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Das Landhaus am Rhein / Band III

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band III - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band III
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band III
pages1-223
created20060731
sendergerd.bouillon
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Achtes Capitel.

Es war Abend geworden, als man vom Kahn ausstieg und nach der Villa ging. Roland ging mit Claudine, Bella mit Erich hinter ihnen, sie hatte ihren Arm in den seinen gelegt, sie hielten an.

»Ich möchte Ihnen etwas sein,« begann Erich in ruhigem Tone.

Sie starrte ihn an mit jenen Augen, über welchen die Brauen immer mehr anzuschwellen schienen, ihre Mundwinkel neigten sich verdrossen; es war etwas fieberhaft Gespanntes in den Lippen; nichts als das Flügelpaar auf ihrem Haupte und die unter dem Kinn zusammengebundenen Schlangenköpfe fehlten – es war der Anblick der Medusa.

Es durchfröstelte Erich, er faßte sich gewaltsam und fuhr fort:

»Sie sind eine freie Seele, ich möchte es auch sein – ich will es sein. Es gab eine Zeit, wo Sie mir die Nachtruhe, das Denken raubten, es gab eine Stunde, wo ich Sie hätte umfassen und küssen und Ihnen zurufen mögen: ich liebe Dich! Dann aber«– er preßte die Hand aufs Herz – »dann nach jener Stunde hätte ich mir eine Kugel durch das Hirn gejagt. Sehen Sie den Abgrund, vor dem ich stand?«

Bella sah ihn starr an und er fuhr fort:

»Ich sah, was Alles durch diese Liebe verwüstet wird und da sagte ich mir: wir sind in die Welt gesetzt, um zu leben, uns ist Erkenntniß und Bildung geworden, damit wir uns aus ihnen das Leben geben und nicht den Tod. Wie könnte ich noch zu einem edlen Manne, zur Sonne am Himmel aufblicken, einen Menschen erziehen, das Wort Mutter auf die Lippen nehmen . . .«

Er hielt inne, er legte die Hand an die Stirn, seine Stimme stockte.

Ich glaubte, Du wärest ein Mann, und nun sehe ich, Du bist ein Mutterkindchen, sprach es in Bella, aber sie ließ es nicht laut werden. Sie griff nach einem Zweige am Wege, sie riß ihn ab.

Erich fuhr fort:

»Es ist nicht Liebe, es darf nicht Liebe sein; Liebe kann nicht aus Verrath erwachsen. Ich fragte mich: hat das Leben, das Studium, das Denken über Allgemeines mir die Kraft der Liebe geraubt? Nein. Ich weiß nicht . . . ich spreche zu Ihnen, als wäre ich Meilen weit entfernt, ein Gestorbener . . . Es muß entfernt, gestorben sein, bevor es Gegenwart, bevor es lebte.«

Bella knickte den Zweig mehrmals, schleuderte ihn weg; dann fragte sie:

»Warum verweilen wir noch hier?«

»Meine Freundin,« nahm Erich tief athmend wieder auf, »nur noch eine Minute. Lassen Sie mich Ihnen sagen, Sie sind glücklich, wenn Sie Ihr Leben verstehen; Sie können, müssen es verstehen, und ich, so zerstückt auch mein Herz, ich werde meine Pflicht thun und mein Glück verstehen lernen. Ich war stolz, ich glaubte, ich hätte die Welt durchdrungen und bezwungen, auch Ihnen ging es so; daß wir uns begegneten, soll uns nicht zum Verderben, es soll zur reinen Lebensweckung werden. Ich sehe voraus, es werden Tage kommen, wo wir uns gelassen die Hand reichen und sagen, oder auch nicht sagen, aber fühlen und wissen, es war eine reine Stunde, eine schwer ausgekämpfte, in der wir uns selbst erhoben, uns nicht erniedrigten, nicht entadelten . . . Wir wollen einander hoch halten, uns das Lebensrecht nicht zerstören.«

Bella lachte laut auf; sie hätte es gern zurückgehalten, aber sie konnte nicht anders, denn sie dachte in sich: Ich bleibe bei meinem alten Glauben, ich glaube nicht an Liebe.

Erich wurde tief erschreckt, er hielt sich mit aller Kraft fest und sagte:

»Lassen Sie mich Ihnen jetzt Lebewohl sagen. Wenn wir uns wiedersehen . . .«

»Nein, bleiben Sie!« rief Bella und faßte ihn am Arm, schnell aber, als wenn sie eine Schlange berührt hätte, ließ sie den Arm wieder los.

Sie stand zwei Schritte von ihm, warf den Kopf zurück und sagte:

»Ich danke Ihnen, ich glaube Ihnen. Ich könnte sagen, Sie haben sich getäuscht . . . ich . . . ich will nicht.«

Sie schaute wirr umher, bewegte den Kopf nach rechts und links, und als sie sich wieder ruhig hielt, sagte sie:

»Sie haben Recht. Gut. Vorbei. Auch das.«

Sie schien etwas zu suchen, was sie Erich geben konnte, sie mochte es nicht gefunden haben, und ein vergangener und verdeckter Gedanke machte sich jetzt wie eine Sorglichkeit kund, indem sie ausrief:

»Lassen Sie sich warnen. Nehmen Sie sich vor meinem Bruder in Acht; er kann entsetzlich sein.«

Erich ging davon; er ging ruhig und still. Bei der Hänge-Esche hielt er an und kehrte nach der Villa zurück.

Er sah den Wagen im Hofe stehen; Clodwig stieg ein, er rief Erich heran und erklärte ihm, daß man am andern Tage den Wagen schicke, um Tante Claudine abzuholen. Die Mutter stand bei Bella, die sehr lebhaft sprach; jetzt wendete sie sich, reichte Erich die behandschuhte Rechte und sagte:

»Gute Nacht, Herr Hauptmann.«

Erich ging mit seiner Mutter; sie führte ihn an der Hand, sie fühlte das Beben seiner Hand, aber sie sprach kein Wort.

Als sie am grünen Hause angekommen waren, küßte er die Mutter; sie wußte, daß er sie mit reinen Lippen küßte.

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