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Das Landhaus am Rhein / Band IV

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band IV - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band IV
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band IV
pages1-350
created20060804
sendergerd.bouillon
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Elftes Buch.

Erstes Capitel.

Im Gleichschritt wanderten Roland und Erich über die Berge landeinwärts.

Zu keiner Zeit wandelt sich's besser, als am frischen Herbsttage; auf den Wiesen weiden die Kühe, auf den Feldern werden die letzten Früchte eingeheimst, das Laub der Bäume spielt in allen Farben und in der Luft liegt etwas wie thauige Abendkühle, es ist der Abend des Sommers, der nun eintritt; die ganze Natur erscheint wie gesättigt nach Vollendung der Arbeit.

Erich und Roland wanderten dahin, als müßten sie immer so fortwandern und nirgends Rast halten, ziellos, immer im gleichen Schritt.

Unterwegs erzählte Erich von seinem eigenen Lebensgange, aber in ganz anderer Weise, als damals Clodwig und nachher Sonnenkamp.

Er hatte das Gefühl, daß er die letzte freie Wanderung mit Roland machte, und dieser bestätigte sein Gefühl, indem er Erich mittheilte, daß Prancken bereits eine Uniform für ihn bestellt habe; er werde noch im Spätherbst in das Cadettenhaus eintreten.

Jetzt auch sprach Roland zum ersten Mal von Knopf, der auf Mattenheim Lehrer war; er sagte offen, daß es ihm wohlthue, bevor er in ein anderes Leben eintrete, den Magister noch zu versöhnen. Erich erfuhr, wie schwer Roland seinen ehemaligen Lehrer verletzt hatte. Er hatte ihm, während er schlief, in Gemeinschaft mit einem früheren Kammerdiener Sonnenkamps, und von diesem dazu angereizt, die Hälfte seines Bartes abgeschnitten; er bereute das aufrichtig und wollte es Herr Knopf bekennen.

Immer mehr entfernten sie sich vom Rhein und kamen in dürftigere Landschaft.

Da begegneten ihnen Menschen, die herausgeputzte Kühe, Schweine und Schafe führten; auch erlesene Feldfrüchte wurden wohlgeordnet getragen.

Die Wanderer erfuhren, daß bei Mattenheim ein großes Gaufest abgehalten werde.

Sie kamen in das unweit des Weidmann'schen Gutes gelegene Dorf; es war mit Fahnen geschmückt, und auf Wagen mit Guirlanden verziert standen Bauern und Bäuerinnen und ahmten spielend ihre Handthierungen nach.

Da war ein Wagen mit Dreschern, andere mit Schnittern, Winzern, Webern, Schindelmachern, Holzfällern; alle schwere Arbeit war zum Spiel geworden. Die Pferde und Ochsen, die vor die Wagen gespannt waren, trugen Blumenkränze und Bänder; die Menschen jauchzten und jubelten und hießen die Ankömmlinge willkommen.

Am Rathhaus des Dorfes hingen Fahnen; dort oben, hieß es, hält Weidmann einen Vortrag.

Roland und Erich gingen hinauf.

Im großen Saal stand Weidmann hinter einem Tisch und gab den Leuten eine wissenschaftliche und dabei durchaus faßliche und auf das Nächste abzielende Anweisung, wie man am besten Fleisch mache; so nannte er die Fütterung. »Fleisch machen« war sein Hauptwort und dabei bezeichnete er die Futtermengen, wie Rüben und Oelkuchen sich ergänzen und aushelfen müssen. Er legte besondern Nachdruck darauf, daß Alles nur durch Sorgfalt den gehörigen Vortheil bringe.

Er setzte den Leuten auseinander, wie sie es mit einem kleinen Gute besser hätten als er selbst; sie könnten Alles unter Augen haben, während er sich auf Knechte verlassen müsse; und da sei besonders der Montag kenntlich, denn am Sonntag werde immer schlecht gefüttert.

Er wiederholte mehrmals, wie im Umkreis von wenigen Stunden mehr als eine Million hinausgeworfen werde dadurch, daß das Gras zu spät zu Heu wird, indem man es erst todtreif einheimst. Das Alles wußte er mit gutem Humor vorzutragen.

Er eiferte gegen die Gemeindeweiden, und zielte immer darauf hinaus, daß die Menschen unverständig und Verschwender seien, da sie nicht verstehen wollen, sich gute Nahrung zu bereiten.

Roland hörte staunend, wie da ein Mann sich so warm ereiferte, daß seine Mitmenschen den Verstand gewinnen, um sich gut zu nähren.

Nachdem Weidmann seinen Vortrag geendet, begrüßte er Erich und Roland herzlich, und als Erich seine Freude über den Vortrag aussprach, sagte er:

»Ich sollte auch einmal Pfarrer werden, der Sohn des Pfarrers steckt noch in mir.«

»Es wird so viel Geist gepredigt,« entgegnete Erich; »es ist gut, daß Sie einmal Fleisch predigen.«

Sehr ernst erwiderte Weidmann:

»Ich läugne aber den Geist durchaus nicht, ja es wird mir immer unbegreiflicher, wie es Menschen fertig bringen, nicht an Gott zu glauben; ich spüre ihn überall.«

Man ging auf die Straße, wo der festliche Zug vorüberzog. Voraus schritt die Feuerwehr des Orts und der angrenzenden Dörfer, schöne frische Burschen in grauleinenen Gewändern mit dem gelben blinkenden Helm auf dem Kopf.

»Das ist eine neue Ordnung unseres Lebens,« sagte Erich zu Weidmann, und dieser erwiderte:

»Ja, das hatte keine Zeit vor uns, und wer weiß, welche weiteren, in Reih und Glied stellenden Organisationen sich daraus entwickeln.«

Die Wagen mit den lustigen Insassen fuhren vorüber; von den Hanfbrecherinnen wurde manchmal im Scherz Häckerling auf die Gaffenden gestreut; von einem Wagen wurde neuer Wein gereicht und fröhliches Leben entwickelte sich. Die Lustigkeit des Weinlandes wie des Ackerlandes vereinigte sich hier.

Man ging auf den Festplatz, wo jetzt die Preise vertheilt wurden; dann führte Weidmann seine Gäste in der Ausstellung landwirthschaftlicher Werkzeuge umher und lobte die Einrichtung, daß die besseren neuen Werkzeuge durch Verlosung unter das Volk kommen.

»Es ist schwer,« betonte er, »den Bauer zu etwas Neuem zu bringen; der Bauer muß das conservative Element verbleiben, und doch soll er zugleich die Fortschritte der neuen Zeit sich aneignen.«

Er sprach von einem längst gehegten Plan, landwirthschaftliche Missionäre auszuschicken, oder vielmehr einzelne angesessene Bauern zu Missionären zu machen, denn gegen einen Mann mit gelehrter Sprechweise hätte der Bauer immer ein Mißtrauen.

Roland ging in der Ausstellung und unter dem versammelten Volke umher, wie wenn er plötzlich in eine andere Welt versetzt wäre. Nur wenige Stunden von Villa Eden lebte ein Mann, der mit solchem Eifer arbeitete, um seinen Mitmenschen zu guter Nahrung zu verhelfen. Und was wollen denn wir?

Erich sah eine glückliche Fügung darin, daß Roland die Anschauung eines thätigen Lebens gewann. Er durfte nicht eingreifen, ihn nicht geradezu vom Soldatenstande abwendig machen. Eine Darstellung des Widerstreits, in den er selbst mit seinem früheren Beruf gekommen war, half dem Jüngling nichts, der jetzt nur das Schimmernde und Lockende des Soldatenstandes sehen konnte.

Vielleicht gewinnt Roland nun den rechten Beruf in der Landwirthschaft, wo sich unmittelbar für Viele wirken läßt.

»Sie müssen meine Schweine sehen,« drängte Weidmann, »sechs Wochen alte Yorkshire-Schweine . . . prächtige Geschöpfe! . . . Finden Sie auch die Schweine widerwärtig? Kann mir's denken. Aber, junger Freund, von der Fleischnahrung unseres Landes besteht siebzig Procent aus Schweinefleisch, zwanzig aus Rind und nur zehn aus Schaffleisch, Geflügel, Wild u. s. w., während in Frankreich sechzig Procent Hammelfleisch gegessen wird.«

Die Yorkshire-Schweine waren in der That sehr saubere Erscheinungen.

Die Preise waren vertheilt, der Volksjubel tummelte durch einander und Erich suchte seinem Zögling zu zeigen, daß das ein Fest sei, das sich das Volk selber macht, von keiner Staats-, von keiner Kirchengewalt angeordnet. Weidmann, der etwas davon hörte, setzte lächelnd hinzu:

»Ja, das ist unsere neue Selbstverwaltung in allen höheren und in allen niedern Dingen. Wir haben keine Verwalter unseres Lebens mehr, seien sie in Talaren oder Uniformen.«

Es war Zeit, daß man zum Tanze ging; Musik tönte hell. Sie traten in das Wirthshaus zum Raben, an welchem ein grüner bebänderter Strauß ausgehängt war; Bauern und Bäuerinnen tanzten im lustigen Reigen. Auf einer kleinen Erhöhung bei den Musikanten stand Knopf, der die Flöte blies; er nickte den Eintretenden zu. Roland faßte zitternd die Hand Erichs und deutete auf mehrere wohlgekleidete Menschen, die um den mit einer rothen Decke bedeckten Tisch saßen.

»Da ist sie! Da ist sie!«

Ein schlank erwachsenes Kind, rosig erblüht, mit langen aufgelösten Haaren saß neben einem hochgewachsenen Manne. Es war der Neffe Weidmanns, Doctor Fritz aus Amerika.

Knopf gab dem Trompeter neben ihm einen Wink, der Tanz hörte auf und nun kam er herab und reichte Erich und Roland die Hand. Unter seiner großen Brille traten ihm Thränen in die Augen, die auf die Gläser fielen, so daß er die Brille abthun und die Ankömmlinge blinzelnd anschauen mußte.

»Sie kommen zur guten Stunde, zur besten. Wir feiern das Gaufest.«

»Verzeihen Sie mir . . .« rief Roland.

»Ist schon lange geschehen. Du bist – Sie sind ja ein stattlicher Jüngling geworden. Kommen Sie.«

Er führte die Beiden nach dem großen Tisch und stellte Erich der Frau Weidmann vor. Noch ein Anderer, der hinter dem Tische saß, reichte Erich und Roland die Hand; es war Fürst Valerian, der als Zögling bei Weidmann lebte. Zwei Söhne Weidmanns, Doctor Fritz aus Amerika und sein Kind wurden ebenfalls vorgestellt. Roland und das Mädchen schauten einander wie träumend an.

»Vater, das ist der Waldprinz, den ich gesehen habe,« sagte das Mädchen.

Roland schaute betroffen um beim Tone dieser Stimme; wenn die Glocken der Maienblume Stimme gewinnen, gerade so müßten sie tönen. Wie schnell erwachsen war aber Lilian seitdem!

Nun wurde die Begegnung im Walde erzählt und als der Ruf »Lilian komm!« erwähnt wurde, sagte Knopf: »Lilian komm! Lilian komm! Das geht im Dreiviertelstakt.« Seine Flöte wie einen Zauberstaub schwingend, rief er laut: »Es geschehen noch Wunder. Es geschehen noch Wunder! Nun aber, folgt mir; redet nichts, kein Wort. Roland kann tanzen, Du kannst auch tanzen, Lilian. Ich bitte um Ruhe!« rief er zu den Versammelten. »Die Beiden hier tanzen jetzt ganz allein.«

Er stellte sich wieder auf die Erhöhung und spielte einen Walzer auf der Flöte; Roland und Lilian tanzten und Alles schaute ihnen zu.

Noch hatten Roland und Lilian kein Wort gesprochen und hatten sich doch so viel zu sagen, aber sie tanzten mit einander. Wer weiß, wie lange Knopf noch fortgespielt, wenn nicht Doctor Fritz gerufen hätte:

»Nun ist's genug, Herr Candidat!«

Knopf fuhr zusammen, das Wort Candidat mitten in diesem Märchen schien ihn zu verletzen; es ist doch gar so grausam prosaisch.

Roland und Lilian setzten sich zu den Uebrigen an den Tisch. Knopf ermahnte Lilian, sie solle nun auch ihrem Tänzer zu trinken geben, aber Frau Weidmann wehrte ab, die Beiden dürften jetzt noch nicht trinken. Sie saßen still und schauten einander an und redeten kein Wort.

Erich bat, daß durch sein Eintreffen keine Störung bewirkt sein solle, aber Weidmann erklärte, daß er ohnedies habe aufbrechen wollen; er habe heut schon hundert und hundert Menschen Antwort geben müssen.

Frau Weidmann bedauerte, daß die besten Zimmer im Hause besetzt seien.

»Beruhigen Sie sich,« tröstete Weidmann; »alle Frauen, auch die besseren, entschuldigen ihre Bewirthung, wenn sie auch noch so gut bestellt ist.«

Die Gesellschaft ging mit Roland und Erich nach dem Hofe; Doctor Fritz führte sein Töchterchen an der Hand und jetzt erfuhr man auch, daß er andern Tages wieder nach Amerika zurückreise.

Knopf legte seinen Arm in den Rolands, Erich ging zwischen Weidmann und dessen Frau; Fürst Valerian war mit einem Sohne Weidmanns feldeinwärts gegangen, während der zweite Sohn sich zu Doctor Fritz gesellte.

Weidmann erinnerte Erich an seinen Versuch in der Leitung der Züchtlinge und bemerkte, daß der Trompeter, der beim Tanze das Klappenhorn blies, auch ein ehemaliger Sträfling sei, sich aber seit Jahren gut benehme.

Frau Weidmann fragte Erich, ob es bereits entschieden sei, daß der Baron Prancken die Tochter des reichen Sonnenkamp heirate.

Erich konnte nicht umhin, zu bejahen, und Frau Weidmann wurde sehr ärgerlich.

»Mich kränkt es stets,« sagte sie, »wenn ein gesundes, reiches, bürgerliches Mädchen einen Adligen heiratet; unser gutes bürgerliches Erwerbniß wird entfremdet. Ich will nicht sagen, daß der Adel unser Feind ist, aber er ist nicht unser, er hält sich für etwas anderes, und die Frucht unserer Arbeit gehört ihm nicht. Ein bürgerliches Kind, das sich in den Adel einkauft, übt Verrath an seinen Vorfahren und verräth uns durch seine Nachkommen.«

Frau Weidmann redete sich in Hitze und Aerger hinein; ihr Gatte bemühte sich vergebens, sie zu beruhigen. Freilich wählte er dazu ein ungeschicktes Beruhigungsmittel, denn er berichtete, daß Herr Sonnenkamp selbst sich adeln lassen wolle.

Erich war betroffen, das Geheimniß hier so rückhaltlos aussprechen zu hören.

Frau Weidmann äußerte einen besondern Widerwillen gegen Prancken, weil er viele Menschen verleite, die sogenannte Liebenswürdigkeit über die Bravheit zu stellen; man könne trotz seines Lasterlebens Männer und Frauen gut von ihm reden hören, weil er, was man so nennt, liebenswürdig sei.

Weidmann wendete sich zu Erich mit der Erklärung, daß seine Frau aufgebracht gegen Prancken sei, denn dieser habe in den wenigen Tagen, wo er einmal auf Mattenheim gewesen, eine Zuchtlosigkeit veranlaßt, deren Nachwirkung man noch heute merke.

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