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Das Landhaus am Rhein / Band V

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band V - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band V
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band V
pages1-246
created20060810
sendergerd.bouillon
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Siebentes Capitel.

Dem Gebote der Wahrhaftigkeit folgend, hatte Manna ihre Liehe zu Erich im Kloster bekannt, sie war heimgekehrt ins elterliche Haus mit dem Entschlusse, nun auch dem Vater Alles offen zu sagen. Sie fragte nach Erich, er war nicht da. Rasch entschlossen ließ sie sich beim Vater melden.

Bei ihrem Eintritt kam ihr Prancken freundlich entgegen; ihr Herz pochte, sie war nicht darauf gefaßt, vor ihm und dem Vater zugleich ihre Liebe zu bekennen.

»Die Reise hat Dir gut gethan, mein Kind, Du siehst belebt aus,« redete Sonnenkamp sie an.

Manna athmete freier. aber sie konnte noch kein Wort hervorbringen.

»Wie war es im Kloster?« fragte Sonnenkamp weiter.

»Ich habe dort auf ewig Lebewohl gesagt.«

»Dank Dir, mein Kind, Dank! Du thust mir Gutes; das thut mir jetzt doppelt gut.«

»Herr von Prancken,« begann Manna, »ich wollte meinem Vater eine Mittheilung machen . . .«

»Und da wünschen Sie allein zu sein?«

»Nein, nein . . . nun ist es besser, daß Sie da sind.«

»Gewiß,« bestätigte Sonnenkamp. »Du kannst mir nichts zu sagen haben, was nicht unser Freund mit anhören darf. Setze Dich.«

Manna setzte sich nicht, sie hielt die Stuhllehne krampfhaft in der Hand und sagte:

»Herr von Prancken, ich wünschte Ihnen meine Dankbarkeit zu beweisen, daß Sie so treu . . .«

»Das wirst Du, das kannst Du,« unterbrach Sonnenkamp. »Gut, wir brauchen Freude, Heiterkeit; jetzt ist Labung doppelt gut. Du bist mein starkes Mädchen . . . Reiche nun unserm Freunde die Hand.«

»Ich reiche sie ihm zum Abschied.«

»Zum Abschied?« rief Sonnenkamp.

»Ich bitte,« fiel Manna ein. »Herr von Prancken, Sie sind ein Mann, den ich ehre und hoch halte; Sie haben sich meinem Vater treu erwiesen. So lange ich lebe, werde ich Sie schätzen und Ihnen Dankbarkeit weihen, aber . . .«

»Nun, aber?« fragte Sonnenkamp.

Manna antwortete nicht ihm, sondern fuhr zu Prancken gewendet fort:

»Ich hin Ihnen Wahrheit schuldig. Ihre Gattin kann ich nicht werden. Ich liebe Erich Dournay und er liebt mich. Wir sind vereint und keine Macht der Erde und des Himmels kann uns trennen.«

»Du, mit dem Lehrer, mit dem Protestanten, dem Sentenzenkrämer, dem Betrüger?«

»Vater,« erwiderte Manna, sich hoch aufrichtend, ein Heldenmuth leuchtete aus ihren Augen, der sie größer und mächtiger erscheinen ließ, »Vater, ein Lehrer und ein Protestant ist Erich, das Andere spricht nur Dein Zorn.«

»Mein Zorn wird nicht mehr sprechen, Du kennst mich noch nicht. Ich setze mein Leben an diesen . . .«

»Das wirst Du nicht, Vater.«

Sonnenkamp wendete sich zu Prancken und sagte:

»Verlassen Sie uns, Herr von Prancken; lassen Sie mich mit meiner Tochter allein!«

»Nein,« erwiderte Prancken, »ich lasse Sie nicht allein; ich habe sie geliebt . . . ich habe ein Recht . . .«

»Hörst Du Manna, hörst Du?« unterbrach Sonnenkamp. »Und solch einen Edelmann willst Du verstoßen? Sieh, wie verkehrt Dein Sinn ist. Sieh diesen Mann . . . diesen Mann verstoßen! Manna, Du bist ein kluges, ein gutes Kind, Du hast eine große Seele, ich weiß . . . Reich' ihm die Hand, ich will gerne sterben, will Alles thun, was die Welt will, nur erfülle diesen meinen einzigen Wunsch.«

»Ich kann nicht, Vater.«

»Du kannst und wirst.«

»Glaube mir, Vater . . .«

»Dir glauben? Wer noch vor Kurzem so fest sagte: ich will Nonne werden, dem kann man nicht glauben, wenn er einen Vorsatz ändert. Du darfst Dir nicht mehr vertrauen, Du mußt Dich lenken lassen zu Deinem Besten, zu dem Besten hier, zu diesem unserm Freunde.«

»Vater, es schmerzt mich unsagbar, daß ich Dich und Herrn von Prancken so kränken muß.«

»Und dafür soll ich all diese Mühe und Noth, soll die alte Welt und die neue Welt durchkämpft haben . . . und aus beiden Welten ausgestoßen . . . Ich dulde es nicht!«

Prancken legte ihm die Hand auf die Schulter; die Drei standen einander gegenüber, Keines redete ein Wort.

Manna hielt ruhig den Blick ihres Vaters aus, und doch ahnte sie nicht, was wieder in diesem Blicke lag.

Mit großer Selbstbeherrschung sagte Sonnenkamp:

»Manna, ich zwinge Dich nicht; das aber verlange ich, daß Du diesem Lehrer entsagst.«

Manna horchte auf; es nahten sich Schritte, es klopfte an; ohne eine Antwort abzuwarten, trat Erich ein.

»Gut, daß Sie kommen,« rief ihm Sonnenkamp entgegen. »Sie wissen, was Sie gethan an diesem Kinde, an mir, an diesem Manne . . . Nein, ich will ruhig sein . . . Sie sind in mein Haus eingetreten . . . Sie werden das Haus verlassen.«

»Ich werde das Haus verlassen.«

»Ich gehe mit!« rief Manna.

»Nein, Manna, bleibe Du bei Deinem Vater.«

»Du . . .! Manna . . .!« schrie Sonnenkamp und wollte auf Erich los, aber Prancken fiel ihm in den Arm und sagte:

»Herr Sonnenkamp, wenn Jemand mit Herrn Dournay hier einen Ausgleich zu verlangen hat, so bin ich es zuerst. Herr Dournay,« fuhr er fort, gegen Erich gewendet, »ich habe Sie in dieses Haus gebracht, Ihnen ausdrücklich gesagt, in welchem Verhältnisse ich zur Tochter dieses Hauses stehe. Bisher hatte ich noch einen Grad von Achtung für Sie . . .«

Erich fuhr in die Höhe.

»Sie beleidigen mich unter einem Schutze, den ich, wie Sie wissen, nicht verletze.«

»Nicht so,« entgegnete Prancken; »Sie wollen mir die Waffen entwinden. Ein Götterschild deckt Sie, Ihr Leben ruht im Schutze von Fräulein Manna und macht Sie unverletzlich. Dies mein letztes Wort an Sie, so lange diese Lippen sich noch bewegen.«

Mit zitternden Händen tastete Prancken an sich umher, dann zog er ein kleines Buch aus der Tasche und reichte es Manna; seine Stimme war bewegt, als er sagte:

»Fräulein Manna, das gaben Sie mir einst, nehmen Sie es wieder; der Zweig liegt noch darin, er ist kahl. Wie dieser Zweig, vom Baume abgerissen, nie mehr ihm anwächst, so bin ich abgerissen von Allem hier.«

Er übergab das Buch und schloß:

»So, nun sind wir auf ewig geschieden.«

Er zog ruhig seine Handschuhe an und knöpfte sie zu, dann nahm er seinen Hut, machte eine Verbeugung und ging davon.

Manna faßte die Hand Erichs; die Beiden standen vor Sonnenkamp, der sie gläsernen Blickes anschaute, dann rief er:

»Wartet Ihr noch auf meinen Segen? Segen von mir? Geht – geht! Oder gelte ich nichts mehr, daß Ihr so starr bleibt?«

»Herr Sonnenkamp,« begann Erich, »ich habe lang und schwer gerungen, bevor ich dieser Liebe mich hingab. Ich erkläre Ihnen hiermit, daß ich nie etwas von Ihrem Besitzthum mein Eigen nennen werde; ich habe Kraft für mich und Manna.«

»Gut, gut; ich kenne die Predigten . . . Genug. An Sie hatte ich geglaubt, Sie hielt ich keines Vertrauensbruches fähig. Es ist gut, es war meine letzte Täuschung.«

»Ich bitte den Vater Rolands und den Vater Manna's.«

»Sie haben nichts zu bitten, ich nichts zu gewähren. Sie verlassen das Haus. Noch ist dies mein Haus!«

»Vater!« rief Manna.

»Nenne mich nicht so!« rief Sonnenkamp. »Geh! geh! Ich will von Dir das Wort nicht mehr hören . . . Geh!«

»Vater! Vater!«

»Geh! . . . geh!« herrschte Sonnenkamp.

Hand in Hand verließen Erich und Manna das Zimmer.

Sonnenkamp saß allein, er freute sich fast, daß er etwas Neues hatte, was ihn quälte, und mitten aus seiner Qual erhob sich ein gewisser Stolz, wie da das Kind vor ihm stand so muthig; das war seine Tochter, sein kühnes, unbeugsames Kind. Und weiter gingen seine Gedanken. Das Kind verläßt Dich, geht seinem eigenen Willen nach. Gut, mag sein . . . Wenn das zu Tage kommt, was er im Sinne hegt . . . Mag sein. Da Prancken nicht sein Sohn werden konnte, ist sie im Schutze eines Mannes wie Erich doch geborgen. Vorbei! Aber Roland? Auch er mag zurückbleiben. Aber Frau Ceres? . . . Pah! die speist man mit Kleidern ab, mit Schmuck und schenkt ihr ein Märchen, mit dem man sie einlullt.

Er ging in den Garten, in das Treibhaus, wo die schwarze Erde aufgehäuft war. Er zog wieder das sackartige graue Gewand an, er wühlte in der Erde und roch an ihrem Duft, heute schien er ihn nicht zu empfinden. Er riß das Gewand vom Leibe.

»Nie mehr!« rief er. »Kinderei! vorbei!«

Er ging nach dem Obstgarten und half mit großer Sorgfalt die Früchte abnehmen. Er gedachte der Tage, die diese Früchte zeitigten; vom Frühling an, da Roland genesen, der Fürst gekommen, die Badereise, die sonnigen Tage bis jetzt, die thauigen Nächte . . . Still fragte er: Wenn wieder neue Früchte kommen, wo wirst Du zu jener Zeit sein? Wo? Vielleicht unter der Erde. Dann wühlst Du nicht mehr in der schwarzen Gartenerde . . . dann –

Es ist ein Hohn, daß wir sterben müssen, und ein doppelter, daß wir vom Sterben wissen.

Wie verloren starrte er drein; auf dieser Stelle, wo ihm das jetzt durch den Sinn fuhr, hatte er ein Gleiches damals beim ersten Eintritte Erichs ausgesprochen. Was soll das jetzt?

Während er so dreinstarrte, kam Roland daher.

»Vater!« rief er. »Wenn Erich das Haus verläßt, so gehe auch ich.«

»Gut, so gehe auch Du,« sagte Sonnenkamp, ohne aufzuschauen. »Warum bleibst Du noch stehen? Geh! Ich halte Dich nicht.«

»Vater,« sagte Roland mit zitternder Stimme, »Du bist jetzt . . .«

»Was bin ich? Willst auch Du mich beschützen, mich lenken? Ach, ich habe gute Kinder . . . prächtige Kinder! Sie sorgen für mich, sie stützen mich, helfen mir . . . Sieh her, Roland, ich kann noch allein gehen, ohne Stütze . . . Geh! geh mit Erich! geh mit Manna! Verlaßt mich Alle!«

»Vater! das willst Du nicht, das wollen wir nicht! Ich habe nur eine einzige Bitte.«

»So . . . Du hast noch eine Bitte?«

»Ich bitte, Vater, Du hast versprochen, ein Großes zu thun. Ich höre, daß Du ein Gericht zusammenrufst, ich danke Dir. Aber, Vater, verstoße Erich nicht . . . Komm mit . . . geh mit zu ihm . . . Sage ihm, daß er bleibe, daß Du ihn gerne Sohn nennst!«

Sonnenkamp lächelte.

»Siehst Du, Vater, ich weiß, Du nennst ihn gerne Sohn, er muß Dir ja viel lieber sein als Prancken. Wer kann sich denn mit Erich vergleichen? Komm, Vater! Er kann Dich ja nicht bitten, daß er bleiben darf . . . Komm Du zu ihm. Sei groß, Du kannst groß sein!«

Durch die Mienen Sonnenkamps gingen Strömungen verschiedenster Art. Mitten in dieser Verwirrung hat sich ihm das Herz seines Sohnes aufgethan, der Sohn wird diesen Augenblick nie vergessen und das gewaltsame Spiel, das er noch zu spielen hat, erscheint als Nachgiebigkeit, als Güte.

Ringt dieser Idealist mit ihm um den Besitz des Hauses und der Kinder und wird zum Sieger? Ist die Macht des Geistes, der Sittlichkeit doch noch größer als die des Goldes und der Gewalt, ja der natürlichen Bande?

Er triumphirte über sein Schicksal, das ihm mitten in aller Verzweiflung und Verwirrung die Heuchelei zur Pflicht macht. Er gewährt seinem Sohne als Bitte, was eigentlich still sein eigener Wunsch ist. Er kann und will jetzt Erich nicht fortschicken, um seines Hauses und der ganzen Umgebung willen nicht. Und wenn etwas in ihm reift, was er sich noch nicht voll eingesteht, würde ja sein Haus ganz stützenlos. Er faßte die Hand Rolands und ging mit ihm nach dem Hause. Erich begegnete ihnen; Sonnenkamp sagte kurz, daß Alles vergessen und ausgelöscht sein solle.

Als er noch bei Erich stand, meldete Joseph den Notar; Sonnenkamp zog sich mit demselben zurück. Roland eilte zu Manna und zur Professorin ins grüne Haus und war voll Glückseligkeit, daß Alles wieder geschlichtet und geebnet war.

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