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Das Landhaus am Rhein / Band IV

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band IV - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band IV
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band IV
pages1-350
created20060804
sendergerd.bouillon
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Elftes Capitel.

Ein Blitz zuckt am nächtlichen Himmel auf und verschwindet wieder; einen Augenblick war Alles grell beleuchtet, dann aber sieht man erst recht, wie dunkel es ist. So auch war es, nachdem die Fürstlichkeiten weggegangen waren. Ein Jedes vermied den Andern und ging seinen eigenen Weg.

Niemand aber sprach seine Enttäuschung ehrlicher aus, als der Kammerdiener Joseph, und der Haushofmeister gab ihm Recht; er konnte aber nicht viel sagen, denn er hatte den Mund voll von den Leckerbissen, die weggeräumt wurden; er nickte nur immer stumm mit dem Kopfe und wurde ganz roth dabei. Joseph aber sagte:

»Nicht einmal ein Trinkgeld haben sie hinterlassen! Was ist nun von der ganzen Herrlichkeit da? Nichts. Und bei Hofe ist nicht besser gedeckt und bedient und reichlicher aufgetragen. Schämen sollten sie sich! Nicht einmal ein Trinkgeld zu hinterlassen!«

Ja, so war's.

Niemand als vielleicht Tante Claudine, an die man gar nicht gedacht hatte, konnte sich an etwas Wirklichem freuen.

Sonnenkamp sann und grübelte, womit er den offenbaren Umschlag in der gnadenvollen Stimmung des Fürsten veranlaßt haben könnte. Es empörte sein Innerstes, daß er so abhängig sein sollte von der Laune, vom Blicke eines Andern – er, der Mann, der frei und herrschmächtig waltete. Er vergegenwärtigte sich noch einmal den ganzen Verlauf des Besuches und jetzt glaubte er es gefunden zu haben. Es war nur ein Zupfen an den Handschuhen, das Kunde gegeben hatte; aber es war unzweifelhaft, da war es. Er hatte dem Fürsten gesagt, wie er sich freue, aus derselben Quelle wie der gnädige Herr neue Gesundheit zu trinken, und da der Fürst ihn fragend ansah, hatte er hinzugesetzt, daß er ebenfalls nach Karlsbad reise und dort jeden Tag das Glück haben könne, das Antlitz seines Fürsten zu begrüßen. Ja, da war es, daß der Fürst einen raschen, staunensvollen Blick ihm zuwendete und an den Handschuhen zupfte.

Es war ein entschiedener Fehler, bekannte sich Sonnenkamp, daß er nicht Zurückhaltung genug gehabt, denn von der Badereise des Fürsten war ja noch nichts officiell bekannt gemacht; es war voreilig und verrieth etwas von Kundschafterei, daß Sonnenkamp davon sprach. Konnte denn der Fürst das nicht freundlich aufnehmen? Hatte Sonnenkamp nicht die Sache in einer guten und, wie ihm schien, sogar anmuthigen Wendung berührt?

Weiter ging sein Denken und neue Anzeichen stellten sich heraus. Hatte denn der Fürst nicht zu Tante Claudine gesagt:

»Hier bei Ihnen ist es mir herzlich wohl, hier treffe ich Alles in der gewohnten, durch nichts unterbrochenen Verfassung.«

Der Fürst schien beleidigt, daß heimliche Vorbereitungen für sein Eintreffen geschehen waren. Ist denn das aber nicht allgemeine Sitte gegen die Fürstlichkeiten?

Und jetzt wendete sich Sonnenkamps Aerger aufs Neue nicht gegen sich, sondern gegen den Fürsten.

Der Fürst sollte doch bedenken, daß er lange in der fremden Welt gelebt, und die Professorin hätte Alles besser bedenken müssen, sie war ja Hofdame gewesen; auch Prancken hätte es bedenken müssen, er ist ja Kammerherr.

Zum ersten Male ging ihm auf, wie wunderlich, daß diese Menschen alle den Ehren-Humbug so ernst behandeln; aber freilich, er besteht nur dadurch, daß Eines vor dem Andern sich den Anschein gibt, als hege es andächtige Verehrung dafür.

Eine kurze Weile dachte er daran, den ganzen Plan aufzugeben. Wozu sich adeln lassen? Wozu in Hofkreise eintreten? Warum sich eine ständige Gebundenheit auferlegen? Er war stolz darauf, eine freie Natur zu sein, und nun sollte er sich uniformiren lassen, Schritt und Tritt, Bewegung und Wort nach der Hofsitte messen? Lieber wollte er bleiben, wer er ist, stolz in sich, und die ganze Gesellschaft offen verachten, wie er sie doch eigentlich im Stillen verachtet.

Schmerzlich fühlte er, daß er bereits zu weit gegangen; ein Rückzug war eitel Schande. Und wie lange hatte er Frau Ceres mit dieser Hoffnung vertröstet, welche Verbindlichkeiten hatte er gegen Prancken und vor Allem gegen Roland! Was sollte aus ihm werden, wenn er nicht in den Adelstand eintritt? Soll vielleicht Roland selbst und seine Nachkommen wieder arm werden können? Nein, der Adel muß gewonnen werden. Aus dem kühn eroberten Besitzthum wird ein Fideicommiß gegründet, so daß von Geschlecht zu Geschlecht seine Nachkommen nicht mehr der Ehre und des Reichthums entkleidet werden können; das Landhaus und die Burg bleiben als festes unveräußerbares Besitzthum in der Familie.

Etwas aus seiner eigenen Vergangenheit stieg in Sonnenkamp auf und laut sagte er vor sich hin:

»Du bist Deinem Kinde schuldig, das von ihm abzuwenden, was Dich dahin gebracht hat.«

Fest und entschieden kehrte er wieder ins Haus und that vor Allen sehr beglückt von diesem Besuch. Ja, als Joseph ihm erzählte, die Fürstlichkeiten hätten kein Trinkgeld hinterlassen, spendete er ein reichliches mit dem Zusatze, daß Prancken damit beauftragt gewesen; die Diener sollten in der ganzen Umgegend verbreiten, daß der Fürst dagewesen und reiche Trinkgelder hinterlassen habe. Das wird alle Umwohnenden neidisch machen und mit Neid werden sie es immer weiter verbreiten, und das Beste dabei ist doch noch, daß Alle betrogen sind.

Sonnenkamp pfiff leise vor sich hin und das war ein untrügliches Zeichen, daß er überaus heiter und zufrieden war. Er widmete seine besondere Aufmerksamkeit der Tante, lobte ihre Bescheidenheit und den großen Blick des Fürsten, der sie richtig zu würdigen wisse. Es schien ihn wahrhaft zu ergötzen, wie die Menschen das Lob ablehnen und doch heimlich gekitzelt davon sind.

Er ging immer lächelnd umher; erfreute sich, wie er das allgemeine Phantom der Ehre zerstören konnte. Dieser Fürst war von Verehrung, Huldigung, Unterwürfigkeit umgeben – glaubt er, daß er in der That geehrt ist? Was thut's? Er sieht sich geehrt und das ist genug. Wer wird fragen, mit was die Münze legirt ist, wenn man die Dinge der Welt dafür bekommen kann?

Die ganze Verdüsterung, die der Besuch des Fürsten hervorgebracht, verflog wie der Nebel, der sich am Sommermorgen über die ganze Gegend lagert; ja der Nebel ist ein Zeichen des hellen Wetters, er wird zum Thau, und Alles glitzert und schimmert.

Eine neue Bewegung kam in das ganze Haus, die Vorbereitungen zur Badereise wurden gemacht. Auch Erich hatte ohne Weiteres sich bereit erklärt, er glaubte verpflichtet zu sein, Roland nicht mehr zu verlassen.

Sonnenkamp hatte seine besondere Lust am Badeleben; da ist Freiheit, leicht sich fügende Gesellschafts-Verbindung; das ist doch der eigentliche Punkt, wo die festgesessenen Menschen sich hinausbegeben und, ohne daß sie es wollen, auch von ihrer philisterhaften Gebundenheit erlöst werden. Er schlug jeden Einwand des Doctor Richard nieder, indem er keck behauptete, der Leibarzt des Fürsten habe ihm Karlsbad angerathen. Dorthin kam der Fürst mit Gefolge, dorthin kamen Bella und Clodwig, dort mußte sich Alles entscheiden, die Adelserhebung, die Verlobung Pranckens.

Manna war beunruhigt, daß sie, kaum ins elterliche Haus zurückgekehrt, schon wieder in eine neue Fremde versetzt werden sollte. Roland erzählte ihr, wie schön es war, als Erich im vergangenen Jahre die Badereise ablehnte; er konnte nicht genug berichten, wie es ihn anfangs gekränkt, daß er den Freuden entsagen solle, wie es ihm aber dann die glückseligste Zeit geworden, so allein mit Erich lebend Tag und Nacht mit ihm wandern, Alles mit ihm empfinden. Am hellen Tage, in der linden Nacht war es damals schön gewesen, jetzt in der Erinnerung war es noch glänzender, noch wonniger. Manna wurde nachdenklich: der Mann hat sich die Freuden der Zerstreuung versagt, um selber seine Pflicht zu erfüllen und einen Andern zur Pflichterfüllung anzuleiten? Eine Erkenntniß von der sittlichen Kraft Erichs ging in ihr auf; auch er kann entsagen.

»Ach,« rief Roland, »Du kannst Dir gar nicht denken, welche Glückseligkeit es ist, so allein wochenlang mit Erich hier auf der Villa zu sein.«

Manna lächelte, sie begrüßte indeß Erich immer zutraulicher; eine gewisse Uebereinstimmung in der Kraft der Entsagung, um dem eigenen Innern zu genügen, dämmerte in ihr. Sie war entschlossen, dem Reichthum zu entsagen; sie wußte, welch ein Flecken darauf ruht, sie wollte mit Aufopfern ihrer selbst Alles das sühnen und betrachtete sich als Opfer. Wie das vollzogen wird, war ihr nicht klar, sie überließ es der heiligen Satzung, aber in diesem Entschlusse war sie freundlich gegen den Vater. Es lag ein Ausdruck wehmüthiger Güte in all ihrem Thun und Reden; sie war versöhnt, als lebte sie in einer höhern Welt, als wäre Alles bereits gesühnt, und sie selber war das Sühnopfer.

Sonnenkamp freute sich dieser Milde seines Kindes, sie erschien ihm als eine Sinnesänderung; er glaubte, daß die jugendliche Lebenslust den Vorsatz in ihr besiegt, und so oft er ihr nahte, war eine Milde und Dankbarkeit in seinem Wesen, daß selbst Manna davon gerührt wurde. Es erschien ihr immer mehr, als ob ihr Opfer bereits von den höheren Mächten angenommen wäre, da der Vater so zarter, so versöhnender, so gütiger Natur geworden.

Seelenbewegungen der verschiedensten Art lebten in den Menschen, die in die Wagen stiegen, um ins Bad zu reisen.

Wer kann vorher ermessen, welche Umstimmung sie Alle erfahren?

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