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Das Landhaus am Rhein / Band IV

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band IV - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band IV
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band IV
pages1-350
created20060804
sendergerd.bouillon
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Sechstes Capitel.

Roland saß neben Erich im Wagen und schloß die Augen, um nichts zu sehen, als was in seiner Erinnerung sich bewegte; er preßte die Lippen zusammen, um kein Wort zu reden.

Warum hat Erich keinen Grund angegeben, daß er sofort wieder abreist? Warum hat Knopf mit einem triumphirenden Lächeln berichtet, daß er mich absichtlich nicht geweckt habe? Denn als es darauf ankam, hatte Knopf die Verantwortlichkeit auf sich selbst gewälzt; es erschien ihm besser, wenn Roland auf den Abwesenden ärgerlich war, als auf den, in dessen Händen er bleiben muß.

Bisweilen blinzelte Roland zu Erich herüber, ob er nicht beginne, ihm Alles zu erklären, aber Erich schwieg; auch er hatte die Augen geschlossen.

Am hellen Tage in einer Landschaft voll erquickenden Ausblickes fuhren die Beiden dahin und träumten nur in sich hinein.

Von Müdigkeit übermannt, saß Erich wie im Halbschlaf versunken, in welchen das Geräusch des Wagens wie dämonisches Rollen hineinschwirrte. Manchmal, wenn es bergab ging und die gehemmten Räder knirschten, blinzelte er auf, er sah nach dem Rhein in der Ferne, er schloß die Augen und in seinen Halbtraum hinein drang der Anblick des Wassers, der Berge. Ihm träumte, es wäre Alles überfluthet und mitten auf den Fluthen stehen zwei Männer aus Felsen fern von einander und doch einander zuwinkend. Auf dem einen steht Clodwig und spricht von einem Römerfund, den er in der Hand hält, auf dem andern steht Weidmann und spricht von der Lebensversicherung, und dazwischen reden sie von Geretteten. Und wie er jetzt aufwacht, ist es, als hörte er noch laut, wie sie Beide einander zugerufen hätten: Erich und Roland sind sicher angekommen.

Die Pferde hielten an; am Gartenzaun stand Fräulein Milch, man war an der Wohnung des Majors. Erich grüßte, und als verstände sich von selbst, daß man nicht nach ihr frage, rief Fräulein Milch:

»Der Herr Major ist vor einer Stunde nach der Villa geholt worden und hat mir sagen lassen, er käme nicht zu Mittag.«

Erich stieg aus; Fräulein Milch sagte ihm, auf der Villa sei Alles in freudigster Aufregung.

Erich ließ Roland allein heimfahren, er mußte sich fassen.

»Die ganze Welt ist ein Narrenspiel,« sagte Fräulein Milch.

Erich, der die gute alte Dame sehr ehrte, fand sich doch nicht in der Verfassung, auf allgemeine Menschenbetrachtung einzugehen.

Er hatte hier im Hause wie in einem Vorhof sich sammeln und Alles zurecht legen wollen, jetzt ging er wie verscheucht davon. Er sah die schöne, im hellen Sonnenschein glänzende Villa, die blitzenden Scheiben des Glashauses und der Kuppel, er sah den Park, das grüne Haus, wo seine Mutter wohnte – und Alles das ist aus dem Erlöse für verkaufte Menschen gebaut und gepflanzt . . .

Ein körperlicher Schmerz, ein Stich durchs Herz ließ ihn kaum aufathmen. Leuchtend und umnachtend stand es vor ihm, er liebte Manna . . .

Als Roland auf der Villa ankam, wurde er sofort zu seinem Vater gerufen.

»Mein Sohn! Mein Sohn! Da bist Du! Alles für Dich, Du bist auf immer gesichert, erhoben. Mein geliebter Sohn! Alles für Dich! Vergiß diesen Augenblick nie, er ist das Höchste, das All meines Lebens voll Irrfahrten und Gefahren. Mein Sohn, von heute an heißest Du Roland von Lichtenburg.«

So rief Sonnenkamp. Roland stand bebend, so hatte er den Vater noch nie gesehen.

»Ja,« fuhr der Vater fort, »es erschüttert Dich auch. Ach Kind, Du wirst erst später wissen, was Dir geworden. Vor der Welt darf ich nicht zeigen, auch Du sollst es nicht, daß mich die Sache so angreift. Ich werde gleichgültig thun, das müssen wir. Ihr seid schnell gekommen? Wo hat Euch mein Bote getroffen?«

Roland sagte, daß er nichts von einem Boten wisse. Er hörte jetzt, daß der Vater in der Nacht einen Boten nach Mattenheim geschickt; auch sei der Sohn des Cabinetsraths, der Fähnrich geworden, zum Besuch auf dem Landhause mit mehreren Kameraden, die noch zum Mittag zu Roland kommen werden.

»Wo ist denn Herr Dournay?« fragte Sonnenkamp wieder.

Roland erzählte, daß er bei Fräulein Milch geblieben. Sonnenkamp lächelte und schärfte seinem Sohne ein, er solle ein freundliches Benehmen gegen Erich beibehalten; er müsse ihm doch immer dankbar bleiben und solle sich überhaupt vornehmen, recht bescheiden zu sein.

»Auch Du mußt lernen, vor der Welt unsere Standeserhöhung als unerheblich erscheinen zu lassen. Nun geh zur Mutter. Nein – halt! Du sollst noch etwas haben, das wird Dich stark, das wird Dich stolz und sicher machen. Hier, bleib stehen, ich will Dir zeigen, wie ich Dich hochhalte.«

Er suchte hastig in seinen Taschen, er brachte den Schlüsselring heraus, ging nach dem in die Wand eingemauerten feuerfesten Schrank, klappte die Rosetten an demselben zurück und öffnete beide Flügelthüren.

»Hier sieh,« sagte er, »das Alles wird einst Dein – Dein und Deiner Schwester. Wirbelt Dir's vor den Augen? Das soll es nicht, Du sollst nur wissen, hier sind Millionen; damit bist Du Herr der Welt, über Alles. Sieh, hier unten ist Gold, viel gemünztes Gold, ich liebe gemünztes Gold, auch ungemünztes, das liegt hier. Ich bin sterblich, ich fühle jetzt oft, als ob ein Schwindel mich plötzlich fassen und dahin raffen könnte. Hier oben, sieh hier – hier liegt mein Testament. Jetzt geh, mein Sohn, sei in Dir stolz und gegen die Welt bescheiden, Du bist mehr, Du hast mehr als alle Adlige dieses Landes, vielleicht mehr als der Fürst selbst. So, mein Kind, so – diese Minute macht mich glücklich – sehr glücklich. Wenn ich sterbe, Du weißt schon – Du weißt jetzt Alles. So, jetzt geh. Komm, laß Dich noch einmal küssen. So, jetzt geh.«

Roland konnte kein Wort vorbringen, er ging.

Er kam zur Mutter. Frau Ceres wandelte schön gekleidet im großen Saale auf und ab, sie nickte Roland vornehm zu und sah ihn lange still an; endlich sagte sie:

»Wie grüßt man mich? Sagt man bloß guten Morgen, Mama? Man sagt: guten Morgen Frau Mama; guten Morgen, Frau Baronin, Sie sind sehr gnädig, Frau Baronin – ich empfehle mich Ihnen zu Gnaden, Frau Baronin – Sie sehen vortrefflich aus, Frau Baronin.«

Roland überrieselte ein Angstschauer, es war ihm, als wäre seine Mutter irrsinnig geworden. Aber jetzt stand sie vor einem Spiegel und sagte:

»Dein Vater hat Recht – sehr Recht, wir sind Alle heute erst geboren, neu in die Welt gekommen, und wir sind Alle schön. Küsse Deine Mutter, Deine gnädige Frau Mutter.«

Sie küßte Roland heftig.

»Wo ist denn Manna?« fragte Roland.

»Sie ist närrisch, sie ist im Kloster verdorben und will von Allem nichts wissen; sie hat sich in ihr Zimmer eingeschlossen und läßt Niemand vor sich. Versuche Du, ob Du mit ihr reden kannst, und mache, daß sie auch gescheidt wird. Wir müssen jetzt Alle sehr gescheidt sein. Die Professorin hat mir immer gesagt, ich sei gescheidt, ja, jetzt will ich gescheidt sein; ich will es zeigen. Die dicke Frau von Endlich und die stolze Gräfin Wolfsgarten . . . wir werden auch noch Graf . . . sie sollen bersten vor Zorn! Geh, liebes Kind, geh zu Deiner Schwester, hol sie her, wir wollen uns dann zusammen freuen und uns schön ankleiden, und morgen reisest Du mit Deinem Vater und Herrn von Prancken nach der Residenz.«

Roland ging nach dem Zimmer Manna's, er klopfte und rief; sie antwortete endlich, in einer Stunde werde sie ihn sehen, jetzt müsse man sie noch allein lassen.

Als Roland nach seinem Zimmer ging, begegnete ihm Prancken; er umarmte ihn innig, er nannte ihn Bruder und begleitete ihn unter Glückwünschen auf sein Zimmer. Hier lag die Uniform, die für Roland bestellt war. Prancken beredete ihn, dieselbe sofort anzuziehen; Roland wollte es nicht thun, da er sein Examen noch nicht bestanden habe.

»Pah!« lachte Prancken. »Examen! Das ist ein Schreckschuß für bürgerliche arme Teufel. Junger Freund! Jetzt sind Sie Baron und haben damit den besten Theil des Examens bestanden; was noch kommt, ist nur Form.«

Es bedurfte keiner großen Ueberredung, um Roland zum Anlegen der Uniform zu bestimmen; Prancken half ihm. Die Uniform stand Roland vortrefflich, er erschien geschmeidig und kräftig zugleich, er hatte breite Schultern und die Biegsamkeit seiner Gestalt entbehrte nicht der Muskelkraft des Mannes.

»Eigentlich wäre ich lieber in die Marine eingetreten,« sagte er, »aber die ist nicht da.«

Von Prancken begleitet, ging er nochmals nach dem Zimmer Manna's und rief, sie solle ihn doch in seiner Uniform sehen, Manna gab gar keine Antwort.

Prancken begleitete ihn nun zum Vater und Beide führten ihn zur Mutter; sie war entzückt bei seinem Anblick. Roland zeigte sich den Dienern und Alle glückwünschten ihm. Eben als er beim Castellan stand, der als alter Soldat militärisch begrüßte, kam Erich daher. Er erkannte Roland erst als dieser ihn anredete. Die Wange Rolands glühte und er rief laut:

»Ach, wenn ich Dir nur Alles sagen könnte, Erich! Ich bin wie berauscht, wie verwandelt.«

Er ging mit Erich nach seinem Zimmer und wollte immer wissen, ob dieser auch so glücklich gewesen, als er das erste Mal die Uniform angezogen.

Erich konnte nichts erwidern; er gedachte, wie es ihm war, da er zum ersten Mal die Uniform anzog, noch mehr aber, als er sie zum letzten Mal auszog.

Der Doctor hatte einmal gesagt, Roland habe sich noch nie mit einem neuen Kleide gefreut; jetzt war er voll Wonne über den bunten Soldatenrock; alle Ideale schienen verschwunden oder doch in diesem Rock sich zu concentriren. Erich betrachtete ihn mit schweren Blicken. Wie wird Dein armes Herz unter diesem bunten Gewande erzittern, wenn . . .

Erich wurde abgerufen, er solle sofort zu Herrn Sonnenkamp kommen.

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