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Das Landhaus am Rhein / Band IV

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band IV - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band IV
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band IV
pages1-350
created20060804
sendergerd.bouillon
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Fünftes Capitel.

Manna ging regelmäßig zur Kirche, sie betete mit gleichmäßiger Innigkeit, aber eine eigenthümliche Scheu hielt sie vor dem Eintritt ins Pfarrhaus zurück. Sie wiederholte sich stets, daß ihr der Pfarrer gesagt, sie möge ihn eine Zeit lang vermeiden und sich selbst im Leben umthun.

Oftmals mitten im Gespräch mit der Professorin überfiel sie ein Schreck, daß sie sich hier in ein fremdes Sein einwebe; sie glaubte wieder jenen Blick zu gewinnen, der über alle Erscheinungen der Welt hinwegsieht.

Endlich raffte sie sich auf und ging zum Pfarrer. Der Pfarrer empfing sie freundlich und sagte, es müsse ihr zu Muthe sein, wie einem Menschen, der, nachdem er aus der Welt geschieden, wieder in dieselbe zurückkehren könnte, und nachdem er die ewige Herrlichkeit geschaut, nun sehe, wie es die Menschen treiben, wie sie unruhige Tage verbringen und die Nächte in schweren Träumen, sich beschwichtigen, betäuben.

Er schärfte ihr ein, die Menschen recht mild zu betrachten, die Schlimmsten seien die, die da glauben, sie wissen, was sie thun; diesen zu verzeihen, sei am schwersten. Aber gerade aus dem Höchsten heraus müsse man ihnen am meisten vergeben, denn trotz ihres Klugredens wissen sie nicht, was sie thun, und wir könnten immerdar von ihnen sagen: Herr vergib ihnen. Es bleibt uns nichts, als für ihr Seelenheil beten, die ewige Gnade anflehen, daß ihnen das Heil aufgehe.

Ohne einen Namen zu nennen, erklärte er, wie es Menschen gebe, die, scheinbar fromm und in sich befriedigt, auch sogenanntes Gutes thun und für ihre von dem Höchsten entfernten Gedanken sich die heiligen Worte borgen.

Er schilderte die Professorin, ohne sie zu nennen.

Er deutete auf Andere, die, des Wissens voll, immer und ewig vom Mittelpunkt abirren und, ohne selbst eines festen Zieles sicher, einen Menschen führen zu können vermeinten.

Er bezeichnete Erich.

Mit Behutsamkeit schilderte er dann die Weltmenschen, die den Herrn des Himmels und der Erde zwingen wollen, daß er es ihnen gut gehen lasse, und mit ihrem Spott alle Demuth verscheuchen. Er nannte geradezu den Doctor Richard und den Weidmann'schen Kreis, und doch zielte er dabei zugleich auf Sonnenkamp; nur durfte das Kind allein sich diese Ausdeutung machen.

Manna sah aus dem Fenster, ihr Blick ging nach dem elterlichen Hause, dem Park und dem Garten und ihr war, als müßte Alles das versinken. Die Fluthen kommen herauf aus dem Rhein, die ewigen Wasser strömen wieder über das Festland . . . hier in dieser Stube allein ist die Arche Noah.

Zaghaft, kaum die Worte hinhauchend, klagte oder vielmehr fragte sie, warum es ihr auferlegt sei, noch einmal in das Leben zurückzukehren.

Der Pfarrer tröstete mild. Wie hier aus diesem Fenster ein Auge auf Alles da drunten schaue, ein Auge, das bald vergehen werde, so wache ein unvergängliches Auge über sie; sie solle ohne Furcht sich dem ganzen Treiben hingeben, aber in sich den Gedanken tragen, der Alles dies verschmäht und weit von sich entfernt weiß. Das sei die Prüfung, die ihr auferlegt sei.

Er ging sogar weiter und wünschte, daß Manna ihn geraume Zeit nicht besuche, sie solle Wochen, Monate lang von ihm entfernt bleiben; sie solle noch keinerlei bindendes Gelübde nach Außen, auch nicht das des stetig wiederkehrenden Besuches haben; Alles solle ihr freier, fester, selbständiger Wille sein; ohne äußere Handreichung, auf sich allein gestellt, solle sie überwinden.

Schüchtern fragte Manna, warum der Pfarrer nicht die Wohlthätigkeit in die Hand genommen habe, die nun die Professorin im Auftrage ihres Vaters in so weiten Kreisen übe.

»Warum nicht?« rief der Pfarrer und sein Auge funkelte. »Wir können nichts in die Hand nehmen, was sich uns nicht gibt; und dann müssen die Weltlinge erfahren, daß die sogenannte Wohlthätigkeit ohne kirchliche Segnung in Nichts verfliegt. Mischen auch Sie sich nicht hinein, denn Sie können hier keine Gemeinschaft haben. Halten Sie fest, Sie sind hiehergekommen, nicht um Andere zu bekehren, sondern bei sich selbst einzukehren.«

Tief erschreckt war Manna, da der Pfarrer ihr weiter sagte, er glaube nicht, daß sie dazu geschaffen sei, den Schleier zu nehmen; es wäre besser, wenn sie die Gattin Pranckens würde.

Eine Röthe durchzog das Antlitz Manna's, sie wehrte mit beiden Händen ab, sie konnte kein Wort hervorbringen.

Manna ahnte nicht, wie man mit ihr spielte. Bald das Eine, bald ein Anderes bestärkte sie in dem Gedanken, den Schleier zu nehmen, um dann eine Heirat mit Prancken als Befreiung erscheinen zu lassen und sie auf ewig zu Dank zu verpflichten. Ja, oft dieselben Menschen stellten ihr bald das Eine, bald das Andere als ihren eigentlichen Beruf dar.

»Gut,« beschwichtigte der Pfarrer und legte ihr die Hand aufs Haupt, »gut, können Sie auch das überwinden, um so besser: aber wir rufen Sie nicht, wir verleiten Sie nicht, Sie allein müssen sich rufen, Sie allein sich leiten. Man wird kommen und Ihnen zuraunen: Die Pfaffen – so nennen sie uns – haben Sie mit den feinsten Künsten verführt. Ich habe Ihnen ins Herz gelegt, Sie sollen nicht dem Leben entsagen. Können Sie nicht anders, müssen Sie aus sich allein, dann sind Sie uns willkommen, aber nur dann.«

Der Pfarrer war aufgestanden und ging in raschen Schritten auf und ab.

Manna saß in sich erschauernd auf dem Sopha.

Jetzt wendete sich der Geistliche um und sagte:

»Sie werden erkennen, wie hoch wir Sie ehren, indem wir Ihrer eigenen Kraft Alles anheimstellen, der Kraft des Glaubens und der Entsagung in Ihnen. Und nun lassen Sie uns frei und heiter mit einander reden. Finden Sie auch, daß Herr Dournay ein bezaubernder Mensch ist? Sprechen Sie offen und gradaus, als sprächen Sie mit sich selbst.«

»Ich weiß es noch nicht zu sagen, ich möchte glauben, daß etwas in ihm ist, was ihn zu einem edeln Werkzeug des heiligen Geistes machen könnte.«

»So? Also das finden Sie? Das ist die Kunst des Versuchers, daß er die Gestalt des Reinen annimmt, Pflicht und Hoffnung der Bekehrung so lockend hinstellt, daß das arme Menschenkind nicht merkt, wie es bereits dem Bösen verfallen. Also diese Gestalt nimmt er an in Ihnen? Ich rathe Ihnen, versuchen Sie es, diesen Falschmünzer zum Rechten zu bekehren. Versuchen Sie es, und haben Sie es vollbracht, sind Sie größer als ich ahnte; haben Sie es verfehlt, sind Sie geheilt für immer. Weise ist der Weg der Vorsehung, die Ihnen diesen Menschen unter das Auge führte und den Gedanken ins Herz pflanzte, ihn bekehren zu können. Doch nein! Glauben Sie mir, das ist nicht Ihre Aufgabe. Diese Selbstbegucker haben nur den kurzen Blick.«

Er hielt eine Weile inne, dann sagte er lächelnd:

»Denken Sie sich einen Menschen, dessen Auge nicht so weit reicht, daß es die Sterne sieht, und Sie sprechen ihm von der Pracht des gestirnten Himmels. Diese sogenannten Gebildeten sehen nichts als sich selbst im Spiegel, ihr Blick reicht nicht weiter, sie können Gott nicht sehen.«

Wieder ging der Pfarrer starken Schrittes auf und ab. Manna wußte nichts mehr zu sagen und wußte auch nicht, wie sie aus dieser Stube wieder heimkehren, wieder vor die Augen der Menschen treten solle, die ihr wie Schatten, wie Verkleidung des Versuchers erscheinen sollten.

Mit mildem Ton wendete sich der Pfarrer wieder zu ihr und sagte:

»Nun gehen Sie, mein Kind. Gott mit Ihnen.«

Er segnete sie und Manna ging.

Mit einer anspannenden Kraft, all das Leben nur wie ein Spiel zu nehmen, wie eine Versuchung, der man sich nicht entziehen dürfe, widmete sie sich ihrer Umgebung.

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