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Das Landhaus am Rhein / Band V

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band V - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band V
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band V
pages1-246
created20060810
sendergerd.bouillon
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Achtes Capitel.

Das große Gesetz unserer Zeit, daß alles Leben als einheitliches empfunden wird, machte sich nirgends stärker und nachhaltiger geltend, als in dem thätigen Hause auf Mattenheim. Weidmann hielt sein Denken auf die Bewegung in der neuen Welt gerichtet, und der Jüngling war durch sein Schicksal damit verbunden.

Mit Begierde las Roland die Schriften und Zeitungen, in denen die sogenannte Sklavenfrage erörtert wurde. Doctor Fritz schrieb in unzufriedenem Tone über Lincoln; er fürchtete, daß der Mann so lauteren Charakters und so grundmäßigen Glaubens an die Güte der Menschen nicht entschieden genug gegen die Junker der Südstaaten vorgehen werde.

Roland hörte hier die Sklavenhalter immer Junker nennen, und Weidmann erklärte ihm, daß dies der vollkommen deckende Ausdruck sei. Die Sklavenbesitzer wollten nur den sogenannten noblen Passionen leben; für den Lebensunterhalt, ja für den Luxus sollten andere Menschen arbeiten. Das ist das correcte Junkerthum. Denn es sieht die Arbeit als etwas Erniedrigendes und Entwürdigendes an, während Arbeit allein der Adel des Menschen ist.

Roland las jetzt zum ersten Mal »Onkel Toms Hütte«; er weinte Thränen darüber, aber bald richtete er sich auf und fragte:

Was ist das? Den Gepeitschten und Mißhandelten an Vergeltung im Jenseits weisen, wo der Herr des Sklaven gezüchtigt und der mißhandelte Sklave erhöht wird? Wer gibt die erlittene Qual zurück? Ist das nicht wie damals beim Krischer? Wer entschädigt ihn für die Gefangenschaft, die er erleiden mußte, um dann als unschuldig erkannt zu werden?

Ganz anders war die Wirkung des aus gediegener Vorbereitung entstandenen Buches von Friedrich Kapp, »Geschichte der Sklaverei in Amerika,« dessen Erscheinen eben jetzt wunderbar mit den Ereignissen zusammen traf.

Anfangs konnte der Jüngling nicht fassen, wie man sachlich und rein geschichtlich eine so empörende Thatsache darstellen könne; bei einer Stelle aber schrie er unwillkürlich laut auf, denn es hieß:

»Die Rheder der Sklavenschiffe sind fast sämmtlich Ausländer, Spanier und Portugiesen, leider auch« . . . hier folgte ein Gedankenstrich, und dieser Gedankenstrich war wie ein Dolch . . . »leider auch – Deutsche!«

Zum ersten Mal wurde Roland auch an Benjamin Franklin zweifelhaft.

Er las, daß Franklin zwar den Vorsitz in der abolitionistischen Gesellschaft zu Philadelphia geführt, aber auch er wie die anderen Helden des amerikanischen Befreiungskampfes hatten sich in der Bemühung, die Einheit zu schaffen, bei Gründung der Union mit dem Gedanken getröstet, daß in einem Menschenalter durch Zunahme der freien Arbeit die Sklaverei aufhören und erlöschen werde.

Ihre Hoffnung hatte sich nicht erfüllt und jenes Wort Theodor Parkers erneuerte sich schmerzlich:

»Alle großen Urkunden der Menschheit sind mit Blut geschrieben worden.«

Vor einem Bild von Ary Scheffer, das in der Wohnstube hing, stand Roland oft nachdenklich, es war die Anbetung des Jesuskindes. Darauf ist ein Neger, eine tiefrührende Gestalt, der die gefesselten Arme dem tröstenden und befreienden Erlöser entgegenstreckt. Zwei Jahrtausende streckt dieser Stamm dem erlösenden Menschheitsgedanken die gefesselten Arme entgegen. – Warum ist das bis jetzt so geblieben?

Roland fielen die Verse von Goethe ein, er wiederholte sie zu Weidmann und dieser sagte:

»Das Erbtheil des freien Menschen ist, daß er Niemand ganz und in Allem als vollkommen vor sich sehen kann. Aehnlich wie Goethe es thut, rühmen sich die Amerikaner selber, daß sie keine mittelalterlichen Zustände zu überwinden hätten, und sie haben doch das Erbe der Sklaverei, das Manche sogar als den natürlichen Zustand der arbeitenden Classe erklären.«

Weidmann gab Roland die Rede zu lesen, die Abraham Lincoln im Cooper-Institute zu Newyork gehalten.

Roland mußte sie laut vorlesen, seine Stimme stockte, sein Ton war schmerzlich bewegt, als er las:

»Und würden wir auch unsere Stimmen aufopfern, Republikaner, Ihr könnt sicher sein, die Demokraten werden es hierbei nicht bewenden lassen. Wir dürfen nicht einmal stille sein. Wir müßten aufhören, die Sklaverei ein Uebel zu nennen, mir müßten ihre Berechtigung laut und unbedingt zugeben. Die Constitutionen aller unserer freien Staaten müßten abgeändert, und was immer in ihnen der Sklaverei widerspricht, ausgestrichen werden.

Da die Südlichen vorgeben, die Sklaverei sei eine moralische Einrichtung, welche die Menschheit erhebe, so müssen sie folgerichtig darauf ausgehen, daß sie allgemein als ein sittliches Recht, als ein socialer Segen anerkannt und auch allenthalben eingeführt werde.

Unser Pflichtgefühl fordert uns auf, solch einem Verlangen entgegen zu treten. Wir müssen an unserer Pflicht festhalten und jede schlechte Zumuthung mit ganzer Kraft und ohne alle Rücksicht zurückweisen. Weg mit dem sophistischen Gerede von einer Vermittlung, von einem Halbweg zwischen Gutem und Bösem! Hieße das nicht eben so viel als nach einem Mann forschen, der weder todt ist noch lebendig? Fort mit der Staatsweisheit »was gehts Euch an,« über eine Frage, die alle Menschen angeht. Kerker dürfen uns nicht erschrecken. Halten wir fest an dem Glauben: Recht gibt Macht. In diesem Glauben laßt uns handeln wie die Pflicht es gebietet bis zum Ende unserer Tage.«

Thränen traten Roland in die Augen, er sah zu dem Bilde auf, wo der gefesselte Neger seine Hände emporstreckt, und in ihm sprach es: Du wirst erlöst.

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