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Das Landhaus am Rhein / Band IV

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band IV - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band IV
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band IV
pages1-350
created20060804
sendergerd.bouillon
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Siebentes Capitel.

Der Morgen war frisch und fröstelnd. Auf dem Bock des Wagens saß nicht mehr Bertram; ein Lohnkutscher, den man schnell angenommen, setzte sich neben Lutz; Roland, der die Pferde kannte, wollte die Stelle des Fremden einnehmen, aber Sonnenkamp sagte mit heiserer Stimme:

»Nein, mein Kind! Setze Dich zu mir. Bleib bei mir.«

Roland gehorchte; er setzte sich zum Vater und zu Prancken in den geschlossenen Wagen. Man fuhr schweigend durch die Stadt; ein Jedes dachte: Wirst Du je wieder hierher zurückkehren und wie? Man kam an dem Lustorte vorüber, wo man im vorigen Sommer so viel Auszeichnung empfangen. Roland schaute hinaus; auf den Tischen des Wirthsgartens lagen vergilbte Blätter, Alles war leer und öde. Seufzend, mit geschlossenen Augen, legte sich Roland in die Ecke des Wagens zurück, die Jugendfrische war über Nacht aus dem Gesichte verschwunden, da war Alles welk wie eine Blume, die erfroren.

Geraume Zeit fuhr man stumm dahin. Bald aber hörte Roland, wie sein Vater sich erlustigte, darzulegen, daß alle Menschen eitel Gauner seien; der und jener, von dem man mit Verehrung gesprochen, vor dem man sich tief gebeugt, wäre werth, auf die Galeere zu kommen. Bei dem Cabinetsrath fing es an, wie der so geschickt sich bestechen läßt und doch thun kann, als ob nichts geschehen wäre, und so ging's weiter. In Fetzen zerrissen wurde der gute Name aller Menschen.

Prancken ließ Sonnenkamp wüthen und rasen, er ließ ihn sogar an Clodwig streifen. Was thut's? Es ist die Lust eines Gekränkten, vor Allem aber eines von wirklicher Schuld Belasteten, alle Anderen mit sich herabzuzerren. Eine Ahnung ging in Roland auf und es fröstelte ihn tief ins Herz hinein, daß er nun darauf denken, suchen und forschen müsse, die Schattenseiten aller Menschen zu erkennen und sich vor Augen zu halten. Muß man das, um noch in sich bestehen zu können? Wie verändert war heute die Welt! Eines vor Allem wälzte sich ruhelos in ihm: Gestern war Ehre Alles, heute ist sie nichts mehr. Was ist denn Ehre? Sie ist das Salz in der Speise des Lebens, ohne sie ist das Dasein schal.

Leise und behutsam begann Prancken hervorzuheben, wie nur ein fester religiöser Glaube aufrecht erhalte, und offen zog er gegen diejenigen los, die dem Nebenmenschen den höchsten und einzigen Halt entziehen. Roland wußte, daß Erich damit gemeint war, aber er hielt an sich. Prancken ging weiter. Er erzählte, daß der Vater Erichs, den Mutter und Sohn zu einem Halbgott aufputzen, ein Mann war, der an der Universität keine Zuhörer bekommen konnte und über den alle Gelehrten die Achsel gezuckt hätten.

Sonnenkamp rauchte unaufhörlich und schnell, und aus den Wolken heraus rief er in lustigem Ton: die Menschen in der ganzen Gegend sollten ihm eigentlich danken, sie seien ja jetzt lauter schneeweiße Engel, es fehle ihnen weiter nichts als ein Flügelpaar; Männlein und Weiblein könnten sagen: Herr, ich danke Dir, daß ich nicht bin wie dieser Sonnenkamp.

Prancken schien dieser Humor zu gefallen und er sagte: übers Jahr, wenn man sich daran gewöhnt habe, denke kein Mensch mehr an das Aufsehen von heute.

Roland empfand aufs Neue das Gefühl der Heimatlosigkeit, denn der spöttische Ausruf des Vaters, daß die ganze Welt ihm danken müsse, wirkte tief auf seine Seele. In seinem Gemüthe waren Elemente des Denkens und Empfindens gelöst, und Niemand konnte ahnen, welche Wandlung in diesen gelösten Elementen durch neu hinzutretende Stoffe bewirkt wurde. Das Bewußtsein erwachte in ihm, daß er eine Schmach trägt, die nie mehr getilgt werden kann.

Die Nebel verzogen, der Tag ward hell, die Sonne schien warm, Sonnenkamp hüllte sich in seinen Mantel, ihn fror. Roland saß im Wagen und starrte auf die Straße, er sah nichts als den Schatten des Pferdes von der einen Seite, und dieser Schatten bewegte sich, setzte die Beine vor- und rückwärts. Ist Alles nur ein Schatten? . . .

Er sah die Hirten die Schafe weiden auf den Stoppelfeldern und fragte sich: Ist das ein besseres Leben? Er schloß die Augen. Da war es ihm, als ob der Wagen bergab rollte. Er öffnete die Augen, der Wagen war auf gerader Straße.

Stumm blickte er hinaus in den hell schimmernden Tag. Ach, der Ausblick in die Natur hilft nur dem Freudigen oder dem, der vom Schmerz zu genesen beginnt; dem schwer Betroffenen, Schmerzvollen ist sie nichts, sie beleidigt ihn fast in ihrer Stetigkeit, in ihrem theilnahmlosen Fortleben.

Roland hatte bis jetzt im Dämmerreich zweier Lebensalter gestanden, er war auf einmal von der Jugend geschieden; sein Stolz war in Schande verwandelt, aber er war gereift genug, bald sein Selbst zu vergessen und auf den Vater zu schauen; der ist doppelt unglücklich, für sich selbst und daß er das Unheil über Andere, über seine Nächsten gebracht . . .

Sonnenkamp schlummerte, aber in seinen halbwachen Traum hinein hörte er im Rollen des Wagens die klirrenden Ketten gebundener Sklaven.

Er erwachte plötzlich und sah wie irrsinnig drein. Wo war er? Was war geschehen? Er hüllte sich fester in den Mantel und verbarg sein Antlitz.

Prancken bog sich zu Roland vor und sagte leise:

»Ich weiß, wie Sie in sich zerrissen sind, aber es gibt für Sie eine Heilung, eine große That.«

»Welche ist das?«

»Sprechen Sie nicht so laut, wecken Sie den Vater nicht. Das einzige Mittel für Sie . . . die große erhabene That ist, Sie treten ein in das päpstliche Heer. Dort ist die letzte, die höchste Burg, die es noch zu vertheidigen gilt; sinkt sie, so haben die Atheisten und Communisten gewonnen. Ich selber wäre bereit, wenn . . .«

»Ja,« unterbrach Roland, »das wär's! Wir geben all unser Besitzthum in die Hand des Heiligen Vaters, und er verkündet mit einer Bannbulle die Aufhebung der Sklaverei.«

Sonnenkamp konnte sich nicht mehr schlafend halten.

»Recht so, mein Junge!« rief er. »Recht so! Der Papst soll das thun. Aber glaubst Du, daß er jetzt für Geld thun wird – und wäre es zehnmal so viel – was er nicht von selbst gethan hat? Der Gedanke ist groß, Herr von Prancken, sehr groß und sehr – sehr klug.«

Es lag eine bittere Schelmerei in diesem Lobe, denn er dachte: Du willst das ganze Erbe haben und meinen Sohn ans Messer liefern.

»Aber lieber, edler, junger Freund,« sagte er laut, »sagen Sie ehrlich, glauben Sie, daß der Papst thut, was unser Roland erwartet?«

»Nein.«

Man fuhr wieder still dahin. In der Ferne sah man die Villa, auf dem Thurme prangte die Unionsflagge neben der grüngelben Landesfahne.

Man kam bei dem grünen Hause an; Roland bat, daß er aussteigen dürfe; es wurde ihm willfahrt.

Er ging in den Garten, da rief ihm eine helle Stimme zu:

»Glückwunsch hin, Glückwunsch her! Wir wünschen Ihnen Glück, wünschen Sie auch uns Glück, wir sind verlobt.«

Lina und der Architekt kamen Hand in Hand durch die Wiese daher. Lina ließ ihren Bräutigam los, ging auf Roland zu und sagte:

»Wir haben nicht warten wollen bis zur Einweihung der Burg, wir haben unser Fest für uns. O Roland, wie schön und wie glücklich ist doch Alles auf der Welt! Aber warum reden Sie nicht? Warum machen Sie ein so traurig Gesicht?«

Roland konnte nur mit der Hand abwehren und ging rasch in das grüne Haus. Verblüfft standen die Brautleute im Garten und Lina sagte:

»Ach, Albert, hier ist nicht gut sein. Auf der Villa hat uns Niemand begrüßt, Manna läßt sich nicht sehen, Herr Dournay ist nicht da und Roland läuft davon. Komm, lassen wir das ganze Haus. Verzeihe mir, daß ich Dich hierher gebracht; ich habe gemeint, das sind die Menschen, denen ich zuerst mein Glück bringen muß. Komm, wir gehen auf Deine Burg und da sind wir einmal einen ganzen Tag, Du ein einsamer Ritter und ich ein Burgfräulein. Ich habe geglaubt, daß heute hier auch Verlobung sein wird; das sieht nicht danach aus.«

Lina und ihr Bräutigam gingen die Weinberge hinan, aber am Hause des Majors wurden sie festgehalten, denn am Gartenzaun stand der Major rathlos.

Was heut geschehen, war noch nie vorgekommen.

Fräulein Milch hatte sich eingeschlossen, sie mußte etwas ganz Besonderes vorhaben.

Der Major war glückselig, die Verlobung zu vernehmen; er ließ nicht ab, die Brautleute mußten sich in seine Laube setzen; er sagte, Fräulein Milch werde bald kommen.

Fräulein Milch aber saß zum ersten Mal in schwerem Kampfe einsam in ihrer Stube. Die ganze Welt war ihr gleichgültig gewesen und nur insofern von Bedeutung, als man darin etwas holen konnte, was dem Major angenehm war. Sie fand die Gegend sehr freundlich, sie war dankbar gegen den Boden, der so gute Speise wachsen ließ; auch dem Rhein war sie dankbar, er brachte bisweilen einen guten Fisch, und den Bergen nickte sie zu, als wollte sie sagen: Laßt nur guten Wein wachsen; der Major trinkt gern neuen, nur darf er nicht zu viel davon trinken. So war Fräulein Milch wohlgesinnt gegen Mensch und Thier, gegen Wasser und Pflanze; es war ihr gleichgültig, daß sich Niemand um sie kümmerte; sie hatte jede nähere Beziehung streng abgelehnt. Nun war sie durch die Professorin in die Gemeinschaft eingetreten und war heute so tief gekränkt worden. Sie kannte Bella schon lange, wenn auch nur aus der Ferne, sie haßte Bella schon lange, wenn auch nur aus der Ferne; aber was sie heute erfahren, das war ihr neu und schmerzte sie tief.

O, sagte sie vor sich hin, o, Frau Gräfin, Sie sind sehr tugendhaft . . . höchst tugendhaft . . . und schön sind Sie auch; ich bin aber auch einmal schön und jung gewesen, und Niemand hat es gewagt, mir mit einem unguten Wort zu nahen; ich bin über die Straße gegangen ohne Bedienten hinter mir, war mein eigener Bedienter. O, Frau Gräfin, Sie stehen in der Rangliste sehr hoch, Sie werden gar Excellenz genannt! Aber geben Sie Acht, es gibt noch eine andere Rangliste, der Major soll es Ihnen zeigen. Nein, er nicht, es würde ihn zu Tode kränken, aber Herr Dournay, der muß es. Nein . . . Niemand . . . ich allein . . .

Eben als sie sich wieder in sich aufgerichtet hatte, klopfte der Major wieder und rief:

»Fräulein Milch! Liebe gute Rosa,« setzte er leise hinzu, »Röschen . . . Rosalie!«

»Was soll's?« hörte der Major.

»Es sind zwei gute Menschen da, der Architekt und Lina, sie sind verlobt und sind zu uns gekommen, daß wir uns mit ihnen freuen. Kommen Sie doch . . . kommen Sie in den Garten und bringen Sie gleich eine Flasche mit und vier Gläser.«

Fräulein Milch öffnete.

Der Major fragte:

»Darf ich nicht wissen, was mit Ihnen vorgegangen ist?«

»Sie werden es erfahren, ganz sicher. Nun aber fragen Sie mich nicht mehr. Also die jungen Leute sind verlobt und sind bei uns? Ich muß mich nur ein wenig umkleiden, ich komme gleich.«

Fräulein Milch wurde ihren Kummer los, indem sich ihr die Pflicht darbot, Glückliche zu erfreuen, und das Brautpaar vergaß die Burg und blieb stundenlang bei Fräulein Milch und dem Major in der Laube sitzen.

Da kam die Zeitung. Der Major bat um Entschuldigung, daß er vor seinen Gästen lese; es müsse was Besonderes darin sein, denn sonst bekäme er die Zeitung immer erst, wenn der Bürgermeister, der Schulmeister und der Barbier sie gelesen; dafür dürfe er sie aber auch behalten, und da er nichts mehr in der Welt dazu thun könnte, sei es gleich, ob er ein paar Stunden früher oder später erfahre, was vorgehe.

»Ach, da ist ja ein großer schwarzer Strich,« rief Lina.

»Das ist der Strich des Bürgermeisters,« sagte der Major. »Fräulein Milch, wollen Sie mir vorlesen? Es muß etwas Besonderes sein.«

Fräulein Milch nahm das Blatt, aber sie fuhr erschreckt zurück, da sie hineingesehen.

»Was ist denn? Lesen Sie, liebe Lina.«

Lina las den bitteren Vorschlag des Professor Crutius; sie wollte nach den ersten Zeilen abbrechen, aber der Major bat:

»Lesen Sie weiter! Nur weiter!«

Und sie las bis zu Ende.

Nach langem schwerem Kopfschütteln sagte der Major:

»O Du grundgütiger Weltenmeister! Was hast Du für Sachen im Weltenbau! Ach, lieber Himmel, es ist doch etwas Schreckliches um solch eine Zeitung; jetzt wissen das alle Menschen.«

Fräulein Milch wollte sagen, daß das, was hier steht, ihr keine Neuigkeit mehr sei; aber sie hatte die Selbstbeherrschung, dies zu unterdrücken. Sie that es, um nicht eine lange Erörterung mit dem Major zu führen, warum sie ihm das nicht längst gesagt. Erst als er sie bat, zur Professorin zu gehen, die tief erschüttert sein werde von dieser Nachricht, sagte sie:

»Die Professorin weiß Alles schon lange und ich auch.«

In seiner Verwirrung fragte der Major gar nicht, wie das geschehen; er sah sie nur groß an und sagte dann zu Lina und dem Architekten:

»Seht, Kinder, da drunten ist die wunderbar schöne Villa mit dem Park, den Gärten, und im Haus die Millionen . . . Ach! und Roland und Manna! Fräulein Milch, ich bitte, halten Sie mich nicht zurück, ich muß hinunter; kein Mensch kann wissen, was vorgeht, ich muß da helfen. Bitte, Fräulein Milch, thun Sie keine Einsprache.«

»Ich habe ja keine gethan, im Gegentheil, auch ich meine, Sie müssen gehen.«

Noch bevor sie ausgesprochen, kam ein Bote von der Villa, der Major solle hinabkommen.

Lina wollte sich ihm anschließen, aber der Major sagte, daß die Professorin und Tante Claudine Beistand genug seien.

Als der Major fortgehen wollte, rief eine Stimme:

»Herr Major, bleiben Sie noch.«

Mit geröthetem Gesicht, schwer athmend kam Knopf.

»Wissen Sie auch schon?« fragte der Major.

»Ja freilich, deßwegen komme ich. Vielleicht kann ich etwas helfen.«

»Gut, ich gehe, kommen Sie mit. Nein, bleiben Sie hier, bleiben Sie bei ihr. Ich lasse Sie rufen, sobald Sie nöthig sind.«

Und so wanderte der Major den Berg hinab, und die Vier sahen ihm mit schwerem und innigem Blicke nach.

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