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Das Landhaus am Rhein / Band V

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band V - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band V
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band V
pages1-246
created20060810
sendergerd.bouillon
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Sechstes Capitel.

Während die Menschen draußen bereits über Haus und Hof verfügten und dessen Bewohner in die Fremde schickten, saßen Roland und Manna in stiller Trauer.

Nach gewaltiger Erschütterung, nach der anspannenden Kraft, solche zu ertragen, tritt eine Müdigkeit, eine Ruhebedürftigkeit ein, die nichts möchte, als nur die erste Zeit im Schlafe verbringen, bis sich die Lebenskräfte wieder erneuert haben.

Der Vater war entflohen, die Mutter todt, und draußen tobten die einbrechenden Winterstürme.

Sonnenkamp hatte seinen Kindern den größten Theil seines Reichthums zurückgelassen; er hatte erklärt, daß auf diesem Besitzthum kein Flecken hafte, aber es ruhte dennoch kein Segen für die Kinder auf diesem väterlichen Erbe. Sollten sie Alles von sich geben? Sie waren im Reichthum erzogen, daran gewöhnt, hier in diesem Hause, wo Alles in solcher Fülle, hier im Garten, wo man lustwandeln konnte; aber weit weg drängten sie die Versuchung des Reichthums, ja sie waren kaum davon berührt. Erich und Manna wollten sich ein neues Leben schaffen. In Roland erwachte nun ganz allein der Gedanke, zu welchem Berufe er sich bestimmen sollte. Er sagte Manna, daß er entschlossen sei, Landwirth zu werden und mit seiner Hände Arbeit sich sein Brod zu verdienen.

»Ach,« sagte er ihr, »wenn Du nur auch eine Thätigkeit gewinnen könntest.« Und es war ein aus Schmerzen hervorbrechendes Lächeln, wie ein aus dunkler Wolke dringender heller Strahl, da er hinzusetzte:

»Ich vergesse ja ganz, daß Du die Gattin Erichs wirst.«

Manna schwieg.

»Was liesest Du denn so eifrig?« fragte Manna, da er stundenlang still sitzend von einem Buche nicht aufsah.

Er zeigte es ihr, es war ein Lehrbuch der Forstwissenschaft.

Die Erkenntniß des stetigen Wachsens, diese Pflege desselben durch den Menschen erquickte ihm die Seele. Es war mit einem eigenen Herzstoß, da er sagte:

»Ich konnte nicht, wie der Väter, Gartenpflanzen pflegen, aber es ist doch von ihm, daß mich der Forstbetrieb am meisten anzieht. Die Kraft des Bodens, die Gesetze des Wachsthums sind in der alten und neuen – ich wollte sagen – auf der ganzen Erde die gleichen.«

Roland wagte noch nicht, Manna zu sagen, daß er sich vorbereite, nach Amerika zu ziehen. Selbst die Geschwister scheuten sich, mit einander davon zu sprechen, wie sie ein Leben fortsetzen wollten, dem alles Aeußerliche geboten war, dem aber ein Etwas fehlte, das nie zu ersetzen schien: die Ehre.

Weidmann kam nach Villa Eden, und jetzt übernahmen er und Erich im Beisein des Notars die Werthpapiere. Im Pulte des Schreibtisches lagen die Schlüssel und das geheimnißvolle Wort, zu dem die Buchstaben an den Drehrosetten gefügt werden mußten, damit der Schlüssel öffne. Das Wort hieß Manna.

Das Besitzthum war wohlgeordnet; in verschiedenen Fächern lagen Staatspapiere von allen europäischen Staaten, in der größten Anzahl von amerikanischen, Actien von Bergwerken und den mannigfaltigsten Bank-Instituten; da lagen die Papiere von verschiedener Art und Farbe, alle Schattirungen des Regenbogens waren da.

Auf den Wunsch Weidmanns mußte Erich mit Roland und Joseph nach der Handelsstadt reisen, um die Staatspapiere in sichere Obhut zu bringen.

Dort angekommen, war ihr erster Weg nach dem Hause des Banquiers, das, in einem Garten vor dem Thore, ländliche Ruhe mit städtischer Bewegtheit vereinigte; das Gewerbs- und Geschäftsleben hielt sich im Innern der Stadt, hier draußen war ein befreites Sein. Freundlich anmuthend herrschten Schönheit und Bildungssinn in dem reich ausgestatteten Hause.

Erich traf den Banquier in dem großen, mit schönen Statuen geschmückten Bibliotheksaale; er schaute verwundert auf den Mann, der sich so bescheiden auf Wolfsgarten beim Tode Clodwigs verhalten, während er in seinem Heimwesen über eine gediegene Fülle gebot.

Das Gespräch ging bald auf Clodwig und Bella über. Der Banquier urtheilte mild; er hatte Mitleid mit Bella, deren zurückgedrängte Abenteurerlust zu einem solchen Extrem gekommen war. Er machte es Clodwig zum Vorwurf, noch einmal geheiratet zu haben; Clodwig habe sich getäuscht und einer Täuschung Bella's nachgegeben, die da geglaubt, daß sie sich an einem stillen Leben genügen könnte.

Man fuhr nach dem Comptoir in der innern Stadt. Inmitten seiner Thätigkeit erschien der Banquier als ein ganz anderer; er hatte so zu sagen eine Comptoirseele und eine Hausseele. In seinem Hause freundlich, liebenswürdig, leicht spendend und redselig, auf dem Comptoir karg im Wort, kurzab, entschieden und genau berechnend.

Zunächst erklärte er, daß er das reiche Besitzthum nicht selbst in Verwahrung nehme; man müsse es vielmehr der städtischen Bank übergeben.

In Begleitung des Cassiers, der ein Sohn Faßbenders war, brachten Erich und Roland die Papiere nach dem Gewölbe der Bank.

Als man das Bankgebäude verließ, athmete Roland frei auf, da nun das Alles von ihm und den Seinen genommen war.

Wie von einer Last befreit, kehrte er mit Erich nach Villa Eden zurück.

Er sehnte sich nach Mattenheim, und jetzt erklärte auch Erich, daß er mit nach Mattenheim ziehe; er wolle ausschauen und sich vorbereiten, eine Thätigkeit zu finden, die ihm gestatte, aus eigener Kraft einen Hausstand zu gründen.

Als Erich seinen Plan dem Major mittheilte, klagte dieser, daß er sich in alten Tagen noch ein neues Nest bauen müsse, denn der Bruder Altmeister, dessen Frau gestorben war, hatte sich wieder verlobt und wollte zum Frühling heiraten. Fräulein Milch hatte nicht Lust, neben einer jungen Frau geduldet zu leben, und als der Bruder Altmeister sagte, daß er eines der Zimmer, welche der Major bisher inne gehabt, zum Fremdenzimmer für Verwandte herrichten wolle, übte sie eine große Eigenmächtigkeit, indem sie mit eben so viel Dank als Entschiedenheit erklärte, daß sie das Haus verlasse.

Das war vielleicht das einzige Mal, daß ein Zwiespalt zwischen ihr und dem Major stattfand.

Als aber der Major sah, wie schmerzlich Fräulein Milch den Fehler der Eigenmächtigkeit empfand, schalt er über sich selbst, daß er zu demüthig und nachgiebig sei; ja, er dankte Fräulein Milch, daß sie den Stolz wahre, den er eigentlich haben müsse und so leicht vergesse.

Er besprach mit ihr den Plan, nach der Burg zu ziehen, da seien bereits ausgebaute Zimmer, und es müsse sich da oben gar lustig leben; aber Fräulein Milch wollte vom Wohnen auf der Ritterburg nichts wissen. Sie schilderte dem Major die Plackerei, die man haben werde; den Fleischer, den Bäcker, den Krämer, die Milchfrau, alle Handwerke und Geschäfte jagte sie ihm auf den Hals, daß ihm ganz Angst wurde.

»Es ist keine Rede mehr davon,« rief er, »aber bitte, lassen Sie mich nicht vergessen, ich muß den Hauptmann Dournay fragen, wie denn die alten Ritter lebten.«

Als nun Erich kam, war das auch das Erste, was der Major ihm vorlegte; erst dann besprach er seine Wohnungsnoth.

Als Erich am andern Tage nach Mattenheim abreiste, küßte er zum ersten Male vor den Augen der Mutter seine Braut.

Erich und Roland ritten davon.

Auch Adams ritt mit ihnen; er sollte auf Mattenheim zur Thätigkeit angeleitet werden.

Die Frauen waren allein mit Professor Einsiedel und dem Major, der mehr als je sich bei ihnen aufhielt.

Die Villa war still und leer, viele Diener waren entlassen, nur die Gärtner hatte man behalten.

Manna wohnte im grünen Hause, sie trug schwarze Trauerkleider, ihr dunkles Auge erschien noch größer; sie wollte von der Gemeinschaft der Menschen draußen nichts mehr wissen; sie lebte wie eine jüngere Schwester in ständiger Gesellschaft Claudinens, mit der sie las, musicirte und nach den Sternen sah. Sie schrieb einst an Erich nach Mattenheim: jene Anmerkung seines Vaters über eine Frau, die in der Trauerzeit die Musik von sich gewiesen, passe nicht auf sie; sie fühle eine Art Erlösung im Reich der Töne, noch mehr als im Ausblick zu den Sternen.

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