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Das Landhaus am Rhein / Band V

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band V - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band V
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band V
pages1-246
created20060810
sendergerd.bouillon
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Viertes Capitel.

Auf dem Wege nach Wolfsgarten begegnete Erich dem Major. Erich erklärte ihm, daß auch er zum Ehrengerichte gehören müsse. Der Major war ohne Zureden sofort bereit.

»Der arme Mann! der arme Mann!« sagte er immer; »er war nicht offen gegen mich . . . sie war es aber auch nicht. Ich nehme es ihm nicht übel, sie war es ja auch nicht; es war das erste Mal in ihrem Leben. Sie« – das war natürlich Fräulein Milch – »hat gewußt, daß ich es nicht ertragen könnte. Ich kann Vieles, ja, Kamerad, Sie glauben gar nicht, was ich Alles kann; aber Eines kann ich nicht; heucheln, mit einem Menschen verkehren, den ich nicht achte und liebe, das kann ich nicht. Daß der Mann Sklaven gehalten, habe ich ja gewußt und habe immer gesagt, wer mit Pudeln umgeht, kann sich der Flöhe nicht erwehren. Sollte man es wol glauben, daß der Mann so viel gutherzige Worte haben kann? Mit Ihnen, Kamerad, hat er ja gesprochen wie ein Weiser, wie ein Heiliger. Ich mit meinem dummen Verstand bringe es nicht heraus, und der Herr Weidmann hat mir auch nicht helfen können, warum die guten Kinder das Alles leiden müssen. Jetzt aber, nehmen Sie es mir ab, jetzt verstehe ich es; auf dem Wege ist mir's gekommen. Ich habe nicht viel gelernt, ich bin Tambour gewesen – ich erzähle die Geschichte schon noch einmal . . .«

»Ja, was haben Sie denn gefunden?«

»Recht so, sie erinnert mich auch immer, wenn ich durcheinander rede. Also sehen Sie, das Menschenkind wird, wie es in der Schrift heißt, in Schmerzen geboren, und der Menschengeist wird auch in Schmerzen geboren, in Noth und Elend. Das wissen wir Armen, und darum sind die Reichen und Vornehmen nicht recht auf der Welt. Ich meine . . . Sie wissen ja . . . Nun ist unser Roland auch neu geboren, wird erst recht ein Adliger. Der Fürst kann den Namen adeln, aber nicht die Seele. Verstehen Sie? So ist's. Unser Roland ist jetzt der wahre Adlige. Böses erdulden und Gutes thun, das ist der Wappenspruch, den er jetzt bekommen hat; der Wappenspruch steht auf keinem Ritterschild, aber sehen Sie, da drin im Herzen steht er, da wird er stehen. Er soll brav sein und er wird es, und jetzt erst recht, aller Welt und dem Adel besonders zum Trotz. Jetzt wird der Wirbel geschlagen. Jetzt drauf und dran! Er ist exercirt, jetzt muß er aus sich selbst etwas machen und er wird's.«

Der Major deutete auf sein Herz, und seine Hand zitterte. Der zaghafte, im Worte so ungelenke Mann brachte zwar das Alles mit großen Unterbrechungen, aber mit Kraft vor.

Als Erich sich endlich vom Major trennen wollte, hielt ihn dieser noch fest und sagte:

»Nur das Eine nehmen Sie mir noch ab. Ich bin Tambour gewesen – ich erzähle Ihnen die Geschichte schon noch einmal – ich bin Officier geworden, und die Kameraden haben nicht geahnt, wie sie mich ehren, wenn sie heimlich – sie haben geglaubt, ich höre es nicht – mich den Hauptmann Trommelschlegel, oder auch kurzweg Schlegel nannten; ja, sie haben mich mit dem Hauptmann Schlegel geehrt, denn von damals an ist es mir klar geworden, ich selber habe mir es nicht so sagen können, aber sie hat mir es deutlich gemacht, sie kann Alles. Ja, so ist's. Wen das Glück zu etwas gemacht, der ist nur halb lebend; das Ungemach, das ist der heilige Geist, der spricht zu dem Menschen: stehe auf und wandle. Verstehen Sie mich?«

»Ja,« betheuerte Erich, drückte dem Alten die tapfere Hand und ritt davon gen Wolfsgarten.

Aus dem offenen Fenster schrie der Papagei, als wollte er dem ganzen Herrenhaus verkünden, welch ein seltener Gast jetzt wieder einreite, denn Erich war lange nicht hier gewesen. Er glaubte, in dem Zimmer neben dem, wo der Papagei im offenen Fenster hing, die Gestalt Bella's gesehen zu haben, aber sie zeigte sich nicht mehr.

Er trat bei Clodwig ein. Er fand ihn zum ersten Mal niedergeschlagen; er mußte auch körperlich angegriffen sein, da er nicht, wie sonst immer, aufstand und den jungen Freund in seiner so formvollen als herzlichen Weise begrüßte.

»Ich wußte, daß Sie zu mir kommen,« sagte Clodwig, schwer athmend, mit milder Stimme. »Wenn es eine geistige Wirkung in die Ferne gäbe, hätten Sie und Ihre Mutter vor Allem, in diesen Tagen fühlen müssen, daß ich bei Ihnen war. Herr Sonnenkamp war hier. Ich konnte ihn nicht annehmen. Hat er Ihnen davon gesagt?«

Erich verneinte und es war ihm auffällig, daß Sonnenkamp ihn zu den Nachbarn sendete, während er selbst eine Besprechung suchte.

»Und nun bitte,« fuhr Clodwig fort, »ich bin etwas angegriffen, lassen Sie uns recht ruhig sprechen. Wir sind befleckt durch den Umgang mit diesem Mann; aber wir dürfen nicht an uns, wir müssen an ihn denken. Sehen Sie« – er nahm ein Fläschchen auf – »sehen Sie, ich habe eine kindische Freude an diesem neuen chemischen Stoff; er sieht aus wie helles Wasser, und dient doch dazu, ein geschriebenes Wort ohne Radirung von einem Papier auszulöschen. Nun denke ich: sollten wir nicht auch sittlich so etwas finden können? Der Scheidepunkt der antiken und modernen Welt liegt doch darin, daß es in unserer Anschauung eine Vergebung der Sünden, oder nennen wir es eine Ausgleichung, geben muß.«

Das war der Punkt, auf welchen sich Erich sofort hingewiesen sah; er legte den Plan des Sühnegerichts dar und forderte Clodwig zur Theilnahme auf.

Clodwig lehnte ab, da Herr Sonnenkamp, oder wie er heiße, ein Gericht von Pairs, Männer von gleichem Stande, oder vielmehr von gleichem Beruf haben müsse; er selber sei kein Pair des Herrn Sonnenkamp.

Er erzählte, wie er in diesen Tagen sich sehr für den Amerikaner bemüht habe, denn einige Hitzköpfe bei Hofe hätten ihn wegen Majestätsbeleidigung vor Gericht stellen wollen. Dem Fürsten sei das zuwider; er habe einen eigenhändigen Brief an Clodwig geschrieben, worin er ihm dankte, daß er von der Adelserhebung abgerathen. Clodwig hatte darauf dem Fürsten erwidert, er möge jede weitere Verfolgung gegen den Mann unterlassen, den man gereizt und zu Dingen verführt hatte, die ihm nicht zustehen.

Nochmals brachte Erich seinen Wunsch vor, daß Clodwig sich bei dem Gerichte betheiligen möge.

Clodwig erwiderte:

»Ich werde nach Hof berichten, daß der Mann freiwillig ein Gericht herausfordert; es wird dort gut wirken, und Ihnen zu lieb« – seine schlaffen Mienen spannten sich, er fuhr mit der Hand über das ganze Gesicht, als müßte er den kummervollen Ausdruck daraus wegwischen – »ja, Ihnen zu lieb, weil vielleicht dadurch eine Lösung oder Klärung in Ihr Verhältniß zu diesem Hause kommen kann, möchte ich mich dem Anruf nicht entziehen.«

Man hörte Schritte sich dem Zimmer nahen. Clodwig richtete sich rasch auf, und eilig die Hand Erichs fassend, sagte er leise und bestimmt:

»Gut, ich willfahre. Der Mann will ein Ehrengericht – es soll ihm werden.«

Clodwig hatte das eilig, wie auf der Flucht, hervorgestoßen, denn jetzt trat Bella ein.

In ihrem Gesicht war etwas Ueberwachtes und dabei gewaltsam Aufgereiztes.

Sie begrüßte Erich mit lateinischen Worten, und es war eine seltsame Empfindung, jetzt einen Uebermuth zu vernehmen, der gar nicht mit der gegebenen Lage und vor Allem nicht mit der offenbar bedrückten Stimmung Clodwigs zu vereinbaren war.

»Sagen Sie einmal,« fragte Bella, »hatten Sie eine Zeit, wo Sie einen Gewaltmenschen wie Ezzelin von Romano bewunderten? Es liegt etwas Großes in solchen Gewaltnaturen, zumal gegenüber der Topfguckerei und kleinlichen Schönthuerei . . .«

Erich verstand nicht, was das sein sollte; er konnte nicht ahnen, daß Bella, gedeckt durch die Anwesenheit eines Fremden, Pfeile schoß, die ihr Ziel nicht verfehlten.

Clodwig schloß die Augen und nickte mit dem Kopf, dann öffnete er die Augen wieder.

»Ach ja,« fuhr Bella in heiterem Ton fort, »gut, daß ich daran denke; ich wollte Ihnen eine Frage vorlegen. Sagen Sie mir: was würde Cicero, was würde Sokrates sagen, wenn er den Kain von Lord Byron läse?«

Erich sah verwirrt drein. Diese Frage war so über alle Maßen bizarr, daß er nicht wußte, war das Hohn oder Wahnwitz; aber Bella fuhr fort:

»Hat Roland schon Byrons Kain gelesen?«

»Ich glaube nicht.«

»Geben Sie ihm jetzt das Buch. Das müßte wirken. Er ist auch ein Sohn, der das Recht hat, sich dagegen zu empören, daß sein Vater sich aus Eden vertreiben ließ. Wie das stimmt! Sind wir nicht eigentlich Alle Kinder Kains? Abel war ja kinderlos, folglich stammen wir Alle von Kain. Ein großartiger Stammbaum! . . . Und noch Eins, Herr Doctor. Haben die Gelehrten nie herausgebracht, welche Form und Farbe das Zeichen hatte, das Gott der Vater dem Majoratsherrn Kain auf die Stirne schrieb?«

»Ich verstehe Sie nicht,« entgegnete Erich.

»Ich verstehe mich auch nicht,« lachte Bella.

Es war ein unheimliches Lachen.

Dann fuhr sie fort:

»Ich habe, allerdings mit Hilfe einer Uebersetzung, Cicero über Freundschaft zu lesen begonnen; ich kam nicht weit, ich habe Byrons Kain vorgenommen; das ist doch das Schönste, was die moderne Welt hat.«

Noch immer fand Erich kein Wort der Erwiderung; er sah in das Antlitz Bella's, in das Clodwigs. Was geht hier vor? Und wieder begann Bella:

»Nicht wahr, die Sklavinnen, die die Römerinnen bedienten, mußten Pausbacken machen, wenn eine edle Matrone ihnen einen Schlag ins Gesicht geben wollte? Die Römerinnen waren keine sentimentalen Pensionspflänzchen, wie heute unsere Männer und Frauen. Wie geht es Fräulein Sonnenkamp?«

»Sie ist nach dem Kloster gereist,« antwortete Erich mit gesenktem Blick.

Es ward ihm schwül, da er Bella auf die Frage nach Manna antworten mußte.

»Ich finde das sehr praktisch,« setzte Bella wieder fort, »ich hatte eine andere Vermuthung, habe mich also geirrt. Ja, solch ein Kloster ist ein Schirmdach; das empfindsame Kind wird dort am besten ruhen, bis der Sturm vorüber. Was wird nun Roland anfangen? Was werden Sie beginnen und Ihre Frau Mutter?« fragte Bella so äußerlich, so fremd, so gesprächsam, daß Erich mit einer gewissen Art von Munterkeit erwidern konnte:

»Einstweilen behelfen wir uns mit der großen That, die so allgemein ist.«

»Mit einer großen That?«

»Ja; wir thun einstweilen nichts.«

Während des Sprechens mit Bella waren die Gedanken Erichs bei Manna im Kloster. Manna stand in dieser Stunde auch Menschen gegenüber, die ihr ehedem nahe befreundet gewesen; wie stellten sie sich nun als Feinde und Widersacher? Gewiß nehmen sie nicht den kalten, gleichgültigen Ton an wie Bella. Es war ihm, als müsse er schützend seine Hand ausbreiten über Manna, die jetzt niederschmetternde Worte hören, vielleicht gar eine Buße sich auferlegen mußte.

So nahm er in Verwirrung Abschied, indem er sagte, daß er zu Weidmann reiten wolle.

Wieder ritt er durch den Wald, durch den er damals zuerst auf dem Pferde Clodwigs nach Villa Eden geritten war. Wie ganz anders war das heute! Und auf Wolfsgarten – fühlte er – ging etwas vor, das er sich nicht enträthseln konnte. Wie waren ihm damals Bella und Clodwig glückselig erschienen, und was waren sie nun? Dieses bizarre Hin- und Herwenden Bella's, dieses Durcheinanderschütteln des Verschiedensten – sie muß Stunden verbringen, in denen sie ruhelos in Allem herumzerrt, und Clodwig ist dabei von einer Schwermuth und Bedrücktheit, die ihm seine freie Seelenkraft zu entziehen scheint.

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