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Das Landhaus am Rhein / Band V

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band V - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band V
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band V
pages1-246
created20060810
sendergerd.bouillon
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Vierzehntes Buch.

Erstes Capitel.

Die Blätter an den Bäumen fielen ab, die Zweige waren kahl, Villa Eden stand da, so weiß, so glänzend, wie emporgehoben, da kein belaubtes Gezweige mehr das hellfarbige Mauerwerk verdeckte.

Das Haus war verlassen; der es gebaut, der den Garten gepflanzt, war verschwunden.

Nach Europa war Sonnenkamp zurückgekehrt, er hatte sich Ruhe und Ehrenhaltung geben, seinen Kindern eine freie Stellung sichern wollen. Es war mißlungen. Nun trieb es ihn wieder zurück in die neue Welt, und er hatte eine ruhelose, abenteuersüchtige Seele mit sich in den Strudel gerissen.

Ein Novembersturm wehte durch das Rheinthal, schüttelte die Bäume, blies in die aufgespannten Segel und trieb die Schiffe vor sich her.

Als Erich erwachte, empfand er aufs Neue den Schmerz um den Tod Clodwigs; er trauerte doppelt um ihn, denn er fühlte, daß Niemand, dem man von dem Dahingegangenen erzählte, ganz die Reinheit und Hoheit seines Wesens begreifen würde. Clodwig hatte keine Spur seines Wirkens hinterlassen, und nur diejenigen, die in sein Auge geschaut und seine Stimme gehört, konnten wissen und in sich erneuern, wer er war.

Nicht lange durfte Erich dem dahingegangenen Freunde am stillen Morgen nachtrauern. Der Notar des Städtchens wurde gemeldet. Er trat ein und überbrachte ein Schreiben Sonnenkamps, worin dieser auseinander setzte, daß er mit sich genommen habe, was vom Sklavenhandel stammte. Er ertheilte Weidmann und Erich Vollmacht, über alles Zurückgelassene bis zur Großjährigkeit seiner Kinder zu verfügen und für Frau Ceres zu sorgen.

Erich las wiederholt das Schreiben; er schien nicht zu begreifen, was das sein sollte, aber da stand es, und der Notar erklärte ihm, daß Sonnenkamp noch gestern bei ihm gewesen und die Vollmacht ausgefertigt habe; er habe auch einen Brief an Weidmann geschrieben.

Erich ließ den Notar allein, er ging nachdenklich im Parke hin und her. Er begegnete Tante Claudine, und ihr zuerst theilte er die Nachricht mit.

»Er hat sich selbst sein Urtheil vollzogen,« sagte Claudine in der ihr eigenen ruhig bedachtsamen Weise und erzählte, daß Sonnenkamp noch am Tage vorher im grünen Hause gewesen und ihnen ans Herz gelegt habe, ihre Sorgfalt für Frau Ceres und die Kinder zu bewahren.

In alle Seelen hinein mußte man sich denken, wie sie es erfassen, wie sie es bewegen werde, wenn sie die Nachricht erhalten. Wie wird man es der Frau, den Kindern mittheilen?

Erich ging mit Claudine zu seiner Mutter; sie trafen Manna bei ihr.

In leisen Uebergängen suchte er die schnelle Abreise Sonnenkamps zu verkünden, aber Manna rief:

»Er hat uns verlassen!«

Erich bejahte.

Die Professorin faßte die Hand Manna's; Manna starrte unbewegt drein, endlich sagte sie:

»O, meine Mutter! Ich will zu ihr.«

Man überlegte, ob nicht durch Fräulein Perini die Kunde an Frau Ceres gegeben werden solle, aber Manna bestand darauf, daß sie und die Mutter Erichs es ihr sagen. Vom grünen Hause gingen sie nach der Villa.

Sie kamen zu Frau Ceres; kaum hatten sie angedeutet, daß Sonnenkamp verreist sei, als Frau Ceres rief:

»Ich weiß, ich weiß. Darf's nicht sagen. O, ich kann verschwiegen sein. Wir haben's gelernt.«

Sie gab indeß doch zu verstehen, daß Sonnenkamp nach Italien gereist sei, vielleicht aber auch nach Paris, und er werde sie Alle bald nachkommen lassen.

Wie sich jetzt Manna eifrig um ihre Mutter bemühte, lächelte diese:

»Ja, Kind, Du hattest nicht nöthig, ins Kloster zu gehen. Das habe ich nie gewollt. Wenn wir zum Vater kommen, mußt Du ihm sagen, daß ich das nie gewollt habe. Es ist so kalt im Kloster und lauter schwarze Kleider – schwarz kleidet Dich gar nicht gut.«

Erich wurde abgerufen, Roland war angekommen, seine Wangen glühten und er rief:

»Erich, Herr Weidmann läßt Dir sagen, daß er heut zu Dir kommen werde. Und weißt Du auch schon? Lincoln ist gewählt! Herr Weidmann hat die Nachricht erhalten.«

Jetzt verknüpfte sich's Erich. Sonnenkamp hatte die Nachricht gewiß auch bereits, und das hatte seinen Entschluß beschleunigt. Er hatte ja oft davon gesprochen, daß der Kampf unabwendbar eintreten werde, wenn Lincoln gewählt wird. Er war entflohen, um in den Kampf einzutreten.

»Wo ist mein Vater?« fragte Roland, da Erich kein Wort hervorbringen konnte.

»Dein Vater?«

»Ja, wo ist er?«

»Nach Amerika.«

»Ohne Abschied von uns Allen? Und meine Mutter – wo ist unsre Mutter?«

»Manna ist bei ihr.«

Erich mußte Roland Alles sagen. Roland hörte ihn an und schaute lange nicht auf; endlich sagte er:

»Ich gehe zu meiner Mutter.«

Erich schärfte ihm ein, recht behutsam zu sein; er versprach es.

Als Roland bei seiner Mutter eintrat, rief diese:

»Er hat Euch mir gelassen, er kann nicht fortbleiben, er kommt wieder.«

Sie umarmte Roland mit Heftigkeit und rief:

»Du hast mich nie verlassen, Du bist nie in ein Kloster gegangen. Ja, Manna, nimm Dir Deinen Bruder zum Beispiel. Jetzt bleibst Du bei mir.«

Die Professorin hatte einen Boten nach dem Major geschickt; er kam, und als er die Nachricht hörte, sagte er:

»Und wir haben ihm ja sein Urtheil noch nicht gesprochen.«

Der Sturmwind jagte die Blätter durcheinander, er schien auch die Menschen hin und her zu jagen.

Noch standen Erich und der Major beisammen, als ein Reiter bei ihnen erschien. Er war tief in den Mantel gehüllt; er hielt an. Wenn Sonnenkamp selber wieder gekommen wäre, sie hätten nicht mehr erstaunt sein können, als jetzt diesen zu sehen. Es war Prancken. Er sah verstört aus.

»Wo ist Herr Sonnenkamp?« fragte er.

Man gab ihm die Nachricht.

»Und ist er allein? Wissen Sie nicht . . wer bei ihm?«

»Nein.«

»Ist Niemand von den Meinigen hier aus der Villa? Haben Sie . . . meine Schwester nicht gesehen?«

Man konnte ihm keinen Bescheid geben. Ohne ein Wort zu sagen, wendete Prancken sein Pferd und ritt davon.

Der Doctor kam, und von ihm hörte man, daß Bella von Schloß Wolfsgarten verschwunden sei. Als er jetzt vernahm, daß auch Sonnenkamp entflohen sei, rief er:

»Sie ist mit ihm entflohen! Ein Meisterstück! Wenn Sonnenkamp die feinste Taktik angelegt hätte, er hätte es nicht klüger machen können. Durch diese Entführung Bella's lenkt er die Nachrede von sich ab und von Allem, was er gethan. Daß er Bella Prancken mit sich fortreißen konnte, das ist gewaltiger als Alles.«

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