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Das Landhaus am Rhein / Band IV

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band IV - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band IV
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band IV
pages1-350
created20060804
sendergerd.bouillon
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Drittes Capitel.

Manna machte keine Besuche in der Nachbarschaft, sie beharrte dabei, daß sie nur zu ihren Eltern und ihrem Bruder gekommen sei, sonst zu Niemand.

Bisweilen besuchte sie die Burg; sie ging allein mit ihren beiden Hunden. Sie ließ sich vom Baumeister Art und Weise des Baues und wie er in der Vergangenheit gewesen, erklären; sie willfahrte dem Vater, für Ausschmückung des ersten fertigen Saales, des sogenannten Rittersaales, mit bedacht zu sein.

Sonnenkamp kaufte alte Waffen, die an den Wänden aufgehängt, Rüstungen, die auf Säulen aufgestellt werden sollten; er konnte sich nicht enthalten, Manna im Voraus zu sagen, daß er zu ihrem Geburtstage im Herbst die Burg einweihen wolle; sie aber wünschte, daß dies unterbliebe. Das fortwährende Festefeiern und Schmausen sagte ihr nicht zu.

Seit ihrer Rückkehr vom Kloster hatte Manna, wenn sie es ehrlich gestehen wollte – und sie wagte, sich Alles zu gestehen – am meisten Freude, daß sie ihre Hunde wieder hatte. Ja, sie schrieb einen Brief an die Oberin, worin sie fragte, ob man einen Hund mit ins Kloster nehmen dürfe; sie verbrannte aber den Brief wieder, denn sie stellte sich vor, wie lächerlich es sein müßte, wenn eine Nonne mit einem Hunde hinter drein durch den Garten geht, und nun gar, wenn jede Nonne ihren eigenen Hund hätte. Zum ersten Mal lächelte sie vor sich hin, dann aber stellte sie sich die Frage: Warum haben wir keine Thiere im Kloster?

Erich traf sie, als sie auf der Bank saß und mit den Hunden sprach.

»Finden Sie auch,« fragte sie, »daß solch ein Hund einen unsäglich traurigen Ausdruck in den Mienen hat?«

»Wer ihn sucht, wird ihn finden. Die Mystiker sagen, daß das vom Sündenfall käme; seitdem habe alle Creatur einen elegischen Ausdruck.«

Manna dankte, aber nicht mit Worten, nur mit einem Blick.

Ein Wagen kam des Wegs daher; schon von ferne wehte ein weißes Tuch und Lina rief: »Manna!« Erich entfernte sich. Manna ging Lina entgegen, die ausstieg und den Wagen vorausfahren ließ. Sie erzählte, daß sie die Erlaubniß erhalten habe, bei Manna zu bleiben; die Eltern hätten Albert das Jawort gegeben, aber es müsse noch geheim gehalten werden.

Lina war immer in heiterer Stimmung, wenn sie nicht unter dem zurechtweisenden Blicke ihrer Mutter stand; jetzt gar sprudelte ihr Herz über und sie rief:

»Denke Dir nur, Manna, wie einfältig ich gewesen bin; ich habe mir einmal eingeredet, der Baron von Prancken habe mich lieb – nein, das habe ich eigentlich nicht geglaubt, aber ich habe mir eingeredet, ich hätte ihn lieb . . . Kennst Du Albert? Du mußt ihn kennen, er baut ja die Burg da droben. Damals, beim Musikfeste . . . ich hab' Dich gleich gesehen, ich habe Dir zugewinkt, Du hast mich aber nicht bemerkt . . . damals haben wir uns zum ersten Mal gegen einander erklärt. Ach, Du kannst Dir gar nicht denken, wie glücklich ich bin. Anfangs habe ich gar nicht mitsingen können, ich habe immer gefürchtet, ich sänge zu laut, dann aber habe ich doch mitgesungen. Ach, es war so schön . . . so schön! wir sind nur so geschwommen in den Tönen, und er singt auch ganz prächtig, freilich nicht so großartig wie Herr Dournay. Jetzt sage einmal, Manna, wie ist es Dir denn gewesen, als Du ihn singen gehört? Hast Du gewußt, daß er der Mann ist, nach dem Du mich gefragt hast damals als Du die Engelsflügel auf dem Rücken trugst?«

Lina wartete nicht auf Antwort, sie fuhr fort:

»Du hast mich gewiß auch gesehen, draußen am Ufer, wie ich zum ersten Mal am Arm meines Albert Dir begegnete. Ich habe Dich nicht ansprechen wollen unter den Nonnen und Schülerinnen, und ich hätte auch nicht dazu kommen können, Dir Alles zu sagen. Du nimmst es mir doch nicht übel, daß ich gethan habe, als ob ich Dich nicht gesehen? Ach, ich habe Alles gesehen . . . und Alles war so schön! Und bei Tafel da war es so lustig! Er hat mich einmal gefragt, warum ich plötzlich so traurig aussehe. Da habe ich ihm bekannt: ich hätte an Dich gedacht, wie Du jetzt wieder ins Kloster gehst und dort ist's so still und so dumpf, ich glaube, die Kreuzgänge haben alle den Schnupfen. Ach, warum kannst Du nicht auch lustig sein wie wir? Sei doch lustig! Es gibt nichts Besseres. Und Du hast doch Alles und kannst Alles haben auf der Welt. Sei doch lustig! . . . Ach, da fliegt eine Schwalbe! Die erste Schwalbe! O wenn ich nur fliegen könnte hinauf zu ihm auf die Burg und ihm guten Morgen sagen und immer wieder zu ihm fliegen und davon fliegen. Ach, Manna! Manna!«

Dieser war es fremd, das lustige, flatternde Wesen der Jugendgenossin zu sehen und zu hören, sie konnte nichts erwidern; Lina schien das auch nicht zu erwarten, sie plauderte weiter:

»Im Herfahren habe ich mir ausgedacht, wenn ich Du wäre, ich ließe eine Aufforderung ins ganze Land ergehen: In drei Tagen soll man mir alle Vögel bringen, die man einfangen kann. Dann bezahlte ich erschrecklich viel Geld dafür, und dann ließe ich alle Vögel wieder auf Einmal ins Freie fliegen. Nicht wahr, es ist Dir jetzt auch wie einem gefangenen Vogel, der wieder ins Freie kommt? Und gescheidt ist es von Dir, daß Du im Frühling heimgekehrt bist. Man tanzt zu viel, wenn man im Winter vom Kloster heimkommt. Vierzehn Bälle habe ich im ersten Winter mitgemacht und so viele, viele Kränzchen. Und wenn man dann seinen Schatz hat – Ach, Manna, Du glaubst gar nicht, wie schön das ist! Ich bitte Dich, sag mir nur auch Alles. Nicht wahr, Du willst nicht mehr Nonne werden? Glaube mir, sie wollen nur Dein Geld. Möchtest Du wol eine Baronin sein? Ich nicht. Alle Tage sich von der Sippschaft begnadigen lassen, wo man es nicht nöthig hat? Nein, das möchte ich nicht. Und hinterrücks wird man doch ausgelacht. Wenn eine Adelige eine Dummheit macht, da hat es gar nichts zu sagen, aber wenn Eines von uns eine Dummheit macht, hui! da ist gleich eine ganze Stadt und ein ganzes Land mit daran schuld. Ach, solch ein reiches Mädchen ist doch recht unglücklich dran! Da kommen die Männer und wollen ihr Geld heiraten und da kommen die Nonnen und wollen sie mit ihrem Geld zur Nonne haben. Glaube mir, wenn Du eine von jenen Frauen wärest, die jetzt die Kohlen aus dem Schiffe ans Land tragen – die Nonnen wollten Dich nicht, Du könntest noch einmal so gescheidt und so lieb und so gut sein, als Du bist. Nicht wahr, sie reden Dir ein, Du seiest zu einer Heiligen berufen? Glaub's nur nicht. Wenn ich die Leute so reden höre, wie schön es auf der Klosterinsel sei, da habe ich immer gedacht: Ja wohl, das ist recht schön, wenn man so vorbeifährt auf einer Lustpartie; aber da Nonne sein! – Ach, Manna, wenn ich Dir nur von meinem Glück geben könnte! Sei doch auch lustig! Gott im Himmel! Warum kann man nicht einem Andern von seiner Lustigkeit geben; ich hab' so viel – so viel! Und Dir möcht ich's am liebsten geben. Komm, hasche mich! Kennst Du noch unser altes Spiel: Alles was Flügel hat, fliegt? Komm, hasche mich!«

Lina rannte mit flatternden Gewändern davon, aber als sie anhielt, sah sie, daß Manna ihr nicht folgte. Sie wartete, bis Manna zu ihr kam, und still gingen die beiden Mädchen mit einander nach der Villa.

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