Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Berthold Auerbach >

Das Landhaus am Rhein / Band V

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band V - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band V
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band V
pages1-246
created20060810
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Fünftes Capitel.

Es war bereits Nacht, als Erich aus Mattenheim anlangte. Die Familie Weidmann hatte, wie sie es nannte, ihre Winterresidenz bezogen, schöne helle Räume im obern Stock des Hauses, mit gewählten Bildern an den Wänden und mit geschmackvollen Kaminen, in denen offene Feuer brannten.

Frau Weidmann saß mit ihrer Schwiegertochter hinter dem Tisch bei der Lampe, während ihr Sohn vorlas; Herr Weidmann war in seiner Arbeitsstube.

Erich ging zu ihm; er fand ihn unter Kolben und Retorten in seinem chemischen Laboratorium.

»Ich kann Ihnen keine Hand geben,« rief ihm Weidmann mit heiterem Ton zu. »Wir suchen eine neue Entdeckung auszubeuten. Man hat gefunden, daß sich aus den ausgepreßten Trauben, aus den Trestern, eine Buchdruckerschwärze bereiten läßt. Die Sache scheint gut, und unser Freund Knopf macht wahrscheinlich bereits ein Gedicht auf diesen Artikel; er will, daß künftig alle lyrischen Gedichte, vornehmlich aber die Trinklieder, nur mit der so bereiteten Schwärze gedruckt werden dürfen. Sehen Sie, hier kocht der neue Stoff. Aber es ist besser, Sie warten im Nebenzimmer; Sie finden dort Zeitungen, die Sie sehr interessiren werden. Ich komme bald.«

Erich ging nach dem Zimmer. Auf dem Tische lagen amerikanische Zeitungen.

Auf jedem Blatte zeigten sich die gewaltigen, hocherregten Werbungen und Kämpfe zwischen den Republikanern und Demokraten; den letzten Namen hatten diejenigen angenommen, die das Selbstbestimmungsrecht der Einzelstaaten in die äußersten Folgerungen treiben wollten, vor denen die Staatseinheit nicht mehr bestehen konnte; das eigentliche Ziel war zunächst die Erhaltung der Sklaverei. Auf Seite der Republikaner dagegen vereinigte sich Alles auf den Geist und den Namen Abraham Lincolns. Während der Tage, die man jetzt lebte, entschied sich die große Sache in der neuen Welt.

Wie wartet nun Sonnenkamp auf die Entscheidung dieses Kampfes, dachte Erich vor sich hin.

Weidmann trat ein. Als Erich den Plan des Ehrengerichts darlegte, erklärte sich Weidmann sofort bereit; er sehe zwar kein eigentlich festes Ergebniß voraus, aber es könnte sich doch finden, jedenfalls würde man nähere Einsicht gewinnen und vielleicht die Stellung der Kinder bestimmen.

Kaum hatten Erich und Weidmann in Ruhe zu überlegen begonnen, als auch der Doctor erschien. Er war bei einem Kranken in der Nähe gewesen.

Als er von dem Ehrengerichte hörte und daß man seine Theilnahme voraussetze, rief er:

»Glaubt Ihr in der That, daß er sich unserm Urtheilsspruch fügen wird? Er will nur andere Menschen compromittiren. Er spielt mit Euch Allen und Sie, lieber Dournay, haben sich genug für diesen Mann eingesetzt; ich rathe Ihnen, lassen Sie es dabei bewenden. Sie wollen einen Mohren – nein, Sie wollen einen Mohrenhändler sich weiß waschen lassen.«

Der Doctor hatte sein weinfröhliches Lachen, als er dies ausrief, und wenn man ihn lachen hörte, konnte man sich nicht erwehren, auch mit zu lachen.

»Der Bursche gefiele mir ganz gut,« fuhr er fort, »er wäre ein gesunder Bösewicht wie in der alten Zeit. Die heutigen Bösewichter genügen sich aber nicht, wie eine elementare Naturmacht zu handeln, sie wollen auch ein Attentat auf die Logik vollziehen. Wenn dieser Herr Sonnenkamp sich wirklich bekehren wollte, so wäre das die verächtlichste Feigheit.«

»Feigheit?« entgegnete Weidmann. »Wer kein gutes Gewissen hat, läßt sich leicht werfen und hat keinen ausdauernden Muth; er kann tollkühn sein, aber das ist nicht Muth.«

»Hoho!« warf der Doctor ein. »Habe ich Ihnen denn nicht schon gesagt, daß mir die ganze Aufgeregtheit zum Besten der Neger zuwider ist? Ich habe eine natürliche Abneigung gegen die Neger. Ich sehe nicht ein, warum meine Vernunft eine solche physiologische Aversion als Vorurtheil brandmarken soll. Ich wünschte, wir hätten mehr natürliche Aversionen, die wir uns von der sogenannten Bildung nicht rauben ließen. Wenn ich Fürst wäre, ich hätte den Mann geadelt. Ich würde ihm sagen: Guter Freund, nimm ein Bad, dann aber sei lustig! Am meisten ärgert mich, daß Professor Crutius dem Adel den Gefallen that, vorher seinen Artikel loszulassen. Konnte er nicht noch einen Tag warten? Sie mußten ihn bei sich haben, die Adeligen, und dann dran würgen. Wäre das nicht lustig?«

Der Doctor schien es darauf angelegt zu haben, der ganzen Sache ihre Schwerfälligkeit zu nehmen. Als er indeß abreiste und Erich sich zu ihm in den Wagen setzte und sein Pferd hinten anbinden ließ, sagte er:

»Uebrigens bin ich bereit, und zwar um Ihres Glaubens willen. Sie glauben, daß durch eine einzige Willensanstrengung eine Vergangenheit gesühnt werden kann; und Sie glauben ernstlich, daß der Mann sich bekehren will? Gut, Ihr Glaube soll mich, den Berg des Unglaubens, versetzen. Wir wollen sehen.«

Erich erzählte, daß er auf Wolfsgarten gewesen. Er sah nur sein eigenes Gefühl bestätigt, wie der Doctor ihm sagte, daß der Widerspruch und das Unharmonische im Wesen Clodwigs und Bella's an einer Krisis angekommen sei.

»Bella,« sagte er, »sucht Betäubung, und während niedere Naturen sich in Branntwein berauschen, sucht sie sich in Byron'scher Poesie zu betäuben. Ich darf über Byron nicht sprechen, ich war einmal zu sehr begeistert von ihm, finde nun, daß diese Poesie nicht Wein ist, sondern . . . Doch, wie gesagt, ich bin ein Ketzer, und zwar ein abtrünniger.«

Der Doctor wollte in alter Weise gegen Bella losziehen. Unwillkürlich sagte Erich, wie es ihm auffällig sei, daß der Doctor so gehässig gegen Bella sei, der er doch einmal eine Neigung zugewendet habe.

»Bravo!« rief der Doctor laut. »Allen Respect! Ich bewundere diese Frau. Also sie hat Ihnen gesagt, daß ich ihr einmal den Hof gemacht? Vortrefflich! Genial! Das sollte bei Ihnen jede Bedeutung meines Urtheils vernichten. Wir Männer sind doch Stümper! Soll ich Ihnen etwas betheuern? Nein. Glauben Sie, daß ich von einer Frau, die ich auch nur eine Minute geliebt, oder an der ich auch nur eine Secunde Gefallen gefunden, je so sprechen würde? Ich sage Ihnen, diese Frau wird noch in der Welt von sich reden machen. Wie – was? kann ich nicht sagen, aber solch ein Erfindungsreichthum bringt es zu etwas.«

Erich war sehr mißgestimmt. Er hörte kaum, wie der Doctor erzählte, daß Prancken mit seiner Hofstellung, mit der Adelssippe viel zu kämpfen habe, weil er sich nicht von Sonnenkamp lossage.

Als man im Thal angekommen war, nahm er von dem Doctor Abschied, band sein Pferd los und ritt nach der Villa zurück.

Im Zimmer Sonnenkamps war noch Licht. Erich wurde heraufgerufen und berichtete, daß Alles bereitet werde.

Sonnenkamp fragte angelegentlich nach dem Befinden Clodwigs, Bella erwähnte er gar nicht.

Erich ging nach seinem Zimmer. Er stand lange am Fenster und schaute hinaus in die Landschaft.

Das Naturwalten dauert fort in aller Menschenwirrniß, und wohl dem Auge, das im Anschauen desselben sein Selbst vergessen kann.

Es war eine düstere Nacht, über den Bergen stand eine schwarze Wolke weithin gebreitet, da zog ein heller Lichtstreif am Bergessaum herauf und stand zwischen den Bergen und der dunklen Wolke. Die Wolke wurde heller, der Mond kam herauf, die schwarze Wolke verschlang ihn und nun glänzte das Licht zu beiden Seiten der Wolke, oben und unten, aber die Wolke war noch dunkler als früher, rechts und links flatterten zerrissene Wolken, bleigrau.

Erich drückte die Augen zu und dachte in sich hinein.

In welche Wirrnisse ist er gerathen! Wie wird er Manna und sich herausretten? Treibt Sonnenkamp nur ein neues Spiel?

Als er wieder hinaussah, stand der Mond über der dunklen Wolke, die Landschaft glänzte im Mondenlicht, das auf dem Strome zitterte. Und wieder nach einer Weile war der Mond von einer schwarzen Wolke ganz bedeckt. Erich starrte lange vor sich hin, und als er aufschaute, war die Wolke verschwunden; glatt wie kaum angehauchter Stahl war der Himmel und ruhig glänzte hoch oben die mildweiße Kugel.

In sich gefestigt wirkt die Natur fort nach ewigen Gesetzen. Muß sich das nicht auch im Menschenleben so gestalten?

Erich dachte zu Manna, und das Gedenken an sie breitete sanftes Licht über Alles, wie jetzt der Mond hoch oben am Himmel die Erde mit Glanz füllte.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.