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Das Landhaus am Rhein / Band IV

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band IV - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band IV
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band IV
pages1-350
created20060804
sendergerd.bouillon
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Sechstes Capitel.

Roland war, wie Prancken mit Recht vermuthet hatte, mit dem Sohn des Cabinetsraths nach dem Militär-Casino gegangen, wo ein Theil der Garnisons-Officiere nach dem anstrengenden Manöver des heutigen Morgens einen Schmaus bestellt hatten. Es wurde viel gescherzt und getrunken, man stieß an auf das Wohl des jungen Amerikaners und Roland war einer der muntersten von Allen. Da kam ein Nachzügler und rief in den Lärm hinein:

»Wißt Ihr schon? Der Sklavenhändler ist in einem papiernen Lasso gefangen worden.«

»Was ist?« hieß es.

Der Neuangekommene las aus der Zeitung vor:

»Unmaßgeblicher Vorschlag
zu Wappen und Schild für einen Neugeadelten.

Es könnte uns eine Genugthuung sein, die Einheit des Junkerthums in beiden Welten zu constatiren; leben von der Arbeit Anderer, ist ihr Wappenspruch; Du bist zum Nichtsthun geboren, sagen die Junker in der alten, wie in der neuen Welt. Es kann nur Junker geben, wo es Sklaven gibt, wenn sie auch nicht immer Sklaven heißen. Wir haben nach Amerika geschrieben, um Erkundigungen über einen sichern Herrn Banfield einzuziehen. Wir haben bisher geschwiegen, wir hätten länger und immer geschwiegen aus Rücksicht und Schonung für die Kinder dieses Auswürflings, die es nicht verdienen, diese schwere Schuld zu tragen. Wir sind keine Freunde des Adels, wir halten diese Institution für eine absterbende; aber auch die Adligen sind unsere Mitbürger, sind ein Theil unseres Volkes; wir Bürgerlichen haben nichts, um einen Mann aus unserer Mitte auszustoßen, wir hätten ihn ruhig gewähren lassen müssen, diesen Mann, diesen unbarmherzigen Sklavenhändler. So gehe denn hin, deutsche vornehme Welt, und adle ihn, gib ihm deine Ebenbürtigkeit. Die Heraldiker unserer Redaction schlagen als Wappen vor für diesen Herrn Sonnenkamp aus Villa Eden . . .«

»Halt ein!« schrie der Fähnrich, denn Roland fiel leblos vom Stuhl zu Boden.

Er wurde aus dem Zimmer getragen, er wurde zum Leben erweckt. Glücklicherweise kam jetzt ein Wagen, Prancken stieg aus. Roland wurde in den Wagen gehoben.

Vom Fieber geschüttelt, in einen Soldatenmantel gehüllt, saß Roland in der Ecke, manchmal öffnete er die Augen, schloß sie aber bald wieder.

Prancken redete ihm zu, er solle die ganze Welt verachten; Roland schwieg.

Man kam im Gasthof an. Vor der Thür wartete Joseph. Das erste Wort, das Roland sprach, war, daß er bat, ihn allein zu lassen. Er ging mit Joseph die Treppe hinan.

»Sie sollen zu Ihrem Vater kommen,« sagte Joseph.

Roland nickte, aber als er oben war, eilte er in sein Zimmer und verschloß die Thür.

Joseph ging zu Sonnenkamp und sagte, daß Roland zurückgekehrt sei.

»Er soll zu mir kommen,« rief dieser.

»Er hat sich eingeschlossen.«

»Hat er seine Pistolen bei sich?«

»Nein, ich habe sie noch.«

Sonnenkamp ging nach dem Zimmer Rolands. Er klopfte. Keine Antwort. Er bat und beschwor Roland, ihm zu antworten; Roland gab keinen Laut von sich.

Sonnenkamp stand zitternd vor der Thür.

»Roland,« rief Prancken, »wollen Sie Ihren Vater noch aufs Aeußerste kränken? Wollen Sie ihn auch verlassen?«

Es kam keine Antwort.

»Mein Sohn!« stöhnte Sonnenkamp. »Mein Sohn! Dein Vater ruft! Gib Antwort! Soll ich mit einem Schlag die Thüre einbrechen? Gib Antwort . . . Ist das die Lehre, die Dir Herr Dournay eingepflanzt?«

Der Riegel ging zurück, Roland stand unbewegt, die Lippen zusammengepreßt, und schaute auf seinen Vater, der ihm die Arme entgegenstreckte.

»Mein Sohn!« rief Sonnenkamp. »Mein einziger Sohn! Mein geliebter Sohn! Mein Kind!«

Roland stürzte auf seinen Vater los, faßte seine Hand und weinte darauf.

»O, mein Kind, Deine Thränen auf meiner Hand! Hier diese Wunde, diese Narbe, die Thränen meines Kindes heilen sie, die Thränen meines Kindes allein!«

Er warf sich an die Brust Rolands und rief:

»Du, mein Sohn, Du wirst Deinen Vater nicht verachten. Ich werde Dir Alles erklären . . . Wenn Unrecht an meinem Gute haftet . . . Es ist nicht, ist keines . . . Diese Ehre wollte ich um Deinetwillen . . . Du solltest es besser haben, als ich . . . Ich habe gefehlt, daß ich es wollte . . . Um Deinetwillen und Deiner Schwester willen . . .«

Es gab ihm Herzstöße, während er sprach, und zum ersten Mal im Leben sah Roland seinen Vater weinen. Er umschlang ihn und weinte mit ihm.

Stumm und starr saßen Vater und Sohn dann einander gegenüber, endlich sagte Roland:

»Es gibt eine Rettung . . . eine einzige Rettung!«

»Ich bin bereit, sprich, mein Sohn.«

»Ich weiß es – ich weiß es! Wirf Alles von Dir, laß uns arm sein – arm! Willst Du?«

Sonnenkamp war erleichtert, da er sah, wie Roland sein Gemüth erleichterte.

»Du bist starken Herzens, muthigen Geistes; Herr Erich hat Dich gut gelehrt . . . groß . . . tapfer . . . Das ist schön . . . das ist das Rechte . . . das Beste!«

»Also Du stimmst bei?«

»Mein Sohn! Ich verspreche Dir, Du sollst einig sein mit dem, was ich thue. Nur in diesem Augenblick darf man nichts bestimmen.«

»Nein, jetzt . . . in diesem Augenblick . . . es ist der höchste, es ist der einzige Moment! Jetzt muß es geschehen! Nach ihm ist Tod, Nacht . . . Zerfall . . . Elend! Ich will für Dich arbeiten, für Dich, für die Mutter, für Manna. Und Erich wird bei uns sein! Ich weiß nicht, was werden soll, aber es wird . . . Nur wirf Alles von Dir!«

»Mein Sohn – Alles, Alles mit Dir, durch Dich, aus Deinem reinen Herzen, aus Deinem ungebrochenen . . . Ja, Dein Freund Erich – unser Freund Erich soll auch bestimmen, nur in diesem Augenblicke laß uns nichts entscheiden.«

»Laß uns heute noch heimkehren,« bat Roland.

Sonnenkamp schien nicht zu hören, was Roland sagte; er saß da, hatte die Augen geschlossen und die Fäuste geballt.

»Hörst Du mich, Vater?« rief Roland.

Bei dem Worte Vater durchschauerte es ihn, er empfand jetzt, was es heißt, hier Vater sagen zu müssen.

»Was willst Du?« fragte Sonnenkamp wie erwachend.

»Laß uns heut noch heimkehren,« wiederholte Roland.

»Nein, heute nicht. Wir müssen Beide zuerst Kraft haben.«

Prancken hatte sich ins Nebenzimmer zurückgezogen; er schickte nun Joseph und ließ sagen, daß es Zeit zum Speisen sei. Roland war entsetzt, daß er essen solle; er willfahrte um des Vaters willen. Der Platz des Cabinetsraths war leer; es zeigte, was künftig allen Tafelsfreuden fehlen würde. Prancken winkte Joseph, dieser verstand und nahm das Gedeck schnell weg.

Jetzt erfuhr auch Roland, wie die Bestechung eingeleitet und wie verderbt und eigensüchtig die Menschen waren.

Sonnenkamp bemerkte, welch einen Eindruck das auf Roland machte; ein Triumphiren ging über seine Mienen. So ist's gut! Roland soll die ganze Verruchtheit der Menschen kennen, soll einsehen lernen, daß alle Menschen mehr oder minder niederträchtig sind, dann wird auch, was sein Vater gethan, ihm allmälig milder und in matteren Farben erscheinen.

Ein ausgesuchtes Mahl wurde aufgetischt, die Drei aber aßen, als ob sie bei einem Todtenmahle säßen; die Ehre vor der Welt war zur Leiche geworden. Jeder von den Dreien fühlte das, Keiner sprach es aus; sie aßen und tranken, denn der Leib bedarf der Nahrung, um Herzeleid zu tragen.

Vater und Sohn schliefen in Einem Zimmer, sie sprachen kein Wort, Keines wollte den erlösenden Schlaf des Andern verscheuchen.

Nach einer Stunde erwachte Roland, er warf sich ruhelos umher. Wie eine schwarze Wand stand die Nacht vor ihm; er richtete sich auf wie irr.

Den Verstand, die Besinnung verlieren . . . Ja verlieren! Es ist Dir plötzlich abhanden gekommen, Du weißt nicht wo, Du weißt nicht wann, Du weißt nur, es ist nicht da, nicht in Deiner Gewalt. Aber wenn man es nur finden könnte! Du hast keine Gewalt mehr über Deine Vorstellungen, sie kommen und gehen, sie verbinden und trennen sich nach Willkür, und innen fühlst Du, das wird nicht so bleiben, das kann nicht so bleiben; es muß eine Zeit kommen, wo Du wieder Alles bewältigst.

Wenn nur nicht Nacht wäre! Wenn nur nicht Nacht wäre! stöhnte Roland vor sich hin.

Zum ersten Mal im Leben erwachte er in seelischem Schmerz, und traurig, dunkel, undurchdringlich stand die Welt vor ihm.

Er dachte an die Mutter, an Manna, an Erich.

Wie werden sie Alle das tragen?

Er weinte. Und jetzt in der einsamen Nacht war's ihm, als käme Benjamin Franklin zu ihm und sagte: Sei frei, sei nicht Sklave Deiner selbst; sei Herr über Schmerz und Elend. – Er ward ruhiger.

»Wenn nur nicht Nacht wäre!« sagte er wieder, und es fiel ihm ein, wie einst die Professorin gesagt: In der Nacht ist Alles viel entsetzlicher, am Tage sind alle Schmerzen, körperliche und seelische, nicht mehr so grausam; das Auge sieht doch die Dinge der Welt, das Sonnenlicht gibt Leben und beleuchtet die Dinge.

Aus dumpfem Brüten versank er endlich wieder in den Schlaf.

Früh am Morgen fuhr man nach der Villa.

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