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Das Landhaus am Rhein / Band IV

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band IV - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band IV
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band IV
pages1-350
created20060804
sendergerd.bouillon
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Sechzehntes Capitel.

Sonnenkamp fühlte sich vom Hof zurückgesetzt oder vielmehr völlig übersehen, er durfte aber keine Verletztheit zeigen, denn dadurch verliert man an Ansehen; er ließ es daher nicht an fortdauernd gleichmäßiger Ehrerbietung fehlen, auch wenn ihn der Fürst nur befremdet ansah. Das ist Hofdienst, er wollte sich ihm fügen.

Der Tag, an dem der Fürst mit Gefolge abreiste, war bestimmt. Sonnenkamp fand sich mit der höheren Gesellschaft ein, die noch eine letzte Verbeugung vor dem Wagen machte; auch er erhielt etwas von dem allgemeinen huldreichen Blick, und der Cabinetsrath, der den zweiten Wagen bestieg, sagte ihm noch zuletzt:

»Ihre Sache steht gut, trotz des sehr gelehrten und höchst ehrenwerthen Herrn Grafen Wolfsgarten.«

Für einen großen Kreis war die Abreise des Hofes, wie wenn die Braut sich vom Hochzeitstanze zurückgezogen; man tanzt wol noch weiter, ja man überbietet sich in Lustigkeit, aber der eigentliche Mittelpunkt fehlt.

Menschenwellen kamen, Menschenwellen verflossen; der belebte Kreis, den Bella gebildet hatte, verlor jeden Tag bald diesen, bald jenen Theil, und Sonnenkamp hatte oft Gelegenheit, die Blumenhuldigung bei der Abreise zu üben, obgleich ihm das eigentlich zuwider war. Auch Bella und Clodwig rüsteten sich zur Abreise.

Die letzten Tage waren für Erich und Roland ein schönes Ausklingen, wie eine erquickliche Rast nach lärmendem Getriebe, ja als Clodwig und Bella abreisten, nahmen sie das leicht auf, denn Professor Einsiedel verblieb ihnen.

Sonnenkamp und Frau Ceres aber waren mißgestimmt, sie hatten das Gefühl, sich überlebt zu haben.

Sonnenkamp erschien sich wie ein unverkaufter Blumenstrauß. Was ist er am Abend? Man begießt ihn in der Nacht, man rauft am Morgen die welkgewordenen Blumen aus, man bringt ihn wieder zu Markt. Wird er ein besseres Schicksal haben? Es muß versucht werden.

Männer und Frauen, die zu Bella's Zeiten in seinen näheren Kreis gehört, grüßten jetzt nur noch fremd und hatten sich neuen Ankömmlingen angeschlossen. Auf manchen Gängen begegnete man auch Professor Crutius, der viel mit anwesenden Amerikanern verkehrte; sie sahen Sonnenkamp oft nach. Er grüßte Crutius sehr freundlich, aber dieser dankte kaum.

Endlich kam der Morgen der Abreise. In drei Wagen fuhr Sonnenkamp mit seinem Gefolge davon; es hatten sich zur Abfahrt weniger Befreundete gefunden, als man erwarten durfte. Die Wagen waren indeß mit Blumenguirlanden bekränzt und eine Blumenkrone prangte über dem Verdeck, ja selbst die Speichen der Räder waren mit Laubgewinden umwunden; auch der Postillon war bekränzt. Alles das hatte Lutz angeordnet und es hatte den Anschein, als ob die Freunde es gemacht hätten.

Man frühstückte noch im Freien, ging aber nicht mehr in die Wohnung, von der Straße stieg man in den Wagen.

Unter den Abschiednehmenden war Professor Einsiedel, er stand bei Seite neben Manna und sagte ihr leise:

»Ich habe Ihnen in der letzten Vorlesung – Ach, ich bitte um Entschuldigung, mein liebes Fräulein, ich spreche ja nur zu Ihnen – ich habe Ihnen bereits gesagt: auch ich wünschte, daß ich in ein Kloster gehen könnte, nachdem ich im Leben draußen müde geworden, einsam bin und nun in der Stille gern das abschlösse, was ich eigentlich soll. Ob aber Sie, bevor Sie mit dem Leben fertig, es abthun können, überlegen Sie sich das recht wohl, denn es kann nichts Entsetzlicheres geben, als mit der Pflicht, beständig sich dem höchsten Gedanken zu weihen, allerlei Unruhe in der Seele zu empfinden. Die Lehre der Entsagung ist leicht, weil sie einfach und eine einzige That; die Lehre des freien Thuns ist schwer, sie muß sich immer neu und vielfältig an den Zuständen bemessen. Ich kann das jetzt nicht ausführen, aber nehmen Sie es recht ins Herz, liebes Kind, ich meine es gut, von Herzen gut,« sagte der Mann mit stockender Stimme.

»Ich weiß es und ich glaube Ihnen,« erwiderte Manna. Große Thränen standen ihr im Auge; sie beugte sich nieder auf den Blumenstrauß, den sie in der Hand hielt, und Thränen fielen in die Blumen.

Roland kam herbei, er zog den Hut ab und der Professor legte ihm die Hand aufs Haupt und sagte:

»Bleibe brav und denke, daß Du an mir auch einen Freund hast.«

Roland konnte vor Rührung nicht sprechen, er küßte dem Gelehrten die feine Kinderhand. Die umher stehenden Zuschauer staunten. Der Postillon blies, daß es im Thal und von den Bergen widerhallte. Man verließ den Ort, wo man viel erlebt, aber doch keine Entscheidung gefunden hatte.

Auf dem Wege wies Roland darauf hin, wie recht Manna habe, da sie über die Blumenvergeudung gescholten, denn hier an der Straße lagen überall welke Sträuße und auch frische, die den Wegreisenden in den Wagen geworfen wurden und die sie unterwegs fortgeschleudert hatten, so daß die Räder über die schönen Blumensträuße dahin gingen.

Manna saß still in sich gekehrt. Sie war nur zur Begleitung der Angehörigen mit ins Bad gegangen, aber Keines hatte eine tiefere Umstimmung seines Wesens erfahren als sie. Noch wollte sie es sich nicht bekennen.

Sie faltete still die Hände und betete.

Man kam zur Eisenbahn.

»Die Locomotive pfeift,« sagte Roland, »mir ist, als wären wir schon in der Heimat. Geht es Dir nicht auch so? Man meint, man wäre in einer ganz andern Welt, wo man das nicht mehr hört. Wenn nur auch daheim Alles noch gut ist!«

Erich sagte, daß sie den frischen Muth festhalten wollen, wenn man auch bei der Heimkehr Manches anders finde.

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