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Das Landhaus am Rhein / Band V

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band V - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band V
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band V
pages1-246
created20060810
sendergerd.bouillon
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Zehntes Capitel.

Wer die Mienen der Richter und den Wechsel des Ausdrucks hätte fassen können, während Sonnenkamp erzählte!

Jetzt, als er sich zurückgezogen, saßen Alle stumm beisammen.

Was wollte der Mann? Ist das Alles Spott und Hohn, oder erwartet er in der That ein Mittel der Sühne?

Klar und fest schaute Weidmann drein, sein helles blaues Auge war ruhig, er schien von nichts überrascht.

Der Major kämpfte mit sich, er gedachte seiner verlassenen Jugend und schlug sich oft mit der geballten Faust ans Herz, indem er in sich hineindachte:

Ja, wer weiß, ob Du nicht auch so hättest werden können.

Und in der Rührung über sich und dem Schmerz über den Mann, der so keck sprach, überwältigte es ihn. Er wollte die Thränen zurückhalten, aber es gelang ihm nicht. Er wischte sich mit einem Tuche den Schweiß vom Gesicht und ward dabei auch der Thränen habhaft. Hätte er seinem Verlangen folgen dürfen, er wäre dem Manne nachgeeilt, hätte ihn umarmt und ihm zugerufen: Bruder, Bruder, Du warst ein sehr schlechter Bruder. Nein, nein, Du bist ein Prahler, ein Großthuer mit Schlechtigkeit; Du bist aber nicht schlecht, und warst Du es auch, Du hast doch ein gutes Herz und wirst brav, ich . . . ich bürge für dich.

Er wagte es nicht, seinem Herzensdrange nachzugeben. Er schaute um, ob Niemand zu sprechen beginne; Professor Einsiedel sah ihn treuherzig an und der Major nickte, wie wenn er sagen wollte: Ja, in all Deinen Büchern hast Du doch nichts so gefunden. Es ist ein Grausen, was der Mensch Alles denken und thun kann; aber glaub' mir, er ist gar nicht so schlecht, wie er sich machen will . . .

Der Doctor wagte zuerst laut zu Clodwig zu sagen:

»Wir haben uns zu einer Komödie mißbrauchen lassen. Einen leidenschaftlichen Verbrecher kann man vielleicht bekehren, einen schlauen und abgehärteten nie.«

»Und bei allem Verabscheuungswürdigen,« erwiderte Clodwig, »diese Kraft, die Heuchelei der Welt so bloßzulegen.«

Der Gaumen schien ihm vertrocknet.

»Wir Deutsche,« rief der Doctor lustig, »bleiben doch immer und ewig Schulmeister. Will dieser hart gesottene Bösewicht noch lehren, daß seine Bosheit eitel Weisheit und Logik sei, und putzt seinen Cynismus höhnisch mit Ideen auf!«

»Das Exil,« begann Professor Einsiedel, »wäre das Einzige, das wir, wie die Alten, über den aussprechen könnten, der alle Güter der Bildungswelt entweihte und beleidigte; aber es gibt kein Land mehr, wohin wir den Verbannten schicken, damit er, aller Cultureroberung entkleidet, sein Dasein verbüße.«

»Jede Strafe, die wir über ihn verhängen,« sagte Fürst Valerian, »ist eine Bestrafung seiner Kinder.«

»Dieser Herr Sonnenkamp,« sagte Clodwig mit bebender Lippe, »ist in all seiner Verruchtheit doch leider eine Ausgeburt unserer Zeit. Die ganze heutige Menschheit hat ein böses Gewissen, sie ist uneinig mit sich, bekennt sich nicht in Wahrheit zu ihren Ueberzeugungen.«

Wieder trat eine längere Pause ein.

»Ich bitte,« rief Weidmann, »daß wir von heut in sieben Tagen uns zur Eröffnung der abgegebenen Urtheile hier wieder versammeln, dann werden wir offen beschließen.«

Mit stockender Stimme bat der Major die Freunde, noch nicht auseinander zu gehen, man habe ja noch nichts Rechtes ausgemacht und er wisse sich nicht zu helfen. Er hätte eigentlich gern gefragt, ob er Fräulein Milch zu Rathe ziehen dürfe, denn das wußte er, sie würde ihm helfen; aber bei einem Ehrengerichte darf man ja nur für sich allein urtheilen.

Der schwere Kopf des Majors wankte hin und her.

Die Versammelten schienen der Pein entfliehen zu wollen, und Weidmann rief:

»Ich erkläre die Versammlung für geschlossen.«

Alle erhoben sich, wie wenn sie aus einer Gefangenschaft, aus einer verpesteten Luft befreit werden müßten; sie wären gern ins Freie gegangen, aber es regnete beständig und in den Gartenwegen bildeten sich kleine Bäche und Pfützen. Man ging nach einem großen Saal.

Clodwig bat den Doctor, daß er mit ihm nach Wolfsgarten reise, er fühle sich unwohl; aber eben als der Doctor mit ihm in den Wagen steigen wollte, wurde er zu Frau Ceres gerufen.

Joseph kam bald wieder und brachte die Nachricht, daß der Doctor die Kranke nicht verlassen könne; er müsse bei Frau Ceres bleiben, die in einem Anfall von Raserei den Papagei erwürgt und Alles, was im Zimmer war, zerschmettert hatte. Es wurde ihr zur Ader gelassen, das Blut floß dunkel, aber sie ward ruhiger.

Obgleich man Sonnenkamp von dem Unwohlsein seiner Frau benachrichtigte, verließ er dennoch das Zimmer nicht.

Der Doctor ließ Clodwig nochmals sagen, er möge hier bleiben, da es fort und fort in schweren Güssen regnete; aber Clodwig bestand darauf, heim zu kehren. Er bat den Banquier mit nach Wolfsgarten zu reisen, dieser war sofort bereit, er wollte nur voraus nach dem Städtchen fahren, um dort ein Telegramm an sein Haus aufzugeben, daß man ihn bis auf weitere Nachricht nicht erwarten solle.

Bella hatte sich inzwischen nach dem grünen Hause begeben und war dort sehr liebreich gegen Claudine und Lina, ließ es aber nicht an scharfen Worten fehlen, daß die Professorin und Manna sich egoistisch zurückgezogen hätten, während im Hause der schwere Austrag stattfinden sollte.

Als ein Diener kam und meldete, Clodwig wolle sofort zurückreisen, rief sie, heftig mit dem Fuße aufstampfend:

»Ich will nicht!«

Dann aber setzte sie hinzu:

»Er soll mit dem Wagen hieher kommen.«

Der Wagen fuhr vor, Clodwig stieg nicht aus und Bella setzte sich zu ihm; er saß fröstelnd in einer Ecke.

»Warum fragst Du nicht, wie es mir geht?« sagte er mit leiser, bebender Stimme.

Bella antwortete nicht; es kämpfte etwas in ihr, plötzlich aber rief sie:

»Schmach über Euch Alle! Was seid Ihr diesem Manne gegenüber? Da ist einmal etwas Gewaltiges in dieser Charpie zupfenden humanitären Genossenschaft. Ihr seid alle Schwachköpfe, Feiglinge!«

»Frau, Du treibst ein schlimmes Spiel mit dem Bösen. Verdirb Dich nicht noch mehr.«

»Mich verderben? Ich fahre ja mit Dir heim . . . heim . . . Du hast ja zu befehlen . . . Was willst Du denn noch mehr? Sprich kein Wort . . . kein Wort, oder ich kümmere mich nichts um den strömenden Regen. Ich springe aus dem Wagen, ich laufe in die Welt, ich weiß nicht wohin; nur nicht mehr gefangen will ich sein, nicht mehr gebannt in Eure erbärmliche, topfausgrabende, schönrednerische, humanitätsgeschminkte Welt!«

»Frau, was sprichst Du? Ist denn gut und schlecht . . .«

»Pah! schlecht und gut, das sind die Krücken, auf die Ihr Euch stützt, weil Ihr keinen Halt in Euch selbst habt. Stark und fest muß ein Mann sein! Nur nicht weich, nur nicht sentimental, nur nicht hinter Eure thränenselige Humanität versteckt. Und ein Jude und ein Atheist wie dieser Herr Dournay sitzt über einen solchen Mann zu Gericht.«

»Ich begreife Dich nicht,« schaltete Clodwig ein, aber ohne darauf zu antworten, fuhr Bella fort: »Er hat Euch zu viel Ehre angethan, als er zu Euch gehören wollte. Ihr fürchtet Euch Alle vor Jean Jacques Rousseau, vor dem Gleichheitsnarren. Euer ganzes Dasein ist eine Trivialität! Noch einmal wird sich zeigen, ob die Welt im Gleichheitsbrei ersaufen, oder ob es noch Höhen geben soll. Ueber's Meer müßtet Ihr ziehen, jetzt kommt die letzte Entscheidungsschlacht; aber Ihr seid nichts als aufgeputzter Parade-Adel. Die Südstaaten stehen auf und wenn sie fallen, dann gibt es keine Aristokratie mehr, dann laßt Euch Alle nur unter der Gleichheitsscheere scheeren. Warum zieht ihr Humanitätsheilige nicht übers Meer und befreit Euren schwarzen Bruder? Ruf' doch den Kutscher herein, Deinen Menschenbruder! Laß ihn nicht im Regen draußen, er soll sich zu uns in den Wagen setzen. Oder soll ich ihn für Dich rufen?«

Sie faßte die Schnur; der Kutscher hielt an; sie ließ Clodwig peinvoll harren, dann rief sie:

»Fahr nur zu, es ist nichts.«

Sie wendete den Kopf unruhevoll hin und her, ihr Auge rollte wild, und knirschend rief sie laut:

»Ich weiß nicht mehr, was ich thue . . . Verflucht sei . . .«

Sie hielt plötzlich inne. In diesem Augenblicke klirrte etwas in ihrem Munde, sie legte die Hand an den Mund. Was ist das? Sie nimmt es heraus. In ihrer knirschenden Wuth hatte sie sich einen Vorderzahn ausgebissen, der schon lange sehr dünn und behutsam zu behandeln war. Sie krampfte die Hand, in der sie den Zahn hielt, und preßte den Mund zusammen. Daß ihr das geschehen mußte! Schnell schoß es ihr durch den Sinn: sie kann nun nicht mehr auf die Leute losziehen, die falsche Zähne haben . . . Indessen . . . Niemand wird glauben, daß sie, Bella, einen falschen Zahn hat.

Im Städtchen traf man den Banquier wartend.

Bella stieg aus, sie hielt ein Tuch vor den Mund und dumpf tönte durch dasselbe, wie sie den Banquier bat, ihren Mann zu begleiten, und wie sie einem Diener sagte, daß er bei ihr bleibe. Sie eilte nach der Eisenbahn. Auf dem Bahnhof war sie verlegen und that das Tuch nicht vom Munde ab, sie sagte dem Diener, daß er Billets nach der Festungsstadt nehme. Dann saß sie still in einer Ecke des Wartesaals und hatte den Schleier doppelt über das Gesicht gebreitet. Sie fuhr nach der Festungsstadt. Niemand soll wissen, daß sie sich einen falschen Zahn einsetzen läßt, Niemand soll sie je mit einer Zahnlücke gesehen haben. –

Clodwig fuhr heimwärts, er wischte sich oft die Augen ab, als müßte er einen sich immer wieder ausbreitenden Schleier wegwischen. Er war vor Allem in seinem Stolz beleidigt; er, Clodwig, wurde verhöhnt, und von wem? Von seiner Frau. – Sie hat mich nicht eine Minute geliebt, das empfand er als einen Stich in seinem Herzen, und dieser Stich wich nie mehr, denn was er in der Seele empfand, äußerte sich zugleich körperlich. Wer mißt hier die Wechselwirkung aus?

Der Regen hatte aufgehört, aber Clodwig erschien Alles in Nebel, trüb. Er kam auf Wolfsgarten an, alle Zimmer erschienen ihm voll Rauch, voll Nebel. Er setzte sich in seinen Stuhl.

»Ich bin einsam . . . einsam,« sagte er vor sich hin.

Der Banquier redete ihm mit milden Worten zu, aber Clodwig schüttelte den Kopf. Die Worte Bella's hatten ihn ins Herz getroffen, tödtlich verwundet.

Man zog Clodwig den Rock aus, er sah lange auf den Rock und nickte wehmüthig lächelnd.

Ahnte er, daß er ihn nie mehr anziehen wird? . . .

Als Bella am frühen Morgen heimkehrte und an das Bett Clodwigs trat, sah er sie mit geisterhaften Mienen an.

»Medusa! Medusa!« schrie er.

Er wußte nicht, daß er es gerufen, er fiel zurück in die Kissen.

Man brachte ihn wieder zum Leben. Stunden der höchsten Pein waren es, bis der Doctor kam. Er sagte, Clodwig sei schwer krank, die Verhandlung habe ihn übermäßig angegriffen, die Heimfahrt durch den Regen – »und vielleicht noch etwas Anderes,« setzte er gegen Bella hinzu, die ihn starr mit unbewegten Mienen anschaute.

Clodwig hatte, sobald er wieder zum Bewußtsein gekommen, nach Erich verlangt. Man sandte ihm einen Boten.

Bella schickte nach ihrem Bruder. Niemand wußte genau, wo er war.

»Ich bin allein,« sagte auch sie.

Sie erschrak, da sie das gesagt hatte, denn sie fühlte, daß sie in der That bald allein sein würde.

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