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Das Landhaus am Rhein / Band IV

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band IV - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band IV
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band IV
pages1-350
created20060804
sendergerd.bouillon
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Viertes Capitel.

Lina wohnte neben Manna, sie ging mit ihr zur Kirche, und wenn Manna auf dem Wege dahin und zurück sagte, sie spreche nicht gern am Morgen, blieb Lina dabei, Manna brauche gar nicht zu sprechen, sie solle nur sie allein reden lassen.

Beim ersten Erwachen sang sie sofort ihre Scala, dann trällerte sie durchs Haus und fast zu jeder Stunde des Tages, wenn man nicht ausging oder wenn nicht Besuch da war, saß sie am Clavier im Musiksaal und sang unaufhörlich, Alles durch einander, ernst und traurig, classisch und modern, wenn es nur schallte. Auf ein thränenschweres Klagelied von Pergolese setzte sie einen übermüthigen Tiroler Jodler.

Wenn man Lina zum Singen aufforderte, war sie immer sofort bereit; sie sang im Glauben, daß es den Menschen Ernst war, die sie aufforderten, und daß sie ihnen Freude mache. Ihre Stimme war von mäßigem Umfange, aber klar und hell wie ein Waldbach.

Kam sie auf die Burg, so benahm sie sich gegen den Architekten so zurückhaltend, daß Niemand außer Manna etwas von dem Liebeseinverständniß bemerken konnte.

Das ganze Haus war durch die Anwesenheit Lina's verändert, auch bei Tisch gab es viel Lachen. Schon während der Kirschenzeit hatte man aus den Treibhäusern auf Villa Eden frühreife Aepfel, und Lina hatte die Gewohnheit, daß sie nie einen Apfel schälte, sie biß muthig hinein und freute sich, daß sie das jetzt ohne Verweis der Mutter thun durfte; aus dem Blicke Sonnenkamps machte sie sich nichts; sie neckte den allgemein gefürchteten Unhold und fand ihn ganz manierlich und zahm.

Lina aß wie ein gesundes Mädchen, das vom Felde kommt, während Manna nur wie gezwungen aß. Lina hatte Freude am Essen und hatte zu jeder Stunde Hunger; sie konnte immer, wie sie sagte, etwas zu sich nehmen, und wenn es ihr bei Tische schmeckte, sagte sie:

»Manna, hast Du Dich nicht auch sehr gefreut, daß Du das Klosteressen los geworden? Das erste Essen daheim war mir ganz neu, und bei Euch ißt man sehr gut.«

Auch Wein trank sie gern und wurde viel damit geneckt. Sie bat Erich, er möge sie vertheidigen, und dieser erklärte:

Das kann ich. Es ist ein romantischer Aberwitz, wenn man es für schön hält, daß ein Mädchen nicht Freude an Speise und Trank hat. Mit Maßhalten Wein trinken paßt sich gewiß für ein weibliches Wesen. Ist Wein trinken nicht viel schöner als Fleisch essen, von einem Thiere sich nähren?«

Alles lachte, nur Manna sah Erich wieder befremdet an. –

Manna fühlte sich von der Anwesenheit Lina's wie aus dem Hause verscheucht.

Nur bei der Professorin, vor welcher Lina eine heilige Scheu hatte, konnte Manna noch ein Alleinsein gewinnen; sie fühlte sich hier wie auf der Flucht geborgen, und auf dieser Flucht in das grüne Haus kam sie fast widerwillig der Professorin näher. Die gleichmäßige Seelenruhe wurde von Manna erkannt und sie lächelte wie erlöst, da die Professorin sagte:

»Sie möchten wol, daß Lina zu mir ins Haus ziehe, Sie scheuen sich aber vor mir und vor ihr, das zu bekennen.«

Manna gestand, daß sie nicht den Muth gehabt, ihren Wunsch auszudrücken.

Schon am nächsten Tage siedelte Lina in das grüne Haus zur Professorin über; auch dort war sie bald lustig und guter Dinge, sie machte das ganze Haus fröhlich durch ihre Munterkeit. Wo sie ging, stand und saß, sang sie vor sich hin wie ein Vogel auf dem Zweig, aber es erquickte dem Hörenden das Herz. Die Tante begleitete ihren Gesang zum Clavier, und der Gesang ihrer glockenhellen Stimme war ganz frische Gesundheit, helle Freude; sie brachte Alles leicht hervor und jetzt in ihrer Liebe war ein Ton der Innigkeit in ihrem Gesang, den man nicht in ihr vermuthet hatte.

Lina war sehr sorgfältig auf ihre Kleidung und betrachtete sich gern im Spiegel. Aber sich mit innerem Leben abquälen? »Fällt mir gar nicht ein,« war ihre beständige Redensart. Das lachte, sang und tanzte; Gestern ist nicht mehr und Morgen kommt von selbst. Das lebte so dahin, das war katholisch, weil man es einmal war und es viel zu unbequem ist, etwas daran zu ändern. Mitten unter all den Menschen, die Schweres in der Seele trugen und noch Schweres sich auferlegten, war Lina das einzige unbelastete Naturkind.

Manna war immer noch nicht zutraulich gegen die Professorin, sie nannte sie Madame und sprach nur französisch mit ihr, wie sie es vom Kloster her gewöhnt war; doch gab sie auf alle Fragen offene Antwort.

»Hatten Sie eine Freundin im Kloster?« fragte einmal die Professorin.

»Nein, es ist nicht gestattet. Man soll sich nicht einem Einzelnen widmen, sondern Alle mit gleicher Liebe behandeln.«

»Hatten Sie je zu einer der Damen ein besonders vertrauliches Verhältniß?»

Manna nannte die Oberin. Die Professorin pries das thätige Leben derselben, denn es sei ein schöner Beruf, jungen Kindern Friede und Freude bieten, sie stark machen, damit sie die Schwere des Daseins überwinden.

Manna nickte wie verklärt; dann schrak sie wieder zusammen. Ist das nicht die Versuchung? Will diese Frau in ihre Seele eindringen, um sie zu gewinnen und abwendig zu machen? Es war ein böser Blick, der aus dem jungen Auge auf der älteren Dame ruhte. Mißtrauen gegen die Menschen draußen in der Welt, zumal gegen die anderen Glaubens, war tief in die Seele Manna's gepflanzt worden.

Dennoch kehrte sie auch jetzt noch immer zur Professorin zurück. Die freundliche Bereitwilligkeit, sich Anderen zu widmen, wirkte wie magnetisch auf sie und unversehens kam sie in ein vertraulicheres Verhältniß zur Professorin.

Das Ringen und Kämpfen, in welches die jugendliche Natur des Mädchens versetzt war, offenbarte sich der Professorin. Sie saßen einst im Garten, sie hatten es glücklich abgelehnt, mit Lina, Roland und Erich auf dem Rhein zu fahren, da sagte Manna, scheu sich umsehend:

»Warum soll es eine Sünde sein, sich an der Natur zu erfreuen?«

Die Professorin antwortete lange nicht und Manna drängte:

»Bitte, sprechen Sie doch.«

»Ein Mann,« erwiderte die Professorin, »den Sie wol nicht so verehren wie wir, hat das Wort gesagt: Gott sieht ein freudiges Herz lieber als ein zerknirschtes.«

»Wer ist der Mann?«

»Lessing.«

Manna bat um die Stelle. Sie erklärte sich stark genug, die Gedanken der sogenannten weltlichen Genies in sich aufzunehmen, ohne dadurch sich selbst zu verlieren.

Die Professorin warnte und mahnte wiederholt, aber Manna blieb dabei, daß sie in die Welt zurückgekehrt sei, um Alles, was sich ihr darbiete, zu erkennen und dann frei entsagend Alles abzulehnen. Sie erklärte ihren festen Vorsatz, nicht die Gattin Pranckens zu werden, überhaupt keines Mannes Weib; sie war nahe daran, der Professorin zu eröffnen, wie sie sich einer Schuld opfern wolle, und dieses Opfer sei durch die Gnade des Himmels ein freies, sie selbst von allem Weltgelüste ablösendes.

»Ihnen,« sagte sie mit thränendem Auge, »Ihnen könnte ich Alles sagen.«

Es hätte nur eines Wortes, nur eines ermunternden Anrufes bedurft, und Manna hätte der Professorin Alles gesagt. Aber diese sprach sehr behutsam und jedes Wort wählend. Manna sollte keine Ahnung davon haben, daß sie das Geheimniß bereits wisse; sie gab nur zu verstehen, daß sie den Entschluß des Mädchens billige, den Schleier zu nehmen.

Das im Kloster gepflanzte Mißtrauen erwachte wieder in der Seele Manna's. Diese Frau stimmte ihr nur bei, um sie desto sicherer zu machen. Als sie aber jetzt aufblickte und in das ruhig stille Antlitz der Professorin schaute, war sie nahe daran, ihr um den Hals zu fallen und um Verzeihung zu bitten, weil sie ungut von ihr gedacht.

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