.«

»Ich bin dazu bereit.«

»Vortrefflich. Nun wollen wir einmal das Ding genauer ins Auge fassen. Selbstverständlich giebt es nur eine einzige mögliche Erklärung. Sie sind hier, um irgend eine andere Person vorzustellen und diese Person selbst wird in dem Zimmer gefangen gehalten. Das liegt ja auf der Hand; und die Gefangene ist, wie ich nicht im mindesten bezweifle, die Tochter, Fräulein Alice Rucastle, wenn ich mich recht erinnere, die sich angeblich in Amerika befindet. Jedenfalls ist die Wahl auf Sie gefallen, weil Sie ganz dieselbe Größe, Figur und Haarfarbe haben. Ihr hatte man höchst wahrscheinlich infolge irgend einer Krankheit, die sie durchgemacht hat, das Haar abgeschnitten, und so mußten Sie das Ihrige gleichfalls opfern. Durch einen merkwürdigen Zufall sind Ihnen die Strähnen in die Hände gefallen. Der Mann auf der Straße war zweifellos ein Bekannter von ihr, vielleicht wohl ihr Verlobter, – da Sie nun die Kleider des Mädchens trugen und ihr so ähnlich sehen, so mußte er aus Ihrer Heiterkeit bei seinem jedesmaligen Erscheinen und dann vollends aus Ihrer Handbewegung schließen, daß Fräulein Rucastle völlig zufrieden sei und seine Aufmerksamkeiten nicht ferner wünsche. Der Hund wird nachts losgelassen, damit ihr Verehrer keinen Versuch macht, sich mit ihr in Verbindung zu setzen. Soweit ist alles ganz klar. Den ernstesten Punkt bildet der Charakter des Kindes.«

»Was in aller Welt hat denn das damit zu thun?« rief ich aus.

»Mein lieber Watson, wenn du dir in deinem Beruf als Arzt über die Neigungen eines Kindes Aufschluß verschaffen willst, so studierst du jedesmal dessen Eltern. Siehst du denn nicht ein, daß das umgekehrte Verfahren ganz dieselbe Berechtigung hat? Ich habe oft und viel wirkliches Verständnis für den Charakter der Eltern erst durch das Studium ihrer Kinder gewonnen. Dieses Kind hat einen abnormen Hang zur Grausamkeit, und mag dieser nun von seinem stets lächelnden Vater herrühren, wie ich vermute, oder von seiner Mutter – jedenfalls bedeutet es nichts Gutes für das arme Mädchen, das sich in ihrer Gewalt befindet.«

»Sie haben ganz gewiß recht, Herr Holmes,« rief Fräulein Hunter aus. »Es fallen mir jetzt tausenderlei Dinge wieder ein, die mir beweisen, daß Sie das Richtige getroffen haben. O, wir wollen keinen Augenblick verlieren, um dem armen Geschöpf zu Hilfe zu kommen.«

»Wir müssen vorsichtig zu Werke gehen, denn wir haben es mit einem ganz geriebenen Patron zu thun,« versetzte Holmes. »Vor sieben Uhr können wir nichts beginnen. Um diese Stunde werden wir bei Ihnen eintreffen, und dann wird das Rätsel bald gelöst sein.«

Ganz pünktlich um sieben Uhr fanden wir uns ein, – unsern Wagen hatten wir in einem Wirtshaus an der Straße eingestellt. An der Baumgruppe mit ihrem dunklen Laub, das jetzt im Licht der sinkenden Sonne einen blinkenden Metallglanz ausstrahlte, würden wir das Haus sofort erkannt haben, auch wenn Fräulein Hunter nicht freundlich lächelnd an der Haustreppe gestanden hätte.

»Haben Sie es ausgeführt?« fragte Holmes.

Ein lautes, heftiges Pochen drang von unterhalb des Treppenhauses herauf. »Das ist Frau Toller im Keller,« sagte sie, »ihr Mann liegt schnarchend auf der Küchenbank. Hier sind seine Schlüssel; er hat ganz die gleichen wie Herr Rucastle.«

»Sie haben Ihre Sache wirklich gut gemacht,« rief Holmes entzückt aus. »Nun gehen Sie voran, und wir werden dieser dunkeln Geschichte bald auf den Grund kommen.«

Wir stiegen die Treppe hinauf, schlossen die Thür auf und gingen den Gang hinunter, bis wir vor der verrammelten Thür standen, die Fräulein Hunter uns beschrieben hatte. Holmes schnitt den Strick durch und nahm die vorgelegte Stange weg. Dann probierte er verschiedene Schlüssel im Schloß, aber ohne Erfolg. Drinnen vernahm man keinen Laut, und bei dieser Stille verdüsterten sich Holmes' Züge. »Ich will nicht hoffen, daß wir zu spät kommen,« sagte er. »Wir wollen lieber ohne Sie hineingehen, Fräulein Hunter. Nun, Watson, stemme einmal deine Schulter an, dann werden wir ja sehen, was sich ausrichten läßt.« Es war eine alte, wackelige Thür, die unserem vereinten Druck sofort nachgab. Zusammen drangen wir in das Zimmer ein. Es war leer. Ein schmales Feldbett, ein kleiner Tisch und ein Korb mit Wäsche bildeten die ganze Einrichtung. Das Oberlicht stand offen, und die Gefangene war fort. »Hier ist eine Schurkerei vorgegangen,« sagte Holmes, »der saubere Herr hat Fräulein Hunter's Absichten erraten und sein Opfer fortgebracht.«

»Aber wie?«

»Durch das Oberlicht. Wir werden bald sehen, wie er es angestellt hat.« Damit schwang er sich auf das Dach hinauf. »O ja,« rief er aus, »hier schaut eine lange, leichte Leiter über die Dachrinne empor; mit dieser hat er die Sache ausgeführt.«

»Aber das kann ja nicht sein,« bemerkte Fräulein Hunter, »die Leiter stand noch nicht da, als die Rucastles fortgingen.«

»Dann ist er zu diesem Zweck noch einmal heimgekommen. Ich sage Ihnen, er ist ein schlauer, gefährlicher Mensch. Es sollte mich auch gar nicht wundern, wenn es sein Tritt wäre, den ich eben auf der Treppe höre. Ich glaube, Watson, du wirst gut thun, deine Pistole bereit zu halten.«

Kaum waren diese Worte aus seinem Munde, als ein sehr dicker, aufgedunsener Mann, mit einem schweren Stock in der Hand, unter der Thür des Zimmers erschien. Fräulein Hunter schrie laut auf bei seinem Anblick und drückte sich an die Wand, Holmes dagegen sprang vor und trat ihm gegenüber.

»Sie Elender,« rief er ihm entgegen, »wo ist Ihre Tochter?«

Der dicke Mann sah sich ringsum und schaute dann nach dem Oberlicht hinauf.

»Diese Frage muß ich an euch richten, ihr Spitzbuben und Diebe! Aber jetzt habe ich euch gefangen. Ihr seid in meinen Händen. Ich will euch heimleuchten!« Damit wandte er sich um und eilte die Treppe hinunter, was er laufen konnte.

»Er holt den Hund,« rief Fräulein Hunter.

»Ich habe meinen Revolver,« sagte ich.

»Wir wollen lieber die Hausthür schließen,« schlug Holmes vor, und sofort stürmten wir alle zusammen die Treppe hinunter. Kaum hatten wir den Hausgang erreicht, als wir das Bellen eines Hundes und gleich darauf einen kläglichen Hilferuf vernahmen. Ein ältlicher Mann mit rotem Gesicht und schlotternden Gliedern trat taumelnd aus einer Nebenthür und rief: »Wer hat den Hund losgemacht?! Seit zwei Tagen hat er nichts zu fressen bekommen. Schnell, schnell zu Hilfe, ehe es zu spät ist!«

Ich stürzte mit Holmes zur Thür hinaus und um die Hausecke herum, Toller hinter uns drein. Eine gewaltige, heißhungrige Bestie hatte ihre schwarze Schnauze in Herrn Rucastle's Hals gegraben, der sich ächzend am Boden wand. Ich lief hinzu und jagte dem Hund eine Kugel durch den Kopf. Er stürzte zusammen, aber seine scharfen, weißen Zähne steckten noch in den mächtigen Falten von Herrn Rucastle's Halse. Mit vieler Mühe brachten wir beide auseinander und trugen den Verwundeten zwar lebend, aber schauerlich zugerichtet ins Haus. Wir legten ihn auf das Sofa im Wohnzimmer, und nachdem wir den inzwischen wieder nüchtern gewordenen Toller mit der Botschaft von dem Vorfall an seine Frau abgeschickt hatten, that ich, was ich vermochte, um die Qual des Verwundeten zu lindern. Wir standen alle um ihn herum als die Thür aufging und eine große, hagere Frauensperson ins Zimmer trat.

»Frau Toller!« rief Fräulein Hunter.

»Ja, Fräulein. Als Herr Rucastle heimkam, ließ er mich zuerst heraus, ehe er zu Ihnen hinaufging. Ach, Fräulein, es ist schade, daß Sie mich Ihre Absichten nicht wissen ließen; ich würde Ihnen gesagt haben, daß Sie sich vergebliche Mühe machen.«

»Ha,« rief Holmes und blickte sie scharf an, »offenbar weiß Frau Toller mehr von der Sache als irgend sonst jemand.«

»Jawohl, und ich sage auch ganz gerne, was ich weiß.«

»Dann bitte setzen Sie sich und lassen Sie es uns hören, denn ich gestehe, mehrere Punkte sind mir noch nicht ganz klar.«

»Ich würde Ihnen längst alles auseinandergesetzt haben, hätte ich nur aus dem Keller herausgekonnt. Falls die Sache etwa vor Gericht kommen sollte, so vergessen Sie nicht, daß ich mich auf Ihre Seite gestellt und es auch mit Fräulein Alice gut gemeint habe.«

»Seit der Wiederverheiratung ihres Vaters hat sich Fräulein Alice zu Hause nicht mehr glücklich gefühlt. Sie sah sich immer zurückgesetzt und durfte nicht viel dreinreden, aber eigentlich schlimm erging es ihr erst, als sie sich mit Herrn Frowler verlobte. Soviel ich gehört habe, besaß Fräulein Alice nach dem Testament ihrer Mutter gewisse Ansprüche, aber sie war viel zu sanft und gutmütig, um dieselben geltend zu machen, und ließ alles in Herrn Rucastle's Händen. Der wußte wohl, daß er mit ihr machen konnte, was er wollte; als jedoch die Möglichkeit eintrat, daß ein Ehemann kommen und alles verlangen würde, was er nach dem Gesetz beanspruchen konnte, da hielt es ihr Vater an der Zeit, einen Riegel vorzuschieben. Er verlangte von ihr, sie solle ein Schriftstück ausstellen, wonach ihm die Nutznießung an ihrem Vermögen zustehe, sie möge heiraten oder nicht. Als sie das nicht thun wollte, quälte er sie so lange, bis sie ein Nervenfieber bekam, so daß sie sechs Wochen lang am Rande des Grabes schwebte. Zwar erholte sie sich endlich, aber sie war zu einem Schatten abgezehrt und ihr schönes Haar hatte man ihr abgeschnitten. Doch das machte ihrem Bräutigam alles nichts aus, und er blieb ihr so treu wie nur einer.«

»Durch Ihre freundlichen Mitteilungen,« sagte Holmes, »haben Sie nunmehr die Sache so weit aufgeklärt, daß ich mir das übrige vollends denken kann. Nicht wahr, Herr Rucastle ging darauf zu seinem Einsperrungssystem über?«

»Jawohl.«

»Und holte Fräulein Hunter von London, um sich den unbequemen Herrn Frowler vom Halse zu schaffen?«

»So ist es.«

»Allein Herr Frowler,« fuhr Holmes fort, »belagerte das Haus mit der Zähigkeit eines echten Liebhabers und verstand es, durch klingende oder anderweitige Beweisgründe Sie in sein Interesse zu ziehen, – nicht wahr?«

»Herr Frowler war ein sehr freundlicher, freigebiger Herr,« erwiderte Frau Toller gelassen.

»Und auf diese Weise sorgte er dafür, daß Ihr guter Mann stets reichlich zu trinken erhielt und daß die Leiter bereit stand, sobald Ihr Herr das Haus verlassen hatte.«

»Sie haben es getroffen, Herr, gerade so ist es gegangen.«

»Wir sind Ihnen wirklich Anerkennung schuldig, Frau Toller,« sagte Holmes, »denn Sie haben uns über alle Punkte, die noch dunkel waren, volle Aufklärung verschafft. Da kommt ja auch der Distriktsarzt mit Frau Rucastle; mir scheint, es wird wohl jetzt das beste sein, wir bringen Fräulein Hunter nach Winchester zurück, da unser ferneres Verbleiben im Hause keinen ersichtlichen Zweck mehr hat.« –

So klärte sich also das Geheimnis des unheimlichen Hauses mit den Blutbuchen am Thore auf. Herr Rucastle kam zwar mit dem Leben davon, blieb jedoch für immer ein gebrochener Mann, der sein Dasein lediglich der aufopfernden Pflege seiner Gattin verdankte. Sie wohnen noch immer mit ihren alten Dienstboten zusammen, welche so viel von Herrn Rucastles Vergangenheit wissen, daß er sich nicht entschließen kann, sich von ihnen zu trennen. Herr Frowler und seine Braut ließen sich gleich am Tage nach ihrer Flucht in Southampton trauen; er bekleidet gegenwärtig einen Beamtenposten auf der Insel Mauritius. Was Fräulein Violet Hunter betrifft, so legte mein Freund Holmes zu meiner ziemlich lebhaften Enttäuschung kein Interesse mehr für sie an den Tag, sobald das Problem, dessen Gegenstand sie gebildet hatte, gelöst war; sie ist zur Zeit Vorsteherin einer Privatschule in Walsall und erzielt, soviel ich weiß, schöne Erfolge in ihrem Beruf.

 


 

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