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Das Landhaus am Rhein / Band V

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band V - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band V
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band V
pages1-246
created20060810
sendergerd.bouillon
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Vierzehntes Capitel.

Erich war unterdeß in das Krankenzimmer getreten.

»Bist Du endlich da?« rief Clodwig; seine Stimme war matt und die Kinderhand, die der Kranke dem Eintretenden entgegenstreckte, schien noch feiner.

»Setze Dich,« sagte er, »sei nicht so erschüttert, Du bist jung und stark, hast ruhiges Bewußtsein. Laß mir nur Deine Hand. Es ist ein Glück, daß ich mit voller Besinnung sterbe; ich habe oft gewünscht, an einem plötzlichen Schlag zu sterben. Es ist besser so. Erzähle, wie geht es Deiner Mutter?«

Erich konnte kaum ein Wort hervorbringen, und Clodwig fuhr fort:

»Nun sage, wie geht es Roland? Wollte er nicht mit Dir kommen? Ich sehe ihn, den schönen Jüngling, immer vor mir . . . Du hast es gut gemacht, Erich.«

Bevor dieser antworten konnte, legte sich der Kranke wieder in die Kissen zurück. Er schien eingeschlummert. Man hörte nichts als das Ticken der Uhr. Ein Wagen fuhr in den Hof, die Räder knirschten in den Sand einschneidend.

Clodwig erwachte.

»Das ist der Doctor,« sagte er laut.

Er bat die Krankenwärterin, eine barmherzige Schwester, dem Arzte zu sagen, er möge ihn noch eine Weile mit Erich allein lassen. Sich rasch aufrichtend, sagte Clodwig:

»Schließe die Thür, ich habe mit Dir allein zu sprechen.«

Erich saß vor dem Bette und Clodwig begann:

»Du fragst um mein Urtheil über Sonnenkamp? Ich habe ihn freigesprochen. Sein Weg wirr, sein Ziel grausam. Wer richtet? Die Heuchelei ist groß in der Welt. Ein Wirrwarr von Fratzen, Masken. Er hatte den Muth, die Frechheit, sich selbst, auch die Heuchelei zu bekennen. Wenn ich mein Leben überschaue, was ist es? Ich habe eine Uniform ausgefüllt. Was sind wir? . . . Oede, mit der Landesfarbe angestrichene Schilderhäuser. Wenn eine Ablösung kommt, thun wir geheimnißvoll, flüstern . . . eitel Possenspiel. Heuchelei ist das Leben der meisten Menschen, auch das meine, so lang, so ehrenvoll. Wir haben keinen Muth, bekennen nicht, was wir sind; wir schleppen uns mit Formen und Nachgiebigkeiten, mit Höflichkeiten und Fügsamkeiten, und wo ist unser wahres Innere? Nie sagen wir einander, was wir sind, wozu wir uns bekennen. Ich habe kein Verbrechen, Vergehen, das ich jetzt zu gestehen hätte, ich war mein Lebenlang wie Tausende, wie Millionen neben mir. Ich habe nur nicht gethan, was ich thun mußte, bin nicht von Stunde zu Stunde hingetreten vor die Mächtigen und habe gesagt: so bin ich und so müßt ihr sein. Ich habe mich eingelullt mit falscher Philosophie, habe mir eingeredet, es wird Alles von selbst, wir stehen im Gesetz der Entwicklung, wir haben nichts dazu zu thun. Ja wohl! Es entwickelt sich Alles von selbst . . . der Tod kommt von selbst und nimmt das Leben, das kein Leben war, keine Offenheit, kein eigen Selbst. Ich kannte große Schauspieler. Einem Schauspieler wird der Tod immer am schwersten, nicht nur weil er den Tod so oft gespielt; er weiß, was von ihm bleibt, Maske, Schminke, welke Kränze. Wir Diplomaten sterben den Tod des Schauspielers. Ich habe ein unnützes Leben geführt.«

»Sie sind zu hart gegen sich,« konnte endlich Erich entgegnen. »Es ist viel, das Schöne und Gute in sich ausgebildet und dargestellt zu haben. Nur wenige Menschen sind zu Anderem, zu dem, was als äußere That sich darstellt, berufen.«

Clodwig legte schnell seine Hand auf die Erichs, er sah ihn mit innigem Blicke an und sagte lächelnd:

»Ganz so sprach auch einmal Dein Vater und es mag ein Trost sein. Ich hatte kein Vaterland, das mir mehr als diplomatische Narrenspossen zu thun geben konnte. Mein Leben war eine thatlose Geschäftigkeit. Ich habe den größten Theil desselben in der Livree zugebracht für eine Sache, die ich nicht achtete, kaum schätzte. Da ist dieser Sklavenhändler. Wie verächtlich betrachtet ihn die vornehme Welt – und es hat Unterhändler in diesen Kreisen gegeben, die höchst geehrt und schlimmer als Sklavenhändler waren, und Andere sitzen nur deshalb nicht im Zuchthause, weil sie nicht nöthig hatten zu stehlen und weil ihnen ihre Unsittlichkeit mit Geld abgekauft wurde. Bitte, gib mir zu trinken, der Gaumen vertrocknet mir.«

Erich gab Clodwig zu trinken, sie waren aber Beide so ungeschickt, daß sie das Getränk fast ganz verschütteten.

Lächelnd sagte Clodwig, daß es in der Welt so sei, das Wenigste werde wirklich getrunken, das Meiste werde verschüttet und vergeudet.

Clodwig bat nun, daß man den Arzt eintreten lasse.

Erich ging in den Garten.

Draußen raste der Novembersturm und peitschte den Regen. Erich hüllte sich in seinen Mantel, ging durch Park und Wald denselben Weg, den er am Morgen gegangen, als er am Abend vorher dem neu gewonnenen Freunde Clodwig sein eigenes Leben dargelegt. Jetzt schritt er nicht im Frohgefühl, nicht als ob eine fremde Macht ihn trüge; er mußte mit dem Sturm kämpfen und über ihm brausten die Kronen der Bäume. Wie damals stand er an der offenen Halle, aber in der weiten Landschaft sah man nichts als Regenwolken, die dahinjagten. Am Gemäuer der Halle stand noch eine schöne blaue Glockenblume; Erich brach sie ab. Er ging zurück und jetzt erst fiel ihm ein, daß er dem Kranken die Blume bringen wolle. Er trat in das Krankenzimmer, und Clodwig rief:

»Ach, die blaue Blume! Du brichst sie, Du bringst sie mir. Wir haben viel davon geträumt in meiner Jugendzeit. Jugendzeit! Jugendzeit!« wiederholte der Kranke oft.

Clodwig beugte sich weit vor aus dem Bett, roch an den Kleidern Erichs und sagte:

»Warum fallen mir jetzt die Bilder aus der Bibel ein? Der Erzvater Isaak sagt zu seinem Sohne, der zu ihm in die Krankenstube kam: Mein Sohn, Dein Athem ist wie der Athem des Feldes. Ja, Erich, Du bringst die freie Feldluft in meine Krankenstube. Wenn ich nicht mehr bin, denke, Du hast mir Gutes gethan.«

Erich weinte.

»Weine nur, das ist gut, es schadet Dir nichts, daß ich Dir das Herz schwer mache; Du wirst froh, frei thätig auf der Erde sein, deren Schollen bald auf mir ruhen. Nur bitte ich, bleib Du bei mir, wenn ich sterbe. Bleib bei mir, Erich. Ich will nicht an Kleines, an Einzelnes denken, will nicht in Haß und Zorn aus der Welt scheiden; nein, nicht in Haß, in Zorn, auf Niemand. Hilf nur ins Weite, ins Große, da lebe ich, da sterbe ich.«

Er legte sich in die Kissen zurück. Erich beugte sich über ihn, der Athem des Kranken ging ruhig und auf seinem Gesichte war der Ausdruck eines milden Lächelns. Welche Gedanken mochten jetzt diese Seele bewegen?

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