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Das Landhaus am Rhein / Band V

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band V - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band V
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band V
pages1-246
created20060810
sendergerd.bouillon
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Sechstes Capitel.

Prancken kam zurück, er sah angegriffen aus; Sonnenkamp drängte, er möge ihm sagen, was vorgehe. Prancken legte zuerst einen Brief vor, worin ihn das Hofmarschallamt in vertraulicher Weise aufmerksam machte wie es unthunlich sei, daß er als Kammerherr des Fürsten einem Mann angeschlossen bleibe, der nicht nur der Ehre verlustig sei, sondern sich auch gegen den Fürsten vergangen habe, so daß noch Verhandlungen darüber stattfänden, ob man ihn nicht der Majestätsbeleidigung anklage.

Sonnenkamp stieß ein eigenthümliches Lachen aus.

»Der Herr Cabinetsrath wird das wol nicht zugeben,« murmelte er.

Er gab den Brief zurück und fragte, was denn der andere Brief enthalte.

Der sei noch entschiedener, sagte Prancken, und überreichte ein Schreiben des militärischen Ehrengerichts, in welchem er unter Androhung des Ausschlusses aufgefordert wurde, jede Gemeinschaft mit Sonnenkamp aufzugeben.

»Was wollen Sie thun?« fragte Sonnenkamp. »Ich erkläre Sie frei.«

»Ich halte zu Ihnen,« entgegnete Prancken.

Sonnenkamp umarmte ihn.

»Ich trotze Allen,« rief Prancken. »Hier aber ist noch ein Brief an Sie. Entschuldigen Sie, daß ich ihn nicht zuerst übergeben.«

Es war ein Brief des Cabinetsraths.

Das Schreiben, in sehr höflichen Ausdrücken abgefaßt, enthielt den Rath, daß Herr Sonnenkamp auf einige Zeit verreisen möge, bis man Gelegenheit gefunden habe, die Partei zu besiegen, die darauf dringe, ihn als Majestätsbeleidiger vor Gericht zu stellen.

»Wissen Sie, was der Brief enthält?« fragte Sonnenkamp.

»Allerdings. Der Herr Cabinetsrath wollte ihn mir offen geben.«

»Was rathen Sie mir?«

»Ich stimme seinem Wunsche bei.«

Ueber die Mienen Sonnenkamps zuckte ein Schreck, aber er wehrte ihn ab.

»Also Sie sind auch der Meinung?«

»Ja. Aber bevor Sie auf einige Zeit verreisen, erlauben Sie mir, Ihnen ein Mittel anzugeben, wodurch Sie sich selbst und mir neue Ehre gewinnen.«

»Gibt es solch ein Mittel?«

»Ja. Ich habe Ihnen schon gesagt, es gibt noch eine mächtige Partei, die wird unser, und wir, oder vielmehr Sie, haben die Mittel, sie zu gewinnen.«

Nun erklärte Prancken, daß er versprochen, in den nächsten Tagen zu einer Versammlung zu kommen, die der Adel der Kirchenprovinz – die sich ja weiter als die Grenzen des Landes erstreckt – im Palais des Kirchenfürsten abhalte. Die Versammlung sei eine vertrauliche, man wolle Mittel und Wege berathen, durch Militärmacht dem Papste zu Hülfe zu kommen.

»Sie wollen doch nicht in das päpstliche Heer eintreten?« fragte Sonnenkamp.

»Ich würde es,« entgegnete Prancken, »wenn ich nicht hier auf dem Posten stehen müßte, wo mich die Pflicht der Ehre und die Pflicht der Liebe festhält.«

»Schön . . . schön. Warum aber theilen Sie mir das mit? Ich bin ja nicht von Adel, ich gehöre nicht zu dieser Versammlung.«

»Sie gehören dazu und werden eine bevorzugte Stellung einnehmen.«

»Ich gehöre dazu? Ich werde eine bevorzugte Stellung einnehmen?«

»Ja. Ohne weitere Einleitung. Sie geben das Geld, um ein Regiment zu bilden; ich habe Bürgschaft dafür, daß Sie nicht nur unangegriffen, sondern mit Ehren dastehen sollen.«

Sonnenkamp rauchte langsam und blies Nullen in die Luft, die leicht zerflossen, dann sagte er:

»Also wenn ich das Geld gebe, kann ich hier in allen Ehren bleiben?«

»Es wäre besser, wenn Sie auf einige Zeit verreisten.«

Durch die Mienen Sonnenkamps ging ein Frohlocken. Jetzt ist's noch besser. Man will ihm einen Theil seines Besitzthums nehmen und ihn noch dazu fortschicken. Er sah sehr freundlich auf Prancken und rief:

»Vortrefflich!«

»Also Sie stimmen bei?« fragte Prancken.

»Ganz vortrefflich!« entgegnete Sonnenkamp. »Meisterlich! Man verkauft Schwarze, kauft Weiße dafür, die Weißen werden Schneeweiße, werden sogar Heilige!«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Kann wohl sein. Ich freue mich nur, daß die Welt so vortrefflich eingerichtet ist. Junger Freund! sehen Sie denn nicht, daß Alles nur auf Schein und Trug hinausgeht? Sie glauben, Sie seien dort ins Intimste eingeweiht, nicht wahr? Und man spielt auch mit Ihnen.«

»Vielleicht wo ich es am wenigsten erwarten dürfte,« schaltete Prancken ein.

Sonnenkamp legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte:

»Das hat nicht mein Freund Prancken gesprochen. Aber ich verzeihe ihm. Man ist empfindlich, wenn man sich täuschen ließ. O, diese Gesellschaft hat die Meister! Mein junger Freund! Ich glaube, man lehrt auf Universitäten das, was man Tugend nennt, in einem System, man hat ein Moralsystem; man sollte doch auch einmal zeigen, wie Alles im Grunde gestellt ist. Wir wollen ein Lastersystem ausarbeiten und dafür einen Lehrstuhl an der Universität errichten. Tausende von Zuhörern werden uns zuströmen, und wir allein können ihnen die Wahrheit sagen, was wirklich Wahrheit ist. Die Welt ist prächtig! Man muß mich zum Professor der Weltweisheit ernennen. Es wäre Zeit, daß die Moralschminke einmal herunter gerissen würde. Aber was hätten Ihre Freunde noch, lieber Herr von Prancken, wenn wir das Geheimniß öffentlich machten? Ich kenne bis jetzt nur noch einen Menschen, den ich mit in die Facultät aufnehme, leider ist es eine Frau, aber wir müssen auch über dieses Vorurtheil hinaus.«

»Sie haben mir noch immer nicht gesagt, ob Sie auf den Plan eingehen . . .«

»Habe ich das noch nicht? Junger Vertrauensmann! Sie können noch nicht Professor werden. Ich möchte ein neues Rom gründen, wie einst das alte gegründet wurde, aus lauter Vagabunden, aus einem Volk von Zuchthäuslern; das ist das beste Volk, sind die eigentlich tüchtigen Menschen.«

»Ich begreife nicht.«

»Sie haben Recht. Wir wollen recht brav, recht bescheiden sein, recht sittlich und recht zärtlich. Junger Freund, ich werde mir auf andere Weise zu helfen suchen; die Mausefalle da von Ihrem Domdechanten ist in unserm Zeitalter der complicirten Maschinen viel zu primitiv. So wissen Sie denn ein für alle Mal, auf den in kirchlicher Salbe gebackenen Köder beiße ich nicht an. Ist meine Eigenheit. Ich habe auch meine Eigenheit. Nicht wahr, Sie erlauben mir auch einige Eigenheit?«

Prancken wußte nicht, was das sein sollte; nur das fühlte er, daß dieser Mann sich hochmüthig gegen ihn benahm.

Er richtete sich stolz auf und sagte:

»Verehrter Herr Vater, ich bitte, jetzt nicht zu scherzen.«

»Scherzen?«

»Ja. Ich habe mich Ihnen angeschlossen in einer Treue . . . Doch, das wollte ich jetzt nicht sagen. Ich muß nur bitten, daß Sie sich dem Plane nicht entziehen. Wir haben Verpflichtungen, große Verpflichtungen . . .«

»Schön . . . sehr schön,« erwiderte Sonnenkamp. »Haben Sie schon überlegt, welche Uniform wir wählen? Werden wir ein Cavallerie-Regiment errichten oder Infanterie? Natürlich, Roland machen wir sofort zum Officier . . . Besser Cavallerie, er sitzt gut zu Pferde. Sehen Sie . . . verehrter Schwärmer, ich habe auch Phantasie. Wir reiten durch die Campagne, hei! das ist lustig! Und wir haben die besten neuen Waffen . . . ich verstehe etwas davon, habe viel nach Amerika geliefert, mehr als Ihr Alle wißt. Wie meinen Sie, wenn ich das ganze Regiment in Amerika anwerben würde?«

»Das wäre um so schöner.«

»Hahaha!« lachte Sonnenkamp. »Morgentraum! Junger Freund! Man sagt, Morgenträume seien die süßesten . . . Vorbei! verflogen!«

Prancken begriff nicht, warum Sonnenkamp den Vorschlag mit solchem Hohn zurückwies.

Sonnenkamp mochte ahnen, was in Prancken vorging; er ging auf ihn zu und sagte:

»Ich habe nichts dagegen, daß Sie fromm sind, oder auch fromm thun, das ist mir gleich; aber, junger Freund, von meinem Gelde wird den Kutten nichts nachgeworfen. Manna möchte ein Kloster errichten, Sie wollen ein Regiment werben, und dafür soll ich . . . Lassen Sie uns nicht mehr davon reden. Seien Sie gescheidt, betrügen Sie die ganze vornehme fromme Sippschaft, die da glaubt, sie sei die gescheidteste. Junger Freund, Sie werden noch andrer Meinung werden.«

Sonnenkamp und Prancken saßen noch lange beisammen; sie waren so zutraulich und hatten doch Beide das Gefühl, daß sie einander fremd waren. Denn das ist und bleibt: es gibt nur eine Einheit im reinen Streben; das ist die Liebe, die Alles bindet, die den geheimnißvollen Zusammenhang der Kräfte herstellt. Wo das nicht ist, ist jeden Augenblick Zerfall und Auflösung da; und die Auflösung aller Verhältnisse sollte bald in dies Haus einbrechen. Noch stand Alles fest, wie die Bäume in ihrem Grund, wie das Haus in seiner Fügung; aber Auflösung, Zerfall und Zerbröckelung nahte still.

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