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Das Landhaus am Rhein / Band IV

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band IV - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band IV
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band IV
pages1-350
created20060804
sendergerd.bouillon
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Achtes Capitel.

Manna, Erich und die Mutter saßen ernst beisammen; sie hatten das schwere Geheimniß einander mitgetheilt, auch vor ihnen lag die Zeitung auf dem Tische. Jetzt trat Roland ein und rief:

»Manna, wir sind Kinder der Schande!«

Drei Menschen liefen auf ihn zu, umhalsten und küßten ihn und hielten ihn fest und warm.

»Sei stark, Bruder!« sagte Erich, ihn umfassend.

»Stark kann ich Dich hauchen, Bruder!« Das Wort des Hiawatha umtönte Roland, und irren Blickes schaute er hin und her. Stumm saß er auf einem Stuhl und um ihn her saßen die Menschen, alle ihm so innig nah, Niemand sprach ein Wort . . .

Sonnenkamp war unterdeß am Eingang in den Park abgestiegen. Ein Telegramm wurde ihm übergeben. Der Cabinetsrath zeigte an, daß der Fürst geneigt sein werde, das strafwürdige Benehmen im Schlosse nicht weiter zu verfolgen. Sonnenkamp lachte. Also begnadigt? Und ich soll vielleicht noch danken?

Ein Kampfesmuth war in ihm, als wäre er von einer feindlichen Welt belagert und wehrte mit Heldenkraft die andringenden Feinde zurück; sie sollten ihn nicht aushungern können, nicht die Quelle von Selbstvertrauen und Macht abgraben; er fühlte sich ausgerüstet genug. Prancken hat Recht, man läßt sich nicht fortdrängen, man muß der Welt Trotz bieten, dann beugt sie sich in Demuth, und übers Jahr – nein, viel früher, werden sie Alle kommen und ihm schmeicheln.

Hoch aufgerichtet stieg er die Treppe hinan. Er legte den Arm in den Pranckens und bat den Sohn – so nannte er jetzt Prancken – den Sohn, auf den er stolz sei, mit seiner ruhigen Sicherheit vor Allem Frau Ceres das Vorgefallene mitzutheilen, und zwar in der ihm eigenen leichten, Alles besiegenden Weise.

»Entgegnen Sie ihr nichts, wenn sie rast. Das Rasen ist nicht mehr zu fürchten.«

In dieser Aeußerung lag eine Beruhigung, die Sonnenkamp fühlte. Es ist doch besser, daß die ganze Welt ihm entgegensteht, als daß er immer und immer in der Gewalt dieser tückischen, ihn bedrohenden und niederdrückenden Frau ist. Nun hat sie keine Waffe mehr; der Dolch, den sie verborgen gehalten, ist vor aller Welt abgestumpft.

Prancken ging zu Frau Ceres; er mußte lange im Vorzimmer warten, endlich kam Fräulein Perini heraus.

Mit kurzen Worten sagte ihr Prancken, daß das Geheimniß, das sie ihm anvertraut und das er bisher so treu bewahrt, offenbar geworden.

»So bald?« sagte Fräulein Perini und ging mit Prancken nach dem innern Zimmer.

Frau Ceres reichte die linke Hand zum Kusse dar und fragte, ob Prancken die Zeichnung des Wappens mitgebracht habe; sie wies auf einen Stickrahmen, auf welchem sie sofort das Wappen sticken wolle; auch auf die Altardecke wies sie, deren Einfassung bereits vollendet war.

Mit großer Behutsamkeit brachte Prancken die Darstellung der Ereignisse vor.

»Und er sagte immer, ich sei dumm! Ich bin gescheidter als er,« stieß Frau Ceres heraus; »habe ihm immer gesagt, in Europa ist nichts für uns. Dort hätten wir bleiben sollen. Nicht wahr, jetzt hat er es? Er schämt sich und hat deßhalb Sie geschickt. Er schämt sich, weil ich, die Alberne, die nichts gelernt hat, die Sache besser wußte als er.«

In diesem ersten Augenblicke schien die Schadenfreude alle anderen Empfindungen in Frau Ceres zu beherrschen; der Mann, der sie beständig wie ein gebrechliches Spielzeug behandelte, mußte jetzt sehen, daß sie weiter zu denken vermochte als er.

Lange saß sie schweigend da. Sie hatte dabei einen höhnisch triumphirenden Ausdruck, als ob sie alle Gedanken, die sie hegte, ihrem Manne zurief. Prancken glaubte hinzufügen zu müssen, daß binnen Kurzem das Haus wieder in altem Ansehen stehen würde.

»Glauben Sie, daß wir dann geadelt werden?«

Prancken war in Verlegenheit, was er erwidern solle; es schien, als ob die Frau doch nicht begreife, was vorgegangen. Er wich einer geraden Antwort aus und sagte nur, daß er dem Hause Treue halte und sich als Sohn des Hauses betrachte.

»Ja, morgen soll die Hochzeit sein. Sie machen in Europa so lange Umstände. Ich fahre mit Euch zur Kirche. Wo ist denn Manna? Sie hat mich entsetzlich vernachlässigt. Dies Zusammenstecken mit den Dournay's wird nun auch aufhören. Dulden Sie es nicht, lieber Baron.«

Sie bat Fräulein Perini, Manna herbeizurufen.

Prancken ersuchte die Mutter – so nannte er jetzt Frau Ceres – Fräulein Manna noch einige Tage gewähren zu lassen; er werde allein mit ihr sprechen und dann würden sie gemeinsam zur Mutter kommen, um ihren Segen zu erbitten.

»Ich segne Sie schon jetzt,« sagte Frau Ceres.

Sie erzählte, daß Bella da gewesen, sich aber kaum bei ihr gezeigt habe und in ganz unbegreiflicher Weise wieder davon gefahren sei.

Da tönte ein Schuß . . .

»Er hat sich erschossen! Er hat es gethan . . . Jetzt!« rief Frau Ceres und stieß einen eigenthümlichen Ton aus; es war nicht Jammer, nicht Lachen, es war ein seltsamer, unfaßlicher Laut.

Prancken eilte davon.

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