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Das Landhaus am Rhein / Band III

Berthold Auerbach: Das Landhaus am Rhein / Band III - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Landhaus am Rhein / Band III
authorBerthold Auerbach
firstpub1869
year1869
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDas Landhaus am Rhein / Band III
pages1-223
created20060731
sendergerd.bouillon
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Sechstes Capitel.

Bevor man zur Tafel ging, zogen sich die Frauen zurück, um neu Toilette zu machen.

Die Professorin war in ihrem Ankleidezimmer; sie hatte ihre langen ergrauenden Haare aufgelöst und saß geraume Zeit stumm, die gefalteten Hände im Schooß. Es war ihr, als hätte sie ein Schlag auf den Kopf getroffen durch das, was sie in unwiderleglichen Zeichen beobachtet hatte. Das Herz preßte sich ihr zusammen und in die Augen drangen Thränen, die sich aber nicht lösen wollten. Dafür also, dafür ein Kind gepflegt, behütet, mit allem Besten erfüllt, daß es so ende? Nein, nicht ende, anfange in einer unabsehbaren Wirrniß und Verwüstung? Dafür den Geist mit allen Wissenswürdigkeiten ausgestattet, um Spiel, Maske, Deckmantel der Niedrigkeit daraus zu machen?

»O, mein Gott! mein Gott!« klagte sie und bedeckte sich das Gesicht mit beiden Händen.

Vor ihrem inneren Auge erschien, was Alles verwüstet wird; vor Allem das reine, freie Wesen ihres Sohnes. Sie konnte keine Freude mehr an dem Blick, an dem Wort, an der Erscheinung dieses Sohnes haben; hatte er ja Alles verbraucht zu Lug und Trug. Wenn das der Vater erlebt hätte! . . . Clodwig, der eine Freundschaft ohne Gleichen hegt, sie müssen ihn ansehen, ihn grüßen, ihm zusprechen und wünschen doch seinen Tod.

O, diese unglücklichen Frauen, die sich so nennenden unglücklichen Frauen! Es geht eine große Lüge von der unglücklichen Frau durch unsere Zeit. Die Mädchen wollen Männer von Reichthum und Ansehen und daneben einen Kebsmann von Geist und Jugend haben. Warum heiraten sie keinen armen Mann? Weil er ihnen keine Equipage geben kann. Und diese Männer, die sich zu Kebsmännern hergeben –

Nein, es kann nicht sein. Sie sagte sich, daß sie vielleicht zu weit gehe; sie wollte noch prüfen, abwarten, beobachten.

Da hörte sie Erich, der nach ihr fragte und eben weggehen wollte; sie rief ihm, er möge nur eintreten.

Erich kam zu ihr und blickte staunend. Noch nie hatte er sie so gesehen, mit den aufgelösten langen Haaren, und auch ihr Gesicht schien ergraut.

»Du scheinst sehr aufgeregt; darf ich wissen?« fragte Erich.

»Setz Dich,« bat sie.

Erich setzte sich.

Die Mutter hielt sich die Hand an die Stirn. Darf sie ihren Sohn gradaus warnen?

»Lieber Sohn,« begann sie mit gepreßtem Ton, »halte es mir zu gut, daß ich, aus meiner Einsamkeit und Ruhe aufgestört, mich in dieses rastlose Leben noch nicht finden kann. Was wollte ich Dir aber jetzt sagen? Ja, so ist's. Die Gräfin Wolfsgarten, die Frau unseres Freundes . . .« sie betonte dieses Wort ruhig und bestimmt und machte eine kurze Pause; dann fuhr sie fort: »wünscht, daß Tante Claudine zu ihr ziehe und bei ihr bleibe.«

»Das wäre ja sehr schön!«

»So? und warum? Denkst Du denn nicht, daß ich dann plötzlich allein und in fremdem Hause bin?«

»Ach, liebe Mutter, Du bist nicht allein, nie . . . Und die Tante würde Gräfin Bella eine Begütigung und Schlichtung geben, deren sie vielleicht bedarf.«

Das Auge der Mutter wurde ruhiger; wie elektrisch berührt, spannten sich ihre Mienen; lächelnd sagte sie:

»Zuletzt haben wir noch Jeder seine Mission. Darf ich fragen, wie Gräfin Bella, die Frau unseres Freundes, Dir erscheint?«

Durch das Herz Erichs ging ein schmerzliches Zucken. Er ahnte, daß er die Seele der Mutter belastet. Und vielleicht hat Bella durch ein leidenschaftliches Wort verrathen, was doch nicht sein soll und darf. Eine Pause trat ein, und die Mutter fragte wieder, ihre Mienen veränderten sich:

»Warum antwortest Du mir nicht?«

»Ach, Mutter, ich bin viel unfertiger, als ich mich hielt; ich vertraue meinem Urtheil über Menschen nicht mehr so sicher.«

»Du darfst mir auch etwas Unfertiges sagen,« entgegnete die Mutter und hielt noch immer den Blick gesenkt.

»Ich meine, in dieser Frau ist noch ein Kampf zwischen Weltsinn und Weltentsagung . . . Es ist mir, als wäre in ihrer Lebensentwicklung etwas unterdrückt, gehemmt, und sie wäre eines Mannes wie Clodwig noch nicht vollkommen . . .«

»Ja, er ist ein edler Mensch, und ihn kränken, wäre Tempelschändung,« betonte die Mutter.

Das Wort kam sehr scharf heraus und sie fuhr fort:

»Du hast richtig gerathen, die Pranckens sind ein kühnes und unternehmendes Geschlecht. Man hatte geglaubt, daß Bella ihren Musiklehrer heiraten würde, denn sie spielte viel mit ihm; in der That, sie spielte mit ihm. Doch, das ist ein Anderes. Nun hat Bella ein scheinbar Unbedeutendes erfahren, das aber doch eine Verschiebung . . . ich weiß nicht, wie ich es nennen soll . . . eine Verkehrung in ihre Natur brachte. Als sie so viele Jahre hatte, um noch für jung zu gelten, mußte sie erleben, daß ihre jüngere Schwester sich vor ihr verheiratete; sie ließ das mit großer Resignation geschehen, aber ich glaube, von jener Zeit an trat eine Wendung in ihrer Natur ein, die schwer auszugleichen ist; sie war plötzlich alt geworden, älter als sie sich gestehen wollte. Die Schwester starb nach wenigen Jahren, sie hinterließ keine Kinder. Dies ganze Verhältniß gab Bella etwas Verschobenes, sie hatte eigentlich keine Liebe zu dieser Schwester gehabt, ja sich kaum mit ihr vertragen, nun that sie immer, als ob sie vor Sehnsucht nach ihr sich verzehrte. Bella hatte eine Mutter, deren höchster Triumph es war, wenn man ihr sagte: Ihre Tochter ist schön, aber so schön wie Sie als Mädchen waren, ist sie doch nicht. Und schön sein, ist der Hauptstolz derer von Prancken. Bella ist leider ein Kind jener unglücklichen Gesellschaftsschicht, in der man nur ins Theater geht, um darüber zu spötteln und zu witzeln, in der man nur in die Kirche geht, um seine Reverenz gemacht zu haben vor Gottes Gnaden, in der das weibliche Wesen vollkommen unnütz ist, wenn es nicht schön ist und bei herannahendem Alter zu intriguiren und wol auch zu frömmeln versteht. Solch ein Geschöpf kann sich sagen: ich habe mein Lebenlang achthundert bis tausend Ellen Stramin mit Blumen oder dergleichen bekleidet zu höchst überflüssigen Sophakissen. Ist das ein Leben, das des Lebens werth? Nun hat sie keine Kinder, nächst der gegen ihren Gatten keine natürliche feste Pflicht . . .«

»Urtheilst Du nicht zu streng?« fiel Erich ein. »Jedenfalls würde es gut sein, wenn Tante Claudine der Einladung folgte; sie könnte eine besänftigende und begütigende Wirkung ausüben; gerade ihre ruhige Natur, die nie zu entsagen hat, weil sie nie etwas für sich will, wäre wie dazu erlesen.«

»Gut, Claudine wird mit nach Wolfsgarten gehen. Nun aber ist genug geplaudert, nun geh, ich muß mich zu Tische ankleiden.«

Sie küßte ihn auf die Stirn; er ging.

Draußen vor der Thür aber stand er still und athmete frei auf im Gedanken, daß er der Mahnung nicht mehr bedurft hatte.

Wie aber war es Bella?

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