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Das Landhaus am Rhein / Band IV

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band IV - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band IV
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band IV
pages1-350
created20060804
sendergerd.bouillon
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Fünftes Capitel.

Zur selben Zeit, als Sonnenkamp im Schlosse ankam, trat Prancken in die Domdechanei; er war von dem vorbeiziehenden Militär einige Minuten aufgehalten worden, er hatte manchen von Staub bedeckten Kameraden zu Fuß und zu Pferd zu begrüßen. Er ging nach dem Stadtviertel, wohin keine Militärmusik dringt, hier war's so still, als hielte Alles den Athem an; nur in der Kirche dröhnte noch die Orgel. Er trat ein und sah den Domdechanten, eine große, mächtige Gestalt, eben in die Sacristei zurückkehren. Eine Weile saß Prancken in einem Kirchenstuhl, bis er wissen konnte, daß der Domdechant in seiner Behausung angekommen; dann verließ er die Kirche. Der Diener stand in der offenen Thüre und sagte, der geistliche Herr lasse ihn bitten, einstweilen hier einzutreten. Er wurde die schöne große Treppe des alten Stiftshauses hinaufgeführt, droben schloß ein junger Geistlicher, der eben aus der Thüre kam, dieselbe ganz leise, fast andächtig; der junge Geistliche stieg die linke Treppe hinab, während Prancken die rechte hinanging.

Prancken mußte im großen Zimmer wieder eine Weile warten; ein offenes Buch lag auf dem Tisch, er sah hinein, es war der Schematismus; Prancken lächelte. Die Geistlichen haben wie das Militär eine gedruckte Rangliste?

Der Domdechant trat ein, er hielt ein Buch in der Hand, zwischen dessen Blätter er den Zeigefinger gelegt hatte. Er begrüßte mit dem Buche winkend Prancken und bat ihn, sich zu setzen; er ließ ihn das Sopha einnehmen und setzte sich in einen Rollstuhl ihm gegenüber.

»Was bringen Sie, Herr Baron?«

Mit demuthsvollen Mienen erwiderte Prancken, daß er nichts bringe, vielmehr etwas holen wolle. Der geistliche Herr sah noch einmal in das Buch, legte es weg und sagte:

»Ich bin bereit.«

Prancken begann zu erklären, daß er den Domdechanten vor Allem zu seiner Beichte erwählt habe in einer Sache, die nur ein Mann von adliger Geburt maßgebend beurtheilen und berathen könne. Der Domdechant hielt das Kinn in der linken Hand fest und erwiderte, daß es nach der Weihe und Wiedergeburt keinen Adel mehr gebe; er habe keine andere Kraft als der Sohn des ärmsten Taglöhners.

Prancken glaubte einen unrichtigen Ton angeschlagen zu haben, er erklärte daher, wie er allerdings die geistliche Würde als die höchste ansehe, wie es aber doch von Bedeutung sei, daß der hochwürdige Herr die Lebensverhältnisse kenne, die er ihm vorlegen wolle. Nun berichtete er kurz von seiner Vergangenheit bis dahin, wo er in Beziehung zu Sonnenkamp getreten war. Hier wurde er etwas ausführlicher und bekannte, daß es zuerst ein Scherz, ein Zeitvertreib gewesen sei, Manna, die Tochter des Millionärs, sich als seine Frau zu denken. Er erzählte, wie Manna unversehens ins Kloster eingetreten, und mit großer Wärme bezeugte er, daß sie es war, die ihn zum höheren Leben erweckt habe. Ausführlich verweilte er bei einem momentanen Vorsatze, Geistlicher zu werden; er fügte hinzu, daß er davon abgekommen, denn er halte sich nicht für würdig, er hoffe jedoch, im Verein mit Manna ein den höchsten Interessen gewidmetes Leben zu führen.

Mit ruhiger Aufmerksamkeit hörte der Domdechant die Erzählung.

Jetzt machte Prancken eine Pause und der geistliche Herr sagte:

»Das war wol die Einleitung. Ich muß Ihnen nun sagen, daß ich Herrn Sonnenkamp und seine Tochter kenne. Ich war vor Kurzem bei einem Amtsbruder im Dorf, zu welchem Villa Eden – nicht wahr, so heißt es doch? – eingepfarrt ist; ich habe das Mädchen gesehen, es hieß damals, sie wollte Nonne werden. Ich habe auch den Park gesehen und das Haus, Alles sehr stattlich, sehr verlockend. Und nun, bitte, fahren Sie fort, sagen Sie ohne weitere Umschweife, was Sie von mir wünschen.«

Prancken erzählte, daß er in Gemeinschaft mit dem Cabinetsrath es dahin gebracht habe, daß Sonnenkamp das Adelsdiplom erhalte.

Wieder machte er eine Pause, aber der geistliche Herr fragte nicht mehr, sondern sah ihn nur fragend an.

Den Blick auf die Tischdecke geheftet, sagte nun Prancken, was er von der Vergangenheit Sonnenkamps wisse, er habe bisher immer geglaubt, daß er es gleichgültig betrachten dürfe, aber eben jetzt – seit gestern, da Sonnenkamp ihm und seiner Familie ebenbürtig würde, lasse es ihm keine Ruhe mehr.

»Ich verstehe Sie nicht,« sagte der Domdechant. »Finden Sie sich in Ihrem Gewissen belastet, weil Sie, obgleich Sie wußten, wer der Mann ist, doch dahin wirkten, daß er in den Adelstand erhoben wird?«

»Ja und nein,« erwiderte Prancken, »ich bin mir darüber nicht klar. Ich könnte sagen, ich bin unschuldig, denn ich bin zu keinem Gutachten aufgefordert, und doch –«

»Sprechen Sie nur weiter, ich glaube, Sie sind auf dem richtigen Wege. Also, und doch –?«

Prancken erklärte, daß es ihm schwer werde, aber sich zusammennehmend, sagte er:

»Dank dem Himmel, daß er uns lebendige Wesen in die Welt gesetzt, denen wir sagen können und müssen, was wir uns selbst nicht bekennen. Ich gestehe, daß mein offen dargelegtes Verhältniß zu Herr Sonnenkamp vielleicht mehr als ein Gutachten in Worten war.«

»Ganz richtig. Sie sind nun zu mir gekommen, um in der letzten Stunde zu hören, was Sie thun sollen?«

»Ehrlich gestanden, nein. Ich möchte nur, daß Sie mir etwas auferlegten, wodurch ich diese Pein und Furcht vor Entdeckung los werden könnte.«

»Wunderliche Welt!« entgegnete der Geistliche. »Die Weltkinder möchten gern genießen und sündigen und dabei einen sühnenden Segensspruch empfangen.«

Die Gedanken Pranckens wanderten unwillkürlich nach dem nahen Hause Nelly's.

Er zwang seine Gedanken gewaltsam zurück.

Eine Weile waren beide Männer still, dann fragte der Domdechant:

»Weiß Herr Sonnenkamp, daß Sie seine Vergangenheit kennen?«

»O nein, und er darf es nie wissen.«

Wieder trat eine längere Pause ein.

Vom nahen Dome schlug es Mittag, die Glocken läuteten, der Geistliche erhob sich und sprach ein leises Gebet; auch Prancken erhob sich und faltete die Hände.

Dann setzten sich Beide wieder. Noch immer sprach Keines ein Wort.

Ein Unwille erhob sich in Prancken, er bereute fast, daß er hieher gegangen; es kann ihm doch nicht geholfen werden. Mit unterdrücktem Unmuthe sagte er endlich:

»Hochwürdiger Herr, ich habe Ihnen Alles gebeichtet, nun, bitte, rathen Sie mir.«

»Soll ich Ihnen rathen, daß Sie Herrn Sonnenkamp und Ihre Braut verlassen?«

Prancken schaute vor sich hin.

»So sind sie!« fuhr der geistliche Herr fort; »sie wollen einen Rath haben, die Kinder des Weltgenusses, aber nur einen solchen, der ihnen keine Entziehung auferlegt; sie wollen einen Rath haben, wie sie das, was sie ausführen wollen, auch noch mit einer Beschwichtigung des Gewissens thun dürfen. Sie wollen Senf zur Verdauung schwerer Speisen . . .«

»Ehrwürdiger Herr,« sagte Prancken zitternd, »befehlen Sie, daß ich Herrn Sonnenkamp und Manna verlasse, und ich gelobe Ihnen, daß ich es sofort thue. Nur bedenken Sie, was soll aus dem Mädchen werden und soll das so Erworbene nicht zu Höherem –«

»Halten Sie ein!« unterbrach der Domdechant; seine Brauen zogen sich zusammen, seine Lippen preßten sich auf einander. »Sie glauben uns wol mit diesen Millionen zu kirren? Sie sind auch ein solcher, der bei aller scheinbaren Verehrung für uns doch denkt: die geistlichen Herren wollen nichts als Geld, nichts als Macht. Nein, wir wollen nichts von Eurem Gelde, von so erworbenem, von so erheiratetem und so ererbtem.«

Der geistliche Herr stand am Fenster und schaute in den Himmel, wo dunkle Wolken dahin zogen; er schien ganz vergessen zu haben, daß Prancken da sei, bis dieser endlich sagte:

»Wünschen Sie, hochwürdiger Herr, daß ich mich entferne?«

Rasch wendete sich der Geistliche und sagte, mit der linken Hand befehlend:

»Setzen Sie sich – setzen Sie sich.«

Prancken gehorchte.

»Ich will Ihnen etwas sagen. Was Sie dem Adel angethan . . . denn Sie haben nicht blos geschehen lassen . . . das ist Ihre und des Adels Sache; für uns sind Ihre Ehrengrade gleichgiltig. Aber das sage ich Ihnen« – der Geistliche hielt inne, stützte den Ellenbogen in die Fläche der rechten Hand und hielt sich mit der Linken das Kinn – »nun müssen Sie treu sein, Sie dürfen diesen Mann und seine Tochter nicht verlassen. Sie müssen Alles mit ihnen theilen, Sie müssen sich als angeschmiedet betrachten und in Demuth danken, daß Sie sich und Ihre neue Familie noch zu reinen Opfern lenken können.«

Prancken stand auf, küßte dem Domdechanten die Hand und rief:

»Das will ich, das gelobe ich. Halten Sie Ihr Auge auf mich, Sie sollen sehen, daß ich vollführe, was Sie mir auferlegt.«

»So gehen Sie mit Gott, Sie haben Schwereres zu tragen, als Sie jetzt vermeinen. Gehen Sie mit Gott.«

Prancken ging. Er ging voll Demuth die Treppe hinab und drückte drunten dem Soldaten brüderlich die Hand.

Als Prancken weggegangen war, betrachtete der Soldat noch seine Hand und suchte dann auf dem Boden herum; er konnte immer nicht begreifen, daß der flotte Herr von Prancken ihm nicht ein Goldstück gegeben. Nein, das hätte geklirrt – er hat ihm gewiß Papiergeld gegeben, aber es war nichts zu finden auf dem saubern Estrich.

Als hätte Prancken die Gedanken des Soldaten geahnt, kam er wieder und händigte ihm in der That ein Goldstück ein, dann ging er weiter.

Er kam an dem Hause Nelly's vorüber, wo er gestern – war es denn in der That? – eine Stunde gewartet. Er blinzelte hinauf, er glaubte, daß im offenen Fenster Jemand liege, dessen Auge nach ihm schaute; er hielt den Blick zur Erde geheftet und ging weiter.

Er kam auf den Paradeplatz, hörte die Parademusik, sah die Officiere im Kreis stehen; er ging vorüber und ein Lächeln zog über seine Mienen.

»Du hast gut gespielt, aber Du hast auch nur gespielt,« sagte er, indem er an den Domdechanten zurückdachte. »Du sollst sehen, ich werde gut spielen, ich kenne meine Rolle und werde Euch schon etwas vorgaukeln.«

Der Stolz that sich wieder in ihm auf, er konnte es nicht fassen, daß er, Otto von Prancken, die verschämte Demuth gewesen.

Halb demüthig, halb selbstbewußt kam er vor dem Hotel Victoria an und jetzt spürte er einen wahren Manöverhunger. Das Gute haben solche Gemüthsbewegungen, sie machen Hunger.

Prancken freute sich auf das feine Mittagsmahl mit dem Schwiegervater Baron.

Als er vor der Thür Sonnenkamps stand, faßte er sich aufs Neue. Er trat ein.

Das Ordenszeichen Sonnenkamps lag vor den Füßen des eintretenden Prancken; das Erste war, daß er sich nach demselben bückte und es aufhob. Joseph verließ das Zimmer. Sonnenkamp schien zu warten, daß Prancken zu sprechen beginne, und als dieser sagte: »Ich gratulire,« fiel er ein:

»Nein, nein – nicht. Ich danke Ihnen, daß Sie noch einmal zu mir gekommen sind. Ich danke Ihnen sehr. Sie haben es gut mit mir gemeint.«

»Noch einmal? Gut gemeint? Ich begreife nicht.«

Sonnenkamp sah ihn starr an; die ganze Stadt, die Kutscher auf den Straßen wissen es, und dieser Mann nicht? Will er ihn täuschen?

»Haben Sie die Zeitung gelesen?« fragte Sonnenkamp.

»Die Zeitung? Nein. Was soll's denn?«

Sonnenkamp reichte ihm das Blatt.

»Hier – mein Adelsdiplom,« sagte er und wendete sich ab, während Prancken las. Er wollte nicht umschauen, die Mienen dieses Mannes nicht sehen.

Lange war lautlose Stille in der Stube, da fühlte Sonnenkamp eine Hand auf seiner Schulter.

»Herr Sonnenkamp,« sagte Prancken, »ich bin ein Edelmann . . .«

»Ich weiß – ich weiß.«

»Und ich bin Ihr Freund,« fuhr Prancken ruhig fort. »Ich kann nicht billigen, was Sie gethan, um eine solche Kundgebung herauszufordern.«

»Machen Sie es kurz, ich habe heut schon genug predigen gehört.«

»Ich trete der ganzen öffentlichen Meinung entgegen, ich bin Ihr Freund und liebe Ihre Tochter. Es freut mich fast, daß ich Ihnen durch ein Opfer beweisen kann, wie meine Gesinnung –«

»Herr von Prancken, Sie wissen nicht, was Sie thun. Ihre Freunde, Ihre Familie –«

»Ich weiß Alles. Pah! Die Tugendmenschen sollen die Steine liegen lassen, die sie gegen uns aufheben wollen. Wer mit den Augen zuckt, den fordere ich vor meine Klinge.«

»Sie haben Muth . . . Opfermuth . . . Aber ich kann das nicht annehmen.«

»Nicht annehmen? Sie haben kein Recht, mich abzulehnen. Ich bin Ihr Sohn wie Roland, ich stehe zu Ihnen . . . Ist Roland noch nicht zurück?«

»Nein.«

»So ist er mit dem Fähnrich zu dem Schmause. Ich hole ihn.«

Sonnenkamp sah staunend dem Davonfahrenden nach.

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