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Das Landhaus am Rhein / Band IV

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band IV - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band IV
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band IV
pages1-350
created20060804
sendergerd.bouillon
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Zweites Capitel.

Die Sperlinge auf dem Dach zwitscherten durch einander, die Droschkenkutscher vor dem Hotel Victoria plauderten, als am Morgen das schöne Gespann Sonnenkamps mit dem zweisitzigen Glaswagen vor der Säulenhalle des Gasthofes hielt.

Der kleine verwachsene Kutscher, der das große Wort führte, hatte eben die vorderste Stelle, ihm gebührte natürlich das Wort. Er berichtete, daß heute Sonnenkamp zum Grafen ernannt werde, er könnte Prinz sein, denn er habe mehr Geld als ein Prinz. Unglücklicherweise wurde die vorderste Droschke von einem Fremden genommen und der kleine verwachsene Kutscher bedauerte sehr, nicht dabei sein zu können, wenn Herr Sonnenkamp heraus kommt. Er empfahl den Anderen, dem Grafen ein Hoch auszubringen, wenn er in den Wagen steige.

Es dauerte aber lange, bis Herr Sonnenkamp vom Gasthofe herunterkam, denn droben ging er im großen Saale auf und ab, schwarz gekleidet, mit weißer Halsbinde, den Orden auf der Brust. Neben ihm ging der Cabinetsrath und sagte, er verstehe wohl, daß Herr Sonnenkamp sehr aufgeregt sei, um so ruhiger werde er am Mittag sein. Sonnenkamp biß auf die Lippen und wechselte die Farbe.

»Sie sind doch wohl?« fragte der Cabinetsrath.

Sonnenkamp bejahte; er konnte nicht sagen, daß ihn der entblößte Daumen schmerze. Wenn er die Hand nicht sah, hatte er immer das Gefühl, als ob der Daumen zu einem Ungeheuer aufschwelle und Pulsschläge waren darin, wie glühende Hämmer.

Er betrachtete seine Hand und erkannte zu seiner Beruhigung, daß er sich täusche.

Lutz kam. Sonnenkamp nahm ihn bei Seite und Lutz berichtete, Herr Professor Crutius bedaure sehr, Herrn Sonnenkamp nicht besuchen zu können, er müsse das Abendblatt redigiren.

»Hast Du das Morgenblatt gebracht?«

»Nein, es wird erst um elf Uhr ausgegeben.«

»Warum hast Du nicht gewartet, es ist ja gleich Elf?«

»Ich dachte, der Herr könnten noch etwas wünschen vor der Auffahrt ins Schloß.«

»Gut, gib mir meinen Ueberzieher.«

Joseph stand mit demselben schon bereit; Sonnenkamp verabschiedete sich bei Roland und Prancken, sie erinnernd, genau um zwölf Uhr wieder im Gasthof zu sein.

Zum letzten Mal stieg der Bürger Sonnenkamp die Treppe hinab, um sie als Baron wieder hinaufzusteigen. Der Cabinetsrath ging neben ihm.

Als er am Wagen anlangte, wollten die Droschkenkutscher, wie ihnen eingeschärft war, ein Hoch ausbringen, aber sie konnten es nicht ausführen, es fehlte der Knirps, der den Ton angab; sie starrten nur in einer Gruppe nach Sonnenkamp und zogen den Hut ab.

Sonnenkamp dankte höflich.

Der Cabinetsrath bedauerte, nicht mitfahren zu können; er befahl nur dem Kutscher, vor dem großen Schloßportal zu halten.

Prancken ließ Roland allein, da diesen der Fähnrich, wenn er vom Exercierplatz zurückgekehrt sei, abzuholen versprochen hatte. Mit ungewöhnlich stillem Ton und bescheidener Miene sagte Prancken Lebewohl, auf gutes Wiedersehen zu Tische, denn Sonnenkamp hatte ein kleines gewähltes Mittagsmahl zu vier Gedecken, für sich, seinen Sohn und Schwiegersohn und für den Cabinetsrath bestellt.

Fort fuhr Sonnenkamp durch die Straßen der Stadt; die Fußgänger standen still; manche, die ihn kannten, grüßten, aber auch manche, die ihn nicht kannten, denn in einem solchen Wagen konnte ein fremder Fürst sitzen, dem man sich ehrerbietig zu erweisen hatte.

Die Pferde trabten so lustig, als wüßten sie, zu welcher Ehre sie ihren Herrn führen; Sonnenkamp legte sich im Wagen zurück und spielte mit dem Ordenskreuz auf seiner Brust. Dies Zeichen gab ihm Ruhe. Warum fürchtete er sich denn bei der zweiten Stufe, da er bei der ersten sich nicht gefürchtet hatte und sich keinerlei Gefahr zeigte?

Der Wagen fuhr an einem großen vielfenstrigen Hause vorüber; Sonnenkamp kannte es. Es war die Redaction und Druckerei des Professor Crutius. Vor dem Hause standen Gruppen, Einzelne lasen ein Blatt; sie schauten auf, da der schöne Wagen vorüberfuhr. Sonnenkamp hätte gern angehalten, um sich ein Blatt mitzunehmen, er hatte schon die Schnur in der Hand, womit er das Zeichen zum Anhalten geben wollte, aber er ließ sie wieder los.

Warum das? Warum will er denn gerade heute diese Zeitung? Ach, am besten ist es doch in der einsamen Wildniß, wo man keine Menschen sieht und wo es keine Zeitung gibt. Das dachte Sonnenkamp vor sich hin, während er durch die belebte Residenz nach dem Schlosse des Fürsten fuhr.

Ein Ruck erschütterte plötzlich Sonnenkamp; der Wagen hielt an. Um die Ecke kam ein Bataillon Soldaten mit klingendem Spiel. Der Wagen mußte warten, bis die Soldaten vorübergezogen, und es kostete Mühe, die Pferde bei dem Geräusch im Zügel zu halten.

Jetzt war es vorüber; Sonnenkamp sah nach seiner Uhr, es wäre peinlich, wenn er gleich bei der ersten Auffahrt die gemessene Minute versäumt und sich bei dem Fürsten zu entschuldigen hätte. Bist Du denn so gefangen? Bist Du ein von der Minute bedrängter Diener?

Er hatte Lust, dem Kutscher zuzurufen, er solle umkehren.

Er schalt sich, daß er sich ohne Noth so gewaltsam aufrege. Er ließ die Wagenfenster herab, that den Hut vom Kopf und freute sich, daß die frische Luft ihn kühlend beruhigte.

Mit Stolz parirte Bertram das Gefährt vor dem großen Portal. Die beiden Wachen standen still und warteten, ob sie Gewehr in Arm oder präsentiren sollten. Der Wagenschlag wurde aufgerissen, die Wachen blieben ruhig, da nur ein Mann in schwarzem Kleide mit einem einzigen Orden ausstieg.

Joseph geleitete Sonnenkamp in die große, reich mit Stuccatur versehene Vorhalle. Am Aufgang der Treppe standen zwei schön gemeißelte marmorne Wölfe; sie schauten Sonnenkamp fast freundlich an. Er winkte Joseph, er möge den hier wartenden Hoflakaien Angemessenes geben; er hatte ihn zu diesem Zweck mit einer ungezählten Hand voll Gold versehen; er konnte Joseph vertrauen.

Der Portier in der großen Uniform mit dem breiten Hut und dem goldknaufigen Stock fragte, wen er melden solle.

Sonnenkamp und Joseph sahen einander verlegen an. Joseph war zurückhaltend genug, dem Herrn das Wort zu überlassen, und Sonnenkamp wußte nicht, sollte er sagen Baron von Lichtenburg oder Herr Sonnenkamp.

Pah! Warum diesem Lakaien den alten Namen nennen? Dieser Name däuchte ihm so widerwärtig, so abgetragen wie ein ausgetretener Schuh; man begreift nicht, daß man ihn so lange getragen und sich nicht vor aller Welt geschämt hat. Endlich erwiderte Sonnenkamp mit sichtbarer Herablassung:

»Ich bin zu Seiner Hoheit befohlen.«

Es that ihm leid, daß er vor Joseph das Wort »befohlen« sagen mußte – er, Sonnenkamp, ist befohlen! – aber er wollte dem Lakaien zeigen, daß er die höfische Redensart kenne.

Der Lakai drückte auf eine telegraphische Klingel; auf der Freitreppe erschien ein schwarzgekleideter Kammerdiener und sagte, der Herr Baron werde schon zwei Minuten erwartet, es sei größte Eile nöthig. Es klang fast, wie wenn ein strafender Bote vom Himmel herunter ein Versäumniß und Vergehen verkündete.

Mit zitternden Knieen stolperte Sonnenkamp die teppichbelegte Treppe hinauf; er mußte noch unterwegs die Handschuhe anziehen, dabei aber sagte er sich immer im Stillen:

»Halte Dich doch ruhig!«

Oben auf der Treppe erschien ein zweiter weißhaariger Kammerdiener in kurzen schwarzen Beinkleidern und schwarzen hohen Gamaschen und sagte:

»Gehen Sie nur ganz ruhig, Herr Sonnenkamp. Se. Hoheit sind noch nicht zurück vom Exercierplatz.«

Sonnenkamp hätte den ersten Kammerdiener gern zu Boden geschlagen, weil er ihn so in Angst versetzt hatte.

Der weißhaarige Kammerdiener unterhielt sich zutraulich mit Sonnenkamp und erzählte, er sei mit Prinz Leonhard in Amerika gewesen; es sei ein häßliches Land, ohne Orden und Anstand; er habe Gott gedankt, wie er wieder daheim gewesen.

Sonnenkamp wußte nicht, wie er sich gegen diese Zutraulichkeit verhalten sollte; das Beste war, er ließ sich dieselbe stillschweigend gefallen. Mit beistimmender Herablassung hörte er zu und dachte bei sich: welch ein seltsames Gethue das hier im Schlosse ist. Da ist's ja, als ob die Menschen gar nicht mehr auf den Füßen gehen; Alles so geheimnißvoll, als käme jeden Augenblick etwas, was mit dem Leben der andern Menschen nichts gemein hat.

Der weißhaarige Kammerdiener sagte Sonnenkamp, er möge sich einstweilen setzen.

Sonnenkamp that es, zog den Handschuh an der rechten Hand aus; er wollte es ohne Hinderniß thun können, wenn er die Hand zum Schwure entblößen muß, und nun schenkte er dem weißhaarigen Kammerdiener auch einige Goldstücke.

Der erfahrene Kammerdiener zog sich verbeugend zurück; er kannte das Kanonenfieber derer, die nicht an den Hof gewöhnt sind; er wollte dem Manne Ruhe geben.

Sonnenkamp saß still, wieder klopften wilde Pulse in seinem Daumen; er bat um ein Glas Wasser.

Der Weißhaarige rief einen Andern an, dieser einen Dritten, und der Ruf um ein Glas Wasser ging weit hin.

Auf einer altväterischen Uhr, die auf dem Kaminsims stand, schlug es ein Viertel.

Sonnenkamp verglich seine Uhr mit der hier, die seinige ging beispiellos nach; er nahm sich vor, künftig seine Uhr nach der im Schlosse zu richten.

Er war allein und ahnte nicht, daß hinter einer Glasthür durch die glatten Einfassungen des mattgeschliffenen Glases zwei Augen auf ihn gerichtet waren, und diese Augen rollten wild hin und her.

Eben als das Glas Wasser kam, wurde gemeldet, daß Herr Sonnenkamp eintreten solle; er konnte seine Lippen kaum noch benetzen. Er trat in den großen Saal. Er hatte nicht Zeit, sich zu besinnen, denn rasch, unhörbar auf den dicken Teppichen, trat durch den Thürvorhang der Fürst ein. Er war in großer Uniform, mit einem breiten Bande über der rechten Schulter und der Brust. Er hielt sich stramm aufrecht, nickte nur leicht mit dem Kopfe und hieß Sonnenkamp willkommen, sich entschuldigend, daß er ihn habe warten lassen.

Sonnenkamp verbeugte sich tief, ohne ein Wort hervorzubringen.

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