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Das Landhaus am Rhein / Band III

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band III - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band III
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band III
pages1-223
created20060731
sendergerd.bouillon
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Siebentes Capitel.

Es war entschieden, daß Claudine mit nach Wolfsgarten ziehe. Um ihr Zeit zur Vorbereitung zu lassen, wollte man hier über Nacht bleiben, damit man sie gleich andern Tages mit heimführen könne.

Bella ließ sich von Sonnenkamp einen Papagei schenken und gerade den wildesten wollte sie haben; sie versprach, ihn zu zähmen.

Es ward Abend und man mußte Roland willfahren, mit ihm eine Fahrt auf dem Rhein zu machen. Claudine ging mit Bella nach dem Kahn, Fräulein Perini zog sich mit Frau Ceres zurück, die Professorin blieb bei Clodwig, und Sonnenkamp bat um Entschuldigung, da er noch Briefe zu befördern habe.

Auf dem Kahn lachte und scherzte Bella, manchmal tauchte sie ihre Hand in die Wellen und spielte dann mit ihrem Trauring am Finger, der sich auf und ab schieben ließ; immer wieder tauchte sie die Hand in den Rhein.

»Mich kränkt dieser Besuch Ihrer Mutter,« sagte Bella unversehens leise zu Erich.

»Wie? es kränkt Sie?«

»Ja, es ist beleidigend, daß dieser Mann mit seinem Gelde . . . daß man mit Geld solche Umstellungen der Menschen soll bewirken können.«

Erich sah sie groß an, dann faßte er das Ruder und wühlte hohe Wellen auf.

Bella war von einer Unruhe, die sie nicht bewältigen konnte; sie stand auf, sie setzte sich, sie wühlte mit der Hand im Wasser, sie beugte sich vor, als wolle sie sich in den Strom stürzen, dann den Kopf zurückwerfend, stellte sie sich ans Steuer, ihre Gewänder flatterten und knitterten im leichten Luftstrom und sie sah wild umher, sie setzte sich und leise sagte sie wieder zu Erich:

»Ihre Mutter . . .«

Erich sah sie fragend an und sie fuhr fort:

»O, wie oft hörte ich Ihre Mutter beklagen, bespötteln, bemitleiden, weil sie dem Drange ihres Herzens und dem Manne ihrer Liebe gefolgt. Achthundert Thaler Gehalt und lauter Liebe dazu, war noch lange das Sprichwort. Und was sind die Anderen? Puppen, Zierpuppen, parlirende, musicirende, tanzende, medisirende Zierpuppen! Sie rümpfen die Nase über den Mann, der von Sklavenarbeit so reich, und unsere vornehmen Väter verkaufen ihre Kinder und die Kinder verkaufen sich selbst um hohen Gesellschaftsrang, um Pferd und Wagen, um Schmuck und Landhäuser. Eine Bäuerin, die barfuß in den Stoppeln die Aehren sammelt, ist glücklicher und freier als die Dame, die in dem Wagen zurückgelehnt, sich Kühlung zufächelnd, die Straße dahinfährt. O, wer die Kraft hätte, diese hohle lügnerische Welt zu zertrümmern! Wer hat ein Leben, ein wirkliches Leben?«

Erich sah den gewaltigen Kampf in der Seele dieser Frau. Wie ungerecht waren die Menschen gegen sie, der Doctor, ja selbst die Mutter mit ihren kleinen Maßstäben. Er bewunderte sie, sein Herz bebte, er glaubte zu fühlen, daß etwas wie Liebe sich in ihm regte . . . Nein, das durfte nicht mehr sein! Die Kühnheit ihres Wesens wollte er anrufen, sie zurückrufen, aber wie sollte er das? . . .

Unterdeß saß die Professorin bei Clodwig, sie sprach ihre Freude aus, daß Erich in den Verkehr mit solchen im Leben erprobten Männern gekommen sei; es möge in früheren Zeiten gewesen sein, daß ein Mann im Umgange mit Frauen seine Bildung vollendete, jetzt könne das nur durch den Umgang mit edlen Männern sich vollziehen.

Die Beiden waren bald in jenen gegenseitigen Kundgebungen, die wie stetes Begrüßen sind, wie Zeichen, daß man dieselben Wege des Geistes gewandelt, fern von einander in ganz anderen Lebensverhältnissen.

Die Professorin hatte die erste Frau Clodwigs gut gekannt und gedachte ihrer in herzlichen Worten; Clodwig schaute um, wie um sicher zu sein, daß Bella nicht in der Nähe, denn vor ihr hatte er noch nie von der Verewigten gesprochen. Es war Verleumdung, daß man ihm nachsagte, er habe Bella gelobt, nie von seiner verstorbenen Frau zu sprechen; so schwach war Clodwig nicht, und so hart ist Bella nicht, aber er unterließ es aus Zartheit.

In sanften Halbtönen ging das Gespräch weiter, Clodwig und die Professorin stimmten überein und sie fanden denselben Grundzug in sich, daß es ein Glück sei, alles Schwere leicht zu vergessen und nur das Beglückende lebendig in der Erinnerung zu halten.

Es war eine Stunde innigen Verständnisses und reiner Geisteserfassung, wie Clodwig und die Mutter beisammen saßen. Sie waren wie zwei Geister im Jenseits, die ruhig und klar das bewegte Dasein überschauten. Es war nichts eigentlich Schmerzliches in der beiderseitigen Aufweckung der Erinnerung, vielmehr ein Innewerden von der unerschöpflichen Fülle des Daseins; Wunsch und Klage waren auf dieser Höhe verklungen, das eigene Leben und das der Angehörigen aufgegangen in das allgemeine Sein. Aber nun wendete sich's, und Clodwig beklagte, daß er früher zu sehr als Zuschauer gelebt, ohne Eingreifen und ohne Einsatz seiner selbst sich der Zuversicht hingegeben habe, daß die in der Welt sich bewegende Idee von selbst ihrer Erfüllung entgegenreife. Er bekannte seine Freude, daß die Jugend anders sei, besonnen und tapfer, maßhaltend und thätig . . .

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