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Das Landhaus am Rhein / Band V

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band V - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band V
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band V
pages1-246
created20060810
sendergerd.bouillon
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Dreizehntes Buch.

Erstes Capitel.

Die Gärtner harkten den Boden der Fußwege auf, banden niedergetretene Sträucher in die Höhe, entfernten die geknickten ganz; selbst die Stallknechte halfen heute im Garten arbeiten, und im Hause waren die Glaser beschäftigt, neue Spiegelscheiben einzuziehen. Wenn die Herrschaft erwacht, soll möglichst wenig von dem nächtlichen Tumult bemerkt werden.

Seit der Rückkehr aus der Residenz empfand Prancken eine Aufreizung, die sich immer mehr gegen Erich kehrte. Schon bei der Ankunft des Fürsten Valerian war er tief empört, daß sich Alles sofort nach dem Zimmer Erichs zog, wie wenn Erich der Mittelpunkt des Hauses wäre. Das darf nicht so bleiben, sagte er sich; der Lehrer muß wissen, wer er ist. Nun hatte sich aber durch den Tumult diese Lehrersfamilie wieder neu in Ansehen gesetzt; die erbärmliche Canaille hatte sich ja von einem alten Weibe beschwichtigen lassen.

Prancken war ingrimmig durch den Park gegangen; er hoffte Manna zu begegnen; er wollte Entscheidung. Manna kam nicht. Er sah Fräulein Perini, sie war allein, er begrüßte sie; sie sprachen von dem Tumult. Fräulein Perini sagte nun, sie sei zum ersten Mal irre an der Art, wie sich Baron Prancken verhalte, sie begriffe nicht, warum er noch zögere und sich hinhalten lasse; Manna werde von diesen Dournay's umgarnt und er müsse sie befreien. Sie lobte ihn indeß, daß er unerschütterlich zu Sonnenkamp halte, er solle seine Macht benützen, um diesen jetzt dazu zu bringen, daß er all das Besitzthum aus der Hand gebe.

Es war ein schelmischer Blick, wie sie Prancken betrachtete, und sie fragte ihn nun geradezu, ob er sich verbindlich mache, wenn er in den Besitz Manna's und all ihres Gutes käme, die Villa zum Kloster zu weihen. Prancken zuckte die Achseln. Sie stachelte und reizte Prancken, denn sie sah, daß er sie nur noch gering achtete, und sie wollte auch ihn verderben. Er sollte ihr das Versprechen geben, daß, wenn die Sache unwiderleglich sei, er diesen Herrn Dournay fordere und niederschieße.

Fräulein Perini hatte einen sichern und festern Plan, den sie nach den veränderten Umständen in aller Stille ausgearbeitet.

Herr von Prancken war doch der Mann nicht, den sie und ihre Genossenschaft sich wünschen mußte, und dabei erschien es unzweifelhaft, daß Manna sich Erich zuneigte. Fräulein Perini war nicht so täppisch, das durch Einreden verhindern zu wollen, sie war zu klug, um nicht zu wissen, daß sie dadurch vielleicht eher die Neigung förderte. Manna sollte nur in Sünde verfallen, sollte abtrünnig werden, dann kommt es viel besser. Prancken schießt diesen Dournay nieder, oder dieser Dournay erschießt Prancken; Beides gleich gut, denn in jedem Falle ist Manna dann verlassen, ihre einzige Zufluchtsstätte das Kloster und zuletzt ist Alles gewonnen.

Fräulein Perini heuchelte große Freundlichkeit gegen Prancken, während sie ihn innerlich verhöhnte. Dieser sah betroffen drein. Und wieder tauchte eine alte Erinnerung auf; damals, als er mit Erich nach Wolfsgarten gefahren, damals hatte er das voraus gesehen. Sollte es wirklich eintreffen müssen? Er wich aus, er lehnte ab, ja er sagte, daß er dann ja gewiß Manna verloren habe. Fiele er selbst, so wäre es natürlich vorbei, tödtete er Erich, so würde Manna nie die Frau des Mannes werden, der einen andern um ihretwillen getödtet.

Fräulein Perini sah zur Erde, sie mußte ihr schelmisches Lächeln verbergen. Das war es ja, was sie wollte.

Die Beiden hatten so lange gesprochen, daß die Kirche zu Ende war und der Pfarrer aus der Kirche kam. Fräulein Perini ging mit ihm, Prancken kehrte nach der Villa zurück. Er begegnete dem Doctor und Erich, die in eifrigem Gespräche mit einander wanderten.

Der Doctor war nach seiner alten Weise wohlgemuth, er setzte Erich auseinander, daß der frische Most, der so fröhlich eingeht und so vortrefflich mundet, nach der Behauptung der alten Leute eine wahre Cur sei, die den ganzen Körper neu aufbaue, und so trinken denn die Leute in Lust und Bedacht auf Gesundheit zugleich, und die Krisis, die der Rausch des jungen Weines verursacht, sei in der That gut. So sei es jetzt auch mit diesem Tumulte; er habe gut gethan nach vielen Seiten hin. Der Zorn der Menschen in der Umgegend sei über die Linie hinaus gegangen und habe nun allen Rechtsboden verloren. Von dieser Seite sei nichts mehr zu fürchten.

Bald begegneten sie auch einer Gruppe von Männern; es waren Abgesandte aus verschiedenen Gemeinden, die Herrn Sonnenkamp versichern wollten, daß sie zu jedem Schutze für ihn bereit seien, er möge nur keine Klage über das Vorgefallene bei Gericht anhängig machen.

Der Doctor bat die Männer, wieder umzukehren, er werde vorläufig heute Herr Sonnenkamp berichten.

Er ging mit Erich nach der Villa und sie waren nicht wenig erstaunt, die Professorin mit Manna bereits auf der Terrasse zu finden. Sehr heiter scherzte der Doctor über das Genie des Zufalls, das mehr vermöge als alle Wissenschaft; er erklärte die Professorin für vollkommen geheilt.

Er fragte, ob Gräfin Bella noch nicht da gewesen; er hörte, daß sie nur Herrn Sonnenkamp gesprochen und Niemand anders auf der Villa.

»Ich müßte mich sehr irren,« erklärte der Doctor, »wenn nicht Gräfin Bella von nun an eine besondere Sympathie für den kühnen Herrn Sonnenkamp hätte; das entspricht ganz ihrem der Welt trotzenden und dem Bizarren sich zudrängenden Wesen.«

Die Professorin, die doch von Bella tief gekränkt war, suchte die Meinung des Arztes über Bella zu berichtigen.

Erich schwieg, er staunte nur über die Beharrlichkeit, mit welcher der Arzt das eigenthümliche Naturell der Gräfin verfolgte und ausdeutete.

Der Doctor ließ Sonnenkamp fragen, ob er ihn sprechen wolle. Sonnenkamp ließ erwidern, er möge zuerst Frau Ceres besuchen.

»Wie sehe ich aus?« hatte Sonnenkamp am Morgen sofort beim Erwachen, noch ehe er sich erhob, den Kammerdiener Joseph gefragt. »Wie sehe ich aus?« hatte er wiederholt.

»Wie immer, Herr.«

Sonnenkamp ließ sich einen Handspiegel reichen, gab ihn zurück, legte sich wieder in die Kissen und schloß die Augen. Er verließ lange sein Zimmer nicht. Er hatte Joseph gesagt, daß er allein bleiben wolle. Draußen hörte er, wie die Wege geharkt wurden, wie Männer hin und her gingen; er wollte warten, bis die Spuren der Verwüstung draußen möglichst beseitigt waren.

Und die Hand auf den Kopf seines Jagdhundes legend, dachte er: zwei Popanze sind unsere ärgsten Feinde auf der Welt: die Furcht vor der That und die Reue nach der That. Mit diesen Quacksalbereien vergeudet man sein Dasein. Wer keine Zukunft fürchtet und keine Vergangenheit bereut, der allein ist frei.

Ich will frei sein! rief er sich zu. In mir bin ich es, aber wo läßt man mich frei sein? Ich muß wieder nach Amerika zurück. Nein, nach Italien, nach Paris, in neue Umgebungen. Aber die Kinder, die Kinder! Die sind mit Gedanken erfüllt, die sie heimatlos und elternlos machen. Das Beste ist doch, Du bleibst, verachtest die Menschen, deren Haß sich allmälig abstumpfen wird, und vielleicht gibt es auch etwas, um die Gemüther zu beschwichtigen, das wie Reue aussehen wird. Hat die Professorin gestern oder hast Du selbst von einem Ehrengericht gesprochen? Ja, das ist's! Wohlan, Welt, ich bin wieder ich selbst und weiter nichts . . .

Ueber Alles hinüber, was nun geschehen, erhob sich wieder in ihm die Erbitterung gegen Crutius.

Wie reibt der sich dort im Redactionszimmer, wo das kleine Gasflämmchen brennt, nun die Hände! Wie wird er sich freuen, daß die Signalrakete so alles Volk aufrief, wie wird der Tumult in den Zeitungen stehen . . .

Er klingelte und ließ Erich kommen; er erinnerte ihn, wie er damals die Dankbarkeit des Volkes und seine edle Art öffentlich verkündet, jetzt – er lachte über das Wort – solle er auch die Unart gehörig darstellen und jedem andern Bericht zuvorkommen und natürlich die ganze Sache als einen Uebermuth des brausenden neuen Weines bezeichnen; am Schlusse aber solle er hinzufügen, daß Herr Sonnenkamp – denn das war sein rechtmäßiger Name von Mutterseite her – etwas thun werde, was die öffentliche Meinung berichtigen und zufrieden stellen werde.

Erich wünschte zu wissen, was denn geschehen werde.

Sonnenkamp ersuchte ihn, nun die Sache ruhen zu lassen.

Wozu das?

Man stellt der öffentlichen Meinung etwas in Aussicht; es ist aber nicht nöthig, daß es in der That geschehe; die Menschen vergessen ja, was ihnen versprochen wird.

Als Erich eben davon gegangen war, kam der Hundewärter und rief:

»O Herr, sie ist vergiftet!«

»Wer ist vergiftet?«

»Das gute Thier, die Mara; in der Nacht, wie der Lärm da gewesen, haben ihr die schändlichen Menschen etwas gegeben, wahrscheinlich einen in Schmalz gebratenen Schwamm; sie wird jetzt sterben.«

»Wo liegt sie?«

»Vor der Hundehütte.«

Sonnenkamp ging mit dem Wärter nach der Umzäunung, wo die Hunde waren; dort lag Mara, neben ihr die gelöste Kette.

»Mara!« rief Sonnenkamp.

Der Hund wedelte noch einmal, versuchte den Kopf zu heben, dann ließ er den Kopf sinken und verendete.

Es war ein kläglicher Blick aus dem Auge des Thieres.

»Begrabe den Hund, ehe Roland etwas davon merkt,« sagte Sonnenkamp.

»Wo sollen wir ihn begraben?«

»Dort bei der Esche. Zieh dem Hund aber die Haut ab, die Haut ist Geld werth.«

»Nein, Herr, das kann ich nicht. Ich hab' das Thier zu lieb gehabt, ich kann ihm die Haut nicht abziehen.«

»Gut, so grabe es mit der Haut ein.«

Er ging davon. Er wandelte lange im Garten umher und konnte sich doch nicht enthalten, endlich zu der Stelle zu gehen, wo der Hund eingescharrt wurde.

Er kehrte ins Haus zurück.

Die andern Hunde heulten, als wüßten sie, daß einer ihrer Kameraden verschieden sei.

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