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Das Landhaus am Rhein / Band V

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band V - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band V
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band V
pages1-246
created20060810
sendergerd.bouillon
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Zwölftes Capitel.

Im Wirthshaus zum Karpfen war lautes Getümmel. Der Küfer, als junger Wirth, schenkte fröhlich ein, der Krischer und der Siebenpfeifer schauten vergnüglich zu und stießen manchmal mit den gerippten Gläsern an.

Man wußte in der ganzen Gegend, daß der Küfer ein Vertrauter Rolands und Erichs war, und nun kamen junge Männer von allen Orten, die sich für den amerikanischen Krieg anwerben lassen wollten, ja, eine Deputation aus der Cementfabrik Weidmanns bat um Ueberfahrtsgeld für zweiunddreißig Mann.

Der Küfer hatte Roland berichtet, was vorging. Roland kam in das Wirthshaus zum Karpfen und legte den Männern dar, daß er nur drei junge Aerzte – für einen derselben war der Banquier eingetreten – mitnehme, daß er aber sonst Niemand veranlasse, mit ihnen zu gehen.

Von Krischer geleitet, kehrte er wieder nach Villa Eden zurück, wo jetzt der Major lebte.

Der Major machte mit der Frau Majorin auch seine Hochzeitsreise; sie verweilten eine Zeit lang in dem Theile des Gartens, der Nizza genannt wurde, dann gingen sie durch den Park und auf den Hügel, wo man rheinabwärts schaute. Sehr vergnüglich sagte er:

»Nun, Frau Majorin, hier sind wir auf dem höchsten Berge der Schweiz.«

Und beim kleinen See sagte er:

»Frau Majorin, wollen Sie gefälligst den Lago maggiore bewundern.«

Durch die Treibhäuser gingen sie und der Major rief lachend, daß die Welt hier ihren schönsten Pflanzenschmuck zusammengestellt, um ihnen nicht die Mühe der Wanderung zu machen. Er bat seine Frau, sie möge ihn entschuldigen, wenn er in den nächsten Tagen sich ihr nicht widme; es sei noch so Vieles zur Abreise zu besorgen.

Es gab in der That der Erledigungen noch viele und zuletzt mußte Erich doch manches Wesentliche Weidmann und dem Landrichter überlassen.

Bevor er abreisen konnte, mußte er seinen Abschied nehmen; er stand in der Reserve. Er erhielt auf seine Eingabe die Antwort, daß der Fürst ihn persönlich sprechen wolle. Er reiste nach der Residenz und war nicht wenig erstaunt, wie huldreich und ehrend der Fürst sich aussprach, indem er äußerte, daß er einem Manne wie Erich nicht den Abschied, sondern Urlaub auf unbestimmte Zeit geben möchte.

Erichs Stolz wurde indeß alsbald gebeugt, da der Fürst darauf hinwies, daß Erich, der nun solche Reichthümer besitze, im Lande bleiben möge.

Der Tag der Abreise, lange vorbereitet, kam doch überraschend.

Der Kammerdiener Joseph kam mit seiner Braut; man hatte ihm die Mittel gegeben, daß er ein eigenes Wirthshaus in der Residenz erwerbe. Er benahm sich indeß hier noch als der Diener des Hauses.

Der Sohn Faßbenders, der im Comptoir des Banquiers gearbeitet hatte, zog mit in die neue Welt; er wollte in das Geschäft seines Bruders eintreten, der ein bedeutender Bauunternehmer war.

Der Stumme aus der Cementfabrik, dem Roland ein Messer geschenkt hatte, kam am Abend vor der Abfahrt; er brachte Roland einen Topf, worauf in sehr unbeholfener Schrift eingegraben war: Komm wieder.

Roland bat den Sohn Weidmanns, für den Verlassenen zu sorgen. Der Stumme zog mit nach Mattenheim.

Sehr schwer ward Roland der Abschied von den Pferden und Hunden. Er hatte gewünscht, Greif mitzunehmen, aber man hatte ihm die Beschwerlichkeiten vorgehalten und er stand davon ab. Und so hielt er die Hand auf den Kopf des Hundes gelegt und sagte:

»Ja, alter Freund, kann dich nicht mitnehmen, muß noch viel mehr hier lassen als dich, weiß selbst nicht, wohin es geht.«

Der Hund sah traurig zu seinem Herrn auf.

Am Morgen war große Wallfahrt von der Villa nach der Anlände des Dampfschiffes.

Man ließ die Wagen vorausfahren, Weidmann hielt Erich, der Major Roland, und Knopf hielt den Neger an der Hand; Manna ging zwischen der Professorin und der Majorin, Claudine und Professor Einsiedel waren auf der Villa zurückgeblieben. So wandelte man dahin. Manna weinte und stützte sich auf den Arm ihrer Führerin. Nach dem Kirchhof aufschauend sagte sie:

»Am Ufer dieses Stromes sind wir zu Hause, hier ruht unsere Mutter in der Erde. Ich erinnere mich einer alten Sage: die nomadischen Stämme wandern und wandern, aber wo sie ein Grab der Ihren gegraben, da müssen sie endlich bleiben und aufhören, Wanderer zu sein.«

Die Stimme Manna's stockte; nach einer Weile fuhr sie fort:

»Da stehen die Bäume, die der Vater gepflanzt . . .«

Sie konnte vor Weinen nicht weiter sprechen.

Als man an der Anlände ankam, fand man eine große Versammlung. Der nunmehrige Karpfenwirth und der Siebenpfeifer übergaben im Namen Vieler ein Fäßchen Jungfernwein mit frischem Grün bekränzt.

Jetzt wurde der Krischer lebendig, er rechnete aus, wie viel auf jeden Mann von der Reisegesellschaft täglich komme, bis man in Newyork sei.

Erich und Manna saßen bei der Mutter und hielten ihre Hand; die Mutter sprach ihnen Trost ein und sagte:

»Erich, schone Dein Leben . . . Solltest Du fallen um der großen Sache willen, so werde ich um Dich trauern, Dich nicht beklagen.«

»Mutter, ich habe die Zuversicht, daß ich lebend aus diesem Kampf heimkehre; und sollte ich fallen, so halte fest, ich habe das höchste Leben gelebt, durch Dich, durch den Vater und durch die Liebe meiner Manna.«

Die Mutter drückte ihm still die Hand. Dann übergab sie ihm noch das Bild von Oheim Alphons und empfahl, nach ihm und seinen etwaigen Nachkommen zu forschen.

Jetzt zeigte sich wieder die Lustigkeit des rheinischen Lebens. Der Gesangverein hatte sich mit einer Musikbande eingefunden, helle Lieder wurden in den jungen Tag hinein gesungen, vom Schiffe, das jetzt stromab kam, so zierlich und schlank, tönten Böllerschüsse, das Schiff hielt an, der Abschied war bedrängt. Erich, Manna und Roland küßten die Mutter und die Mutter rief:

»Haltet treu aus.«

Das Schiff stieß ab, da tönte ein Schrei; der Hund Greif, den der Küfer am Halsbande gehalten, hatte sich losgerissen und war in den Rhein gesprungen, dem Schiffe nach. Das Schiff hielt nochmals an, der Hund wurde heraufgezogen und nun mitgenommen.

Die am Ufer Zurückbleibenden winkten, die auf dem Schiff antworteten, bis sie einander nicht mehr sahen, aber noch lange ruhte ihr Blick auf der Villa. Was wird aus dem Hause? Welche Menschen werden dahin zurückkehren? Welch ein Leben wird sich dort aufbauen?

Jetzt aber hatten sie noch eine Ueberraschung. Es war Niemand aufgefallen, daß man den Major beim Abschiede nicht gesehen, nun kam er mit seiner Gattin aus der Cajüte. Sie begleiteten die Davonziehenden bis nach dem Niederrhein. Ein gutes Stück Heimat zog mit ihnen.

»Ja,« sagte der Major zu Erich, »Sie wissen, ich bin Tambour gewesen . . . ich erzähl' Ihnen die Geschichte schon noch einmal . . . Wenn Sie wiederkommen, sollen Sie sie haben.«

An der Station vor der Insel stiegen der Major und seine Frau aus, hier hatten sie in der ersten Zeit ihrer Vereinigung gewohnt, hier wollten sie nun wieder einen Tag sein und den freundlichen Menschen von damals sich als Eheleute zeigen. Noch vom Kahn aus winkte der Major, er wollte ein fröhliches Gesicht machen, aber die Thränen rannen ihm über die Wangen, er beugte sich über den Kahn und seine Thränen flossen in den Rhein.

Man fuhr still dahin. Als man an der Klosterinsel vorüber kam, wiegte sich ein Flug weißer Tauben über der Insel, die Nachtigallen schlugen so laut, daß man sie durch das Geklapper der Dampfschiffräder hindurch hörte, die Kinder auf der Insel gingen Paar und Paar am Uferweg und sangen.

Manna grüßte hinüber. Niemand ahnte, wer da vorüberfuhr, fort . . . fort dem Meere zu, in die neue Welt.

Erich erinnerte sich eines Blattes, das ihm Weidmann beim Abschied gegeben, er las es; es waren Worte aus dem Schlusse des Kosmos von Humboldt:

»Es gibt bildsamere, höher gebildete, durch geistige Cultur veredelte, aber keine edleren Volksstämme. Alle sind gleichmäßig zur Freiheit bestimmt.«

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