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Das Landhaus am Rhein / Band IV

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band IV - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band IV
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band IV
pages1-350
created20060804
sendergerd.bouillon
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Zwölftes Capitel.

Erich stand im Speisesaal, die Teller und Gläser und Schüsseln tanzten vor seinen Augen. Manna kam rasch zurück, ihr Antlitz war heiter wie noch nie, sie war wieder das junge Mädchen, sie hatte den hellen Ton und die frische Bewegung der Jugend, indem sie eine leichte Verbeugung machte und Erich zum Mitgehen einlud. Auf dem Flur wurden sie aufgehalten, es war eben ein Paket angekommen.

»Ah, das Seidenkleid von dem Herrnhuter?« sagte Manna. »Sehen Sie, Herr Hauptmann, diese Leute sind nicht von unserer Kirche, aber die Zuverlässigkeit haben sie nur von der Kirche. Oder sind Sie auch ein Verächter der Herrnhuter?«

»Verächter ist das Wort nicht, das Sie mir geben wollten. Aber ich finde das Thun dieser Sekte widersprechend. Beständig verkünden sie Einfachheit, Entsagung, Verachtung des Prunks und der Weltgenüsse und treiben Handel mit Seidenwaaren, mit Havanna-Cigarren; sie verlassen sich auf die Sündhaftigkeit der anderen Menschen gerade wie der Bettelmönch, der sagt: Ich will nicht arbeiten und Brod verdienen, aber natürlich sollen Andere arbeiten, damit ich betteln kann.«

»Bringen Sie das Paket nur fort,« sagte Manna zu dem Diener.

Still ging sie mit Erich davon.

Unterwegs sagte sie:

»Wissen Sie, daß ich . . . einen Widerwillen . . . einen Abscheu vor Ihnen hatte, als ich hieher kam?«

»Ja wohl, das wußte ich.«

»Und warum thaten Sie nach jener ersten häßlichen Erwiderung von mir nichts mehr, um mich zu bekehren?«

Erich schwieg und Manna fragte nochmals:

»Ist es Ihnen denn so gleichgültig, wie man von Ihnen denkt?«

»Nein, aber ich war ein Diener Ihres Hauses und war stolz genug . . .«

»Aber Stolz ist doch eine Untugend?«

»Gewiß; wenn man Ansprüche macht, die die Geltung Anderer herabsetzen wollen.«

»Sie sind mir zu gescheidt,« neckte Manna.

»Das höre ich nicht gern von Ihnen, denn das ist eine Redensart. Kein Mensch ist dem andern zu gescheidt, wenn jeder sich sagt: ich habe nach meiner Weise auch etwas. Eine solche Redensart sollten Sie nicht gebrauchen. Ich habe nie eine hohle Phrase von Ihnen gehört. Was Sie sagten, war nicht immer logische Wahrheit, aber Wahrheit für Sie.«

»Ich danke Ihnen,« sagte Manna rasch und berührte mit der Fingerspitze seine Hand; wie sich besinnend, setzte sie schnell hinzu:

»Ich weiß nicht, ich . . . ich bin von meiner Schwermuth befreit, und mir ist, als wäre es schon ein Jahr, seitdem ich so schwermüthig gewesen.«

»Wir haben das Glück,« erwiderte Erich, »uns im besten Denken zu verstehen, und da gibt es kein Zeitmaß.«

»Ach ja,« nahm Manna wieder auf, »mitten durch alle Schwermuth ging mir heute immer der Gedanke: es kommt etwas, was Dir Freude macht . . . Jetzt ist es gekommen. Sie waren der Freund und Lehrer Rolands, nehmen Sie mich dafür, seien Sie mein Freund und Lehrer.«

Sie streckte ihm die Hand entgegen und die Beiden sahen einander glückselig an.

»Ach, da sitzt Ihre Mutter,« rief Manna plötzlich. Mit eiligen Schritten ging sie zur Professorin und küßte sie heftig.

Die Professorin sah sie erstaunt an. Ist dies dasselbe Mädchen, dem sie gestern die fieberisch kalten Hände erwärmt und Lebensmuth zugesprochen? Die Jugend ist doch ein ewiges Räthsel.

Und so war's. Es war etwas von Kindschaft in Manna unterbrochen, das lebte nun auf und blühte mitten unter Jammer und Elend, unter Gefahr und Kampf.

Manna hielt sich geraume Zeit mit der Hand die Augen zu, und als sie sie wieder aufschlug, sagte sie:

»Mir ist, als sehe ich das Alles heut zum ersten Male; der Rhein, die Berge, die Häuser, die Menschen.«

Eine Schaar junger Schwalben flog durch die Luft, wie jauchzend im freien Aether, und Manna rief:

»Die Schwalben schwirren! Ach! Wer auch fliegen könnte! Ich bin eigentlich so traurig, so schwer, und daneben singt etwas in mir, ist lustig und singt immer fort: Du bist lustig, wehre Dich nicht dagegen. Ach, es ist entsetzlich sündhaft, wie ich bin.«

»Nein, Kind, Sie sind nur noch ein Kind, und das hat, wie man sagt, Lachen und Weinen in Einem Sack. Mir ist viel leichter zu Muthe, seitdem der Doctor da war. Man kann sich daran gewöhnen, Alles schwarz zu sehen, da ist es gut, wenn Einer kommt und sagt: Die Welt ist nicht so schlecht und nicht so gut, wie wir uns einreden, und die Dinge gehen im Guten und im Bösen nicht ihren logischen Gang.«

Die Professorin sprach Manna noch Beruhigung zu, aber diese schien nicht gehört zu haben, was die Professorin sagte; mit neckischem Ton rief sie:

»In dieser Stunde sind wir also geadelt? Ich spüre gar nichts davon an mir, so etwas sollte man doch auch spüren.«

Es war ein ungewöhnlich heller Ton in Allem, was sie sagte, und sie fuhr fort:

»Sagen Sie mir, wie war es Ihnen an dem Tage, als Sie den Adel ablegten?«

»Von Leid keine Spur, es schmerzte mich nur, daß meine Freundinnen mir immer betheuerten, sie verblieben mir dieselben, denn in dieser Betheuerung lag ja das Bekenntniß, daß es anders geworden; und da wiederholten sie mir immer, wie lieb sie mich gehabt, als ob ich gar nicht mehr lebte. In der That war ich für Manche gestorben, denn für sie ist ein Menschenkind, das den Adel verliert, wie ins Schattenreich versunken.«

»O wie beglückt und gesegnet waren Sie,« rief Manna, »all den Tand von sich zu werfen und frei und stark Alles zu finden in dem Manne Ihrer Liebe allein.«

Die Professorin erzitterte. Ist das dieselbe Manna, die Nonne werden wollte?

Sie sprach von der Seelenkraft, die es erheische, im Ringen mit den Bedürfnissen des Lebens sich die Gedankenwelt zu erhalten. Manna schaute sie aber bei allem dem mit strahlenden Augen an.

Erich hatte die Mutter und Manna allein gelassen; er stand an einem Rosenstrauch und sah, wie die Blätter der Rose abfielen, so leise, so still wie von Geisterhand gepflückt. Er starrte auf die Blätter am Boden: Roland, Manna, die Mutter, die entsetzliche Vergangenheit Sonnenkamps – Alles wirrte sich ihm durcheinander, er glaubte, er sehe die Welt nicht mehr, wie sie ist. Wenn er nur Jemand hätte, der ihn anruft! Er fühlte, wie seine Wangen glühten, wie es ihn durchschauerte.

Du liebst und wirst geliebt von diesem Mädchen, von der Tochter . . . Was ist Tochter? Jedes ist für sich allein da.

Im Erdgeschoß war die Bibliothek seines Vaters, die Fenster standen offen, er ging hinein.

Es lag ihm im Sinn, als müsse unter den hinterlassenen Handschriften des Vaters etwas sein, das ihm heute Trost und Manna neuen Halt gebe; vielleicht kann der Geist des Vaters in diese jubelvolle und trauervolle Wirrniß hineinsprechen. Er suchte unter den Papieren, allerlei kam ihm in die Hand, doch war es nicht, was er wollte. Er löste ein Convolut von Heften, das die Ueberschrift trug: »Sibyllinische Bücher«, und faßte ein Blatt.

»Das ist's!« rief er.

Er stand mit dem Rücken gegen das offene Fenster gelehnt; er hörte, wie die Mutter Manna ermahnte, ja recht fest und treu an ihrer religiösen Ueberzeugung zu halten; seien da auch Formen und Fassungen, die sie selbst nicht als die ihrigen erkenne, so sei doch auch hierin die Wahrung des heiligen Geistes, die uns allein die Kraft gibt, Leid zu tragen und Freude zu empfangen.«

»Mutter!« rief Erich, sich plötzlich umwendend. »Mutter, ich bringe etwas, was Deine Gedanken fortsetzt.«

Er ging hinaus, er zeigte die Handschrift seines Vaters und sagte, daß er sie vorlesen wolle.

»Ach ja,« rief Manna, »das ist echt, das ist gut von Ihnen, daß Sie uns Ihren Vater hierher bringen.«

»Das Blatt hat einen seltsamen Titel,« sagte Erich; »es lautet: Von drei Dingen, die ich nicht ganz sagen kann und vielleicht Niemand ganz sagen kann.«

»Bitte, lesen Sie,« ermahnte Manna.

Erich las:

»Zwei Dinge beharren, derweil des Menschen Herz trotzig und verzagt, übermüthig und feige hin und her schwankt; sie sind: die Natur und die in uns lebenden Ideale. Die Kirche war auch eine Burg des Ideals, eine sichere und feste; sie ist es für mich und viele meines Gleichen nicht mehr.

Du sagst, die Natur hilft uns ja nichts. Was hilft sie mir, wenn der Gedanke der Halbheit, des Verderbens, der Schuld über mich kommt, mich gefangen nimmt? Die Natur spricht nicht, sie läßt sich nur verstehen, deuten; sie tönt das Echo zurück, das wir in sie hineinrufen. Die Kirche dagegen spricht zu uns in persönlichem Leid, sie nimmt uns auf ins Allgemeine.

Ich sage: Ein Drittes ist, das Natur und Ideal vereint darstellt und uns aufnimmt.

Wir nennen es die Kunst, die bildende, die Lebenskunst, die sittliche, die schöne That. In meinem Betracht gehört alle Wissenschaft zur Kunst. Was ein Menschengeist rein aus sich gebildet und dargestellt, als Zeugniß seines Seins, Schauens und Wollens, das erscheint in der Kunst als sichtbares Gebilde, schaut uns an, in Marmor und Farben, tönt uns zu in Wort und Klang, läßt uns ahnen und erkennen, daß unser gebrochenes, halb zum Ausdruck kommendes Dasein Fülle und Vollendung hat.

Die Kunst hilft dem Leide nicht, sie heilt nicht geradezu, aber sie bringt vor Augen, sie tönt ins Ohr: Merk auf! Es gibt ein Leben, rein und vollendet, das wir in uns tragen.

Die Kunst ist ein Gebilde der Kraft, der Freude, des Wohlgefühls, des Lebensmuthes; sie reicht nicht die Hand, sie macht nur, daß wir uns sammeln in der Erkenntniß, in der Anschauung, in der Durchdringung eines in sich beruhenden Daseins außer uns, das wir begreifen.«

Erich unterbrach sich und sagte:

»Hier steht als Anmerkung: Ich kannte eine Frau, die während der Trauerzeit keine Musik machte und keine hören wollte; da zeigte sich, was ihr die Kunst ist.«

Es trat eine Pause ein.

Erich fuhr fort zu lesen:

»Im schwersten Schmerz meines Lebens habe ich Trost, Ruhe, freies Aufathmen gefunden, als ich unter den antiken Gebilden umher wandelte; Andere mögen Aehnliches in der Musik finden, mir gab es sich im Anschauen der antiken Gestalten. Nicht der Gedanke an die große Welt, die hier zu Erz und Stein geworden, nicht die Erinnerung an den Geist, der daraus spricht, faßte mich an; ein Anderes war es. Sieh her, da ist eine zur Ruhe gekommene Seligkeit, die nichts mit Dir gemein hat und doch bei Dir ist. Ein Hauch der Unendlichkeit hauchte mich an, goß sanfte Ruhe in mein aufgewühltes Herz, sättigte meinen Blick, beschwichtigte mein Empfinden. Im Anhören der Musik konnte ich noch immer mein eigen Leben und Denken fortträumen, hier nicht mehr.

Wenn ich es nur zu sagen vermöchte, wohin mich das Alles führte, wie ich wandelte in der Unendlichkeit und, hinausgetreten in das Lebensgewühl, immer von festen, ruhigen Göttergestalten begleitet war; mir war –«

Erich brach plötzlich ab. Manna bat, daß er weiter lese; Erich erwiderte, es sei nur ein Bruchstück.

»Es ist kein Bruchstück, es ist ganz und voll. Da könnte kein Mensch weiter sprechen, weiter schreiben,« rief Manna, »da ist nur noch ein in sich selbst Versinken. Ich habe eine Bitte . . . schenken Sie mir das Blatt.«

Erich sah auf die Mutter und diese erklärte, daß sie noch nie einen Federstrich ihres Mannes in fremde Hand gegeben.

»Aber Sie, mein Kind,« sagte sie, »Sie sollen es haben. Erich wird für uns es abschreiben, damit nichts fehlt.«

Sie gab Manna die Handschrift und diese drückte sie an ihre auf und nieder wallende Brust.

Jeder Blutstropfen war aus ihrem Gesichte verschwunden; sie bat die Professorin, daß sie in das Haus gehen dürfte, sie möchte gern allein sein, sie sei so müde.

Die Mutter geleitete sie. Manna legte sich auf das Sopha; die Vorhänge wurden herabgelassen, sie hielt die Schrift in der Hand und las wiederholt; bald aber schloß sie die Augen und dachte in sich hinein, halb wachend, halb träumend, und schlief endlich ein.

Die Mutter und Erich saßen beisammen und Erich gelobte sich, daß es sein Erstes sein solle, jetzt, da keine nächste Pflicht ihn bindet, das Unfertige und Halbe, das der Vater hinterlassen, in die Oeffentlichkeit zu geben; es würde doch viele Seelen finden, die das Mangelhafte aus sich ergänzen.

Nun fühlte er sich frisch und frei; jetzt war etwas da, was er zu thun hatte, eine fromme Kindesthat und eine Mannesthat zugleich; denn er konnte aus eigenem Wissen und aus mündlichen Mittheilungen des Vaters Vieles hinzufügen.

Er kehrte nach der Bibliothek zurück; er saß in Schriften vertieft, da trat Manna ein.

»Sie hier?« sagte sie. »Ich wollte mir nur all die Bücher von Außen ansehen, auf denen der Blick Ihres Vaters geruht. Ich muß nun heimkehren, aber heute habe ich viel, unendlich viel bekommen.«

»Darf ich Sie begleiten?«

Manna nickte.

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