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Das Landhaus am Rhein / Band V

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band V - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band V
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band V
pages1-246
created20060810
sendergerd.bouillon
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Fünfzehntes Capitel.

Clodwig schlief mehrere Stunden. Erich saß bei dem Banquier und erquickte sich an dem theilnahmvollen selbstlosen Wesen desselben; dem Banquier fehlten manche bräuchliche Lebensformen, aber er bewährte eine tactvolle Haltung, und mitten in aller Herzensbewegung dachte Erich: nur die Selbstlosigkeit hat den wahren Tact, Tactlosigkeit ist Egoismus, denn dieser denkt nur an sich oder handelt nur für sich.

Erich lernte den Banquier jetzt erst kennen. In Karlsbad hatte der Mann sein vielbewegtes Denken mit gewaltsamer Beflissenheit auszulegen gesucht, jetzt gab sich sein mildes und verständnißvolles Naturell wie von selbst.

Bella behandelte ihn mit offenbarer Zurücksetzung, er ließ sich das still gefallen, er sagte nichts, aber er zeigte, daß er ihr nicht grolle. Sie handelte ihrer Natur gemäß und sie war ja auch nicht seine Freundin, Clodwig war sein Freund, und für ihn sich etwas gefallen zu lassen, erschien als Pflicht. Er saß im Bihliothekzimmer, er war bereit, so oft man ihn rief, und hielt sich zurück, so oft er störend zu sein glaubte.

Gegen Mitternacht wurde Erich abgerufen, Clodwig sei erwacht und verlange nach ihm.

Auch Bella kam.

Sie freute sich, daß Clodwig so lebhaft dreinschaute, und noch jetzt bewahrte Clodwig eine formvolle Höflichkeit gegen seine Frau; sie wollte ihm Medicin reichen und er sagte:

»Ja wohl, gib sie mir, aber sprich nicht dabei gegen Doctor Richard. Bitte, thu es nicht.«

Bella saß eine Weile still am Bette. Clodwig bat, daß sie sich zur Ruhe begebe: sie willfahrte ihm. Und als er mit Erich wieder allein war, sagte er:

»Ach, ich habe so gut geschlafen, und wunderlich! Ich träume jetzt immer von einer Cousine Lottchen, die soll ich heiraten, sie gefällt mir auch und ich ihr, aber sie hat so gar nichts gelernt und will nichts lernen und hat ein Lachen, so spitz, und da sagt sie: komm, Clodwig, Du bist so traurig, komm, heirate mich, wir wollen lustig sein. Und da sag' ich: Kind, ich bin ja schon so alt; sieh, ich hab' ja keine Zähne mehr, und was wird Bella dazu sagen? Ach was, sagt sie, Albernheiten. Komm, wir wollen tanzen. Und wir tanzen hinunter zur Capelle und da steht der Pfarrer und er winkt uns und wir tanzen fort, an dem Pfarrer vorbei, und sie ist ein prächtiges Kind und hat gar schöne Augen und hat mich so gern, und so tanzen wir und tanzen und ich kann es ganz gut.«

»Lebt Ihre Cousine Lottchen noch?«

»O nein, sie ist schon lange todt, vorige Woche war ein Enkel von ihr bei mir. Aber ist es nicht seltsam, daß meine erste Jugendliebe – ich war damals kaum zehn Jahr alt – in mir erwacht? Damals hatte sie einen Apfel in der Hand und da biß sie herunter und sagte: Beiß auch. Ich will den Apfel nehmen, aber sie gibt ihn mir nicht und sagt: beiße nicht zu tief. Und sieh, als ich erwachte, war mir's im Munde, als ob ich wirklich einen feinen Apfel gegessen hätte. Ja, und jetzt fällt mir's eigentlich erst ein. Wir sind einmal mit einander gemalt worden, der Maler behauptete, es würde uns später sehr freuen; er that es heimlich, man hat ihm natürlich das Bild abgekauft; ich glaube, es ist erhalten, ich weiß nur nicht wo. Findest Du es nicht auch schön, daß sie Lottchen heißt? Es ist ein halbwüchsiges Kind in blaßrothem Cattunkleid mit weißer Schürze, und so ging sie auch immer, und hatte einen breiten Florentiner Hut, dessen Rand bis über die Schultern hinausreichte.«

So erzählte Clodwig und mit einem unterdrückten Seufzer sagte er:

»Bella hat nie von meiner Jugend wissen wollen.«

Schnell aber, als ob er nicht von ihr sprechen wolle, sagte er zitternd, beide Hände bewegend:

»Mein Vater war Minister, ich bin im Ministerpalais geboren, Sohn einer späten Ehe, einziger Sohn. Mein Vater wurde Bundestagsgesandter. Die Gesellschaft der Bundestagsgesandten – wer weiß, ob sie nicht dahin geht und Niemand hat sie recht geschildert – Ich hätte es gekonnt; schon als ich Student war, ging es mir auf, das ist eine Gesellschaft, die nur dazu da ist, um alles Gute zu verhindern. Der Bundestag ist das böse Gewissen der Fürsten. Sieh, das dachte ich schon früh und das wußte ich schon früh und steckte doch mitten drin und je weiter ich kam, je mehr sah ich es. Alles Gute, was geschieht, hat sich neben dem Bundestage aufgebaut, und darin hat die Kirche etwas vom Bundestag; das Gute geschieht auch außerhalb ihr, neben ihr; nicht einmal die Todesstrafe, nicht die Folter, die Kettenstrafe, nichts hat sie abgeschafft. Jetzt kommen die zwei großen Befreiungen, die Befreiung der Sklaven und der Leibeigenen, und wer vollzieht sie? Allein die freie Humanität. Sieh, dieser Herr Sonnenkamp lebt in einer ganz andern Welt als ich und doch war mein Leben . . . Ach, warte einen Augenblick, warte, ich kann jetzt nicht weiter sprechen.«

Nach einer Weile begann Clodwig wieder:

»Kindererinnerung! Höre! . . . Ich sehe, wie ein kleines Kind, ganz klein, nur mit einem Hemdchen bekleidet, auf einem Polster auf dem Tische sitzt und meine Mutter hält mich und sie erzählt . . . ich meine, ich spüre noch den warmen Athem ihrer Worte, sie hat ihr Haupt an meine Brust gelegt und da sagt sie: Es war einmal ein Kind und das ging in den Wald, um Blumen zu suchen, und fand schöne rothe Blumen und sammelte sie, und dann fand es schöne blaue Blumen und da warf es die rothen weg und sammelte die blauen, und da fand es schöne gelbe und warf die blauen Blumen weg und sammelte die gelben, und es fand schöne weiße und da warf es die gelben weg und sammelte die weißen; es kam vor den Wald und da war ein Bach und es warf die schönen weißen Blumen in den Bach und da hatte es gar nichts mehr in der Hand . . . Ist unser Leben nur ein Spiel mit Blumen?«

Er schien einzuschlummern; nach einer Weile richtete er sich wieder auf und sagte:

»Geh hinauf in das Zimmer, wo Du zuerst bei mir gewohnt; nimm Robert mit, bring mir die Büste der Victoria her.«

Erich ging mit dem Diener nach dem Erkerzimmer, er ließ die Büste der Victoria aufnehmen, die der Medusa, die ihr gegenüber gestanden, lag in Stücken auf dem Boden.

Er fragte Robert, wer sie zerbrochen. Robert wußte nichts davon.

Als Erich die Büste vor das Bett des Kranken in entsprechende Beleuchtung gestellt hatte, sagte Clodwig:

»Ja, so sah die Verstorbene aus . . . auch sie in besseren Stunden . . . Deine Mutter hat sie gekannt.«

Weiter sagte er nichts.

Nachdem er lange stumm auf die Büste geschaut, sagte er Erich, er möge auch den Banquier hereinrufen. Dieser kam; Clodwig streckte ihm die Hand entgegen und sagte:

»Es gehört auch Ihnen.« Nachdem er mehrmals vor sich hingenickt, fuhr er fort: »Ich sehe in die Welt hinaus. Der Imperialismus will sich festsetzen in Amerika . . . Und in der alten Welt . . . Um Rom sammeln sich die Einen, aber um ein Anderes, es ist kein Mann, nur ein Gedanke, die Freiheit, da sammeln sich die Anderen. Zwei große Fahnen sind aufgepflanzt und um diese Fahnen sammeln sich zwei Heere, unabsehbar. Auf der einen Fahne steht: Wir können nicht! Auf der andern: Wir wollen! Ein neuer Glaube, eine neue Erkenntniß wird kommen und die Welt wieder auffrischen. Die neue Religion wird die Menschen nicht loben, ihnen nicht schmeicheln; sie wird ihnen etwas zumuthen, von ihnen fordern, streng, scharf und hart gegen sie sein. Das allein hilft. Wir wandeln beständig auf einem Kirchhof, unser Leben ist todt. Nur eine Erneuerung durch eine große Idee, durch eine neue Religion . . . Kopf an Kopf sammeln sich die Menschen in zahllosen Haufen, sie wallen hin zu einem hohen Berge, um die Fahne aufzupflanzen. Ich sehe Dich, wie Du damals unter dem blühenden Apfelbaum standest . . . ein Bote. Du trägst die Fahne und darauf steht: Freie Arbeit! . . . Und nun schlaft wohl . . . gute Nacht . . .«

Er brach ab.

Ein glanzvolles Licht lag auf seinem Antlitz und blickte aus seinem Auge, er starrte in die Luft hinein, dann legte er den Kopf zurück und schloß die Augen, aber er tastete nach der Hand Erichs und hielt sie fest. Nach einer Weile ließ er sie los. Der Banquier zog sich zurück.

Erich saß vor dem Bette Clodwigs, der eingeschlafen war. Bella kam noch einmal und mit ihr Prancken; er betete mit der barmherzigen Schwester für den Sterbenden; er that das ohne Scheu und Schaustellung, mit offenem Anstand.

Erich winkte Bella, recht ruhig zu sein; sie saß eine Weile still, dann ging sie mit Prancken davon.

Erich kämpfte mit Schlaf und Müdigkeit. Der Morgen brach herein und übergoß die Stube mit flammrothem Lichte. Erich beugte sich über Clodwig, er hörte keinen Athem mehr. Clodwig war in den Tod hinübergeschlummert . . .

Erich ließ Prancken rufen und übertrug es ihm, seine Schwester zu benachrichtigen; Prancken bestand darauf, daß man Bella schlafen lasse, bis sie von selbst erwache, sie bedürfe der Kraft. So stieg der Morgen immer höher; die barmherzige Schwester saß betend an dem Bette des Entschlummerten.

Ein Wagen fuhr in den Hof; der Leibarzt des Fürsten kam. Doctor Richard, der Leibarzt, Erich und der Banquier gingen nochmals zur Leiche. Erich warf noch einen Blick auf die Leiche des Freundes. Die Victoria, der Leiche gegenüber, schien schmerzlich drein zu schauen.

Doctor Richard berichtete kurz, an welchen Leiden Clodwig gestorben sei, eine Erkältung und eine Gemüthsbewegung hätten zusammen gewirkt. Die Männer traten in den Gartensaal, wohin Doctor Richard Wein bringen ließ.

»Trinken Sie,« ermuthigte er Erich, »es geht nicht anders; Sie verbrauchen jetzt viel, die Maschine muß mit Wein gefüttert werden.«

Erich trank, aber er trank eine Thräne mit dem Wein hinab.

Der Leibarzt sagte, daß nun wieder ein Ehrenmann dahin gerafft sei, in dessen Gedenken Jeder eine Erquickung gefunden habe; sein maßvolles und stetig sich vervollkommnendes Wesen, seine Ruhe und Milde, das seien Eigenschaften, wie sie nur einer dahinschwindenden Zeit angehören.

Doctor Richard saß in einem Lehnstuhl und rief:

»Er hatte das Glück oder das Unglück, alles Einzelne im Zusammenhang der Menschheit anzusehen, und da ist es freilich gleichgültig, ob dies Einzelne heute oder morgen geschehe, ob Du es thust oder ein Anderer. Er hätte Größeres bewirken, hätte umwälzend eingreifen können; aber das schien ihm zu herb und er sprach sich davon frei. Jedes Ereigniß, jede Erfahrung sollte ihm nur dazu dienen, sein schönes Naturell aufzubauen. Das ist ein kinderloses, thatenloses Dasein, dessen Mutter eine Philosophie war, die Alles begriff, Alles geschehen ließ, nur um es nachher in ein System zu bringen. Ich habe ihm das selbst so oft in seinem Leben vorgehalten, daß ich es nun auch nach seinem Tode darf. Ich glaube nicht, daß ich ein Tadler des Mannes war; von Allen in der weiten Welt, die von seinem Tode hören und darum trauern, hat ihn Niemand mehr verehrt als ich.«

Der Doctor fuhr mit dem Leibarzt davon, bald darauf auch Erich mit dem Banquier, denn Bella hatte gewünscht, daß man sie allein lasse.

Man schaute wehmüthig zurück nach dem Herrenhause, wo jetzt eine schwarze Fahne aufgezogen wurde.

Zwei Tage lang wurde Clodwigs Leiche im großen Saal ausgestellt; er lag auf weißen Atlaskissen, sein Antlitz war friedlich. An seinem Sarge brannten Lichter und er war rings umgeben von Palmen und Blumen.

Aus der ganzen Gegend strömte Alles herzu.

Am dritten Tage geleiteten Erich, der Landrichter, der Banquier, der Major, viele angesehene Bürger aus der Stadt, dazu auch ein Abgesandter des Fürsten, und mehrere höhere Staatsbeamte die Leiche Clodwigs nach der Gruft auf Wolfsgarten.

Die Glocken klangen von Berg zu Thal, der letzte Wolfsgarten wurde beigesetzt.

Sonnenkamp hatte ebenfalls zum Leichenbegängniß kommen wollen, er war auf dem Weg nach Wolfsgarten geritten, aber man sah ihn nicht unter den Leidtragenden.

Durch die offenen Fenster im Sterbezimmer Clodwigs drang feuchter Herbstnebel, auf der Stirne der Victoria sammelte er sich in Tropfen.

Lautlos, öde war es auf Wolfsgarten, auch Prancken war abgereist.

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