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Das Landhaus am Rhein / Band IV

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band IV - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band IV
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band IV
pages1-350
created20060804
sendergerd.bouillon
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Drittes Capitel.

»Haben Sie Ihren Sohn bei sich?«

»Ja, Hoheit.«

»Ist er noch entschlossen, ins Militär einzutreten?«

»Mit Begierde.«

»Ich freue mich des schönen Jünglings und werde dafür sorgen, daß die Damen ihn nicht verderben; sie wollen Cherubim mit ihm spielen. Hat er sich bereits gemeldet?«

»Noch nicht, Hoheit. Ich wollte ihn erst mit dem Namen melden, den Ew. Hoheit mir gnädig verleiht.«

»Ganz recht,« erwiderte der Fürst. Auf seinem Schreibtische waren zwei telegraphische Knöpfe angebracht, ein weißer und ein schwarzer; er drückte auf den weißen; der alte Kammerdiener trat ein. Der Fürst sagte:

»Ich wünsche, daß Niemand im Vorzimmer sei.«

Der Diener entfernte sich. Sonnenkamp sah fragend drein und der Fürst sagte:

»Ihre Standeserhöhung wurde mir schwer gemacht. Sie haben viele Feinde.«

Die Augen Sonnenkamps zuckten, als ob man ihm mit einem Dolche vor den Augen spiele.

»Sie sind ein Mann von Edelsinn,« begann der Fürst aufs Neue; »Sie haben sich selbst Ihr Leben geschaffen. Ich würdige das. Solche Männer verdienen die höchsten Ehren. Ich freue mich, daß ich sie Ihnen verleihen kann.«

Der Fürst wiederholte noch einmal all das Schöne und Gute, das Sonnenkamp gethan. Bescheiden niederblickend hörte dieser zu; er fand es nur peinlich, das gerade in der jetzigen Lage zu hören; der Fürst konnte es ihm ja später bei einer schicklichen Gelegenheit sagen. Sonnenkamp war der Ansicht, daß auch der Hof diese Adelsgeschichten nur für einen nothwendigen Humbug hielte; er war erstaunt, den Fürsten unter vier Augen so feierlich und ernst zu finden. Oder gehört das mit zum Humbug?

Der Fürst aber ordnete Alles gern gehörig als Mann der Pflicht; er hielt es offenbar für angemessen, die Beweggründe darzulegen, um den Mann zu immer Schönerem zu ermahnen. Er erschien sich in diesem Momente als ein Priester, der im abgeschiedenen Heiligthume des Tempels einem Novizen die Weihe ertheilt; er war selber sehr bewegt. Der erste Kammerdiener hatte nicht Unrecht gehabt, der Fürst war schon vor der angesetzten Zeit ins Schloß zurückgekehrt, aber er hatte sich still auf diese Weihehandlung vorbereitet.

Von der Adelserhebung des Herrn von Endlich her hatte der Fürst eine ständige Redeweise, er sagte oftmals wie ein auswendig Gelerntes: »Ja, ja, es ist ein schönes Gesetz, das Monumentale verträgt den Scherz nicht. Man soll einen Witz, eine Laune nicht in Stein und Erz meißeln, das wird mit der Zeit steif und unpassend; es soll ja nur momentan und decorativ wirken. Das Momentane soll nicht das Monumentale werden.« Er bezeichnete das nicht bestimmter, aber Jeder sollte merken, was er damit meinte. Er hatte nicht wohlgethan, mit der Namengebung des Herrn von Endlich einen Scherz zu machen, denn was gibt es Monumentaleres als Adelserhebung? Darum wollte er jetzt recht feierlich sein.

Geduldig sich neigend, beugte Sonnenkamp das Haupt. Der Fürst streckte manchmal die eine, manchmal die andere, ja manchmal sogar beide Hände aus, während er von dem Segen sprach, den mächtig ausgerüstete, die höhere Pflicht erkennende Menschen verbreiten. Sonnenkamp erwartete, daß der Fürst ihm beide Hände auf das Haupt lege und ihn segne, und obgleich der Fürst jünger war als er, wollte er das doch bescheiden und demüthig aufnehmen, denn dieser Mann war ja von Urzeit her dazu geweiht, Ehre auszutheilen.

Mitten in seiner Rede nahm der Fürst eine mit blauem Sammt überzogene Rolle auf, die auf seinem Tische lag, er hob den Deckel und zog eine pergamentne Rolle heraus, die knitterte und rauschte und ein großes Siegel blinkte darauf.

Sonnenkamp machte sich bereit, den rechten Handschuh auszuziehen; jetzt kommt der Moment, wo er schwören muß und das Pergament empfängt, das ihn zu einem neuen Menschen macht. Er zwang sich, recht innig ergriffen zu sein, und suchte nach dem Einzigen in der Welt, das ihn erschüttern konnte. Und im Cabinet des Fürsten sah er vor sich einen verschneiten Kirchhof in einem polnischen Dorf, wo das Grab seiner Mutter war; er hörte nicht, was der Fürst gesagt, aber es waren gewiß sehr ergreifende Worte gewesen.

Nun aber – was soll das? – nun legte der Fürst das Pergament wieder auf den Tisch und sich setzend sagte er:

»Ich freue mich, aus Ihren Augen zu sehen, wie tief Sie diesen Moment empfinden. Setzen Sie sich.«

Sonnenkamp setzte sich und der Fürst fuhr fort:

»Laffen Sie uns noch Einiges ruhig erörtern. Sie haben viele Sklaven gehabt. Haben Sie noch solche?«

»Nein, Hoheit.«

»War es die Sehnsucht nach Deutschland allein, die Sie nach der alten Welt zurückkehren ließ, oder war es auch, weil Sie die Zustände der gepriesenen Republik unerträglich fanden?«

»Das Letzte, Hoheit, wenn auch das Erste mitwirkte. Ich sehe eine Verwirrung hereinbrechen über die Vereinigten Staaten, die – ich spreche es zu Ew. Hoheit – nur durch Errichtung der Monarchie in der neuen Welt wieder geschlichtet werden kann.«

»Das müssen Sie mir ein andermal näher auseinandersetzen. Ich lerne gern, sehr gern. Es ist unsere Pflicht, uns von denen unterrichten zu lassen, die eine Sache gründlich verstehen. Wie denken Sie über Sklaverei überhaupt?«

»Hoheit, das ist ein sehr weites Thema, ich werde die Ehre haben . . .«

»Nein, sagen Sie mir nur kurz den Kernpunkt, das Princip.«

»Hoheit, die Neger sind eine niedere Rasse, das steht physiologisch fest. Es ist Phantasterei – ich will annehmen von Manchen wohlgemeinte – aber es führt entschieden zum Untergange der Neger, wenn man sie als gleichberechtigte Menschen hinstellt.«

»Und würden Sie . . .« fragte der Fürst. »Nein, ich wollte anders fragen. Wie betrachten Sie einen Mann, der mit diesen Wesen niederer Rasse Handel treibt?«

Sonnenkamp stand unwillkürlich von seinem Stuhle auf, aber er setzte sich schnell wieder und sagte:

»Hoheit! Geschöpfe, die sich nicht selbst helfen können, sind geschützt, wenn sie als Gegenstand des Besitzes betrachtet werden; der sogenannte Edelsinn ohne Vortheil, ohne materielle Rücksichtnahme, sei es für den Besitz, sei es für die Ehre, wäre eine Seele ohne Körper: man kann sie sich denken, aber sie ist nicht da, wenigstens nicht in der Welt, die wir vor Augen haben.«

»Sehr schön . . . sehr gut. Ich glaube auch, daß es den Negern besser ergeht bei einem Herrn. Aber wie ist es denn, wenn man vor Augen sieht, wie das Kind von der Mutter weg verkauft und so jedes Familienband gewaltsam zerrissen wird?«

»Hoheit,« erwiderte Sonnenkamp mit großer Fassung, »vor Allem geschieht das nur selten, ja fast nie, denn es wäre ein materieller Nachtheil und machte die Sklaven arbeitsunfähiger; geschähe es aber, so wäre eine Sentimentalität hier nur ein Transponiren aus der gebildeten Empfindungssphäre in eine geringere. Ein Thier, der Pflege der Eltern entwachsen, kennt die Eltern nicht mehr, Männchen und Weibchen kennen einander nicht mehr, wenn die Brutzeit vorüber. Ich will nicht sagen . . .«

»Was ist?« unterbrach der Fürst plötzlich.

Der weißhaarige Kammerdiener trat ein.

»Warum unterbricht man mich?«

»Der Herr Minister Excellenz bitten Ew. Hoheit, das sofort zu öffnen.«

Der Fürst öffnete das Schreiben, er nahm ein gedrucktes Blatt heraus; wie eine blutige Ader lief an der Seite ein rother Strich. Der Fürst las, sah vom Blatt auf nach Sonnenkamp, er las weiter, das Papier knitterte und zitterte in seiner Hand, er legte es auf den Tisch und sagte:

»Verdammt! Diese Frechheit!«

Sonnenkamp starrte auf den Tisch und es war ihm, als würden die beiden telegraphischen Knöpfe plötzlich zu Augen, und auf dem grünen Tisch bildete sich ein Ungeheuer mit fabelhaften Formen, ein grünes Ungeheuer mit einem weißen und einem schwarzen Auge und das tauchte auf aus der Fluth, bewegte sich träge und schwankte hin und her. Wie in Fieberphantasie saß er da, er faßte sich mit aller Macht. Der Fürst sah bald auf das Blatt, bald nach Sonnenkamp, er trat auf ihn zu, reichte ihm das Blatt und sagte:

»Da lesen Sie . . . lesen Sie!«

Mit großer Schrift stand hier roth angestrichen:

»Unmaßgeblicher Vorschlag zu Wappen und Schild für den geadelten Sklavenhändler und Sklavenmörder James Heinrich Sonnenkamp, vormals Banfield, aus Louisiana . . .«

»Verweilen Sie hier, ich werde sofort wiederkommen,« sagte der Fürst und zog sich zurück.

Sonnenkamp war allein.

Was wird nun?

Da erschien plötzlich ihm gegenüber ein großer gewaltiger Neger, der die Augen rollte und die Zähne fletschte.

Mit einem Schrei, der mehr der Schrei eines wilden Thieres als der eines Menschen, stürzte Sonnenkamp zurück auf seinen Stuhl.

Die Gestalt ihm gegenüber schrie und hinter ihm schrie ein Anderer – es war Adams, der hereingestürzt war und Sonnenkamp umklammerte.

Der Fürst erschien wieder unter der Thüre und der Neger rief:

»Fürst! Herr! Der ist's, der mich betrogen, als Sklaven weggeführt und ins Wasser geworfen hat. Laß seinen Finger zeigen, dort ist noch der Biß von meinen Zähnen. Gib mir ihn, Fürst, gib mir ihn! Auf eine Minute . . . gib mir ihn! dann tödte mich . . .«

Von rückwärts hatte Adams die Hände Sonnenkamps gefaßt und hielt sie, als müßte er sie zerknicken.

Mit all seiner Macht rang Sonnenkamp gegen diese Gewalt, und hin und her riß er sich mit dem ihn haltenden Neger; er rang nicht nur, er sah auch, wie er rang, in dem Spiegel gegenüber. Da waren zwei Menschen, der eine war er – ist er es? – der andere ein Dämon . . .

Der Finger des Fürsten lag fortwährend zitternd auf der telegraphischen Klingel an seinem Schreibtisch, Diener in großer Zahl kamen herbei.

Der Fürst rief:

»Bringt Adams fort! Ihr steht mir dafür, daß er ruhig bleibt, und Ihr Andern geleitet den Mann da aus dem Schloß.«

Adams wurde von Sonnenkamp losgerissen; er stöhnte wie ein getroffener Stier und Schaum stand ihm vor dem Munde.

»Laßt mich los! Ich geh' allein,« rief er.

Die Diener ließen ab.

Der Fürst nahm das Pergament mit dem rothen Siegel vom Tische auf und wendete sich.

Da erhob sich Sonnenkamp, er sah den Fürsten an mit Augen, die aus ihrer Höhlung zu treten schienen, und schrie:

»Was willst Du? Was bist denn Du? Deine Vorfahren oder Vettern oder wer sonst haben ihre Unterthanen nach Amerika verkauft und sich feste Preise zahlen lassen für einen weggeschossenen Arm, für einen glücklich Getödteten. Pah! Ich habe meine Sklaven von einem Fürsten gekauft und ehrlich bezahlt, aber Ihr . . . was habt Ihr? Ihr habt Eure Unterthanen verkauft und die Zurückgebliebenen mußten noch am Sonntag in der Kirche Amen sagen, wenn der Herr der Herren von der Kanzel herab für Euer Wohl angerufen wurde . . .«

Er war nicht sicher, ob der Fürst das noch gehört; die Diener packten Sonnenkamp, er stürzte nieder.

Die Wuth, die er schon lange in sich zurückgehalten, raste in ihm.

Er wurde aufgerichtet und die Treppe hinabgeführt.

Eine Erinnerung, wie ein entronnener Sklave wieder eingefangen wurde, tauchte in ihm auf.

Drunten harrte der Wagen. Sonnenkamp stützte sich auf Joseph und sagte:

»Joseph, setz' Dich zu mir in den Wagen.«

Unterwegs sprach er kein Wort.

Als er am Gasthof ankam und ausstieg, war das kleine Kerlchen unter den Droschkenkutschern; jetzt hatten sie Alle Muth und Alle riefen:

»Hoch lebe der Baron! Hoch! und abermals hoch!«

Sonnenkamp konnte kein Wort hervorbringen. Spottet die Welt über ihn?

Er wußte nicht, wie er die Treppe hinaufgekommen. Jetzt saß er im großen Stuhle wie gelähmt, er starrte nach dem Spiegel, als müßte auch hier das Bild des Negers ihm entgegentreten.

So saß er stumm dreinstarrend.

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