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Das Landhaus am Rhein / Band V

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band V - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band V
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band V
pages1-246
created20060810
sendergerd.bouillon
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Elftes Capitel.

Zur Hochzeit von Lina und dem Architekten waren Manna und Erich noch einmal fröhlich mit den Fröhlichen. Als sie nach Villa Eden zurückkehrten, war ein Besuch eingetroffen. Der Banquier war mit seiner Schwiegertochter gekommen, die die Schwester Rolands und die Schwiegermutter kennen lernen wollten. Die drei Frauen schlossen schnell jene Freundschaft, die sich auf Grundlage schöner und freier Bildung aufbaut. Sie gingen nach dem Treibhaus, ein würziger Duftstrom wallte ihnen entgegen und hielt sie umflossen, und das Auge ward erquickt von den vielfarbigen neu entfalteten Blüthen.

Da kam der Major mit Fräulein Milch und sein erstes Wort war, zu Manna gewendet:

»Frau Hauptmann, ich stelle Ihnen hier die Frau Majorin vor.«

Er ließ die erstaunten Frauen stehen und holte die Männer herbei, dann sagte er, daß er bereit sei, dem Andringen der Freunde nachzugeben, die Villa zu bewohnen und Alles in Stand zu halten, und daß Fräulein Milch sich bereit erklärt habe, nun ihre Verhüllung zu lösen; der freie und schöne Entschluß Manna's habe auch den Bann von Fräulein Milch genommen, er bitte die Freunde, die Geschichte anzuhören, die sie erzählen werde.

Man setzte sich und Fräulein Milch erzählte:

»Sie, Herr Professor, sind ganz wie mein Vater; er war auch ein Gelehrter, aber in anderem Gebiet. Sie haben viel von seinen Gewohnheiten. Sie, Frau Professorin, die mich geehrt, bevor Sie mein Leben kannten, und Sie, Frau Hauptmann, die mir, nach Besiegung schweren Vorurtheils, reiche Liebe zugewendet, sollen mich nun kennen. Sie aber,« wendete sie sich an den Banquier, »Sie werden meine Lebensgeschichte noch am besten verstehen, denn Sie sind ein Jude, wie ich eine Jüdin.«

Sie hielt inne.

Alle schwiegen. Fräulein Milch fuhr fort:

»Ich bin die Tochter eines jüdischen Gelehrten. Mein Vater war ein Mann, edel und fromm, er galt als scharfsinniger Gelehrter, aber im Leben war er kindlich unbefangen und sogar unbeholfen. Er las in den heiligen Büchern vom Morgen bis zum Abend.

Meine Mutter, die aus einem vermögenden Hause stammte, hatte nach dem Willen ihrer Eltern meinen Vater um seiner Frömmigkeit und Gelehrsamkeit willen geheiratet; sie war voll Anbetung für meinen Vater.

Die Stille und Gleichmäßigkeit, die ruhige Sättigung, die in meinem elterlichen Hause herrschte, wie die Armen gespeist wurden, wie das ganze Leben nichts war als die Pause von einem Gottesdienst, von einem Fest zum andern, das können nur Sie« – sie wendete sich wieder zum Banquier – »nur Sie allein ermessen. Ich selber muß mich oft darauf besinnen, wie auf einen Traum.

Im Winter, wenn die Gemeinde zu meinem Vater in sein Studirzimmer kam zum gemeinsamen Gebete, da er nicht ausgehen durfte, hörte ich nach Vollendung des Gebets auch von Weltbegebenheiten sprechen.

Was wußten wir von der Welt?

Die Beamten, die Soldaten da draußen, denen gehörte die Welt, sie erschienen mir als Wesen, die in einem Märchenreich sich bewegten, in das man nicht kommen kann.

Mein einziger Bruder war ein schöner Mensch, er hatte Aehnlichkeit mit dem Herrn Hauptmann Dournay und er ward der Freund des bei uns einquartierten jungen Tambours Graßler. Er ehrte den Vater, wir gewannen ihn bald lieb. Der Tambour mußte weiter ziehen. Ich weiß noch als wäre es heute, ich stand an der Treppe, ich hielt eine Kugel des Geländers, die sich drehen ließ, in der Hand und spielte damit, da sagte der Tambour zu mir: Ja, Rosalie, wenn Du groß bist und ich Officier geworden, da komme ich wieder und hole Dich.

Er ging davon und trommelte, und ich hörte aus dem Trommeln heraus immer die seltsamen Worte und stand an der Treppe und drehte die Kugel und die ganze Welt drehte sich mit mir. Aber ich bitte, ich werde zu weitläufig.«

»Nein, erzählen Sie nur so ausführlich, als Sie wollen.«

»Nun also, sie zogen in den Krieg, mein Bruder fiel; Conrad kam zurück, er war Fähnrich geworden, er brachte dem Vater das kleine Gebetbuch meines Bruders, durch dessen Decke und Blätter eine Kugel gegangen war. Mein Vater, meine Mutter und ich, wir saßen sieben Tage trauernd auf der Erde; Conrad kam und setzte sich zu uns. Dann saß mein Vater wieder unter seinen heiligen Büchern, aber während er sonst nur leise vor sich hinsummte, sprach er jetzt die Worte laut und heftig; er schien die Gedanken bezwingen zu müssen, die sich nach dem Sohne hindrängten.

Die Zeit heilte allmälig den Schmerz. Der Bruder ruhte längst, wer weiß wo, im Grabe, Conrad war nach der Heimat zurückgekehrt. Ich war siebzehn Jahre alt, wir hatten das Osterfest gefeiert und mein Vater sprach über die wunderbare Befreiung aus der Sklaverei, deren Gedächtniß wir zu Ostern feiern, und klagte über den Druck, unter dem wir jetzt noch seufzen.

Erst spät hatten wir uns zur Ruhe begeben. Ich schlief in der Kammer neben meinen Eltern. Da hörte ich, wie mein Vater zur Mutter sagte:

Was sind wir Juden doch so armselig dran! Da ist der prächtige Mensch, der getreue, herzgute Conrad Graßler wiedergekommen. Er hat es bis zum Hauptmann gebracht und sie haben ihn als Major pensionirt, und da kommt er nun und hält um unsere Rosalie an. Wenn der gute Mensch von unserm Glauben wäre, wie gern gäbe ich ihm mein Kind! Ich könnte mir keinen besseren Mann für sie wünschen. So aber kann es doch nicht sein, und Gott soll mir die Sünde verzeihen über Alles, was ich gedacht habe.

Das hörte ich in der Kammer im elterlichen Hause; im Geiste war ich schon auf und davon, in der Welt draußen, wo die Beamten lebten, die Soldaten und alle die, denen die weite Welt gehört.

Mein Vater hätte nichts gegen Conrad, wenn das Eine nicht gewesen wäre . . . so sprach es in mir die ganze Nacht. Und am Morgen, als Vater und Mutter in der Synagoge waren, saß ich mit meinem Gebetbuch allein . . . hier ist es, es ist ein Andachtsbuch für Frauen, von meinem Vater verfaßt . . . aber meine Gedanken waren nicht dabei. Ich war allein im Hause, auf der Gasse sah man Niemand. Die ganze Gemeinde war in der Synagoge. Ich setzte mich in die Mitte des Zimmers, ich wollte nicht durchs Fenster sehen, denn gewiß geht Conrad vorüber.

Wie wunderbar, daß er gehalten, was er mir als Kind versprochen. Wie ist er geworden? Wie wird er mich finden?

Da, ich weiß nicht, wie es kam, stand ich doch am Fenster und schaute hinaus; ich sehe Conrad, ich ziehe mich vom Fenster zurück, aber es kommen Schritte die Treppe herauf . . . mein Herz klopft zum Zerspringen.

Ich erzählte Conrad, was mein Vater in der Nacht zur Mutter gesagt.

Mein Vater kam aus der Synagoge zurück und nie habe ich schwereres Leid empfunden, als da er mir segnend die Hand aufs Haupt legte, wie das Brauch bei uns ist. Ich wollte die Festesfreude nicht stören, erst nach dem Feste – ach, ich habe ihm die ganze Freude des Lebens zerstört, es gab kein Fest mehr für ihn – entfloh ich mit Conrad. Ich redete mir ein, mein Vater würde uns seinen Segen geben, wenn er sähe, daß es nicht mehr anders möglich sei. Wir schrieben an ihn, er antwortete nicht; durch einen Freund ließ er uns sagen, er habe zwei Kinder gehabt, die seien gestorben; er bitte und bete, daß es ihnen in der andern Welt gut gehen möge. Dann ließ er mir weiter sagen: Du suchst Ehre vor der Welt und um dieser Ehre willen hast Du Deinen Vater verlassen. Ich schrieb ihm zurück und gelobte heilig, daß ich keine Ehre vor der Welt wolle; ich versprach, die Geringschätzung, die Schande der Welt auf mich zu nehmen, und – das habe ich gehalten bis auf den heutigen Tag. Wir ließen uns bürgerlich trauen, vor der Welt aber verzichtete ich auf alle Ehre.

Conrad bekam bald die Nachricht, daß meine Mutter gestorben war, auch der Vater folgte ihr nach wenigen Monaten. Ich erhielt ein kleines Erbe; ich habe lange Zeit in Schmerz um meine Handlungsweise gegen meine Eltern gelebt. Conrad, der selber darunter litt, tröstete mich mit der ganzen Güte seines Herzens. Ich war einmal auf dem Grabe meiner Eltern, unerkannt, in der Nacht. Wenn es eine schwere Buße giebt, ich ertrug sie, daß ich bei Nacht, mich vor dem Blicke der Menschen fürchtend, auf dem Grabe meiner Eltern sein mußte. Und doch gewann ich von dort eine Erleichterung. Ich hatte wenigstens die Kraft, vor Conrad meinen Schmerz zu unterdrücken. Conrad und ich zogen nach dem Rhein. In einem Dorfe am Niederrhein lebten wir zwölf Jahre, verborgen vor aller Welt, in uns glücklich. Wir bedurften nichts von der Welt als uns selbst. Niemand kannte uns. Ich besuchte die Kirche, ich hatte das Verlangen, gemeinsam mit Menschen zu beten. Während die Orgel brauste und ein mir fremder Gottesdienst gefeiert wurde, saß ich allein und betete in dem Gebetbuch, das mein Vater verfaßt, und in dem andern, das mein Bruder im Felde gehabt und das an seinem Herzen geruht hatte, bis es nicht mehr schlug. Ich war keine Fremde mehr, denn da waren Menschen neben mir, die zu demselben Geist beten, den auch ich anrufe, und dieser Geist wird wissen und zurecht legen, warum die Menschen in so verschiedener Weise sich zu ihm wenden.

Wir zogen hieher. Wie ich hier lebte, wissen Sie. Auch beim Umzuge wollte Conrad, daß ich meine Ehrenstellung einnehme, aber mir war es lieber, nicht Frau Majorin zu heißen; es war mir eine Buße und Kasteiung, weil ich doch meine Eltern und die Meinen verlassen hatte; wir lebten in der Treue, in Einigkeit. So haben wir gelebt und nun glaube ich, meine Schmerzen haben mich entsühnt, ich bin frei.«

»Sie sind es,« riefen der Banquier und Professor Einsiedel wie aus Einem Munde.

Manna umarmte die Majorin.

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