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Das Landhaus am Rhein / Band IV

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band IV - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band IV
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band IV
pages1-350
created20060804
sendergerd.bouillon
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Sechstes Capitel.

Niemand als seine Mutter ahnte, daß mit Erich eine Wandlung vorging. Ehedem so mittheilsam, war er jetzt, namentlich in Anwesenheit Manna's, von großer Behutsamkeit, als befände er sich in der Nähe eines Wesens, das man nicht wecken und nicht stören dürfe.

Bald aber wurde die Wandlung im Verhalten Erichs noch von einem andern, schärfer lauernden Blicke wahrgenommen. Bella kam, um ihre Schwägerin zu begrüßen. Sie hatte die Gewohnheit, diejenigen Mädchen, die sie begünstigte und denen sie ihre Huld zeigte, um die Hüfte zu fassen und so mit ihnen zu lustwandeln, aber so oft sie das bei Manna versuchte, machte diese immer eine Bewegung, wie wenn sie sie abschütteln müsse, ja sie sagte endlich Bella geradezu, es sei ihr das peinlich. Bella lächelte, innerlich aber war sie empört. In diesem Hause, in diesem Garten mußte sie Ablehnungen erfahren, die sie nie für möglich gehalten. Sie zeigte jedoch keinerlei Verletztheit.

Manna entschuldigte sich, daß sie die Freundlichkeit nicht erwidere, denn es sei ihr Vorsatz, keinerlei Besuche zu machen. Bella hielt sich nur noch bei der Professorin und Claudine auf, dann kehrte sie nach Wolfsgarten zurück mit dem Entschlusse, dieses Haus mit Allem, was darin, fortan als nicht vorhanden zu betrachten. Wollte Otto sich von hier die Gattin holen, so war das seine Sache. Sie glaubte nur ihren Bruder aufmerksam machen zu müssen, wie in der beiderseitigen Zurückhaltung, die Manna und Erich bewahrten, der Keim eines tieferen Verhältnisses liege. Nicht ohne Bosheit entgegnete Prancken, daß der Hauslehrer bei weitem nicht so gefährlich sei, als er seiner Schwester erscheine, zumal nicht für eine fest im Glauben stehende Natur.

Prancken reiste viel ab und zu, und so oft er kam, brachte er eine Belebung mit. Dem Blicke Manna's entging es aber nicht, daß er nur Kunststücke machte, aber kein Künstler war, daß er geistreich spielen konnte, aber keinen productiven Geist hatte; er hatte etwas Unstetes, Abspringendes; dies wurde um so auffälliger, wenn Erich zugegen war.

Prancken war nie verlegen, ein spitzes Wort anzubringen, aber er konnte nicht ausführlich erörtern; neue Themas verwirrten ihn, er brachte nicht dazu Gehöriges vor, während Erich gerade durch ein ihm entgegengehaltenes Denken immer lebendiger, frischer und fruchtbarer wurde.

Prancken erschien oftmals schal und abständig, er fühlte das und es reizte ihn; der Umgang mit ihm hatte etwas Beängstigendes und unter vieler zur Schau getragenen Freundlichkeit verbarg sich fast immer eine verbissene Feindseligkeit. Er glaubte jetzt auch eine Uebereinstimmung zwischen Erich und Manna zu entdecken.

Manna wie Erich war die Hervorhebung des Allgemeinen, der reinen Idee stets näher als das Persönliche, ihr ergab sich solches aus Religion, ihm aus Erkenntniß. Anfangs hatte sich Manna fremd und theilnahmslos, ja mit einem gewissen Trotz, wie zu einem Widersacher benommen, allmälig aber erkannte sie die ungebrochene Kraft der Wahrhaftigkeit in seinem Wesen. Wenn Prancken stritt, gab er seine Behauptung immer so, als ob Alles, was er sagte, unwiderleglich wäre; Erich dagegen suchte immer zuerst die richtige Fragestellung zu erzielen, denn das sei das Beste, wodurch man zum wirklichen Ergebniß komme.

»Fragen und Entbehren,« setzte er lachend hinzu, »bezeichnet schon der alte Philosoph Epictet als die Weisheitslehre.«

»Wer ist Epictet?« konnte da Manna fragen, und indem Erich das Leben dieses Stoikers, der Sklave in Rom gewesen, sich zum Philosophen entwickelt und in der Weise des Sokrates gelehrt hatte, kurz darlegte und eigenes Denken daran knüpfte, sah Manna mit Schrecken, wie sie in Vielem Eins mit ihm war; ihre Götter waren nicht die gleichen, aber ihre Andacht war die gleiche.

Prancken war eifersüchtig, wenn er bei den Auseinandersetzungen Erichs die theilnahmsvollen Mienen Manna's sah; er suchte nun oft die Ketzerei Erichs herauszulocken, damit Manna sich von ihm abgestoßen fühle.

Es war zwischen den beiden Männern oft, als kämpften sie wie im Turnier um den Siegespreis vor Manna's Augen. In solcher Stimmung geschieht es leicht, daß unscheinbare Ereignisse zum Ausgangspunkt eines hitzigen Kampfes werden. So war es, als eines Tages Prancken in lustigem Ton erzählte, heute sei eine Wallfahrt des gesammten Landvolkes nach dem Bahnhofe, denn man erwarte mit dem Abendzuge die Liste der Dombaulotterie, und Jeder der armen Leute, Knechte, Mägde, Winzer, Steinbrecher und Schiffer hoffe auf das große Loos. Manna hatte auf den Lippen, zu sagen, daß sie dem Krischer Geld gegeben habe, um sich ein Loos frei zu machen, aber sie kam nicht dazu, denn Erich konnte sich nicht enthalten, auszurufen:

»Diese Lotterie ist eine Ungeheuerlichkeit, eine Schmach für unsere Zeit.«

»Wie? Was sagen Sie?«

Erich suchte abzulenken; aber Manna bat:

»Dürfen wir nicht wissen, welchen Widerspruch Sie gegen diese Einrichtung hegen?«

»Ich würde es nicht gern aussprechen.«

»Herr Hauptmann,« drängte Prancken, »wollen Sie uns nicht die Gunst erweisen, Ihre Ansicht mitzutheilen? Es wäre sehr freundlich von Ihnen, wenn Sie uns belehren und Ihren Widerspruch erklären wollten.«

Erich merkte, wie er gereizt und gestachelt werden sollte, aber er hatte Selbstbeherrschung genug, mit ruhigem Bedacht zu erwidern:

»Vor Allem bitte ich, im Auge zu behalten, daß katholische wie protestantische Dome auf diesem entsetzlichen Wege ausgebaut werden sollen.«

»Warum so entsetzlich?« fragte Manna.

»Ja, weiter, weiter!« drängte Prancken.

»Erlauben Sie mir, nicht so eilig zu sein,« entgegnete Erich, »ich muß weiter ausholen.«

»Immerzu, immerzu!« stachelte Prancken und zwirbelte seinen Schnurrbart in die Höhe.

»Die größten Dome,« begann Erich, »sind unfertig; im Schooß der Erde ruhen tausend und tausend Hände, die einst die Andacht bewegte, daß sie Steine gruben, hoben, meißelten und fügten; gewiß waren auch gedankenlose Arbeiter dabei, aber die Andacht hatte sie in Bewegung gesetzt, die Andacht derer, die das Geld spendeten, die Andacht der Werkführer, die ein Gotteshaus bauen wollten. Nun aber wird in die Welt hinausgerufen: Du Knecht, Du Magd, Du Handwerksgesell, komm her, hier ist ein Lotteriezettel, kostet nur einen Thaler, damit kannst Du Tausende gewinnen und nebenbei auch eine Kirche bauen helfen! Wie kann man in einem Baue das heilige Wort verkünden, wenn der Bau aus Gewinnsucht der Menschen errichtet ist? Sie lächeln, Sie denken, es schadet dem Knecht und der Magd nichts, daß sie den Thaler verlieren; aber ich frage, schadet es nicht ihrer Seele, daß sie auf Lotteriegewinn hofften? Wie wäre es, wenn man in den Eckstein der neuen Bauten einen Lotterieplan einfügte? Die Geschlechter künftiger Jahrhunderte werden schwerer daran entziffern, als wir an den Ueberresten der Pfahlbauten. Was war denn das für ein Geschlecht, das eine Kirche baute auf Lotteriegewinn? werden sie fragen . . . Tetzels Ablaßkram war weniger widersprechend, da gab man Geld für Büßung der Sünden, das war ein mißverstandenes sittliches Motiv, aber doch immer ein sittliches Motiv. Hier aber . . .«

»Ich hatte gedacht,« fiel Sonnenkamp ein, »daß Sie die Schönheit an sich, die Ausführung des schönen Baues für ein sittliches Motiv hielten.«

»Eine Kirche,« entgegnete Erich, »kann nicht blos als schönes Kunstwerk ohne den damit verbundenen Zweck der Andacht angesehen werden, und diese Andacht wird im Innersten verletzt; es ist ein Widerspruch, ein unheiliges Mittel für einen heiligen Zweck anzuwenden; das Unangemessene ist das innerlich Unschöne.«

Prancken war empört und verlegen zugleich, da er sah, daß Manna sinnend drein schaute. Was hätte er erst empfunden, wenn er geahnt hätte, was in ihr vorging?

Der Ketzer Erich hätte mit all seiner Philosophie ihr kein Dogma antasten können; da war kein Hebel, der einen festen Fels bewegen konnte; nun aber hatte er im Angriff gegen ein scheinbar Nebensächliches ihr Vertrauen in die sittlich schönen Maßnahmen derer erschüttert, die für sie die Welt des Geistes darstellten. Alles, was die Religion betraf, war fest und abgeschlossen, aber es rüttelte in Manna, daß man nach Geld strebte. Sie verachtete das Geld wie einen gefährlichen Feind. Und »Geld – Geld!« klang es wieder in ihr. »Ist Geld die Verführung?«

Prancken raffte sich zum Worte auf:

»Ich meine, wer nicht im Glauben steht, sollte nie eine andere Glaubensform attaquiren.«

»Das sollten wir nicht?« entgegnete Erich. »Und wir werden doch attaquirt. Die Demuth ist eine Tugend, aber sie ist die Tugend des Belagerungszustandes. Ich weiß, daß wir noch keine feste Formel zu geben haben. Wir stottern noch am Worte der Erlösung. Soll aber das Kind, weil es noch nicht sprechen kann, darum nicht seine Wünsche durch Klagetöne kundgeben?«

»Dieselbe Religion,« warf Prancken ein, »die die Dome gebaut, hat auch das Gebot der Liebe der Welt verkündet. Ist Ihnen auch diese ein Gräuel?« Ruhig erwiderte Erich:

»Hoch und heilig ist uns das Gebot der Herzensläuterung, der Liebe, aber Liebe ist Genie des Herzens, dagegen thätige Hülfe läßt sich befehlen, läßt sich erziehen. Das große Wort: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst, ist zur Heuchelei geworden; man sagt, ich liebe meinen Nächsten, aber ich habe nichts für ihn zu thun. Unsere Lehre heißt zunächst: Hilf Deinem Nächsten wie Dir selbst. Liebe ist eine Art musikalischer Empfindung, die geheuchelt werden kann, Hülfe nicht; darum führen wir das Wort weiter: hilf Deinem Nächsten wie Dir selbst. Und Du selber mußt es thun, denn wir stehen auf dem Grundsatz: es gibt keine Stellvertretung im Reiche der Sittlichkeit, da ist allgemeine Wehrpflicht Urgesetz.«

»Das haben Sie schon einmal gesagt,« warf Prancken ein.

»Ich glaube, daß wir das gleiche Recht haben, wie die, die uns gegenüber stehen, die auch nicht immer Neues vorbringen. Das Sonnenlicht ist heut wie gestern und . . .«

Da stürzte Roland athemlos herein und rief:

»Erich, Du sollst gleich kommen, der Krischer ist da; er ist wie wahnsinnig und sagt, Du allein sollst entscheiden.«

»Was ist denn geschehen?«

»Auf das Loos des Siebenpfeifer ist ein Hauptgewinn gefallen, und der Krischer sagt, das Geld gehöre ihm. Komm, der Krischer ist wie rasend.«

Erich ging nach dem Hofe.

Dort saß der Krischer auf einer Hundehütte und sah jämmerlich zu Erich und Roland auf; er sprach lallend durcheinander, man konnte nicht klug daraus werden; nur das war deutlich, daß der Siebenpfeifer Geld gewonnen hatte und daß der Krischer behauptete, es gehöre ihm.

Auch Sonnenkamp, Prancken und Manna erschienen auf der Treppe, und jetzt schrie der Krischer, Manna müsse ihm bezeugen, daß sie ihm Geld für das Loos gegeben habe, er habe nur vergessen, es zurückzukaufen.

Erich suchte ihn zu beruhigen und versprach, ihn zum Siebenpfeifer zu begleiten; er bat Sonnenkamp um die Erlaubniß, anspannen zu lassen. Roland drängte, daß er mitfahren dürfe. Der Krischer setzte sich zum Kutscher auf den Bock, und so fuhren sie nach dem Dorf zum Siebenpfeifer.

Vor dem Hause trafen sie den Küfer, der Erich erzählte, daß ihn der Siebenpfeifer so eben aus dem Hause gewiesen habe, da er für seine Tochter einen anderen Mann suchen könne und sie vor Allem nicht dem Sohne des Krischers gebe, der ihm vor der Welt sein Besitzthum streitig machen wolle.

»Ist's denn wahr, Vater, daß das Loos Euch gehört hat?«

»Ja gewiß, und es gehört mir noch.«

»So, jetzt verstehe ich erst,« sagte der Küfer und ging davon.

Im Haufe des Siebenpfeifers trafen die Ankömmlinge große Verwirrung; die älteste Tochter weinte, die anderen Kinder rannten durcheinander.

Endlich kam man zu einiger Ruhe. Der Siebenpfeifer sagte, er lasse sich einstweilen nicht verrückt machen, er bleibe allerdings nicht mehr Taglöhner in den Weinbergen, vorläufig thue er einmal ein Jahr lang gar nichts; es würde sich dann schon finden, was er anfange. Die Kinder sprangen und jubelten durcheinander, der Siebenpfeifer rief sie zusammen, sie sollten singen, aber Keines wollte mehr; das sei jetzt vorbei.

Erich sagte, daß der Krischer vor dem Hause warte.

Kaum hatte er das gesagt, als der Siebenpfeifer das Fenster aufriß und dem ehemaligen Kameraden auf die Straße hinab zurief:

»Wenn Du nicht gleich davongehst und noch ein einzig Mal einen rothen Heller von mir verlangst, so schlage ich Dir alle Knochen entzwei. Jetzt weißt Du, was Du bekommst!«

Kein Zureden half, der Siebenpfeifer blieb dabei, daß er dem Krischer nicht gebe, was man in einem Auge leiden könne.

Traurig gingen Roland und Erich davon. Sie kamen nach dem Hause des Krischers, er lag auf der Bank und schlief. Die Frau klagte, daß er schwer betrunken heimgekommen sei, und auch der Küfer sei ganz wie verwirrt.

Auch hier konnten Erich und Roland nichts helfen.

Auf dem Heimwege war Roland tief nachdenklich über die Verwandlung, die der Geldgewinnst unter diesen Menschen hervorgebracht; noch am Morgen beim ersten Erwachen sagte er:

»Wie nur der Krischer und der Siebenpfeifer heut erwacht sein mögen?«

Man schickte einen Boten nach dem Dorf und hörte zur Beruhigung, daß Beide wieder gleichmäßig weiter lebten; nur die älteste Tochter des Siebenpfeifers hatte ihr elterliches Haus verlassen und wohnte beim Krischer.

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