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Das Landhaus am Rhein / Band V

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band V - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band V
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band V
pages1-246
created20060810
sendergerd.bouillon
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Zwölftes Capitel.

Sonnenkamp saß allein. Er hatte die versammelten Männer nicht mehr gesprochen, wie er ihnen vor der Verhandlung hatte sagen lassen.

Anfangs saß er mit einem gewissen Selbstgefühl, ja mit einem Siegesmuthe in seiner Stube, als wäre er ein Held, der nach einer glorreichen Schlacht die Waffen abgelegt und in seinem Zelte ausruht.

Jetzt überkam ihn eine andere Empfindung. Wie ein Knistern, ein leises, kaum hörbares Nagen, wie das Züngeln einer Flamme im Gebälke, die immer weiter frißt und im Stoffe, den sie findet, sich vergrößert, solch ein leises Knistern und Züngeln glaubte er in seiner Einsamkeit zu hören. Er hatte sich getäuscht und doch wußte er, es brennt ein Funke geräuschlos fort, er faßt den Boden des Zimmers, er leckt hinan zu den Wänden, die Stühle brennen, die Schränke, die Bilder, fratzenhaft verzerren sich die gemalten Gesichter auf der Leinwand und werden zur Flamme, und die Flamme strebt weiter, dringt in alle Gemächer, faßt endlich das Dach und das ganze Haus und schlägt zum Himmel auf.

Da klopft es an. Gewiß kommt Bella und erklärt, warum sie geflohen war, als er in das Sämereienzimmer kam. Er öffnete rasch, aber nicht Bella, sondern Weidmann trat ein.

»Haben Sie mich noch etwas im Geheimen zu fragen?« herrschte ihn Sonnenkamp an.

»Ich habe nur eine Bitte an Sie.«

»Eine Bitte? Sie?«

»Ja. Lassen Sie mir Ihren Sohn . . .«

»Meinen Sohn?«

»Wollen Sie mich gefälligst meinen Satz endigen lassen. – Geben Sie mir Ihren Sohn in mein Haus auf Tage, Wochen, Monate, so lange es Ihnen beliebt; nur lassen Sie den Jüngling für einige Zeit in eine andere Sphäre versetzen, worin er wieder gedeihen kann. Er bedarf jetzt einer energischen und befreienden Thätigkeit. Er hat Lust und Trieb, auf Andere zu schauen und nicht auf sich. Das wird ihm helfen und ich möchte ihm darin weiter helfen. Da Ihr Sohn nicht Soldat werden soll, ist es ihm vielleicht gut, die Landwirthschaft kennen zu lernen.«

»Ist das ein Plan, den Sie mit Herrn Dournay verabredet haben?«

»Ja, es ist sein Wunsch und ich finde ihn angemessen.«

»So?« sagte Sonnenkamp. »Wußte auch vielleicht schon Roland selbst von diesem Wunsche und von seiner Angemessenheit, als er heute mit der Professorin abreiste?«

»Nein. Wenn Sie ablehnen, weiß Niemand davon, als Sie, Herr Dournay und ich.«

»Habe ich denn gesagt, daß ich ablehne? Sie werden noch einen Beweis bekommen, wie sehr ich Ihnen vertraue; ich habe Sie zu einem Vollstrecker meines Testaments gemacht.«

»Ich bin viel älter als Sie.«

Sonnenkamp antwortete nicht auf diesen Einwand und Weidmann fuhr fort:

»Was beschließen Sie auf meine Bitte wegen Ihres Sohnes?«

»Wenn er bei Ihnen bleiben will, so hat er meine Einwilligung.«

Der Wagen, der Roland, die Professorin und Manna zurückbrachte, fuhr bald in den Hof ein. Weidmann begrüßte die Professorin herzlich; er hatte sie vor Zeiten gekannt, die einst so blühende Schönheit sah er jetzt zum ersten Mal als Matrone.

Als man noch im grünen Hause beisammen saß, kam ein reitender Bote von Clodwig, der Erich zu ihm rief.

Weidmann erneuerte nun den Vorschlag, daß Roland nach Mattenheim übersiedle; es wurde Roland von allen Seiten zugesprochen und er erklärte, daß es gar keines Zuspruches bedürfe. Er willigte ein und so fuhr er mit Weidmann, Fürst Valerian und Knopf davon. –

Ein Wirbelwind stürmte durch den Park; er riß die letzten Blätter ab, hob die abgefallenen vom Boden, trieb sie durcheinander, und umstürmte das Haus, und ein Wirbelwind schien alle die Einwohner von Villa Eden auseinander zu reißen. Roland war fort, Prancken zeigte sich nicht mehr, Manna wohnte bei der Professorin im grünen Hause, Erich war davon geritten. Sonnenkamp und Frau Ceres waren allein in der Villa. Da kam Fräulein Perini und meldete Sonnenkamp, daß seine Frau ihn augenblicklich zu sprechen wünsche; es sei ein Zustand eingetreten, den sie nicht mehr zu bewältigen verstehe.

Sonnenkamp eilte nach dem Zimmer der Frau Ceres, sie war nicht da. Die Kammerfrau sagte, sie sei, sobald Fräulein Perini weggegangen war, durch das Haus in den Park geeilt. Man suchte, man rief sie, man fand sie endlich am Ufer sitzend, im Wetter-Sturm, mit ihrem Diadem auf dem Haupte, dicke Perlenreihen auf dem nackten Halse, am Arme große Spangen und einen Gürtel von grünen Steinen um den Leib; das glitzerte und schimmerte. Sie sah Sonnenkamp mit einem fremden Lächeln an, dann sagte sie:

»Du hast mich schön geschmückt, reich beschenkt.«

Sie schien größer zu werden, sie stand auf und warf die schwarzen Locken zurück.

»Sieh, hier ist der Dolch, ich wollte mich mit ihm tödten, aber ich schleudre ihn von mir.«

Der Griff von Edelsteinen und Perlen blinkte durch die Luft, stürzte in den Strom und versank.

»Was thust Du? Was ist das?«

»Du kehrst mit mir zurück,« rief sie, »oder ich stürze mich hier in den Strom und nehme ein Stück Deines Reichthums mit, diesen Schmuck.«

»Du bist ein betrogenes Kind,« höhnte Sonnenkamp. »Du glaubst, daß das der echte Schmuck sei? Ich habe Dir, dem einfältigen Kinde, immer nur den nachgeahmten gegeben; den echten, ganz genau mit demselben Kasten, in derselben Fassung, habe ich bei mir im diebessichern Schrank.«

»So? Du bist klug,« erwiderte Frau Ceres.

»Und Du, mein wildes Kind, bist nicht wahnsinnig.«

»Nein, ich bin's nicht, wenn es nicht kommt. Ich bleibe bei Dir, ich verlasse Dich keine Minute mehr. O, ich kenne Dich – o, ich kenne Dich, Du willst mich verlassen.«

Sonnenkamp schauderte.

Was ist das? Wie kommt das einfältige Wesen dazu, ihm einen noch schlummernden Gedanken wach zu rufen und aus der Seele zu nehmen? Er sprach die begütigendsten Worte zu Frau Ceres, er brachte sie in das Haus zurück und küßte sie, sie wurde ruhiger. Fest stand es in ihm, er macht sich frei. Es gab nur noch Eines zu gewinnen, dann fort in die weite Welt. Vorerst wollte er nach der Residenz und Professor Crutius niederschießen. Er kämpfte und rang mit dem Gedanken, und endlich mußte er ihn doch aufgeben. Aber das Andere, das muß. Und wie eine Bestätigung dessen, was er in der Seele barg, kam jetzt ein Bote von Erich mit der Meldung, daß er länger auf Wolfsgarten bleiben müsse, denn Graf Clodwig sei dem Sterben nahe.

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