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Das Landhaus am Rhein / Band IV

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band IV - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band IV
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band IV
pages1-350
created20060804
sendergerd.bouillon
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Dreizehntes Capitel.

Zögernden Schrittes gingen die Beiden neben einander durch die Wiese nach der Villa.

»Sie sind ein glücklicher Mann, so die Gedanken Ihres Vaters zu haben,« sagte Manna ernst.

Erich konnte nicht antworten, ihm preßte das Gefühl die Brust: wie wird das arme reiche Kind zusammenbrechen, wenn sie erfährt von ihrem Vater. Er ahnte nicht, daß die Worte Manna's eben aus diesem Schmerz hervorgingen.

»Ich kann die Gedanken meines Vaters nicht erben,« sagte er endlich. »Jedes Kind muß Alles wieder aus sich selbst erleben.«

Weiter gingen sie, und es war ihnen doch, als müßten sie bei jedem Schritt inne halten und einander erfassen.

»Nun ist Roland und der Vater bereits auf dem Rückwege,« sagte Manna.

»Und Herr von Prancken,« wollte Erich hinzusetzen, aber er hielt sich zurück.

Manna mochte fühlen, daß er ihr Verschweigen von Pranckens Namen merkte, und sie fragte:

»Waren Sie ehedem nicht ein naher Freund des Baron von Prancken?«

»Wir waren Kameraden, Freunde nie.«

Wieder waren die Beiden still; es lag so viel Unausgesprochenes in ihnen, was sich jetzt herzudrängte, daß sie nicht zu wissen schienen, von was sie zuerst reden sollten.

Die Abendglocke läutete. Manna schaute auf Erich, er zog den Hut nicht ab. Sie zitterte; Alles stand zwischen ihnen, auch die Kirche trennte sie.

Manna trug verborgen unter ihrem Gewande eine dünne hänfene Schnur um die Hüfte gebunden; eine Nonne hatte ihr diesen verborgenen Bußgürtel gegeben, damit sie immer eingedenk bleibe, daß sie gelobt habe, offen den hänfenen Strick zu tragen. Jetzt war es ihr, als ob die dünne Schnur fester angezogen würde, und dann wieder, als ob sie sich löse. Mit der linken Hand hielt sie sich an einen Baum am Wege und athmete schwer.

»Was ist Ihnen?« fragte Erich.

»Ach . . . Ich danke Ihnen, daß Sie bei uns bleiben. Sehen Sie, dort oben . . . über dem Thurm der Burg fliegt ein Falkenpaar . . . Ach, wer auch so schweben könnte hoch oben, und Alles, was drunten, ist vergessen und versunken. Ach, was war mir das Leben? Nichts als ein Arbeiten an unserem Sterbekleide. Ich wollte über der Welt leben, wollte büßen, vom Himmel herab beten . . . für einen Andern! Ich kann es nicht mehr . . . ich kann es nicht.«

Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn; sie sprach, sie wußte nicht was. Sie ging weiter und wollte doch immer stehen bleiben.

Eine Mähderin, die auf der Wiese das dritte Gras abmähte, rief Manna an und sagte, ihre Schwester sei wieder gesund und werde schon morgen helfen, das Heu einbringen.

»Ich wünschte, ich wäre die Mähderin,« sagte Manna.

»Entschuldigen Sie,« entgegnete Erich, »wenn ich mein Staunen nicht zurückhalten kann, daß auch Sie einen solchen Wunsch ausdrücken.«

»Auch ich? Warum denn ich nicht?«

»Sie sind so klar denkend, daß ich eine solche Redensart, die man tausendfältig hört, von Ihnen nicht begreife. Was heißt denn das: ich wollte, ich wäre eine Andere? Behielten Sie das Bewußtsein, was Sie gewesen, so wären Sie nicht eine Andere. Solch eine Redeweise ist nicht nur widervernünftig, sondern von meinem Standpunkte aus auch unreligiös.«

Manna blieb stehen und Erich fuhr fort:

»Wir sind, was wir sind, nicht durch uns, sondern durch eine ewige Ordnung, die wir Gott nennen dürfen; wir müssen in dem, was wir sind, uns zu finden und glücklich zu machen suchen, ob arm, ob reich, ob schön, ob häßlich.«

»Ich werde nie mehr solch einen unklaren Gedanken hegen und aussprechen,« entgegnete Manna und reichte Erich die Hand. Sie zitterte.

Leise, kaum hinhauchend, sprach sie davon, welch ein Glück es sein müsse, nicht nur den Reichthum, sondern auch allen Tand des Lebens von sich zu werfen, in Arbeit, in Friede mit sich und den Seinigen und der Welt die Lebenstage zu erfüllen.

Erich durchschauerte es; durfte auch er ihr sagen, daß er in sich entschieden war, nie einen Reichthum sein zu nennen und nun gar einen solchen?

Er fand kein Wort.

Eine Weile gingen sie stumm weiter; dunkel war es in den schattigen Gängen, nur da und dort fielen gelbe Lichter durch das Gezweige und lagen wie Flämmchen auf den schwarzen Haaren Manna's; Beide sprachen kein Wort.

Tief aufathmend blieb Manna stehen. Wollte sie nicht gemeinschaftlich mit Erich bei der Villa ankommen? Sie war doch so oft mit ihm gegangen; es war kein Arg dabei, mit ihm allein zu sein.

»Ich sage Ihnen hier Lebewohl,« begann sie leise. »Das war heut ein Tag. War's nur Ein Tag?«

»Und wie die Sonne hier untergeht,« fiel Erich ein, »und immer wiederkehrt und treu bleibt in guten und in bösen Tagen, so haben Sie in mir einen treuen Freund, dessen Auge über Ihnen wacht, so lange dies Auge offen steht.

»Ich weiß!« rief Manna. »O Gott, ich weiß!«

Sie zitterte am ganzen Leibe.

»Ich bitte, verlassen Sie mich jetzt,« setzte sie hinzu.

Erich kehrte um, aber als er zurückschaute, sah er, wie Manna unter einer großen Tanne auf den Knieen lag; ihr Antlitz war von der untergehenden Sonne überstrahlt, sie streckte die gefalteten Hände zum Himmel empor; dann richtete sie sich auf.

Er eilte zu ihr, sie zu ihm; es war eins.

»Manna! Manna!« rief er.

»Erich! Erich!« antwortete sie.

Sie lagen einander in den Armen.

»Ich liebe Dich,« flüsterte er.

»Du! Du!« rief sie. »Himmel und Erde, Alles!«

Sie hielten sich fest umschlungen und hielten die Lippen in einem Kusse gefesselt, als sollte ewig nur noch ein einziger Athem in ihnen sein.

»Du bist mein! mein! meine Hoffnung, meine Welt! Ach, Erich, verlaß mich nie mehr – nie mehr!«

»Ich Dich verlassen? Dich, meine Manna?«

»Nein, Du kannst es nicht. Der Himmel wird's verzeihen, nein, segnen. Ich konnte nicht anders, Du nicht, ich nicht. Erich sieh, Alles brennt, die Bäume brennen, das Gras brennt, der Rhein brennt, die Berge, der Himmel – Alles in Flammen! Ach, Erich, und wenn die ganze Erde in Flammen aufgeht, ich halte Dich in meinen Armen und sterbe gern in Deinen Armen. Nimm mich, ich kann nicht mehr anders.«

»Laß Dich anschauen. So bist Du?« erwiderte Erich. »Du weißt nicht, wie ich gerungen habe um Dich. Nun hab' ich Dich, nun bist Du mein! O sag es noch einmal.«

Stammelnd, sich unterbrechend und wieder fortsetzend, erzählte Eines dem Andern, wie Jedes mit sich gerungen, mit Allem, was die Welt hat; aufs Neue erkannte Jedes die Wahrhaftigkeit und Lauterkeit in der Seele des Andern, und wie Manna sich ehedem herb vor Erich verschlossen, so quoll und überströmte nun die ganze Fülle ihres Herzens.

Sie standen und hielten einander an den Händen und schauten sich an und Erich sagte:

»O Manna, mein einziger Wunsch ist jetzt, Du möchtest das Glück haben, Deinen Blick zu sehen.«

»Und Du den Deinen. Ach, Jeder, der Dich sieht, Dich erkennt, muß Dich lieben. Was bleibt denn mir, die ich Dich sehe und erkenne, wie Dich doch Niemand sieht und erkennt, außer mir?«

Sie küßten einander und hielten die Augen geschlossen, und über ihnen rauschten die Bäume im leisen Abendhauch.

Auf der Bank, auf der Erich damals neben Bella gesessen, saß er jetzt mit Manna und ein Zittern durchfuhr ihn im Gedanken an damals; er verscheuchte die Erinnerung. Mit dem Scharfblick der Liebe hatte Manna die vorüberhuschende Gemüthsbewegung in Erich entdeckt und sie fragte ihn:

»Hast Du auch so schwer ringen müssen und kämpfen, bis Du Dir es eingestanden und bekannt hast und endlich gesagt: es muß sein?«

»Ach, laß uns schweigen! Sorgen und Mühen und Kämpfen und Ringen wird schon kommen. Jetzt ist Hochzeit, Hochzeit unserer Seelen; nichts Anderes soll drein tönen, nichts Anderes drein denken. Selig, glückselig sind wir. Ich weiß, Du bist mein, wie ich Dein. Es kann nicht anders sein.«

Und sie umarmten sich.

Und wie sie nun rief: »O! könnte ich Dich auf den Arm nehmen wie auf Flügel, und Dich hinaustragen über alle Berge. O, Erich!« da merkte er, daß in ihr eine Naturmacht war, wie sie die Tochter Sonnenkamps haben mußte, wild, unbändig, mächtig.

Wer das bescheidene, stille, sanfte, demüthige Kind noch heute am Morgen gesehen, hätte nicht ahnen können, daß es am Abend so leidenschaftlich werden könnte. Erich selbst fühlte sich wie von stärkerer Kraft gefaßt.

»Ach ja,« rief sie, als lese sie in seiner Seele, »nicht wahr, ich bin ein schrecklich wildes Kind? Du glaubst gar nicht, wie wild ich bin. Aber das kommt nie mehr, gewiß nicht, verlaß Dich darauf.«

Sie saß neben ihm, sie streichelte ihm die Hand, und es war ein tief demuthvoller Blick, mit dem sie ihn ansah und sagte:

»Du weißt so viel, bist des Wissens so voll, und ich . . .«

Lächelnd erwiderte Erich:

»Mein ganzes Wissen, mein bestes Wissen ist, daß ich weiß, ich liebe Dich; was ich sonst noch weiß, das kann ein Anderer auch wissen, dies Eine aber nur ich allein.«

»Und ich will recht viel bei Dir lernen,« sagte Manna und streichelte und küßte ihm die Hände. »Ach, sprich nur immerfort, sprich was Du willst; mir ist es Musik, wenn ich Dich höre. Und weißt Du, daß ich Dich auch schon habe singen hören? Zweimal. Einmal in großer Versammlung und ein andermal hier auf dem Rhein.«

»Und weißt Du,« entgegnete er, »wie ich Dich in der Abenddämmerung im Kloster sah?«

»Ja. So hast Du mich angesehen.« Sie versuchte seinen Blick nachzuahmen. »Und damals, als wir von dem Gesangfeste kamen, waren ein Dutzend Pensionärinnen in Dich verliebt; aber ich habe mich vor Dir gefürchtet und noch jetzt kann ich es nicht begreifen. Ach, was werden sie im Kloster sagen? Sie werden mich für eine Heuchlerin halten wegen Deiner und – Ach, Erich . . . Und wie wird sich Roland freuen!

»Aber Deine Eltern?«

»Ja, meine Eltern!« sagte sie. »Meine Eltern!«

Ihre Stimme versank; ihr Antlitz wurde plötzlich blaß und wie frierend schmiegte sie sich an Erich. Er hielt seine Hand auf ihrem Haupte, er spielte mit ihren Locken und sie hielt seine andere Hand an ihre Lippen gedrückt. Es war nicht nöthig, daß sie Worte sprachen, sie konnten es auch nicht, denn Eines wollte dem Andern sagen: Weißt Du auch schon?

»Warum bist Du plötzlich erzittert?« fragte Manna.

»Ach, ich wünsche, Du wärest nicht reich.«

»Das wünschte ich auch,« sagte sie, die Augen schließend, wie einschlafend. »Laß uns aber still sein . . . Nur eine halbe Minute lang laß mich da schlafen. Ach, Dein Herz pocht so schön.«

Sie hielt den Kopf an sein Herz gedrückt; nach einigen Sekunden richtete sie sich auf und sagte:

»Jetzt ist ein Jahrhundert vorüber, ein glückseliges Jahrhundert. Jetzt bin ich wieder stark und frisch und wach und jetzt vergiß Alles, was ich gethan und gesagt, nur das Eine nicht, daß ich Dein bin und Dich liebe, so lange ich athme, und Du mein.«

»Du wolltest Nonne werden und ich . . . ich wollte auch der Welt entsagen.«

»Bist Du denn nicht Protestant?«

»So meinte ich es nicht, meine Manna. Ich wollte dem, was man die Welt nennt, entsagen und ganz dem reinen Gedanken leben.«

»Und kannst Du das nicht, wenn ich Dein?«

»Nein. Doch was soll das jetzt? Ich bin nicht mehr allein, ich bin ich und Du.«

»Und ich bin Du und ich,« wiederholte Manna . . . »Jetzt muß ich zu meiner Mutter,« sagte sie, sich erhebend; »noch soll Niemand von uns wissen, nicht Deine Mutter, nicht meine Mutter, Niemand.«

»Sehe ich Dich noch heut Abend im Garten?«

»Nein, es ist besser morgen; ich kann nicht, ich muß mich erst fassen. Ach, ich versage es ja mir selbst. Morgen in der Frühe.«

Sie knüpfte ein blauseidenes Tuch, das sie um den Hals trug, los und legte es ihm um den Hals. Sie küßte ihn und ging davon. Sie schaute nicht mehr um.

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