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Das Landhaus am Rhein / Band V

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band V - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band V
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band V
pages1-246
created20060810
sendergerd.bouillon
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Weidmann an Erich.

. . . . . Mein Neffe schickt mir regelmäßig die Zeitungen. Lassen Sie sich nicht vom Denken an Europa und an die verschiedenen Verhältnisse beunruhigen, Sie sind jetzt auf einen Posten gestellt, wo Sie nur das Nächste im Auge haben dürfen. Verzeihen Sie, daß ich mir erlaube, Sie zu ermahnen.

Es war höchste Zeit, daß diese Schmach aus dem Bewußtsein unserer Zeit getilgt wurde, denn es zeigt sich, daß sie durch lange Gewohnheit gar nicht mehr so bitter und scharf als Sünde und Schmach empfunden wurde.

Ich mache nach dieser Seite hin überraschende Erfahrungen. Herr Sonnenkamp war mehr als er wußte ein Verderber unserer Landschaft; man spricht jetzt gut von ihm.

Ach, nur ein Sklavenhändler? kann man aller Orten hören.

Der Heroismus hat immer etwas Bewältigendes, der kühne Bösewicht wird anziehender als der einfach tugendhafte Mensch. Ganz ernste Männer finden es übertrieben, daß der Fürst Herrn Sonnenkamp nicht geadelt hat.

Es hat sich nach Europa eine Pflanze verbreitet, die das Volk die Wasserpest nennt, Sie werden davon gelesen haben, sie kam aus Canada und hat die Themse durch ihr Wurzel- und Stengelgewirre fast verstopft, hat sich tief in den Continent hinein geschlungen und ist nun schon bei uns. Solch eine Art Wasserpest verbreitet sich auch in geistigen Dingen.

Es ist gut, daß Sie und Roland die Angelegenheit mit dem in der Bank niedergelegten Gelde meinem Neffen und mir nun anheim geben. Mein Neffe ist der Ansicht, daß jetzt ein Theil und der andere nach Beendigung des Krieges verwendet werden solle. Er schreibt mir sehr befriedigt darüber, wie Sie und Roland jeder Versuchung widerstehen, die sich, wie ich vermuthete, in Amerika wieder erneuern wird.

 

Doctor Richard an Erich.

. . . . . Seien Sie froh, daß Sie nicht mehr zu grübeln, sondern etwas zu thun haben.

Und jetzt eine schöne Geschichte.

Otto von Prancken, für den ich immer wie alle profanen Menschen eine Sympathie hatte – er ist kein Tugendheld, aber eine volle Natur – hat die Schwarzröcke im Wettrennen an Klugheit überrannt; er ließ sich von ihnen nach Rom empfehlen und hat dort einen lustigen Streich vollführt.

Er war mit Majorsrang in das päpstliche Heer eingetreten, hat aber Streit bekommen: wie ich glaube, hat er ihn gesucht. Er schrieb einen Brief voll Unzufriedenheit über die Organisation des Heeres. Das sollte ihn entschuldigen, da er wieder austreten wollte, um die junge Wittwe, die Tochter des Herrn von Endlich, heimzuführen. Wenn Sie wiederkommen, haben Sie neue Nachbarschaft. Man sagt indeß, daß Prancken in die diplomatische Carriere eintreten würde, und ich glaube, er hat Talent dazu.

Haben Sie nichts von Frau Bella gehört oder gesehen?

 

Die Majorin Graßler, weiland Fräulein Milch, an Knopf.

. . . . . Du kannst Dir denken, welche Freude uns Dein Brief gemacht. Mein guter Mann war seit geraumer Zeit zum ersten Mal wieder heiter; er ist, seitdem Ihr Alle abgereist seid, voll Unruhe. Monate lang hat er den Gedanken nicht los werden können, warum er nicht jünger sei, daß er auch hätte mitziehen können. Wir haben ein wahres Hauskreuz, denn unsere Laadi ist erblindet, es kann ihr kein Arzt helfen. Die Menschen lachen uns aus, weil wir den Hund so treu pflegen; sie wollen, daß wir ihn erschießen lassen, das aber können wir nicht. Mein Mann sitzt stundenlang bei der Laadi und spricht mit ihr, ja er führt sie an einem Strick täglich spazieren. Warum mußte der Hund blind werden? Man muß sich hüten, nicht sentimental zu werden, Mutter Natur ist eine sehr harte Mutter.

Ach, lieber Freund, ich schäme mich, daß ich Dir so Kleinliches schreibe, Du stehst jetzt inmitten eines großen Weltereignisses, was mag Dir da dies Alles sein? Mein Mann hat mir erzählt, daß einmal beim Grafen Wolfsgarten viel über das amerikanische Sprüchwort gesprochen wurde: Hilf Dir selbst. Ist das nicht jetzt das große Wort, das in Amerika zur That wird? Amerika hilft einem lange geknechteten Stamm zu seiner Freiheit und es hilft sich selbst damit zu seiner Freiheit und Sittlichkeit.

(Nachschrift.) Ich habe den Vater Ihrer Rosalie gekannt, er war einmal mit dem Lehrer Faßbender bei uns.

 

Erich an Weidmann.

Adams ist zum Schanzenbau beordert und mit ihm eine große Zahl von Negern. Er wollte nicht die Hacke zur Hand nehmen, da schloß sich Roland den Negern an und führte mit ihnen die Hacke.

Es ist sehr viel Unzufriedenheit im Heere, man verargt es Lincoln, daß er eine Politik des Schwankens, der Unsicherheit, gelindestens gesagt, des äußersten Zögerns inne hält.

Ich muß es Doctor Fritz selbst oder vielmehr der Zeit überlassen, seinen Ausspruch zu rechtfertigen, denn er sagt:

Lincoln ist nicht eine geniale, um Haupteslänge über die Massen hervorragende Persönlichkeit, er ist das Durchschnittsmaß, der exacte Ausdruck dessen, wozu der Volksgeist hier bis jetzt gediehen. Er ist kein Mann der Auszeichnung, sondern nur der richtigen Bezeichnung.

Mag sein, aber das ist viel. Es ist nicht Größe im alten Sinne, aber sind wir nicht bereits in die Zeit eingetreten, die das Heroenthum, den Träger der Heldenrolle, um den sich alles Andere nur als Nebenfigur gruppirt, überwunden hat?

Dem Monarchischen, dem Aristokratischen und Monotheistischen gegenüber steht das Republikanische, das Demokratische, das Pantheistische; es sind drei verschiedene Namen für drei Regionen desselben Princips.

 

Roland an die Professorin.

Meine ersten Zeilen aus dem Felde sind an Sie, liebe Frau Professorin.

Warum kennen Sie Lilian nicht? Sie ist es würdig, von Ihnen gekannt zu sein.

O, was ist Doctor Fritz für ein Mann!

Er sagte mir, er sei ein Schüler Ihres Mannes und es muß Sie beglücken, daß sein Geist nun fortlebt in einem solchen Manne in der neuen Welt.

Ich muß mir Mühe geben, nicht zu viel an Sie und an die Vergangenheit zu denken; ich darf jetzt nichts denken, als was wir vorhaben, und ich bin müde, ich habe scharf exerciren müssen.

Erich genießt hier großes Ansehen.

Es ist jetzt still im Lager, es heißt, daß wir morgen zum ersten Mal ins Feuer kommen.

Am Morgen.

Die Schlacht beginnt. Ich hoffe meine Schuldigkeit zu thun.

Am Abend.

Ich bin zum Officier ernannt.

 

Erich an Weidmann.

Aus dem Lager.

Wir haben eine Schlacht geschlagen. Wir sind besiegt. Roland hat sich hervorgethan, er ist zum Officier ernannt; ich muß allen meinen Einfluß anwenden, seine Kühnheit zu zügeln.

Es ist mir eine wirksame Hilfe, daß Ihr Großneffe Hermann so besonnen ist.

Das Härteste an diesem Kriege ist, daß Tausende geopfert werden müssen, damit die Führer die Kriegskunst lernen; es fehlt an bewährten und mit Vertrauen geschmückten Führern. Es ist kein Geringes, daß das Heer, ohne die Zuversicht in die Kriegskunst seiner Führer, sich so tapfer hält; sie müssen erst den Krieg im Kriege lernen. Die Südstaaten sind dadurch im Vorsprung.

Viel zu denken gibt es mir, ob unsere Gegner mit Hoffnung auf Sieg kämpfen; ich meine, ob sie ehrlich hoffen, daß, wenn sie siegen, ihr Princip ein dauernd geltendes sein kann.

Gerade die über alle Grenzen der Menschlichkeit gehende Erbitterung, gerade die Rachsucht, mit der sie kämpfen und die Gefangenen behandeln, sind mir Zeichen, daß sie wohl an den Sieg im Kriege glauben, aber nicht an einen Sieg im Frieden. Und da stellt sich mir wieder die Frage: warum muß ein ideell Anerkanntes immer und immer noch mit Blut erkämpft werden?

Es ist das große Räthsel der Geschichte.

Es ist wie im Kleinen und Einzelnen. Der Mensch ist ein vernünftiges, aber noch vorherrschend leidenschaftliches Wesen, und immer ist es die Leidenschaft, der Affect, der das Einzelleben wie das der Menschheit gewaltig treibt und erneuert. Amerika hat nicht, wie Goethe sagte, kein Mittelalter zu besiegen, wie er auch darin irrte, daß es keine Basaltlager habe; es bekämpft seinen besonderen Feudalismus. Seine Geschichte drängt sich nur wie in einem dramatischen Gedicht näher und in kürzeren Zeiträumen zusammen.

Amerika hat keine dynastischen und keine Religionskriege mitgemacht. Unabhängigkeit war das erste Moment, aber das kann auch egoistisch sein. Befreiung Anderer ist das zweite und rein ideale Moment. Aus dem Streben nach Besitz und Geld, wo materielle Wohlfahrt das Einzige, Letzte und Höchste war, nun in eine Geschichtsperiode versetzt zu sein, wo man das Leben für eine Idee einsetzen muß, das gibt die Idealität. Jetzt erst bringt Amerika seine Opfergabe in das Pantheon der Menschheit. Bisher konnte man sagen, daß die Geschichtsgröße Amerika's in keinem Vergleiche stehe mit seiner Naturgröße.

Jetzt erlebt Amerika ins Eins zusammengedrängt seine Völkerwanderung, seine Kreuzzüge und seinen dreißigjährigen Krieg; es ist eine Zusammendrängung der Zeit; seine Geschichte entwickelt sich im Zeitalter des elektrischen Telegraphen.

Da sitze ich im Lager und schulmeistere. Aber es hat mir doch wohlgethan, ich fühle mich gesammelt, erlabt und gesättigt, indem ich mich zu Ihnen wenden konnte.

 

Erich an Weidmann.

Aus dem Lager.

. . . . . Das Echte, das Nothwendige ist geschehen; die Neger sind zum Heeresdienst berufen; wir sind in ein Neger-Regiment eingetreten, Roland, Hermann und ich. Jetzt erst ist der Kampf ein voller. Die Neger benehmen sich willig und gut und sind immer lustig. Diese Disciplinirung im Heere ist eine große Vorschule für das Leben.

Von einem Spione, den wir ausgesendet, haben wir erfahren, daß ein Mann, der Beschreibung nach halte ich ihn für Sonnenkamp, im Heere uns gegenüberstehe und bei ihm eine Frau in Männerkleidung, eine gewaltige Schönheit, sei, der Alles huldigt. Ich hatte gehofft, daß er in der Marine stehen würde, und mir ist es entsetzlich, daß er und sein Sohn so unmittelbar gegen einander kämpfen. Wenn nur Roland nichts davon erfährt.

Eine Freude ist es, die schöne Kameradschaft zwischen Roland und Ihrem Großneffen Hermann zu sehen, die beiden Jünglinge sind unzertrennlich.

 

Roland an die Professorin.

. . . Endlich ist das Volle eingetreten. Erich, Hermann und ich, wir dienen in einem schwarzen Regimente. Das ist's, was ich wollte. Ihnen darf ich's sagen, sie lieben mich, diese Geknechteten, die jetzt um ihr Menschenthum kämpfen, das man ihnen nicht im Frieden geben wollte. Ich denke an das Wort Parkers. Ach, was war das für ein Tag, als ich zum ersten Mal seinen Namen von Ihnen hörte, dort beim Ausgang aus der Kirche, und dann –

Vorwärts! heißt jetzt unsere Losung, wir dürfen nicht mehr zurückschauen.

Ich habe einen Freund gefunden, einen Freund, den Sie mir nach Ihrem vollen Herzen nicht besser hätten schaffen können, und mein Hermann ist der Bruder Lilians. Ich darf nicht daran denken, daß er aus freiem Entschluß kämpft und ich – Nein, ich setze auch frei Alles ein . . .

Wir sind geschlagen! Mutter, wir sind geschlagen! Erich tröstet mich und tröstet Alle, er sagt, daß es gut sei, wir müssen lernen aushalten. Gut, ich will es lernen.

(Nachschrift Erichs.) Mutter! Diese Zeilen Rolands fand ich in seinen zurückgelassenen Sachen, ich schicke sie Dir. Wir haben seitdem nochmals gekämpft und einen Sieg errungen. Roland ist verschwunden, er ist gefallen oder gefangen, aber er hat sich tapfer gehalten. O mein Roland!

 

Erich an Weidmann.

Aus dem Lager.

O Freund! Wir haben einen Sieg erfochten, aber Roland ist verloren. Ich habe mit unserm Arzte, mit Adams und Hermann das Schlachtfeld durchsucht. Welch ein Anblick! Wir haben Roland nicht gefunden. Unsere Hoffnung ist, daß er gefangen ist.

Welch eine Hoffnung!

Ich muß mich trösten, indem ich Hermann tröste. Die volle Seelenkraft dieses gediegenen Jünglings tritt im Schmerz um den Verlornen heraus, er ist aber fern von aller Weichlichkeit; es zeigt sich die gute Schule des Freistaates und des deutschen elterlichen Hauses. Hermann ist nun mein Zeltgenosse; er ist ganz anders als Roland. Hier in Amerika hat Jedes Raum und alles Gezweige lebt und gestaltet sich aus am Baum; dazu hat Hermann kein Schmerzensschicksal in der Seele, wie mein armer Roland es hatte.

Ich bitte Sie, wenn vielleicht eine Nachricht von Sonnenkamp an mich eintrifft, ihm zu schreiben, daß sein Sohn gefangen sei.

Ich bin bis zum Tode ermattet. Die Bilder der Verwundeten, der Todten, der Zerstampften, werden niemals aus meinem Gedächtniß schwinden.

Ich weiß nicht, wann ich Ihnen wieder schreibe, nur bitte ich das wegen Rolands an Sonnenkamp ja auszuführen; vielleicht könnten Sie es auch in eine englische Zeitung setzen lassen, die nach den Südstaaten kommt.

Besprechen Sie Alles mit Professor Einsiedel.

Roland war gestern ganz übermäßig bewegt. Er hatte von den Negern ein Lied gehört und plötzlich ging ihm die Erinnerung auf, daß dies das Lied war, welches ihm seine Amme gesungen. Es hatte einen traurigen Inhalt und eine fast noch traurigere Weise. Eine Negermutter singt ihrem Kinde, es solle wachsen und schöne Zähne bekommen, denn der Herr will das.

Den ganzen Tag ging Roland das Lied nach, er sprach davon und summte es vor sich hin, es schien ihm die Seele einzunehmen. Sein Wiegenlied lag ihm in Gedanken, während er vielleicht doch in den Tod ging . . .

 

Lilian an die Professorin.

»Schreibe es sofort an die Mutter Erichs,« sagt mir Roland.

So wissen Sie denn, verehrte Frau, ich habe ihn gefunden.

Die Schreckensnachricht kam zu uns, daß Roland gefallen oder gefangen sei, ich hielt es nicht mehr aus. Ich wanderte ins feindliche Land. Im Geleite von Bruder Martin, ich meine nämlich Herrn Knopf – wagte ich es, über die Linie zu kommen. Wir waren als Südländer verkleidet, ich trug einen Arm in der Binde, als wäre ich verwundet. Ach! was soll ich von den Gefahren erzählen, die wir bestanden?

Herr Knopf kam doch nicht über die Linie, ich kam allein hinüber, Greif war bei mir.

O was habe ich Alles erlebt! Ich bin auf den Schlachtfeldern gewesen, habe Hunderten von Verstümmelten und Todten ins Antlitz geschaut. Ich war in Lazarethen, habe das Aechzen, das Wimmern gehört, und nirgends war Roland, nirgends eine Spur.

Weiter und weiter wanderte ich, und sie haben Mitleid mit mir gehabt, die Entsetzlichen.

Ich habe ihn endlich gefunden. Nein, nicht ich – Greif hat ihn gefunden. In einer Scheune lag er verwundet; er sah so abgemagert und verändert aus, ich hätte ihn kaum mehr erkannt.

Roland spricht davon, daß eine Frau in Männerkleidern ihn habe in die Scheune tragen lassen, er behauptet, es sei Gräfin Bella gewesen. Ich habe sie einmal gesehen, als ich noch auf Mattenheim war, ich sah sie jetzt – ich glaube, sie war es – in Männerkleidern auf einem Pferde vorübersausen; sie sah mich an, sie mußte mich erkannt haben.

Ich habe Roland einen Kiesel geschenkt, als wir uns auf Mattenheim trennten; diesen Kiesel, wohleingenäht, trug er auf dem Herzen, und durch ihn wurde er vom Tode gerettet.

Ich habe Alles nach Newyork berichtet, weiß aber nicht, ob der Brief ankommt. Nach Europa werden Briefe durchkommen, ich bitte Sie, die Nachricht an meinen Vater und an Erich gelangen zu lassen. Sagen Sie noch, daß Roland außer aller Gefahr ist; ein deutscher Arzt, der hier im Heere dient, gibt mir die Versicherung.

Geben Sie diese Nachrichten an Onkel und Tante und alle Angehörigen.

Roland ist eben erwacht.

Er läßt Sie bitten, den Taubstummen auf die Villa zu nehmen und ihm im Garten Beschäftigung zu geben, er spricht viel von ihm.

 

Doctor Fritz an Doctor Richard.

Wir erhalten nur schwer Nachrichten aus den Südstaaten. Ein Gefangener, der glücklich entkommen ist – Sie kennen wol die Unmenschlichkeiten, mit denen die Südstaatlichen die Gefangenen behandeln – erzählte mir zufällig, daß Sonnenkamp-Banfield dort im Heere kämpfe und bei ihm eine schöne Dame sei. Sonnenkamp ist in den Südstaaten nicht zu der Geltung gelangt, die sein Ehrgeiz erwartete. Er ist den südstaatlichen Junkern zu radikal, er macht aus dem, was sie wollen, ein logisches Princip, wie er das ja auch früher im Kampfe gegen mich that. Ganz vernichtet aber hat er seinen Einfluß, da er mit dem Plane heraustrat, aus den Südstaaten eine Monarchie zu machen. Das wollten die Junker des Südens doch nicht; der Republikanismus sitzt ihnen noch in den Gliedern, und wenn auch Sonnenkamp von seinem Plane zurücktrat, er hat das Ansehen verscherzt, das er bei seiner unbestreitbaren Kraft und seiner Rücksichtslosigkeit hätte erlangen müssen. Ich glaube, er und Gräfin Bella kämpfen nur noch aus Verzweiflung und Abenteuersucht.

 

Erich an Weidmann.

. . . So ist nun das Aeußerste erlebt!

Es war ein heißer Tag, auf beiden Seiten wurde mit Hartnäckigkeit gekämpft. Wir haben gesiegt, aber unser Verlust ist groß. Da kam Adams zu mir, er blutete und Schaum stand ihm vor dem Munde. Ich wollte seine Wunde verbinden lassen, er wehrte ab und rief:

»Kommen Sie! Kommen Sie! Ich habe ihn nicht getödtet . . . draußen liegt er.«

»Wer denn?«

»Der Vater Rolands!«

Ich nahm einen Arzt mit, wir eilten an Verstümmelten, Hülferufenden vorüber.

Wir kamen zu einem Hügel, dort lag er.

Als ich vor ihm stand, konnte ich kaum athmen, endlich rief ich:

»Vater!«

»Vater!« schrie er. »Weg von mir! Laßt mich!«

Gläsernen Blicks starrte er mich an. Er raufte das Gras aus und wühlte tief hinein, dann steckte er das Gesicht in die aufgewühlte Erde, er mochte den einzigen Duft suchen, der ihn erquickt hatte, aber er schüttelte den Kopf, er schien nichts mehr vom Brodem der Erde zu riechen.

Jetzt wendete er sich und starrte mich an.

Der Arzt untersuchte ihn, er blutete. Mit Kraft stieß er ihn von sich.

»Ich will nicht verbunden sein! Fort mit Euch Allen!«

Ich kniete zu ihm nieder und sagte, er habe nicht seinem Sohn im Kampf gegenüber gestanden, Roland sei seit drei Monaten verschwunden, wahrscheinlich gefangen.

»Gefangen! . . . Wehe! dreimal wehe!« schrie er. »Gefangen! . . . O, sie ist schuld . . . sie! . . . Ich wollte nicht . . . ich mußte . . . sie wollte zu Pferde sitzen . . . Amazone spielen . . .«

Er lachte höhnisch.

»Auf dem Meere . . . zur See . . .« fuhr er dann fort, »da wollte ich sein . . . ich mußte ihr folgen . . . ich sah sie fallen . . . sie war schön noch im Tode . . . eine Zauberin . . .«

Der Arzt winkte mir, ich verstand. Ich fragte, ob er keinen Wunsch mehr habe.

Er sah mich starr an.

»Dort . . . das gib mir . . . gib!«

Er deutete nach einer Erika, die nicht weit von ihm stand. Adams war unserm Blicke und den Worten gefolgt, er raufte einen ganzen Büschel Eriken aus und gab sie dem Sterbenden in die Hand, der den Neger mit heraustretenden Augen ansah. Dann trat ein Lächeln in sein Angesicht, er bäumte sich noch einmal hoch auf mit gewaltiger Kraft, that einen entsetzlichen Schrei, und sank zurück, der Tod streckte ihm die Glieder. Mit der Erika in der krampfhaften Hand starb er.

O, was habe ich erlebt, was mußte ich erleben!

Als wir ihn in die Erde eingruben und ihn ganz mit Eriken zudeckten, da weinte ich um den Mann von so gewaltiger Kraft. Was wäre aus ihm geworden, wenn . . .

Mitten im Schreiben werde ich unterbrochen.

Seit diese Zeilen hier stehen, habe ich noch einen Todten begraben.

Ich wurde zu Adams gerufen, er hatte es verabsäumt, sich verbinden zu lassen, und nun war es zu spät. Er verlangte nach mir. Ich stand an seinem Lager.

»Herr Major, werden meine Brüder frei?«

»Ja, ja,« rief ich ihm zu, da hob er seine Hände in die Höhe und schrie und tobte wie rasend. Seine wilde Natur, die nur gebändigt und zurückgehalten war, trat in seinem Todeskampfe heraus.

Ach, ich kann nicht weiter schreiben; ich habe mich in mir selbst geirrt. Ich glaubte gefestigt zu sein gegen Alles, ich bin es nicht. Ich bitte Sie nur, lieber Herr Weidmann, meiner Mutter den Tod vom Vater Manna's und Rolands mitzutheilen.

Könnte ich nur schlafen, Ruhe finden!

(Nachschrift von der Hand Manna's.) Dieser Brief, bis hierher geschrieben, fand sich in der Tasche meines Erich, als er unter dem Pferde hervorgezogen wurde. In der bis zur Bewußtlosigkeit gesteigerten Aufregung ist er zu Pferde gestiegen und wollte in die Schlacht, er ist gestürzt. Ich schicke den Brief. Noch erkennt er Niemand, noch spricht er verwirrt, aber der Arzt gibt mir Hoffnung.

Ich schicke den Brief erst fort, wenn ich Besseres berichten kann.

Drei Tage später.

Mein Mann sagt, daß er im Gedenken an Sie eine Labung finde. Ich habe heut auch an die Mutter geschrieben.

 

Manna an die Professorin.

Mutter, er ist gerettet! Verflogen alle Qual! Er ist gerettet! Tage lang, Nächte lang lag er im Fieber und erkannte mich nicht. Einmal aber rief er:

»Ach, die Harfentöne!«

Ich telegraphirte sofort nach Newyork, daß man mir meine Harfe schicke, da sagte mir der Telegraphist, daß eine Frau, die hier einsam lebe, eine Harfe besitze. Ich ging zu der Frau . . . Und diese Frau ist die Mutter meines Heimchen. Die Oberin hatte ihr von der Liebe des Kindes zu mir geschrieben und ich mußte nun der Mutter viel erzählen. Und jetzt . . . Ja, wir leben im Wunder! Von Heimchen kam mir die Harfe, die meinem Manne Ruhe zutönen sollte.

Ich weiß nicht, ob ich Ihnen je von einer verschleierten Spanierin, die wir in Carlsbad gesehen und der ich manchmal in der Kirche begegnete, gesagt habe; das war die Mutter Heimchens. Sie trägt ein schweres Schicksal; sie hatte sich vermählt und dann erfahren, daß ihr Mann bereits verheiratet war; sie will aber den Namen ihres Mannes nie nennen. Sie erzählte mir jetzt, daß sie mich schon damals kannte, sich mir aber nicht genähert habe; ein Cavalier aus der Umgebung der Gräfin Bella habe sie schwer beleidigt, so daß sie abgereist sei. Ich verstehe vieles nicht, was die Frau spricht; ich darf sie nicht bedrängen, denn sie spricht nicht gern.

Ich kehrte zu Erich zurück. Der Arzt war einverstanden, ich spielte im Nebenzimmer. Erich schlief, und als er erwachte, sagte er:

»Warum kommt denn Manna nicht?«

Der Arzt verbot mir, bei ihm einzutreten, man dürfe keine Erschütterung über ihn bringen. Und so durfte ich ihn nur sehen, wenn er die Augen geschlossen hatte, bis der Arzt es mir endlich erlaubte.

In seinen Fieber-Phantasien hat er mich immer im Kloster gesehen, wie ich damals das Flügelpaar trug, und dann sprach er französisch und lachte über Schwester Seraphine. Die Erschütterung, die Erich durch den Tod des Vaters erfahren, hatte ihm so alle Fassung genommen, daß er, wie der Arzt mir sagte, geraume Zeit keine Stunde mehr geschlafen.

Es wurden ihm Schlafmittel gegeben, aber sie erschienen gefährlich; man mußte ablassen. Da kam es wieder zur Schlacht, Alle baten ihn, sich Ruhe zu gönnen, er hatte sich ja so ruhmvoll bewiesen, aber er stieg zu Pferde und ritt hinaus. Das Pferd stürzte mit ihm und für todt wurde er ins Lazareth getragen. Ich erhielt die Nachricht und eilte hieher. Jetzt ist bereits Alles wieder gut, nur ist er noch sehr schwach.

Aber wie das seine Art ist, er bat mich, auch den anderen Verwundeten die Freude zu gönnen, und so muß ich oft stundenlang in den Krankensälen Harfe spielen. Es erquickt die Kranken unsäglich und die Aerzte behaupten sogar, daß durch die seitdem erheiterte Gemüthsstimmung die Wunden besser heilen. Wenn ich dann zu Erich komme und der Arzt ihm erzählt, wie wohlthuend die Musik für die Kranken sei, da leuchtet sein Antlitz; er spricht wenig, er hält nur still meine Hand. Aber, Mutter, Du kannst ruhig sein.

Erich verlangt, daß ihm erlaubt werde, auch ein Wort an Dich zu schreiben.

(Mit zitternden Zügen standen hier:)

Dein lebender, liebender, geliebter Sohn Erich.

(Dann von der Hand Manna's:)

Erschrick nicht über diese unsteten Schriftzüge. Der Arzt wiederholt, daß jede Gefahr vorüber sei, nur ist große Ruhe nöthig.

O Mutter! Wie soll ich Gott danken, daß mein Erich lebt, ich nicht verwittwet und ein Leben verwaist vor der Geburt. Sei ruhig, ich halte mich stark, ich habe dreifältig zu leben die Pflicht.

 

Manna an Professor Einsiedel.

. . . . . Im Hospitale wurde ich zu einem Schwerverwundeten gerufen, es war ein Gefangener aus dem Heere der Südstaaten, er hatte mein Harfenspiel gehört, nach mir gefragt und erfahren, daß ich eine Deutsche sei. Der Mann erzählte mir, er habe einen Oheim in Deutschland, der Buchhalter in einem großen Bankgeschäft gewesen. Eines Abends, als der Oheim im Theater, bestahl er ihn und entfloh. Ich sagte ihm daß ich einen solchen Mann durch Sie in Carlsbad kennen gelernt, das heißt nur gesehen habe; ich schilderte ihn so gut ich konnte. Der Kranke behauptete, das sei sein Oheim. Und nun bat er mich, diesem zu schreiben, daß er seine That bereue. Er habe immer gehofft, er werde zu großem Reichthum kommen, um zurückzukehren und Alles gut zu machen. Das sei nun nicht eingetroffen, er müsse arm sterben, aber er wünsche, daß der Oheim von seiner Umkehr wisse.

Wollen Sie dem Manne das Alles mittheilen.

 

Erich an seine Mutter.

. . . . In meinen Fieberträumen sagte ich mir immer: Du hast ja Deiner Mutter versprochen, gesund wieder heimzukehren; Du darfst nicht krank sein, nicht sterben, Du mußt Dein Versprechen erfüllen. Und das begleitete mich fort und fort, machte mich bald ruhig, bald unruhig. Ich meinte immer, ich müsse etwas thun können, um die Natur zu zwingen, daß sie die Schatten wegnehme, die Beschwerniß, die Unfähigkeit, die auf mir lastete. Es waren zwei Seelen in mir. Und einmal hörte ich Dich ganz deutlich zu mir sagen: Halte Dich nur ruhig; mit Deinem Denken zerstörst Du Dein Leben; lerne einmal gar nichts denken. Und dann stand ich oben auf der Tribüne beim Musikfest und sollte singen und konnte keinen Ton aus der Kehle bringen. Ich habe entsetzliche Qualen durchgemacht. Nun aber bin ich vollkommen frischauf . . .

 

Doctor Fritz an Weidmann.

. . . . . . Durch die Verwundung Erichs und das Harfenspiel Manna's, wie es in den Zeitungen stand, hat sich ein seltsames Räthsel gelöst. Zu mir kam ein altes Männchen von seinem Aeußeren, er sprach deutsch, aber offenbar mit jener Mühsamkeit, die zeigte, daß er vielleicht Jahrzehnte lang sich nicht in dieser Sprache ausgedrückt. Er fragte mich nun, ob ich in der That mit einem Major Dournay bekannt sei. Ich bejahte das, und nur mühsam brachte ich endlich heraus, daß dies der Oheim Erichs, ein Mann von großem Reichthum. Er wollte Näheres über die Familie wissen, vor Allem ob seine Schwester Claudine noch lebe. Glücklicherweise wußte Knopf alles Nähere.

 

Erich an seine Mutter.

Mutter! Der Oheim ist gefunden. Mein Sturz vom Pferde, mehr aber noch das Harfenspiel Manna's, wurde wie eine Wundermär in den Zeitungen erzählt. Der Oheim Alphons las das und meldete sich bei Doctor Fritz.

Der Oheim kam selbst zu mir, als ich noch schwer krank war.

Ich glaubte den Vater gesehen zu haben.

Man erzählte mir, ich sei so aufgeregt gewesen, daß man aufs Neue für mein Leben fürchtete. Nun mußten sie mir die Nachricht vorenthalten, bis ich wieder ganz gesund war. Ich habe dem Oheim Deinen Brief gezeigt. Der alte Mann, der Jahrzehnte lang nichts mehr von Europa, nichts von Blutsverwandten wissen wollte, weinte bitterlich. Er will mit uns nach Europa zurückkehren.

 

Knopf an Faßbender.

. . . Das classische Alterthum hatte schöne, große, heroische Gestalten, aber es hatte keinen Onkel in Amerika. Und wie wurde nur die Welt vor Columbus fertig ohne den Onkel in Amerika? Ich glaube, daß unser Herrgott, als er am siebenten Tage ruhte, in seinem Mittagsschläfchen den reichen Onkel von Amerika träumte, dichtete und schuf.

Mein Freund, der Major Dournay, hat nun auch seinen Onkel gefunden mit einer Mitgift, ich weiß nicht wie viel, aber viel ists, und Alles ehrlich erworben. Jetzt ist er selber auf den Punkt gestellt, das Räthsel zu lösen, was man mit so vielem Geld anfängt. Meine Sängerhallen will er nicht bauen, aber er wird anderes Großes thun . . .

 

Doctor Fritz an Weidmann.

. . . . . Zwei Kinder sind uns geboren. Manna ist von einem Sohn genesen und die Frau Knopfs eines Mädchens. Ich war gerade bei Knopf, als ihm die Tochter geboren wurde, und als er sie zum ersten Mal sah, rief er laut:

»Rein kaukasische Rasse!«

Er gestand mir dann, er habe trotz seiner Liebe zu den Negern doch immer gefürchtet, daß seine Rosalie ein schwarzes Kind gebäre, denn sie sah immer Negerkinder vor sich, da sie Lehrerin derselben wie er auch. Und nun freute er sich, daß seine Tochter, die er Manna Erika nennen läßt, rein kaukasische Rasse, und gar lustig preist er das Schicksal, das ihm, dem Mädchenlehrer, als Erstgebornes ein Mädchen gab.

Das Kind Manna's hat die Namen Benjamin Alphons erhalten. Onkel Alphons ist Pathe; er hat testamentarisch sein ganzes Vermögen zu gleichen Theilen seiner Schwester Claudine und dem Sohne seines Bruders verschrieben und jetzt bereits die Hälfte davon übergeben. Er will mit nach Europa ziehen, ich glaube aber, daß der gute Mann nicht lange mehr lebt.

Ich habe Ihnen früher mitgetheilt, daß meine Tochter Lilian den Heldenjüngling Roland in Feindesland aufgesucht und gerettet hat. Roland ist noch sehr schwach, er ist mit einem deutschen Arzte auf unserer Farm Lilianhouse, seine Jugendkraft wird ihn wieder herstellen. Er will später in die Marine eintreten.

Der große Kampf geht zu Ende, und mit der Siegesfeier werden wir die Hochzeit Rolands und Lilians feiern können. Sie bleiben hier bei uns.

Roland hat sich tapfer bewährt. Wir verwenden den größten Theil seines väterlichen Besitzthums, um den Negern freies Land zu schaffen, sie mit allem Nöthigen auszurüsten und Erziehungs-Institute für dieselben einzurichten . . .

 

Roland an Weidmann.

Lilian-House.

Hier in der Stille des Landlebens, während ich mich von den Mühen des Krieges erhole, habe ich auf einsamen Gängen einen Gedanken in der Seele gehegt, der sich schließlich in Worte fügte, die mich Tage lang wie eine Melodie begleiteten.

Ein Haus des Friedens und der Ruhe für die Kämpfer des freien Gedankens sei Villa Eden.

Wie dem, was ich will, eine bestimmte Fassung zu geben wäre, weiß ich noch nicht; aber ich meine doch, daß etwas der Art wie ein Kloster für einsam stehende, ruhebedürftige freie Seelen ins Werk gesetzt werden sollte.

Was wir hier von dem Erwerbniß während des Krieges verwendet und wie wir es nun für die befreiten Neger anwenden, das geschieht unter Mitwirkung von Doctor Fritz, den ich nun Vater nenne; denn erst jetzt beginnt die große und mühsame Arbeit.

In Europa ist noch unser Haus; meine Schwester wünscht mit mir, daß es nicht verkauft werde und nicht verödet bleibe, und ich frage, ob sich nicht etwas gründen und aufrichten ließe, das den Männern, die ihr Lebenlang für die höheren Anliegen des Geistes gearbeitet, eine freie und friedliche Ruhestätte biete.

Erich hat viele Bedenken; er wird mitberathen. Sollten Sie und die Freunde dort anders bestimmen, so erklären wir uns im Voraus einverstanden.

(Nachschrift Erichs.) Ich schicke Ihnen diesen Brief Rolands; ich lege ihn in Ihre Hand als Zeugniß seiner Gesinnung, denn dem Plane, den er mit Villa Eden hat, stehen unzählige Bedenken entgegen, die alle aus dem Einen fließen, daß der Gedanke der Freiheit sich keine Form aus einem andern Gebiete aneignen kann.

 

Erich an die Mutter.

. . . . . Mutter! Großmutter! Alles ist wohlauf. Ach, was ist da mehr zu sagen. Aus allem Elend heraus sind wir glücklich. Und Mutter, ich komme – ich komme heim mit meiner Frau und meinem Kinde und dem Oheim Alphons.

Die Wellen werden tragen, das Schiff wird halten, das Land wird feststehen, und Mutter, ich werde Dich wieder in meine Arme schließen, ich werde mein Kind in Deine Arme legen, wir werden leben, wirken . . .

 

Erich an Weidmann.

. . . . . Wir sind mit unserm schwarzen Regiment in Richmond eingezogen.

Ich habe das Höchste gelebt, ich durfte mitwirken in dem größten Kampf unseres Jahrhunderts.

Es gibt keine Sklaverei mehr.

Nun sollen sie herankommen die Herren mit Talaren und Bäffchen und uns sogenannten Ketzern eine That von solcher Tragweite zeigen gleich dieser.

Später.

. . . . . Da lesen Sie. Ein Mord, ein Meuchelmord! Warum soll es nicht sein? Warum soll nichts rein und schön sich vollführen?

Lincoln ermordet!

Ist es nicht oft, als ob ein schadenfroher Dämon die Welt regierte?

Nein, diese That steht da als Zeichen, bis zu welcher Barbarei die Bekenner der Aristokratie, die Vertheidiger privilegirter Classen, die Menschenleugner sich fähig gemacht. In künftigen Tagen würde man nicht mehr an die Ruchlosigkeit glauben, jetzt steht sie da als Meuchelmord und nicht als Meuchelmord eines Einzelnen; eine Bande hatte sich verschworen.

Sie hatten in den Südstaaten den Fanatismus losgelassen im Kriege, nun hat er sein blutiges Siegel.

 

Doctor Fritz an Weidmann.

. . . Die klare Geschichte wird es nicht dulden, daß aus Lincoln nun durch seinen Märtyrertod ein Heros gedichtet wird. Er war ein rechtschaffener, gediegener Mann, er lebte für eine gute Sache, er wurde ermordet um ihretwillen; das ist viel und genug.

Der Steuermann ist über Bord gestürzt.

Mir fällt ein Ereigniß aus meinem Leben ein, das sich jetzt in der weitesten Ausdehnung erneuert.

Als ich zum ersten Mal, nachdem unsere Hoffnungen für das deutsche Vaterland gescheitert waren, über das Meer in die neue Welt fuhr, war ein plötzlicher Schreck auf dem Schiffe, das im raschen Lauf unversehens anhielt. Alles war erschüttert; Alles fragte: was ist geschehen? Und da hieß es: der Steuermann ist über Bord gestürzt.

Der Steuermann der amerikanischen Union ist über Bord gestürzt und die tausendfältige unermeßliche Bewegung der neuen Welt hält plötzlich still, wie damals unser Schiff auf dem Meere. Aber das Schiff ist fest gefügt, im Sturm erprobt; es wird dem Steuermann nachgetrauert, aber Andere treten an seine Stelle.

Es ist kein Wortspiel, wenn ich Ihnen sage, daß jetzt zum ersten Mal die amerikanische Union eine wunderbare Einheit der Empfindung gewonnen hat.

Es ist so schwer, daß sich in unserer modernen Welt eine gemeinsame Empfindung in allen Seelen festsetze; jetzt ist sie da und wird eine Wirkung üben, unabsehbar.

Wann hatte der neue Continent je eine Stunde, einen Tag, in dem eine einzige Empfindung die Herzen aller Menschen durchzitterte, wie jetzt beim Tode Lincolns?

Das ist eine Wirkung, wie sie größer nicht erdacht werden kann. Nicht der Aufruhr, sondern die Ruhe, die nach dem Tode Lincolns eintrat, ist das Große. Da war ein still trauerndes Volk, eine ganze große Volksseele trauerte.

Wenn es noch etwas geben konnte, um auf ewig auch die letzte Spur von einer Berechtigung der Sklaverei aus der Seele der Menschen zu tilgen, der Tod dieses einfach tüchtigen Mannes und die Todesart hat das bewirkt.

Ist es vielleicht doch ein Gesetz der Geschichte, daß eine große Idee zu ihrer Besiegelung den Opfertod eines Märtyrers erheischt?

 

Knopf an den Major.

. . . . . Der Oheim unseres Freundes Dournay ist todt, er war krank, die Nachricht von der Ermordung des Präsidenten Lincoln hat ihn getödtet.

Erich und Manna kehren heim mit ihrem Sohne.

 

Erich an Weidmann.

. . . . . Denn das ist so geworden, die Geschichte hat über das so erworbene Besitzthum verfügt.

Roland bleibt hier, er findet hier die rechte Bethätigung für sein Streben im Anschluß an die Familie unseres Freundes Doctor Fritz.

Ich kehre mit Manna heim. Wir haben uns entschlossen, vorerst Villa Eden zu bewohnen.

Dieser Brief geht uns nur um drei Tage voraus nach Europa, an den Rhein . . .

Ich habe Roland versprochen, zum Jahre 1876, zur Jahrhundertfeier der amerikanischen Republik hierher zu kommen. In dem großen Erinnerungsfeste der modernen freien Welt wollen wir Beide dann auch still vergleichen, was Jeder in seinem Vaterlande gewirkt.

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