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Das Landhaus am Rhein / Band IV

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band IV - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band IV
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band IV
pages1-350
created20060804
sendergerd.bouillon
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Viertes Capitel.

Im Lehnstuhl lag Sonnenkamp, er betrachtete den Stuhl und faßte die Armlehnen, als wollte er fragen: Hält denn der Stuhl noch, auf dem ich sitze? Als er die Hand auf die Brust legte, zuckte er zusammen, er wurde den Orden gewahr; er riß ihn mit Heftigkeit ab und rief:

»Ja! Ich bin ein Kämpfer zweier Welten. Wohlauf! die neue Jagd beginnt! Ich lasse mich nicht niederdrücken. Entweder muß ich mich verachten oder Euch! Wir wollen sehen, wer stärker ist, wer es mehr verdient.«

Es muthete ihn fast wie eine Belebung an, daß ihn die Welt so verabscheut.

»Recht so! Ich thue es ja auch; ich verabscheue Euch Alle.«

Aber die Kinder! die Kinder! sprach es in ihm. Damals, als er in Amerika den Kampf wagte, wußten die Kinder noch nichts. Er klingelte und fragte:

»Wo ist Roland?«

»Der junge Herr ist noch nicht zurückgekommen; er war um zwölf Uhr da und fragte nach, ist aber dann mit Kameraden wieder weggeritten.«

»Er hätte warten sollen,« rief Sonnenkamp . . . . »Besser so,« beruhigte er sich.

Wieder saß er in sich gekehrt allein und jetzt war es ihm deutlich. Das war es, was die Menschen bei der Druckerei gelesen hatten; zum Hohne hatten ihm dann die armen Teufel vor dem Hause ein Hoch zugerufen.

Er stand auf und schaute zum Fenster hinaus. In einer Gruppe standen die Droschkenkutscher und der Knirps las ihnen eine Zeitung vor. Sie mochten spüren, daß Sonnenkamp nach ihnen schaute, denn ihre Blicke wendeten sich plötzlich hinauf, und wie von Kugeln getroffen stürzte Sonnenkamp in die Mitte des Zimmers zurück; dann setzte er sich nieder und hielt die Hände flach an einander zwischen den Knieen. Es schwindelte ihm, aber er faßte sich muthig und entschlossen. Er weiß, wie sie jetzt in der ganzen Stadt von ihm reden, in teppichbelegter Stube wie im gepflasterten Stall; da heißt es: Ich nähme nicht seine Millionen, wenn ich der Mann sein müßte – und was wird morgen in der Zeitung stehen?

Geraume Zeit saß er stumm in sich versunken, da wurde ihm ein großer beschwerter Brief gebracht. Sonnenkamp öffnete, es war ein Brief der Zeitungs-Redaction und enthielt mehrere Goldstücke. Crutius schickte mit vielem Dank das, was er bei seinem Besuche in der Villa erhalten, zurück und erklärte, daß er es schon früher gesendet hätte, wenn er es nicht mit Zinsen hätte zurückerstatten wollen.

Sonnenkamp lächelte; es schien ihn fast zu freuen, daß Crutius sich unschön benommen.

Lange wiegte er das Gold, das ihm wie verschmäht zurückgekehrt war, in der Hand hin und her. So ist's also! Jeder darf Dich höhnen und Du mußt still sein.

Er hatte einen Revolver bei sich, er sprang empor, nahm den Revolver, hob ihn in die Höhe und wendete ihn. Nach der Druckerei und diesen Professor Crutius niederschießen wie einen tollen Hund . . . Aber das geht hier zu Lande nicht ungesühnt. Und sollte er dann gleich sich selbst erschießen, oder im Kerker sitzen und endlich enthauptet werden?

»Nichts da! Wir müssen die Sache anders machen,« erholte er sich. Er legte den Revolver in das Etui und klingelte. Joseph kam zitternd. Wer weiß, was der Menschenfresser jetzt mit ihm macht!

Drunten hatte der Kutscher Bertram bereits einen andern Dienst angenommen, Joseph wollte bleiben, er wollte das seinem Herrn sagen; er kam nicht dazu, denn Sonnenkamp fragte in gutmüthigem Tone:

»Joseph, wer war Dein Vater? Lebt er noch?«

»Ja wohl; mein Vater ist Anatomiediener.«

»So? Und auf die Anatomie kommen die Leichen der Selbstmörder und die Studenten studiren dran? Nicht wahr?«

Joseph wußte nicht, was er sagen sollte. Sonnenkamp schien auch keine Antwort zu verlangen; abspringend sagte er, man solle Boten nach Roland ausschicken, auch Baron Prancken solle gesucht werden.

Roland war schwer zu suchen, Prancken aber gar nicht zu finden, denn er war an einem Orte, wo man den lebemännischen Baron niemals vermuthet hätte.

Der Oberkellner trat ein und sagte, daß das Mittagsmahl bereit sei, und fragte, wann aufgetragen werden solle. Sonnenkamp starrte den Fragenden an. Der Mensch weiß doch sicher, daß jetzt nicht gespeist wird, er war offenbar nur gekommen, um zu kundschaften; vielleicht warteten drunten Viele, die Bescheid haben wollten, wie Herr Sonnenkamp sich jetzt benimmt. Sonnenkamp sah den Oberkellner mit einem wegwerfenden Blicke an und erklärte, er werde Bescheid geben, wann er das Befohlene wünsche, und ferner solle Niemand unangemeldet bei ihm eintreten.

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