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Das Landhaus am Rhein / Band V

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band V - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band V
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band V
pages1-246
created20060810
sendergerd.bouillon
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Elftes Capitel.

Es war schwer gewesen, Prancken zu finden.

Nie ging ein Mann äußerlich fester und innerlich gebrochener dahin als Prancken, da er Villa Eden verließ. Es war mehr als gute Form, es war eine sichere Gewöhnung, die ihn aufrecht erhielt.

Prancken hätte es schwer getragen, aber er hätte sich doch darein gefunden, wenn Manna ihn um des Klosters willen verstoßen. Aber ihn um eines Andern willen verstoßen, ihn, Otto von Prancken! . . . Er war tief empört.

Er war verschmäht, wo er wirklich liebte. Kann Otto von Prancken Liebe widmen und sie wird nicht erwidert? Wenn das Mädchen den Schleier nahm und die Welt verwarf, so verwarf sie ihn damit, denn er war ja auch in der Welt; aber verschmäht, abgewiesen um eines Andern willen –

Er fühlte vorerst nur seine beleidigte Würde, seine verschmähte Liebe, denn er liebte Manna; mit ihr vereint, natürlich auch mit ihrem Gelde, wollte er brav sein und sich nur noch an schönen Pferden freuen.

Also das ist der Tugend Lohn? So lohnen die Himmlischen die guten Vorsätze?

Prancken fürchtete sich vor seinen rebellischen Gedanken und bereute sie sofort.

Hin und her, bald demüthig, bald empört schwankten seine Gedanken.

Zum ersten Mal in seinem Leben erschien er sich als verkannte, mißhandelte Tugend, vor Allem aber als der beleidigte, edle Anstand, als die mit Undank belohnte Treue. Was hatte er nicht Alles diesem Hause geopfert! Und nun? Vor seinen Gedanken war es wie ein schwarzer gedrängter Leichenzug; was am Wege steht, darf sich nicht durchdrängen, muß warten, bis Alles vorüber ist.

Er ritt dahin wie ausgestoßen von der Welt. Wohin soll er sich wenden?

Soll Otto von Prancken einem Menschen klagen, vor einem Andern hülflos erscheinen?

Er lachte laut auf, da er sich erinnerte, daß er, in Voraussicht der Millionen, die ihm werden mußten, bedeutende Schulden gemacht. Was nun?

Unwillkürlich wendete er sich noch einmal und sah nach Villa Eden zurück.

Es bedurfte nur einer Zeile, nur einer kurzen Zusammenkunft, ja, wenn er zurücktritt, wenn er dies Eine Sonnenkamp darlegte, er reitet dann mit Hunderttausenden den Weg dahin. Aber nein, das darf er nicht.

Er ritt des Weges weiter, er kam am Landhause des Herrn von Endlich vorüber. Da droben wohnte die junge Wittwe – sollte er hinaufgehen? Er wußte, sein Liebesantrag wird nicht verschmäht. Nein, jetzt noch nicht. Und doch hielt er an und stieg ab. Er fragte nach der gnädigen Frau; es hieß, sie sei mit ihrem Bruder nach Italien gereist.

Er wollte zu Bella und Clodwig – nein, auch das nicht. Er hatte sie nicht zu Rathe gezogen, da er im Widerspruch mit der ganzen Welt sich Sonnenkamp angeschlossen; sollte er jetzt sich von Clodwig bemitleiden und mit Weisheit abspeisen lassen?

Er drehte das Pferd und ritt stromauf, er kam wieder an Villa Eden vorüber; sein Pferd wollte in das Thor einbiegen, er spornte und peitschte es, daß es vorüberging.

Er ritt nach dem Pfarrhause und ließ Fräulein Perini rufen.

Zuerst fragte er, ob sie noch ferner im Hause bleiben wolle.

Fräulein Perini sah ihn groß an und erklärte, daß sie sich hoffentlich nicht in ihm geirrt habe, er werde doch nicht den Dournay's Alles überlassen; ihr Vater sei um weit Geringeres im Duell gefallen.

Der Pfarrer fiel ein:

»Edler junger Freund! Nein, nicht das. Was soll dies kleine Duell in einem Waldwinkel, und daß Sie einen Menschen nach den Gesetzen des Zweikampfes tödten? Ihr Söhne des Adels müßt unter dem Banner des Papstes das große Duell mit der Revolution wagen. Auch um Euretwillen. Dort wird der große Kampf zwischen ewigem Gesetz und tagesflüchtiger Selbstvergötterung ausgekämpft und der Sieg ist Euer wie unser.«

Prancken lächelte in sich hinein, aber er sprach nicht aus, wie seltsam es ihm vorkam, da der Pfarrer nun erklärte, bevor man gewußt, woher das Geld stammt, hätte man von demselben für heilige Zwecke annehmen können, jetzt aber nicht mehr.

Prancken sah dem Pfarrer lächelnd ins Antlitz. Wußte der Pfarrer die Herkunft des Geldes nicht früher auch? Er hatte auf den Lippen, ihm zu sagen: Es ist sehr freundlich und klug, nun man nichts mehr bekommen kann, zu thun, als ob man es abgelehnt hätte.

Aber warum soll er sich die einzige Partei verbittern, die noch fest an ihm hielt? Er wollte nicht minder klug sein, und sagte, er habe sich von Sonnenkamp getrennt, weil dieser sich geweigert, seiner Forderung gemäß den Haupttheil des Vermögens einer frommen Stiftung zu widmen. Er konnte das mit Fug und Recht sagen, denn er hatte es gewollt. Das war es, was er festhalten wollte; die Ablehnung Manna's verschwand dadurch und sein unnachgiebiges Festhalten an Sonnenkamp erhielt eine gewisse Weihe.

Der Pfarrer erinnerte Prancken, daß heute die Versammlung sei; er werde dort erwartet.

Prancken verabschiedete sich.

Fräulein Perini kehrte stolz lächelnd in die Villa zurück. Seltsame Menschen, diese Deutschen! Sie ihrerseits wollte sich nicht mit leerer Hand verdrängen lassen.

Prancken ritt dahin. Er kam an der Villa vorüber, die dem Cabinetsrath gehört hatte. Ah, die waren klug, sprach es in ihm, die haben sich den Beute-Antheil gesichert vor der Entscheidung. Warum warst Du so einfältig, zart und vertrauend?

Auf dem Bahnhofe stellte er sein Pferd ab und fuhr nach der Bischofsstadt; er wird ja erwartet. Aber wie soll er unter die Genossen treten? Er kam glücklicherweise, als die Versammlung bereits zu Ende war. Im Palais des Kirchenfürsten wurde er ehrenvoll bewillkommt, und im raschen Entschlusse traf er hier eine Entscheidung.

Hier auch traf ihn die Botschaft von Bella.

Er kam nach Wolfsgarten. Der Erste, der ihm begegnete, war der Banquier. Prancken sah den Mann hochmüthig an, hatte aber gute Form genug, ein freundliches Wort an ihn zu wenden.

Er kam zu Bella, die ihm kurz von der Krankheit Clodwigs berichtete.

Prancken verhielt sich schweigsam. Es war jetzt nicht Zeit, das, was vorgefallen war, und seinen Entschluß kund zu geben. Auch als Bella ihn fragte, warum er so verstört aussehe, mochte er nicht antworten.

»Warum warst Du nicht bei der Versammlung? Kommst Du von Villa Eden? Wie sieht es dort aus?« fragte Bella.

»Ich weiß nichts,« entgegnete Prancken endlich. –

Ja, wie sah es aus auf Villa Eden?

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